Produktdetails
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  • Verlag: Volk und Welt
  • 2001
  • ISBN-13: 9783353011633
  • ISBN-10: 3353011633
  • Best.Nr.: 09333974
Rezensionen
Besprechung von 16.06.2001
Terra incognita
Dina Rubinas Roman aus dem russischen Israel
Dies ist ein israelisches Buch und ein russisches zugleich. Als Schriftstellerin hatte die heute 47-jährige Dina Rubina in Russland bereits einen Namen, als sie 1990 nach Israel kam, wo sie seither auch journalistisch arbeitet. Die Auswanderung hat ihre Themen und Stoffe verändert, nicht aber ihren Tonfall. Paradoxerweise genießen die neuen, „israelischen” Bücher der Autorin in Russland sogar größere Aufmerksamkeit als ihre früheren, „russischen” Werke. Die Beziehung zwischen der heutigen Emigration und dem Heimatland ist eng geblieben, so dass man von der Entstehung eines übergreifenden russischen Sprachraums sprechen kann. Nicht nur in Russland selbst und in den ehemaligen Sowjetrepubliken, sondern auch in Israel, in den USA, in Deutschland, in Frankreich gibt es russischsprachige Lesende und Schreibende (russischer, deutscher, jüdischer, armenischer und anderer Abstammung). In Rubinas Roman geht es unter anderem auch darum.
Zwei Frauen sind die zentralen Figuren: die „bekannte Schriftstellerin N” und Sjama, eine fleißige Journalistin – quasi eine Zweiteilung der Autorin. Beide Frauen haben den ersten Schock der Emigration hinter sich und lernen Israel, dieses für Europäer so fremd wirkende Land, kennen und lieben. Ihre Gefühle sind durch den ewigen Kampf mit dem schweren Emigrantenalltag (sie hungern zwar nicht, haben aber Angst, hungern zu müssen), das stete Gefühl der Gefahr (jeder Bus kann jederzeit in die Luft fliegen) und ihre neue Entdeckung der jüdischen Tradition angespannt. Die beiden Frauen, die von ähnlichen Sorgen bewegt sind, kennen einander nicht. Es wird nur ein bisschen Postmoderne gespielt: Auf ihrer Suche nach einer Romanfigur denkt sich die Schriftstellerin N eine Frau aus, die Sjama sehr ähnlich ist. Kunstvoll führt Rubina beide Erzählflüsse zusammen und die Heldinnen treffen sich in einem Restaurant, wo es zum tragischen Ende kommt: Eine junge Araberin soll (so hat der untreue Geliebte ihr geraten) irgendeinen Juden töten, damit sie für einige Monate ins Gefängnis kommt und dort ihr unerwünschtes Kind gebären und zurücklassen kann. Sjama soll ihr Opfer sein. Während die Araberin ungeschickt mit dem Messer fuchtelt, schießt der Sohn der Schriftstellerin N, genauso ungeschickt, in das Handgemenge und tötet Sjama, die er eigentlich hat verteidigen wollen. Man könnte dieses Finale symbolisch deuten, doch ist die von Rubina geschilderte Welt dafür zu real und lebensnah.
Rubina versteht es, das Tragische und das Komische taktvoll zu dosieren und miteinander zu verbinden. Sie schreibt mit viel Humor und Charme, hat einen Blick für das Skurrile und spitzt dieses, wie sie es bei Gogol gelernt hat, zu. Zwischen Witz und Komik ist die grausame Geschichte des 20. Jahrhunderts immer präsent. Die in dritter Generation im Land lebenden Israelis haben, so scheint es, keine Angst mehr vor einer neuen Katastrophe. Neuankömmlinge wollen keine Angst haben – auch deshalb sind sie nach Israel gekommen. Als Sjama im Bus einen orthodoxen Jungen trifft, der einer hässlichen antisemitischen Karikatur ähnelt, erinnert sie sich an ein „russisch-patriotisches” Plakat, welches genau so einen Jungen in einer damals in Moskau exotisch (in Jerusalem aber ganz gewöhnlich) anmutenden typischen Schtetl-Tracht dargestellt hatte. Als großes Glück empfindet sie es, dass der Junge im Bus keine Ahnung von solchen Zeichnungen hat. Und er kann, wie alle anderen Juden, auf den Messias warten. Der Titel des Romans ist keineswegs nur ironisch gemeint. Rubina ist gläubig.
Es ist dem Verlag Volk & Welt sehr hoch anzurechnen, dass er diesen Roman herausgebracht hat, der sich in seinem Ton und seinem Blick radikal von den dem deutschen Leser geläufigen israelischen Büchern unterscheidet, Büchern, die ein Bild der israelischen Gesellschaft vermitteln, das bei weitem nicht die ganze, mehr als vielfältige Realität des Heiligen Landes spiegelt.
OLGA MARTYNOVA
DINA RUBINA: Hier kommt der Messias. Roman. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. Volk&Welt, Berlin 2001. 415Seiten, 44Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 05.03.2002
Der Tod der Turmspringerin
Ratgeber Ressentiment: Dina Rubinas russischer Roman aus Israel

Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat ganze Völker freigesetzt, unter anderem eine Million russischer Juden und Nichtjuden, die während des letzten Jahrzehnts nach Israel gekommen sind. Oft haben sie eine hervorragende Ausbildung erhalten, und ihr Einfluß auf das kulturelle Leben des Landes ist unverkennbar.

Von hohem Niveau ist auch Dina Rubinas Roman aus dem Jahre 1996, der diese Bevölkerungsschicht beschreibt und jetzt auf deutsch vorliegt. Rubinas umfangreiches literarisches Werk wird in dreißig Sprachen übersetzt, und ihr Epos der russischen Einwanderung nach Israel macht diesen internationalen Erfolg verständlich. Sie lebt seit 1990 in Jerusalem und war während der Niederschrift des Romans also erst verhältnismäßig kurze Zeit im Land; der geschulte Blick aber, der die israelische Wirklichkeit gut einzufangen vermag, macht sich auf jeder Seite ihres gesellschaftlichen Panoramas bemerkbar. Die Autorin erzählt pointiert und witzig; sie weiß ihre Höhepunkte zu setzen, eine feine Ironie schützt sie dabei gegen alle Sentimentalität; und der sorgfältigen Lektüre offenbart ihr Text eine mitunter überraschende Tiefenstruktur.

Schon der Titel erweist sich als ein vielschichtiges Leitmotiv des Romans. Zunächst, ganz unironisch, wird im Motto eines der 13 Glaubensprinzipien des Maimonides zitiert, die seit dem Mittelalter die jüdische Tradition normiert haben: "Ich glaube mit ganzer Kraft an das Kommen des Messias, / und obwohl er auf sich warten läßt, / werde ich jeden Tag darauf hoffen, daß er kommt." Die Ankunft des Messias aber verspricht auch der schmutzige, verrückte Landstreicher, der als blinder Passagier den Bus von Jerusalem nach Tel Aviv unsicher macht und um Almosen bettelt; oder der russische Fremdenführer, der seinen Klienten das Heilige Land in allen Varianten der Weltreligionen zu verkaufen weiß. Schließlich ist der Buchtitel ein Gegenpol des tiefen Pessimismus, der den gesamten Text durchzieht.

Rubinas Gesellschaftsroman ist kontrapunktisch aufgebaut. Seine Protagonistin ist Smaja, eine vierzigjährige, sehr kluge und sympathische Zeitungsredakteurin, in der man eine der beiden Selbstprojektionen der Autorin vermuten darf. Die andere ist die Schriftstellerin N., die zu einer großen Gruppe von Nebenfiguren gehört und zugleich die geheime Erzählerin des Geschehens ist. Am Ende wird die Engführung vorgenommen: Smaja und die Nebenfiguren kommen in einer Schlußszene zusammen, die gut vorbereitet und in ihrer Durchführung dennoch unerwartet ist.

Die zahlreichen Handlungsstränge werden dem Leser in einer kunstvollen Komposition vorgeführt, und eine kleine Episode mag hier als Beispiel dienen. Zu Rubinas Figurengalerie gehört ein Arzt, der allen Patienten einen Fragebogen vorlegt, in dem er wissen will, ob und aus welchen Gründen sie sich mit Selbstmordgedanken tragen. Das ist eines der Todesmotive, die dem scheinbaren Messianismus des Romans seine ironische Perspektive geben, an einem bestimmten Punkt aber gibt Rubina ihm eine eigene Pointe.

Einmal kommt eine Kinderärztin in seine Praxis, die an Paranoia leidet. Aus Angst vor der israelischen Arztprüfung hat sie erfolglos versucht, eine Beamtin des Gesundheitsministeriums zu bestechen, und seither fühlt sie sich von den Behörden verfolgt. "Selbstverständlich hatte der Arzt", so erzählt Rubina, "ihr den Fragebogen untergejubelt. Sie hatte ihn zerstreut gelesen und die Suggestivfragen entschieden beantwortet: Überall umrundete sie das Wort ,nein' mit kleinen akkuraten Kreisen."

Zehn Seiten später endet die Episode auf einer Brücke über der verkehrsreichsten Straße von Tel Aviv: "Sie beschleunigte ihren Schritt, als eile sie zur Bushaltestelle, stützte sich dann aber - ohne die Haltestelle erreicht zu haben - mit beiden Händen auf die Brüstung, schwebte hinauf, verharrte einen Augenblick still, ohne auf die Schreie der Frauen an der Haltestelle zu achten, und dann glitt die ehemalige Leningrader Meisterin im Turmspringen in elegantem und langsamem Bogen von der La-Guardia-Brücke in den zu dieser Tageszeit dichten Strom der Personenkraftwagen ..."

Hier findet das Todesmotiv des Romans eine seiner Durchführungen, und zugleich deckt es eine tiefe Problematik auf, die Dina Rubinas Gesellschaftsbild zugrunde liegt. Die Selbstmörderin ist nicht nur eine frustrierte Kinderärztin, sie war auch Leningrader Meisterin im Turmspringen: eine verspätete Anerkennung wird ihr zuteil, und hinter der bitteren Ironie schimmert auf, was den gesamten Roman durchzieht - das Gefühl dieser Einwanderer, von der israelischen Gesellschaft unterschätzt und nicht voll gewürdigt zu werden.

Die Wirklichkeit des Landes bietet dafür manchen Beleg, und der Sport ist ein gutes Beispiel. Viele der israelischen Olympiahoffnungen haben ihre erste Ausbildung noch in der Sowjetunion erhalten, immer wieder aber wird darüber geklagt, daß ihr Talent nicht genügend gefördert wird und daher verkümmern muß.

Eine tiefe Kluft trennt diese Einwanderer von den Israelis. Sie fühlen sich von ihnen verkannt und projizieren das nun auf ihre Umgebung, empfinden sie entweder als Ausbeuter oder als primitive Levantiner - zwei Varianten einer Entfremdung, aus denen der Roman keinen Ausweg weist. Im Gegenteil: Fühlen die Einwanderer sich als Träger der russischen Kultur schon den orientalischen Juden überlegen (ein Spottwort für sie ist "Aborigines"), so steigert sich ihr Gefühl den Palästinensern gegenüber zur absoluten Verachtung.

Das ist relevant, weil die hier beschriebenen Menschen fast ausnahmslos in den besetzten Gebieten leben. Als einer der Siedler von einem Palästinenser angeschossen wird - er ist übrigens der einzige nichtrussische Israeli, der im Roman positiv gezeichnet ist -, entsteht daraus die folgende Szene: "Auf der Hauptstraße drehte bereits ein Lautsprecherwagen seine Kreise: ,In einer Stunde ... Alle Männer der Siedlung Neve Efraim ... Mit Waffe ... Alle Männer ... Mit Waffe'."

Das ist ein Aufruf zum Rachezug der Siedler gegen das palästinensische Nachbardorf, und er wird auch durchgeführt. Dina Rubina kolportiert es anstandslos - als wäre Israel kein Rechtsstaat, als hätte es keine Streitkräfte, als herrsche in ihm die Lynchjustiz. Leider ist es wahr, daß man auf der extremen Rechten so denkt und daß ein Teil der russischen Einwanderer in seinem Wahlverhalten diesem politischen Lager zuzurechnen ist. Aber ist es selbstverständlich, daß solche Grundsätze in einen literarisch ambitionierten Text Eingang finden?

Das Ressentiment ist kein guter Ratgeber, und nur allzuoft werden die Figuren Dina Rubinas von ihm geleitet. Seinen Ursprung hat es nicht in Israel, sondern in der untergegangenen Sowjetunion, wo viele der Einwanderer einst als Dissidenten gelebt haben. Dort haben sie zwar gelernt, sich gegen ein Terrorsystem zu wehren, aber sie sind unerfahren in demokratischen Traditionen. Das ist nicht ungefährlich, und der Messias, von dem hier die Rede ist, hat seine Schattenseiten.

JAKOB HESSING

Dina Rubina: "Hier kommt der Messias". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Vera Bischitzky. Verlag Volk & Welt, Berlin 2001. 415 S., geb., 22,50 .

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Das Buch, erklärt uns die Rezensentin Olga Martynova, ist ein israelisches und ein russisches zugleich, insofern die Auswanderung der Autorin nach Israel zwar ihre Themen und Stoffe, nicht aber ihren Tonfall verändert hat. Gut so, befindet Martynova und dankt dem Verlag ausdrücklich, "dass er diesen Roman herausgebracht hat, der sich in seinem Ton und seinem Blick radikal von den dem deutschen Leser geläufigen israelischen Büchern unterscheidet." Der Blick, von dem hier die Rede ist, ist derjenige der Emigrantin, die Israel kennen und lieben lernt, zugleich einer für das Skurrile, das die Autorin zuspitzt, "wie sie es bei Gogol gelernt hat." Und der Ton, der Ton zeugt von "viel Humor und Charme." Dazwischen aber, so Martynova, ist die grausame Geschichte des 20. Jahrhunderts immer präsent.

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