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Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie, die es im kommunistischen Jugoslawien zu Wohlstand und Ansehen bringt, erzählt von Krankheit und Verlust, von der Suche nach sich selbst und davon, in einer fremden Sprache zu leben und zu lieben. Ein großes Stück Literatur über das, was unser Leben ausmacht.…mehr

Produktbeschreibung
Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie, die es im kommunistischen Jugoslawien zu Wohlstand und Ansehen bringt, erzählt von Krankheit und Verlust, von der Suche nach sich selbst und davon, in einer fremden Sprache zu leben und zu lieben. Ein großes Stück Literatur über das, was unser Leben ausmacht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Deuticke Im Zsolnay Verlag
  • Seitenzahl: 219
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 219 S. 209 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm
  • Gewicht: 365g
  • ISBN-13: 9783552060029
  • ISBN-10: 3552060022
  • Best.Nr.: 14124963
Autorenporträt
Miriam Mandelkow, 1963 in Amsterdam geboren, arbeitet als Lektorin und Übersetzerin. Sie lebt in Hamburg und in Arkadien, Griechenland.
Rezensionen
Besprechung von 15.11.2005
Bild der Tochter als Mutter
Herkunft und Erinnerung: Vesna Goldsworthy sucht ihr Selbst

Es ist, als würde man mit einer neuen Freundin beim Tee sitzen und über das bisher gelebte Leben reden: über die Kindheit, die Welt, in der man aufwuchs, über nette Männer. Es ist so angenehm in Vesna Goldsworthys Gesellschaft, daß man sich überlegt, noch ein paar Kekse zu nehmen. Sie erzählt zuerst heiter und offen von ihrer Jugend im Belgrad der siebziger und achtziger Jahre, aus der Welt des untergehenden Sozialismus. Von ihrer Liebe zu einem Engländer, ihrer Übersiedlung nach London und dem Leben zwischen Ost und West. Man lacht über Gemeinsamkeiten, aber den Reiz macht das Fremde dieser Lebensgeschichte aus, die unspektakulär, aber voll plötzlicher Wendungen ist.

Man meint die staubige und dunkle Schönheit der Stadt vor sich zu sehen, an deren Hängen das Mädchen aufwuchs. In einer gutbürgerlichen Nische des Kommunismus, in der sich jeder auf den sozialen Aufstieg, die individuelle Entfaltung und das Vermeiden von Konflikten mit der Staatsgewalt konzentriert. Man gleitet unter einem Netz von Oberleitungen in den Arbeitsalltag der Mutter bei den Belgrader Verkehrsbetrieben und von dort aus zurück zu den Wurzeln der Familie auf die Kalksteinhochebenen von Montenegro und der Hercegovina.

Vesna Goldsworthy erzählt so plastisch und atmosphärestark, in einer so reichen und bildkräftigen Sprache, daß man sich als Leser mühelos an jeden dieser Orte versetzen kann. Dabei blendet die Erzählerin immer nur kurz zurück, springt zwischen den Zeiten und Gegebenheiten. Die Assoziationen bilden das lockere Erinnerungsmuster einer temperamentvollen Person, die als über Vierzigjährige erzählt und ihre früheren Jahre mit einer sanften Ironie überzieht.

Man nehme nur einmal ihre verblaßten lyrischen Ambitionen. Im Alter von vier Jahren beginnt Vesna eine üppige Gedichtproduktion, die ihr später die zweifelhafte Auszeichnung verschafft, bei den posthumen Feierlichkeiten zum zweiundneunzigsten Geburtstag Titos eine eigene Ballade vortragen zu dürfen. Die Literatur führt Goldsworthy aber auch mit einer Zigarette im Mundwinkel in subversive Szenen und düstere Kneipen. Immer wieder betont sie ihren Wankelmut, auch in politischer Hinsicht. Erst romantisiert sie den verfallenden Kommunismus, dann moderiert sie freche Radiosendungen. Wie viele Frauen beherrscht sie es prima, am eigenen Bild zu feilen und die reizvoll-rätselhaften Züge hervortreten zu lassen. Auch fällt hier und dort eine Bemerkung über die eigene Schönheit und Intelligenz. Ein Zug aus der Zigarette, der Rauch ringelt sich sanft, du weißt ja, die Männer. Der Tomislav, wie verrückt der war. Andrei, ach, ein einziger Kuß. Und Mutter "fand, ich sei zu schön, um Paläographin zu werden".

Die Liebe führt die wendige Erzählerin nach London, und man hört noch auf ihre amüsanten Schilderungen einer spielerisch leichten Akkulturation, als es plötzlich ernst wird in ihrem Leben. Sehr bald ist einem nicht mehr nach Tee und Plauderei zumute, die Kehle wird trocken, und man sehnt sich nach einem Schnaps. Denn Vesna Goldsworthy verbindet nun die Erfahrung des kriegerischen Zerfalls ihrer ehemaligen Heimat mit der Beschreibung einer ausbrechenden Krebserkrankung. Im World Service der BBC tätig, versorgt sie die serbische Bevölkerung Nacht für Nacht mit westlichen Informationen.

Mit dem Krieg stürzt die polyglotte junge Frau in einen Abgrund und steht vor der Frage nach dem Kern des eigenen Ich, der Bedeutung von Herkunft und Erinnerung. In ihrem "Kummer darüber, daß serbische Not überhaupt keine Erwähnung fand", und der "Scham darüber, daß Serben anderen so viel Leid zufügen konnten", bleibt das Buch angenehm frei davon, die serbische Position zu stärken. In anderen Veröffentlichungen der heutigen Dozentin an der Londoner Kingston University ist dies nicht immer der Fall. Hier konzentriert sie sich auf die Aufdeckung von ihr als neokolonial klassifizierter Muster im Umgang mit dem Balkan.

Was war, was bleibt, wer bin ich? Die Krankheit macht diese Fragen noch dringlicher. Die Autobiographie von Vesna Goldsworthy entpuppt sich als Versuch, den Tod vor Augen, Sinn in die Zufälligkeiten des eigenen Lebens zu bringen. Da sie ein Kind hat, einen noch kleinen Sohn, will sie ihm ein Bild der Mutter zeichnen. Es ist ein Versuch, durch das Erzählen das eigene Leben zu bewahren, etwas von dem festzuhalten, was vergeht.

SANDRA KERSCHBAUMER.

Vesna Goldsworthy: "Heimweh nach Nirgendwo". Eine Lebensgeschichte. Aus dem Englischen übersetzt von Miriam Mandelkow. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005. 224 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Eine ebenso "politisches" wie "persönliches" Buch erblickt Marion Löhndorf in Vesna Goldsworthys Erinnerungen an ihre Heimat Jugoslawien. Sie berichtet über den Lebensweg der 1961 geborenen Autorin: glückliche Kindheit und Jugend in Jugoslawien, 1986 Umzug nach London, Karriere beim BBC, Mutter eines Sohnes, dann der Krieg auf den Balkan und eine Krebserkrankung. Von England aus muss Goldsworthy mit ansehen, wie ihre Heimat zerfällt, Lebensform und Lebenswelt ihrer Jugend verschwinden. Löhndorf sieht das politische und historische Bewusstsein der Autorin vom "Gefühl des Verlusts und der Sehnsucht" geprägt. Spürbar ist für sie immer auch die "intellektuelle und emotionale Anstrengung" der Autorin, Flüchtiges und Verlorenes lebendig machen zu wollen - die eigene durch Krankheit gefährdete Existenz, die Familiengeschichte, ihre Identität und das verlorengegangene Gefühl der nationalen Zugehörigkeit. Auch das Leben und Empfinden in einem anderen Land und das Schreiben in einer fremdem Sprache rücke oft ins Zentrum ihrer Beschreibungen. "Die Suche nach der verlorenen Welt", schließt die Rezensentin, "wird schließlich zur Suche nach dem verlorenen Ich."

© Perlentaucher Medien GmbH
"Heimweh nach Nirgendwo" ist ein politisches und ein persönliches Buch zugleich ... Ausgesprochen trennscharf beschreibt Goldsworthy ihr Dilemma als jahrelang in England lebende Serbin ... Die Suche nach der verlorenen Welt wird schließlich zur Suche nach dem verlorenen Ich. Marion Löhndorf, Neue Zürcher Zeitung, 25.3.2006 Vor allem ist Goldsworthy eine kluge, analytische Beobachterin, sowohl ihrer unbeschwerten sozialistischen Jugend als auch ihrer Rolle als Serbin in der englischen Gesellschaft. Das alles schreibt sie mit hintergründigem Humor auf. Und so macht diese fesselnde Autobiografie einer Unbekannten deutlich, wie ein reflektierender Blick auf ein normales Leben ein erzählenswertes macht. Claudia Voigt, Kultur Spiegel, August 2005 Vesna Goldsworthy erzählt so plastisch und atmosphärenstark, in einer so reichen und bildkräftigen Sprache, dass man sich als Leser mühelos an jeden dieser Orte versetzen kann. Sandra Kerschbaumer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2005 Goldsworthys Lebensbericht lässt keine falsche Sozialismusnostalgie zu, aber auch keine Reue. In unglaublich starken und originellen Sprachbildern nennt sie die Dinge beim Namen: Liebe, Glück, Leid, Schmerz. So entsteht auf persönlicher wie politischer Ebene das zutiefst ehrliche Selbstporträt einer außergewöhnlichen Frau. Süddeutsche Zeitung, 15.9.2005