Hinter den Kulissen der Weltpolitik - Boutros-Ghali, Boutros

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Besprechung von 28.10.2000
Nach vorne freundlich, nach hinten häßlich
Der frühere UN-Generalsekretär Boutros-Ghali rechnet schonungslos mit den Vereinigten Staaten ab

Boutros Boutros-Ghali: Hinter den Kulissen der Weltpolitik. Die UNO - wird eine Hoffnung verspielt? Bilanz meiner Amtszeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen. discorsi, Hamburg 2000. 416 Seiten, 58,- Mark.

"Sie essen zu viel. Sie sollten auf Ihre Ernährung achten." Diese Worte schleuderte vor Jahren Fidel Castro dem Bundeskanzler mitten ins Gesicht. "Ich hätte nicht gedacht, Herr Castro", antwortete jener schlagfertig, "daß Sie so sehr amerikanisiert worden sind, daß Sie sich so um das Körpergewicht sorgen." Eine launige Konversation unter Staatsmännern? Keineswegs, eher eine Laune des Protokolls, auf die bei internationalen Staatsempfängen selbst Politiker wie Castro und Kohl offenbar nur wenig Einfluß haben. Beim festlichen Dinner anläßlich des Weltsozialgipfels 1995 in Kopenhagen - Königin Margarethe hatte geladen - wurden die beiden durch eine einfache Regel an denselben Tisch geführt: Die Sitzordnung richtete sich nach der Dauer der Amtszeit. Und da Kohl und Castro zu den am längsten gedienten Gästen zählten, nahmen sie neben dem damaligen UN-Generalsekretär Boutros-Ghali, dessen Gattin Leah und der dänischen Königin Platz. Es folgten weitere unfreundliche Wortgefechte zwischen dem Kanzler und dem einstigen kubanischen Revolutionsführer. Als die einsetzende Musik dem verbalen Schlagabtausch schließlich ein Ende bereitete, wandte sich Kohl entnervt an Frau Boutros-Ghali und stöhnte: "Diese Tischordnung."

Eine hübsche Anekdote, die Boutros-Ghali im Rückblick auf die fünfjährige Amtszeit am East River überliefert. Allerdings enthalten die wenigsten der fast fünfhundert Seiten so nette und folgenlose Geschichten aus der recht verworrenen Welt der Diplomatie. Natürlich plaudert Boutros-Ghali ein wenig aus dem Nähkästchen - zum Beispiel darüber, wo Amerikas früherer Außenminister Christopher seine teuren Anzüge schneidern läßt. Der Charme derartiger Publikationen liegt ja zu einem guten Teil in Insiderinformationen à la Kohl und Castro. Allerdings hat Boutros-Ghali anderes im Sinn, als über illustre Gepflogenheiten zu plaudern: Ihm geht es um die schonungslose Abrechnung mit den Vereinigten Staaten.

Vernichtender hätte die Kritik an den Verantwortlichen in Washington kaum ausfallen können. Von Krieg gegen den UN-Generalsekretär ist da die Rede, von der Arroganz einer Großmacht, der Sündenbockfunktion der Vereinten Nationen und - politisch betrachtet - von einer vertanen Chance für den Weltfrieden. Es spricht Demütigung und Enttäuschung aus den Zeilen, gepaart mit tiefer Verachtung für ein Land, das trotz oder wegen seiner Macht über alles und alle anderen hinwegtrampelt. Boutros-Ghali, sechster Generalsekretär der Vereinten Nationen, ist der erste UN-Chef, dem eine zweite Amtszeit verwehrt wurde. Nach den bis 1996 üblichen Gepflogenheiten der Weltorganisation steht dem höchsten UN-Beamten immer eine weitere "Runde" zu. Nicht so dem Ägypter, obwohl er sich bis zum Schluß gegen die einsame Entscheidung der Vereinigten Staaten aufgelehnt hatte. Nicht nur die Afrikaner, auf deren "Ticket" er in das 38. Stockwerk am East River eingezogen war, unterstützten eine zweite Amtszeit recht lange, auch die Europäer, vorneweg die Franzosen, machten sich für Boutros-Ghali stark. Vergeblich. Amerika drohte im Sicherheitsrat mit einem Veto nach dem anderen, bis allen Beteiligten klar war, daß Boutros-Ghali keine Chance hatte. Und so kam ein anderer Kandidat zum Zuge: Kofi Annan.

Was mußte geschehen sein, damit eine Supermacht einen verhältnismäßig machtlosen UN-Generalsekretär mit Gewalt aus dem Amt treibt? Boutros-Ghali selbst bleibt eine objektive Antwort darauf schuldig, denn Außenministerin Albright, damals UN-Botschafterin, schenkte ihm auch bei einem letzten gemeinsamen Dinner trotz erlesener Speisen keinen reinen Wein ein. "Es war sinnlos, länger bei diesem Thema zu bleiben. Sie hatte nicht die Absicht, mir die Wahrheit für die Entscheidung Washingtons zu nennen. Ich wechselte erneut das Thema."

Den Schilderungen Boutros-Ghalis nach zu urteilen, war er den Amerikanern zu unabhängig, zu aufmüpfig und zu schwierig. Er wollte die Vereinten Nationen nach der lahmen Zeit des Kalten Krieges aufwerten. Dafür forderte er eine klare finanzielle Basis und mehr Kompetenzen für eine Weltorganisation, die bald in dieser, bald in jener Krisenregion für Ordnung sorgen sollte. Die Amerikaner wollten zwar eine neue Weltordnung, aber unter ihrem Kommando und nach ihren Spielregeln. Diesem Diktat mochte sich der selbstbewußte Ägypter nicht beugen. Immer wieder begehrte er auf gegen das von ihm als unangemessen empfundene Verhalten der Amerikaner, weil es vor allem darauf abzielte, die Vereinten Nationen für ihre Zwecke zu mißbrauchen: "Es dauerte eine Weile, bis mir völlig klar wurde, daß die Vereinigten Staaten die Diplomatie nur in geringem Maße als notwendig erachten; die Macht reicht ihnen. Nur die Schwachen vertrauen auf Diplomatie. Aus diesem Grund sind die Schwachen so besorgt um das demokratische Prinzip der souveränen Gleichheit von Nationen . . . Diplomatie wird von einer imperialistischen Macht als Zeitverschwendung und Prestigeverlust angesehen sowie als Zeichen von Schwäche."

Im einsetzenden Präsidentschaftswahlkampf geriet Boutros-Ghali dann zwischen die Fronten. Kandidat Dole hatte ihn als Spottobjekt entdeckt ("Bouououououtros-Ghali") und damit immer die Lacher auf seiner Seite. Clinton konnte dieser Erfolgsgeschichte nur durch klare Distanz zum UN-Generalsekretär Einhalt gebieten. Er ließ ihn also fallen, schon im Frühsommer des Jahres 1996, bot ihm aber eine gesichtswahrende Amtszeit von einem oder zwei Jahren an. Boutros-Ghali lehnte ab, angeblich weil ein Prinzip und die Ehre Afrikas auf dem Spiel standen.

Zu diesen politischen Hindernissen - selektive Weltpolizei und Wahlkampfobjekt Boutros-Ghali - gesellte sich bald noch eine wachsende Animosität zwischen Generalsekretär und amerikanischer UN-Botschafterin. Er beschreibt sie als doppelzüngig, nach vorne freundlich, nach hinten häßlich, dazu ehrgeizig und stets darauf bedacht, ihre Karrierechancen in Washington zu wahren. Als sie schließlich nach dem erfolgreichen Wahlausgang für die Demokraten Anfang November noch die Aussicht hatte, das State Department zu übernehmen, sanken Boutros-Ghalis Chancen auf eine zweite Amtszeit rapide.

Detailliert und blumig, leicht und packend weiß Boutros-Ghali zu berichten. Daß er selbst vielleicht Mitschuld an dem miserablen Verhältnis zu den Vereinigten Staaten trägt, erwähnt er allenfalls am Rande. Aus seiner Sicht ist hier ein wackerer Kämpfer der Dritten Welt in die Klauen der Weltmacht geraten. An dieser platten Version zu zweifeln fällt schon deshalb leicht, weil Boutros-Ghali selbst unter den (notorisch Washington-kritischen) UN-Mitarbeitern als schwieriger Mensch galt, als einer, der launisch, wütend und durchaus selbstgerecht auftreten konnte. Daß Amerika umgekehrt die Weltorganisation immer wieder zum Spielball seiner Interessen gemacht hat und macht, dafür liefern die Jahre seit Boutros-Ghalis Abtreten genügend Beweise. Was die anfängliche Zurückhaltung zwischen Washington und New York, zwischen ihm und Frau Albright in regelrechte Feindschaft umschlagen ließ, bleibt bis zum Schluß unklar. Die tiefere Psychologie der Ereignisse wird sich wohl erst später in vergleichender Analyse mit Clintons und Albrights Memoiren ergeben. Auf die freilich muß die Welt noch ein wenig warten.

FRIEDERIKE BAUER

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Detailliert und blumig", findet Friederike Bauer, wisse Boutros-Ghali zu berichten. Und schon gleich am Anfang gibt sie ein schönes Beispiel dafür, und berichtet von einem komischen und recht unpolitischen Wortgefecht zwischen Helmut Kohl und Fidel Castro, die von den Regeln der UN-Tischetikette bei einem Dinner nebeneinander platziert worden waren. Ansonsten dreht sich das Buch, sehr zum Bedauern der Rezensentin, leider nicht um "so nette" Geschichten. Boutros-Ghali rechne vielmehr hart mit den USA ab - vernichtender hätte die Kritik kaum ausfallen können, meint die Rezensentin. Sie bleibt dann sehr höflich und referiert Boutros-Ghalis Beschwerden darüber, dass die USA sich gegen seine zweite Amtszeit stellten. Erst abschließend bemerkt sie, dass ihr Bourtos-Ghalis Einschätzung seines eigenen Anteils am schlechten Verhältnis zu den USA etwas zu unterbelichtet ist. Sie wartet jetzt erstmal auf die Memoiren von Madeleine Albright und Bill Clinton.

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