Gottfried Benn - Friedrich Wilhelm Oelze - Benn, Gottfried; Oelze, Friedrich Wilhelm
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Die Briefe an Friedrich Wilhelm Oelze waren für Gottfried Benn vor allem nach dem Publikationsverbot im Nationalsozialismus und in den frühen Nachkriegsjahren das zentrale Forum für poetologische, politische wie persönliche Reflexionen. Nicht nur für Benns Werk, sondern auch zeitgeschichtlich sind diese Briefe ein höchst aufschlussreiches Dokument einer fast 25jährigen Freundschaft. Dass Benn in der 'unendlichen Depression' und 'Versteinerung' des Dritten Reichs künstlerisch so produktiv bleiben konnte, verdankt er zu einem wesentlichen Teil der Freundschaft mit dem weltgewandten und…mehr

Produktbeschreibung
Die Briefe an Friedrich Wilhelm Oelze waren für Gottfried Benn vor allem nach dem Publikationsverbot im Nationalsozialismus und in den frühen Nachkriegsjahren das zentrale Forum für poetologische, politische wie persönliche Reflexionen. Nicht nur für Benns Werk, sondern auch zeitgeschichtlich sind diese Briefe ein höchst aufschlussreiches Dokument einer fast 25jährigen Freundschaft. Dass Benn in der 'unendlichen Depression' und 'Versteinerung' des Dritten Reichs künstlerisch so produktiv bleiben konnte, verdankt er zu einem wesentlichen Teil der Freundschaft mit dem weltgewandten und weitgereisten Bremer Kaufmann Oelze. Benn legte den Briefen immer wieder neue Gedichte bei und schrieb über manchen 'Keim und Setzling' seiner Texte.
Harald Steinhagen und Jürgen Schröder haben vor knapp 40 Jahren die Briefe von Benn an Oelze erstmals herausgegeben. Nun erscheint diese wichtigste Einzelkorrespondenz Gottfried Benns zusammen mit den überlieferten Gegenbriefen Oelzes und um einige Fehlstellen ergänzt in einer kommentierten Gesamtedition. Der stark erweiterte Kommentar berücksichtigt sowohl die seitdem neu erschienenen Quellen als auch die bislang nicht edierten Arbeitshefte und Tageskalender Benns.

Die Edition erscheint im Gemeinschaftsverlag der Verlage Klett-Cotta und Wallstein.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 2334
  • Erscheinungstermin: 11. März 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 184mm x 157mm
  • Gewicht: 4095g
  • ISBN-13: 9783835318267
  • ISBN-10: 3835318268
  • Artikelnr.: 44218867
Autorenporträt
Harald Steinhagen, geb. 1939, em. Prof. für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bonn, u. a. Promotion zu Benns Statischen Gedichten und Hg. der Briefe an F. W. Oelze (1977-1980).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Für Eberhard Geisler stellt der vorliegende Briefwechsel ein bedeutendes Stück deutscher Literatur des 20. Jahrhunderts dar, auch wenn Benns Briefpartner hier meist nur als wenngleich belesenes, kultiviertes Echo auftritt. Bestimmt lesenswert aber scheinen Geisler Benns Einlassungen zum Privaten, zur Erotik und zum Weltanschaulichen im aufziehenden Dritten Reich. Vor allem aber faszinieren Geisler Benns scharfe, wenngleich nicht immer gerechtfertigte literarische Urteile und die laut Rezensent deutliche Formulierung einer Ästhetik. So gesehen sind die Briefe für Geisler ein wichtiger Bestandteil des Werkes, in dem sich für ihn auch Benns Stilideal der äußerste Lakonie verwirklicht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.04.2016

Radiergummi fürs Gehirn
Von einem Mann zum andern, welche Abgründe: Die Korrespondenz Gottfried Benns mit dem Bremer Kaufmann F. W. Oelze
Gottfried Benn wollte immer „kaltschnäuzig“ sein. Wie von einem fremden Stern schien er auf die menschlichen Leidenschaften herabzublicken. Deshalb war es eine große Sensation, als ab 1977, mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod des Dichters, seine Briefe an den Bremer Kaufmann F. W. Oelze veröffentlicht wurden. Das rapide Auf und Ab seiner Biografie, die Begeisterung für die Nationalsozialisten und ihr Ende, die Stilisierung zum einsamen Olympier und der Erfolg in der frühen Bundesrepublik – all dies teilte sich nun unmittelbar mit. Es gab jedoch eine große Leerstelle: Was hatte es mit jenem ominösen F.  W. Oelze auf sich? Dieser hatte testamentarisch erst einmal untersagt, seine Briefe zu veröffentlichen. Es blieb das Bild, das Benn von ihm zeichnet: ein hanseatischer Großbürger, ein Ästhet.
  In der neuen, vorbildlich kommentierten Gesamtausgabe des Briefwechsels, die jetzt erscheinen kann, wird dies vor allem als eine Camouflage deutlich. Oelze war zwar reich und gebildet und lebte hinter einer bürgerlichen Fassade, aber dahinter verbargen sich nur mühsam kaschierte Abgründe. Die ersten Briefe Oelzes, der sich Ende 1932 begeistert an ihn gewandt hatte, wurden von Benn weggeworfen. So beginnt die erhaltene Korrespondenz mit 22 Briefen Benns an Oelze, der sie natürlich alle sorgsam archiviert hat. Am 31. März 1935 ist dann zum ersten Mal auch Oelze dokumentiert. Es wirkt wie ein großer, unerwarteter Trommeleinsatz, denn Oelze spricht in fremden Stimmen: „D’un homme à un autre homme, d’un cœur à un autre cœur, quels abimes!“ (Von einem Mann zum andern, von einem Herzen zum andern, welche Abgründe!)
  Oelze versteckt sich auf Französisch, es handelt sich um ein Zitat Flauberts. Das weist auf eine besondere Dynamik hin. Der Erbe einer Großhandelsfirma ist mit seiner bürgerlichen Existenz durch und durch unglücklich. Umso mehr verehrt er den Dichter, der für ihn den ersehnten geistigen Zugang zur Welt zu bieten scheint. Benn muss ziemlich zusammengezuckt sein, als er Sätze las wie: „Ich empfange jeden Wert von Ihnen, nur durch Sie bin ich überhaupt ‚etwas‘, – – davor war, und danach ist, das Nichts.“
  Dass es sehr selten zu eher kurzen persönlichen Begegnungen zwischen Benn und Oelze kommt, ist im Sinne Benns. Die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten ist eine fast ausnahmslos schriftliche, und von Privatem ist lange Zeit gar nicht die Rede. Relativ spät erfährt Benn auch, was hinter Oelzes Vornamen „F. W.“ steckt, obwohl ein „Friedrich Wilhelm“ offenkundig in der Luft zu liegen scheint.
Oelze trat 1933 der NSDAP bei. Wie Benn war er aber schnell desillusioniert. Oelze stand für ein deutsches Bürgertum, das sich elitär fühlte und die Demokratie als Herrschaft des Plebs ablehnte. Dass es damit dem Nationalsozialismus den Boden bereitete, wurde später verdrängt. Oelze zeigte wie Benn bald Verachtung für die pöbelhafte Unkultur der Nazis. Das Gefühl, von der herrschenden Vulgarität an den Rand gedrängt zu werden, verstärkte bei beiden die Neigung zu großen Einsamkeitsgesten, und die auf Distanz gehaltene Beziehung zu Oelze erhielt für Benn stärkere Bedeutung.
  1936 kommt es aber zu einem erstaunlichen Ausbruch. Oelze bittet Benn um ein Foto: „Das einzige das ich besitze ist eins, das ich mir vor Jahren aus einer Zeitschrift ausschnitt und aufziehen ließ. Aber es ist klein und nicht gut gedruckt.“ Benn spürt instinktiv, welch psychischer Druck von Oelze ausgeht. Bald äußert er den „Wunsch, unsere Beziehungen zu unterbrechen. Vielleicht ist es nur die Notwendigkeit einer neuen Verschleierung meines Ich auch vor Ihnen.“ Oelze wird tief getroffen: „In einem durchweg beklemmenden Leben habe ich dennoch nur zweimal einen Schock erfahren, der die Fundamente erschütterte, der letzte ist Ihr Brief.“
  Die Kehre folgt prompt. Benn wird genau jetzt von der SS-Zeitschrift Das schwarze Korps diffamiert, und er hat nicht viele, bei denen er Unterstützung finden kann. Als ob zwischen ihnen nichts geschehen wäre, informiert er Oelze sofort über den Vorgang, er sucht bei ihm Halt. Der Gedankenaustausch mit dem belesenen Oelze wird für ihn in den nächsten Jahren lebensnotwendig. Aber er macht auch ein Kunststück daraus: Benn stilisiert sich als „Wanze aus der Bozener Straße“, als kleiner, aus einem amusischen Elternhaus stammender armer Poet, während er Oelze mit „Senator“ anspricht und ihn als Ideal einer großbürgerlichen Existenz fantasiert. Bei Benn wirkt diese Inszenierung spielerisch, während aus Oelze an jeder Stelle großer Ernst spricht und ein Pathos, das Benn immer mal wieder unterläuft.
  Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft herrscht bei Oelze eine paradoxe, dem Nihilismus huldigende Stimmung. Philosophisch umkreist er die „Freiheit vor dem Nichts“, und inmitten allgemeiner soziopsychologischer Ausführungen macht er eine ungewöhnliche Bemerkung: „Wenn ich einen 16-jährigen Schlosserjungen liebe, so ist das, glaube ich, nicht eine Alterserscheinung, sondern es ist der Ausdruck einer wirklichen Verwandlung.“ Die Kriegsgefangenschaft sei daran nicht unbeteiligt: „Die wachsende Abneigung gegen das Weibliche kann von ihr nicht hervorgerufen, höchstens akut gemacht worden sein.“ Das Eingeständnis verschwiegener Homosexualität, ein Thomas-Mann’sches Surplus, durchbricht den Ton seiner bisherigen Briefe. Benn geht jedoch auf Oelzes intime Andeutungen nur am Rande ein. Er bereitet sich darauf vor, dass seine Isolation unter umgekehrtem Vorzeichen weiter anhält, und meißelt meisterhaft an einem Dichtermal in zeitloser Einsamkeit und Schweigen: „Was lebt, muss durchschnittlich sein, sonst wächst es ins Astrale u dort ist es kalt u. aufgelöst u. atemlos!“
  Die Dichter-Aura entwickelt aber eine gewaltige Sogkraft. Innerhalb kurzer Zeit gilt Benn als maßgebender Autor seiner Zeit und wird im demokratischen neuen deutschen West-Staat das, was er eigentlich im Dritten Reich werden wollte. Das ist eine der unvorhersehbaren Tücken der Geschichte. Die Briefe an Oelze werden, im Zuge von Benns Ruhm, allmählich wieder förmlicher. Und während Oelze an seinen klassisch-elitären Idealen festhält, öffnet sich Benn zusehends dem Alltag und dem Musikgeplätscher des Rias. Einmal schickt ihm Oelze eine Liste mit Fragen zu den neuesten Manuskripten. Benn beantwortet diese Fragen Punkt für Punkt: „Colt – aber, Herr Oelze! Lesen Sie keine Kriminalromane? Ich ständig, wöchentlich 6, Radiergummi fürs Gehirn – ein berühmter amerikanischer Revolver, ohne den kein Scotland Yardmann auftritt.“
  Die Neigung zum Radiergummi hinterlässt Spuren. Rosen kommen immer wieder vor, einmal auch die Eberesche, und manchmal streift es Sphären, die man sich gut und gerne von Zarah Leander oder Lale Andersen gesungen vorstellen könnte: „Wenn erst die Rosen verrinnen / aus Vasen oder vom Strauch / und ihr Entblättern beginnen, / fallen die Tränen auch.“
  Benn schreibt dieses Rosen-Gedicht, das ist die ironische Pointe dabei, für die Ehefrau Oelzes, nachdem er ein Foto ihres Gartens gesehen hat. Oelze ist also auch hier für ihn eine Art Sparringspartner, bei dem er ästhetische Positionen und Posen ausprobieren kann. Benns letzten kurzen Brief, auf dem Totenbett im Krankenhaus, hat Oelze damals für die Öffentlichkeit auf seine Weise gekürzt. Er besteht in Oelzes Version aus einem nahezu goetheanischen Schlusswort: „Jene Stunde wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen, wir werden steigen.“ Jetzt ist eine Abschrift des ganzen Briefes aufgetaucht, die als authentisch gelten kann und darauf schließen lässt, dass Benns Frau Ilse, die Zahnärztin war, ihm wohl Sterbehilfe geleistet hat: „Meiner Frau, die mir in diesen Tagen sehr nahe ist, habe ich das Versprechen abgenommen, dass sie mir die letzten Tage erleichtert, es wird alles rasch zu Ende gehen.“
  Dass sich Oelze scheute, seine eigenen Briefe zu veröffentlichen, hat mit derselben Art von Diskretion zu tun. Denn er erscheint jetzt nicht mehr als der souveräne Großbürger, als den Benn ihn skizziert.
Oelze war ein Ungetrösteter, ein Dienender, ein Fan. Aber als solcher ein grandioses Medium für eines der bedeutendsten dichterischen Selbstzeugnisse des 20. Jahrhunderts.
HELMUT BÖTTIGER
Gottfried Benn / Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956. Hrsg. Harald Steinhagen, Stephan Kraft, Holger Hof. Gemeinschaftsausgabe der Verlage Wallstein und Klett-Cotta, 2016. 4 Bände, zusammen 2334 Seiten, Abbildungen, 199 Euro.
Ich empfange jeden Wert von
Ihnen, schreibt Oelze, nur durch
Sie bin ich überhaupt „etwas“
Wir werden nicht fallen,
schreibt Benn an Oelze,
wir werden steigen
Herzliche Distanz – eine der wenigen Begegnungen des Dichters Benn mit dem Großkaufmann F. W. Oelze, zu Benns 70. Geburtstag 1956.
Foto: Deutsches Literaturachiv Marbach
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.06.2016

Gerechtigkeit für Friedrich Wilhelm Oelze

Zwei Schreibgefährten sollt ihr sein: Wer war der Mann, der mehr als zwanzig Jahre mit Gottfried Benn Briefe wechselte und auch sonst alles für ihn tat? Die erste vollständige Ausgabe der Korrespondenz liefert Antworten.

Es war schon so gut wie vorbei. Zu Ostern 1936 kriegten sich die Brieffreunde dermaßen in die Haare, dass der Berühmtere der beiden schreibt: "Ich werde Sie sehr vermissen, aber es wird sein." Auslöser war ein Missverständnis, das auf einer Entdeckung Oelzes fußte. Er hatte sich beklagt, dass der Feuilletonist Friedrich Sieburg sich in seinem Buch über Robespierre bei Benns Selbstdarstellung "Lebensweg eines Intellektualisten" von 1934 bedient hatte - was den Bremer Kaufmann empörte. In einem Antwortbrief ermuntert Benn seinen Bewunderer, Sieburg zu schreiben und ihn mit seinem Vorwurf zu konfrontieren. Worauf Oelze brav erwidert, er wolle gern diesem Wunsch entsprechen.

So konkret aber hatte Benn das wiederum nicht gemeint, weswegen er Oelze scharf zur Ordnung ruft und ihm die Freundschaft, die erst drei Jahre währte, kündigt: "Ich erkläre Ihnen hiermit ausdrücklich, dass ich nicht wünschte, dass Sie an Herrn S. schreiben." Er sei immer in der Lage gewesen, seine "Angelegenheiten alleine in Ordnung zu bringen". Neun Tage leidet Oelze stumm, dann hält er es nicht mehr aus. Am 1. Mai schreibt er: "Ich hatte es mir zu leicht gemacht, kindlich geglaubt Ihre Freundschaft schon unverlierbar zu besitzen. Heute sehe ich, wie weit der Weg ist, den ich noch zu Ihnen zurückzulegen habe." Benn hält die Rolle der drama queen noch ein wenig länger durch, erst am 8. Mai lässt er sich zu zwei knappen Sätzen hinreißen.

Der lange und ausdauernd begangene Weg Friedrich Wilhelm Oelzes in diese ungewöhnliche Brieffreundschaft hatte Ende 1932 begonnen, als der Geschäftsmann dem Dichter und Arzt Gottfried Benn seine Bewunderung für dessen Aufsatz "Goethe und die Naturwissenschaften" zu Füßen legte. Und Goethe wird auch im Fortgang des Briefwechsels immer wieder der Prüfstein der beiden Geister sein. Zunächst aber ist Benn gar nicht beeindruckt und lässt die Fanpost ziemlich lässig abperlen. "Ich sage nicht mehr, als in meinen Büchern steht."

Oelze gibt nicht auf und erobert eine Herzkammer Benns, wenn auch nicht gleich dessen ganzes Herz. Er geht dabei stets überaus höflich, fallweise auch devot vor, preist ein ums andere Mal den Genius des Dichters, besteht aber nur, weil er seine Huldigungen mit exquisiter Textkenntnis, Weltläufigkeit und den Früchten seiner großen Belesenheit unterfüttert. Auch teilt man Hausgötter: Es ist die Epoche, die noch auf Goethe, Nietzsche oder Schopenhauer schwört. Ihr spendiert Benn seine Gedichte, als Dienst am "Gegen-Glück", am Geist.

Und Oelze ist häufig der Erste, der diese Meisterwerke zu lesen bekommt, der sie kommentieren darf, der sie in Abschriften verwahrt. Man hat bei der Lektüre dieser Briefe immer den Eindruck, hier sprächen zwei Ebenbürtige miteinander; nur die Rollen in der Briefbeziehung sind ungleich verteilt. Auch wenn Benn in einem Brief an Tilly Wedekind vom 1. Februar 1936 einräumt: "Mein einziger Schreibgefährte ist Herr Oelze. Mit dem ist wirklich so eine Art Freundschaft entstanden, die mir wertvoll ist u. anregend. Ich muss ihm dankbar sein, daß er meine Eisbarriere manchmal durch seine Boten u Rufe durchbricht."

Dass Benn sich anno 1936 nicht wirklich von Oelze löst, hat auch einen ganz pragmatischen Grund: Er kann gerade jede Art von Unterstützung gebrauchen, weil ihn ein anonymer Artikel in der SS-Wochenzeitung "Das Schwarze Korps", der dann auch noch im "Völkischen Beobachter" nachgedruckt wurde, in arge Bedrängnis bringt. Darin wird sein Gedicht "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" als "drastische Schweinerei" denunziert, obendrein gibt es Andeutungen, die ihn in die Nähe von "widernatürlichen Schweinereien" rücken - gemeint war Homosexualität. Sein Verbleib als Oberstabsarzt in der Wehrmacht scheint gefährdet und damit seine materielle Basis insgesamt. Obendrein muss Benn mitansehen, wie seine Schriftstellerkollegen unverdrossen das Lied der braunen Machthaber singen: "Nur einen Millimeter der Stirn möchte ich besitzen, den diese Burschen alle haben. Es ist ihr Hauptorgan. Darunter sitzt nichts."

Benns Briefe an Oelze sind seit bald vierzig Jahren bekannt, nun liegen endlich auch die Botschaften von "Oe." vor. Harald Steinhagen, seinerzeit Herausgeber der Briefe, rundet sein editorisches Lebenswerk zusammen mit Stephan Kraft und Holger Hof von der Universität Würzburg in einer bei Wallstein und Klett-Cotta verlegten Gemeinschaftsausgabe ab. Vier dicke Bände versammeln und kommentieren alle 1349 bekannten Briefe und Karten. Möglich wurde dies, weil die im Deutschen Literaturarchiv Marbach liegenden Bestände von der Familie Oelzes zum Abdruck freigegeben wurden.

Das ist zu begrüßen, denn die vorliegende Ausgabe ist ein Fest für Benn-Leser, und sie schafft ausgleichende Gerechtigkeit für Friedrich Wilhelm Oelze, dessen Beitrag als geistiger Anreger und materieller Unterstützer des Bennschen Werks nun in vollem Umfang zutage treten kann. Auch wenn Oelze kein lyrischer Geburtshelfer im engeren Sinn ist - einen solchen hatte Benn nicht nötig -, so hilft er ihm doch mit unverbrüchlicher Zuneigung durch die Jahre der Hitler-Diktatur, die Benn kurz, aber heftig begrüßt hatte, um sich dann entschieden von diesem "Dreck" abzuwenden. Als es nach 1945 darum geht, die Isolation zu durchbrechen, ist Oelze zur Stelle und hilft, den wegen seiner Entgleisung ungeliebten Dichter wieder im Betrieb zu verankern.

Wer war Oelze wirklich? Vor fünfzehn Jahren hat davon Hans Dieter Schäfer mit dem Bändchen "Herr Oelze aus Bremen" in den "Göttinger Sudelblättern" eine erste Ahnung vermittelt - er durfte aus den gesperrten Briefen "sparsam" zitieren. Jetzt sieht man klarer: Oelze war nicht nur der weltläufige, mehrsprachige, weitgereiste, belesene, mit Rudolf Borchardt befreundete Philanthrop, der Benns Werk zu seinem Evangelium erkor. Fünf Jahre jünger als Benn, verkörperte Oelze den Bildungsbürger in seiner reifsten Form. Gut aussehend, in britischer Lebensart erzogen, Leser der "Times", Promotion in Jura, Kunstkenner, Musikliebhaber, als Patrizier der Hanse im Handel mit Kolonialwaren und Getreide erfolgreich. Seine Frau Charlotte stammte ebenfalls aus wohlhabender Familie, sein einziger Sohn fiel im Alter von zweiundzwanzig Jahren an der Ostfront.

Wie das Nachwort ausführt, war Oelze entgegen seiner äußeren Erscheinung von Unsicherheit, Selbstzweifel und großer Scheu gegenüber den Mitmenschen geprägt. Seine formvollendeten Briefe zeigen ihn als einen, der selbst das Zeug zum Schriftsteller hat - ohne es sich selbst einzugestehen. Lieber nimmt er sich im Dienste Benns zurück: Oelze schickt Nelken, Zigaretten, Fresspakete, Rum, Kaffee, und in seinen Briefen importiert er die weite Welt für den Arzt, der sich in seinem "Doppelleben" eingegraben hat, weil man ihm öffentliche Auftritte untersagt hatte.

Von Affären hält das Benn nicht ab, er hat einen Schlag bei den Frauen, und er hat seine Maximen: "Wenn man gleich an den Beginn einer Beziehung den coitus setzt, gibt es keine Neurosen." So mache man das, nicht wie der sexuell gestörte Nietzsche, verfügt Benn. Bald wird Oelze in diese Frauengeschichten eingeweiht, und er erweist sich auch diesbezüglich als Meister der Diskretion. Seine eigenen homoerotischen Begierden deutet er nur an, aber Benn war wohl auch in diesem Punkt nichts Menschliches fremd. Oelze machte sich intellektuell kleiner, als er war, Benn sich im Umkehrschluss gesellschaftlich. Oelze war für ihn ein "Citymann" und "vornehmer Aristokrat", während er sich in seiner Berliner Wohnung als gepfändete "Wanze aus der Bozenerstraße" stilisierte. Persönliche Treffen waren die Ausnahme, Benn bestand auf Voranmeldung, trickste und täuschte, man blieb zeitlebens beim Sie. Es war nicht der einzige Ausdruck von Distanz, den beide wahrten. "Welche Vorstellung, daß wir gestiegen statt gefallen sein könnten! Diese schauerliche Entwicklungs- und Aufstiegshypothese des 19. Jahrhunderts beweist ja nur, wie zeitgebunden jedes Denken ist", schreibt Oelze Anfang 1949 an Benn. Da war dieser schon mittendrin, seinen Wiederaufstieg zu organisieren. Maßgeblichen Anteil daran hatte der mutige Wiesbadener Limes-Verleger Max Niedermayer, der sich traute, wovor Peter Suhrkamp, Ernst Rowohlt oder Eugen Claassen zurückschreckten - Benn wieder zu verlegen. Es sind dies auch die Jahre, in denen die meisten Briefe hin- und hergehen: 1949 und 1950 belegen mit 280 Briefen den intensivsten Austausch, an dritter Stelle steht das Jahr 1936 mit 136, danach flacht die Kurve stark ab, wohl auch aus politischer Vorsicht, wirklich sicher konnte sich Benn nicht mehr fühlen.

Zweiundzwanzig Jahre überlebt Oelze seinen Abgott, kümmert sich als Nachlassverwalter um das Werk, forscht, hilft mit Geld aus. 1978, schon auf dem Krankenbett, deutet er in einem Telefonat mit Harald Steinhagen an, er sähe nun keinen Grund mehr für das Publikationsverbot seiner Briefe. Ob er dabei an die Karte dachte, die Benn ihm Mitte Juni 1956, drei Wochen vor seinem Tod, aus dem hessischen Kurort Schlangenbad schrieb? In der er, auf Mephisto in Goethes "Faust" anspielend, noch einmal Gegenposition zu Oelze bezieht: "Jene Stunde.. wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen wir werden steigen." Es waren Gottfried Benns Abschiedsworte an seinen treuesten Freund.

HANNES HINTERMEIER

Harald Steinhagen, Stephan Kraft und Holger Hof (Hrsg.): "Gottfried Benn - Friedrich Wilhelm Oelze". Briefwechsel 1932-1956.

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 4 Bd., zus. 2334 S., 181 Abb., geb., 199,- [Euro].

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