Gebundenes Buch

Von den dunklen Seitenstraßen in Bombay zu den heiligen Hallen von Cambridge, von der Jagd nach Salman Rushdie zu den Terroristencamps in den Bergen Afghanistans, vom abgeschiedenen Trappistenkloster in Kalifornien zu den geheimen Weihen und kriminellen Machenschaften der internationalen Finanzwelt führt der Kreuzzug von Zia Khan Gottes kleinem Krieger. Egal, welchen Glauben er verteidigt und welcher der Weltreligionen er sich in den verschiedenen Phasen seines Lebens verpflichtet fühlt: Zia Sprössling einer liberalen muslimischen Familie aus Bombay und ein begnadetes Mathematikgenie glaubt,…mehr

Produktbeschreibung
Von den dunklen Seitenstraßen in Bombay zu den heiligen Hallen von Cambridge, von der Jagd nach Salman Rushdie zu den Terroristencamps in den Bergen Afghanistans, vom abgeschiedenen Trappistenkloster in Kalifornien zu den geheimen Weihen und kriminellen Machenschaften der internationalen Finanzwelt führt der Kreuzzug von Zia Khan Gottes kleinem Krieger. Egal, welchen Glauben er verteidigt und welcher der Weltreligionen er sich in den verschiedenen Phasen seines Lebens verpflichtet fühlt: Zia Sprössling einer liberalen muslimischen Familie aus Bombay und ein begnadetes Mathematikgenie glaubt, der Auserwählte zu sein, dazu erkoren, die Welt zu retten. Eng verknüpft und verwoben mit Zias Schicksalist das seines Bruders Amanat, der einen ganz anderen Weg wählt brüchig, voller Zweifel, nicht ohne Schuld, aber offen für die Welt und das Leben. Ihre Überzeugungen könnten unterschiedlicher nicht sein, aber beide sind auf ihre Weise gleichermaßen konfrontiert mit den großen Themen von Hingabe und Verrat, Gott und Moral, Gut und Böse, Religion und purem Leben. Daraus entsteht ein meisterhaft erzählter, mitreißender und zugleich tief philosophischer Einblick in die Fragen unserer Zeit: Religiosität, Extremismus, Globalisierung, Liebe, die menschliche Natur und die universelle Frage nach dem Sinn des Lebens. Gottes kleiner Krieger zeigt schonungslos, wie schmal die Grenze zwischen echter Hingabe und Fanatismus ist, zugleich ist der Roman ein ungewöhnliches und eindringliches Plädoyer für mehr Toleranz und Menschlichkeit ...
  • Produktdetails
  • Verlag: A 1 Verlagsges.
  • Seitenzahl: 694
  • Erscheinungstermin: August 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm
  • Gewicht: 915g
  • ISBN-13: 9783927743885
  • ISBN-10: 3927743887
  • Artikelnr.: 20840630
Autorenporträt
Kiran Nagarkar, geboren 1942 in Bombay, schreibt in Marathi und Englisch. Sein erster Roman 'Seven Sixes are Forty-three' gilt als Meilenstein der indischen Literatur nach der Unabhängigkeit. Er veröffentlichte Romane, Theaterstücke und Drehbücher. Für seinen Roman "Krishnas Schatten", der auch in Deutschland viel Beachtung fand, wurde ihm im Jahr 2000 die höchste Anerkennung der indischen Literaturakademie, der Sahitya-Award, verliehen. Kiran Nagarkar lebt in Bombay.
Rezensionen
Besprechung von 30.09.2006
Gottes kleine Krieger
Wortgefechte: Die schöne Literatur in diesem Herbst

Neben den wichtigen Erinnerungsbüchern von Kertész, Fest und Grass müßte es der Roman schwer haben. Aber die Gegenwartsliteratur verlangt mit drastischen Mitteln nach Aufmerksamkeit. Ihr Thema ist der Terror.

"Im Alter von vierzehneinhalb Jahren", so erinnert sich der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész in seinem neuen Buch "Dossier K.", "stand ich etwa eine halbe Stunde lang Auge in Auge dem Lauf eines feuerbereiten Leichtmaschinengewehrs gegenüber, das auf mich gerichtet war." Das war im Sommer 1944 im Hof der Budapester Gendameriekaserne. Wenig später wurde Kertész nach Auschwitz deportiert.

Im Jahr darauf, im Frühjahr 1945, steht der siebzehnjährige Günter Grass mit der Maschinenpistole in der Hand einem russischen Schützenpanzer gegenüber: ",Der Iwan!', rief ich der Gruppe am Wegrand zu, nahm mir aber keine Zeit, die dem Feindpanzer dicht bei dicht aufsitzenden Schützen als einzelne zu erkennen und so zum ersten Mal einem lebenden Sowjetsoldaten von Gesicht zu Gesicht zu begegnen."

Zwei Nobelpreisträger, zwei Augenblicke mit und ohne Blickkontakt, zwei Erinnerungsbücher, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zusammen mit Joachim Fests Autobiographie "Ich nicht" (Rowohlt) setzen "Dossier K." (Rowohlt) und "Beim Häuten der Zwiebel" (Steidl) einen gewichtigen Schwerpunkt in diesem Bücherherbst. Er gilt der Vergangenheit und ihren nicht enden wollenden Nachwirkungen, er erzählt von drei vollkommen unterschiedlichen Schicksalen und Lebenswegen im "Dritten Reich", und er konfrontiert den Leser dreimal auf jeweils ganz eigene Weise mit der Frage nach dem Wesen und den Grenzen des autobiographischen Genres.

Neben diesen Büchern, so könnte man meinen, dürfte es der Gegenwartsroman schwer haben. Aber die Gegenwart fordert ihr Recht auf Aufmerksamkeit mit nicht weniger drastischen Mitteln. Sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen Haß und Gewalt, Blutvergießen und Leid und Elend von Unschuldigen ebenso im Zentrum dieses Bücherherbstes wie die Erinnerungen einer Generation, die lange Zeit glauben durfte, all dies weitgehend hinter sich gelassen zu haben. Der Terror ist in veränderter Gestalt nach Europa zurückgekehrt, und viele Romane dieses Herbstes haben ihn zum Thema.

Yasmina Khadra, ein ehemaliger Offizier der algerischen Armee, hat soeben im Gespräch mit dieser Zeitung darauf aufmerksam gemacht, daß Europa den Terrorismus nicht als Importartikel betrachten dürfe (F.A.Z. vom 29. September). Die Quellen terroristischer Gewalt sprudeln in Europa nicht anders als in den Vereinigten Staaten oder in der islamischen Welt. In den letzten Jahren hat sich die Literatur vor allem der Opfer angenommen, jetzt ist ein Wechsel der Perspektive zu verzeichnen. Im vorigen Jahr hat der junge amerikanische Autor Jonathan Safran Foer ein New Yorker Wunderkind ins Zentrum seines Romans "Extrem laut und unglaublich nah" gestellt, das seinen Vater beim Anschlag auf das World Trade Center verloren hat. Yasmina Khadras Held ist ein arabischer Chirurg in Israel, der die Opfer eines Attentats operiert, das seine eigene Frau verübt hat. In immer neuen Anläufen kreist der Roman "Die Attentäterin" (Nagel & Kimche) um die Frage, was eine junge Frau aus geregelten Mittelstandsverhältnissen dazu bewogen haben mag, sich selbst in die Luft zu sprengen, um möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen.

Während Khadra ein Bild der Attentäterin nur aus Erinnerungen und Erzählungen entstehen läßt und die Introspektion verweigert, läßt Christoph Peters uns in seinem neuen Roman "Ein Zimmer im Haus des Krieges" (btb) gleich in zwei Köpfe schauen. Sie gehören dem islamistischen Terroristen Jochen "Abdallah" Sawatzky und dem Botschafter der Bundesrepublik in Kairo, der den deutschen Staatsangehörigen Sawatzky vor der Hinrichtung in Ägypten bewahren soll. Der erste Teil des Romans schildert eindrucksvoll die letzten Stunden vor dem Anschlag in Luxor, der für die Terroristen mit einer Katastrophe endet: Sie werden von ägyptischen Sicherheitskräften erwartet, gejagt und zum größten Teil getötet. Sawatzky kommt mit dem Leben davon, ist aber den brutalen Verhörmethoden im ägyptischen Hochsicherheitsgefängnis ausgesetzt. Niemand kann wissen, was im Kopf eines Terroristen vorgeht, der den eigenen Tod vor Augen hat, aber Peters vermittelt uns zumindest eine Vorstellung davon, wie sie eindringlicher und beklemmender kaum sein könnte.

Gleich drei Seelen in eine Brust implantiert der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar. Seine Hauptfigur namens Zia ist "Gottes kleiner Krieger" (A1 Verlag), von dem der Titel des Romans kündet. Zia, der als indischer Muslim geboren wird, wechselt zwar zweimal die Religion, nicht aber den Charakter. Auch als Trappistenmönch und als Hindu bleibt er ein Eiferer und gewaltbereiter Fanatiker. Bietet also jede Religion dem Extremisten Anknüpfungspunkte? Wird also derjenige zum religiös motivierten Terroristen, in dem die charakterliche Disposition dazu angelegt ist, gleichviel, welcher Religion er angehört? Nagarkars phantasievoller und erzählerisch überbordender Roman ist das wichtigste unter den erstaunlich zahlreichen interessanten und guten Büchern, die uns in diesem Herbst aus Indien erreichen. Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse wird zweifellos Spuren hinterlassen.

Aber hat die Literatur denn sonst nichts mehr zu bieten außer den Erinnerungen der Greise und den Schrecken der Gegenwart? Ganz im Gegenteil, die Zahl guter Bücher ist in diesem Herbst erstaunlich groß, und in jedem Genre sind Entdeckungen zu machen, angefangen bei den Romandebüts eines Steffen Popp ("Ohrenberg oder der Weg dorthin"; kookbooks) oder Michel Mettler ("Die Spange"; Suhrkamp) bis hin zur Lyrik von Charles Simic ("Mein lautloses Gefolge"; Hanser) oder den abgründig funkelnden Kalendergeschichten und Prosaminiaturen, die Botho Strauß unter dem Titel "Mikado" (Hanser) versammelt hat.

Auffallend ist dabei nicht zuletzt, daß die Literatur in diesem Herbst viel formbewußter auftritt als in den Jahren zuvor: Neben die Lust am Erzählen tritt der Wille zur Form. Christoph Ransmayrs erster Roman seit elf Jahren ist ein Versepos, gehört also zu jenem selten gewordenen Genre, dessen sich zuletzt so gewichtige Autoren wie Derek Walcott mit "Omeros", Les Murray mit "Fredy Neptune" und Durs Grünbein mit "Vom Schnee" angenommen haben. Während Ransmayrs "Der fliegende Berg" (S.Fischer) eine Geschichte von Eifersucht und Bruderliebe im ewigen Eis von Tibet erzählt, nähert sich Felicitas Hoppe dem ewigen Feuer der Hölle und den gierigen Flammen der im Namen der Christenheit errichteten Scheiterhaufen. Auf einem dieser Scheiterhaufen endet Johanna, Jungfrau von Orléans und Titelfigur von Felicitas Hoppes neuem Buch (S. Fischer). Der Vielzahl der Deutungen der historischen Johanna wird hier nichts hinzugefügt, aber die Hoppesche Sprachkunst bewirkt, daß uns selbst eine Ikone wie Johanna entgegentritt, als begegneten wir ihr zum ersten Mal.

Der Tod, die Liebe, die Freuden und Nöte der Kindheit, das sind die ewiggleichen Themen der Literatur, und der Ire John Banville zeigt in "Die See" (Hanser), daß man sie immer wieder aufs neue behandeln kann. Tatsächlich ein Novum ist der neue Roman des Österreichers Wolf Haas. Oder wann hätte es zuvor einen Roman in Dialogform gegeben? "Das Wetter vor 15 Jahren" (Hoffmann & Campe) ist kein Briefroman und kein Drama, sondern die Wechselrede zweier Figuren über ein Buch, den Roman im Roman also. In dem mehrtägigen Gespräch zwischen einem Schriftsteller namens Wolf Haas und einer Literaturkritikerin, die als "Literaturbeilage" bezeichnet wird, erfährt der Leser nicht nur den überaus spannenden Inhalt des Romans, sondern wird überdies zum Zeugen einer Liebesgeschichte zwischen zwei literarischen Verbalerotikern. Das klingt kompliziert, konstruiert und so schrecklich ausgedacht, als wäre hier ein Albtraum wahr geworden, als habe nämlich ein Schriftsteller ein Buch einzig und allein für die Literaturkritik geschrieben. Aber das Gegenteil ist wahr. Haas hat sich einen Traum erfüllt, der unerfüllbar schien: Einmal etwas ganz anderes als alle anderen zu machen. Daß dieses Buch gelungen ist, grenzt an ein Wunder. Es zu lesen ist ein Vergnügen. Was für ein Bücherherbst!

HUBERT SPIEGEL

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 18.09.2006
Mister Alias und die Religion des Extremismus
Der Mann, der von einer indischen Fortsetzung von „Fahrenheit 451” träumt: Kiran Nagarkar und sein Roman „Gottes kleiner Krieger”
Es ist eines der wichtigsten Bücher dieses Herbstes. Mit solch einem Satz könnte man Kiran Nagarkar wahrscheinlich in die Fluten des Indischen Ozeans treiben, der direkt vor dem weiten Panoramafenster seine Wasser wälzt. Gegen Nagarkars Understatement erinnert Woody Allen an eine fettglänzende Egokugel. Oder drücken wir es so aus: Understatement bedeutet in gewöhnlichen Fällen, dass man sein Licht unter den Scheffel stellt. Nagarkar bläst erst mal die Kerze aus, geht dann mit Scheffel und Kerze in den Keller und versteckt da beides im hintersten Winkel.
Was nicht bedeutet, dass er nicht meinungsstark wäre. Oder wüsste, wie gut seine Bücher sind. Vielleicht ist es eher eine Taktik der Enttäuschungsprävention, wenn Kiran Nagarkar sagt, er habe bei seinem neuen Roman Angst gehabt, „meine Leser zu verlieren, dieser Zia, meine Hauptfigur, geht einem mit seinem Fundamentalismus schließlich dermaßen auf die Nerven – wobei das übrigens eine mathematisch interessante Angst ist, denn ich habe ja keine Leser, wie soll man die verlieren . . .”.
Nun stimmt das nicht, Nagarkars Bücher werden in alle Welt übersetzt und in Bombay reden Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler von ihm wie von einem großen Vorbild. Immer wieder heißt es bei Abendessen und Empfängen, oh Nagarkar, Sie müssen „Krishnas Schatten” lesen, das schönste Buch, das die indische Literatur hervorgebracht hat! Im Reden über ihn schwingt aber immer mehr mit als nur die Liebe zu seinen Büchern, denn sie verehren ihn hier geradezu wie eine Art Freiheitskämpfer. „Er ist unser Gewissen”, sagt der Journalist Sreenivasan Jain, der sonst ein ziemlich cooler Slacker ist. Nagarkar hat mit seinen Büchern und Theaterstücken immer wieder die Hindufundamentalisten von der Shiv-Sena-Partei, die staatlichen Zensurbehörden, die Zeitungen und viele mächtige Diskurswerfer gegen sich aufgebracht. Zwischendurch verließ ihn der Mut, 15 Jahre lang veröffentlichte er nichts, und so ist der ironische Satz über seine inexistenten Leser vielleicht auch fernes Echo jener Zeit, in der er glaubte, der engstirnige Diskurs selbst ernannter Chefpatrioten werde es ihm nie mehr ermöglichen zu schreiben.
Schwarz glänzende Hasskapsel
Eine Wohnung in Mahalaxmi, im Süden Bombays, der Indische Ozean ist an diesem Morgen so braungrau wie Slumabwässer, der Monsun tröpfelt lustlos gegen die Scheiben. Am Wasser werden drei neue Hochhäuser hochgezogen, daneben flattern zu Zeltplanen umfunktionierte Mülltüten im Wind, überall Autos, vor dem Haus ist permanent Verkehrsinfarkt. Der hager hochgewachsene Nagarkar sitzt auf dem Sofa, inmitten indischer Kunst – Amphoren mit hinduistischen Mustern, Teppiche mit muslimischen Ornamenten, ein Bild des tanzenden Krishna – schenkt Tee nach und sagt, er verstehe selbst nicht, warum er als Agnostiker in seinen Büchern immer wieder die Religion thematisiere.
„Gottes kleiner Krieger” ist eine Studie über Fanatismus, die sich schon deshalb abhebt von den meisten aktuellen Büchern zum Thema, die um den 11. September 2001, den Islamismus und die pakistanischen Koranschulen kreisen. Nagarkar wollte ein Buch schreiben, das dem Wesen des Fanatismus selbst nachspürt. Um zu zeigen, wie nahe in allen Religionen der selbstlose Idealist dem selbstherrlichen Fanatiker ist und so ersann er sich einen Mann, der die Existenzen wie Masken wechselt, dessen metallen selbstgerechter Dogmatismus aber immer der gleiche bleibt, der Islamist in Cambridge ist und Terrorist in Kaschmir, der als Trappist in eindrucksvoll beschriebener kalifornischer Natureinsamkeit lebt und als spin doctor Kampagnen gegen Abtreibungskliniken einfädelt, an der Börse jongliert und mit Waffen handelt.
Zia also. Zia alias Bruder Lucens alias Tejas. Zia entstammt einer liberalen muslimischen Familie aus Bombay. Nur Tante Zubeida, der der freundlich weltoffene Geist des Vaters und die Vergnügungssucht der Mutter ein Dorn im Auge sind, hat sich in einem schwarz glänzenden Hass verkapselt, den sie als tiefe Gläubigkeit ausgibt. Sie setzt dem kleinen Zia den Floh ins Ohr, er sei ein Vali, ein Auserwählter, der all die vom wahren Glauben Abgefallenen zum Islam zurückführen könne.
Zia dürstet es ein Leben lang nach Reinheit. Nach Klarheit. Und nach körperlichem Schmerz. Als Muslim peitscht er sich den Rücken blutig, als Trappist erleidet er die Stigmata. Und wenn er glaubt zu wissen, was die eine Wahrheit ist, geht er dafür über Leichen. Nur das Leben spielt dabei selten mit. Erst misslingt ihm ein Attentat auf Salman Rushdie, dann muss er von einer Tante erfahren, dass sie ihn, als er als Baby sterbenskrank war, taufen ließ – wie in allen Romanen Nagarkars kippen Wahrheiten, Charaktere, Geschichten immer neu in andere Richtungen, als sei das Leben ein buntscheckiger Zauberwürfel, für den es keine saubere Lösung gibt.
Sieben Jahre hat Nagarkar an diesem Buch geschrieben, sieben Jahre, in denen ihm Zia mit seinem rigiden Besserwissen oft dermaßen auf die Nerven ging, dass er ihn sich monatelang vom Hals halten musste. „Das Schlimmste war, zu erkennen, dass Teile Zias auch in mir stecken. Auf meine Art bin ich ja auch fanatisch. Ich bin ein geradezu dogmatischer Liberaler. Romain Gary sagte mal: ,Nur eines ist schlimmer als Intoleranz: Intoleranz gegenüber Intoleranz.‘”
Nagarkar wusste sehr genau, worüber er in „Gottes kleiner Krieger” schreibt, er konnte die Fundamentalisten verschiedener Couleur sein Leben lang aus nächster Nähe studieren. Sein erstes Buch schrieb er auf Marathi, der Sprache des Bundesstaates Maharashtra (und Bombays). „Seven Sixes are Forty-Three” wurde Mitte der siebziger Jahre mit seinem witzigen Nihilismus, seiner elliptischen Erzählweise und den drastischen Sexszenen als Meilenstein der indischen Literatur gefeiert. Verkauft hat es sich nicht: „Ich habe im ersten Jahr 121 Rupies daran verdient, im zweiten 74.” Dann sagt er, er würde gerne mal eine Fortsetzung von Ray Bradburys „Fahrenheit 451” schreiben, dieser rabenschwarzen Dystopie einer Massengesellschaft, die durch Unterhaltung in tumber Abhängigkeit gehalten wird, und in der es verboten ist, Bücher zu lesen. „Dieses Verbot bräuchte es bei uns in Indien heute nicht mehr, Bradburys Feuerwehr wäre arbeitslos, die Leute lesen ohnehin nichts mehr.”
Wer nach solchen Worten glaubt, in Nagarkar einen strengen Vertreter der reinen Literatur zu finden, täuscht sich. Er ist ein geradezu verzweifelter Kino-Aficionado. Verzweifelt insofern, als er die meisten indischen Marsala-Filme schlicht schrecklich findet, aber nicht umhin kann, sie alle anzuschauen. Vielleicht kommen auch daher die überbordende Phantasie, die griffig opulenten Beschreibungen und das hohe Tempo in all seinen Büchern. Andererseits gibt es da auch andere Spuren für sein burleskes Talent, Rabelais etwa, den er sehr verehrt. Wie auch immer, während sein erstes Prosawerk fulminant floppte, wurde sein erstes Theaterstück, das während des Ausnahmezustands, Mitte der Siebziger, entstand, wegen angeblicher Häresie verboten. Überflüssig zu sagen, dass keiner der Zensoren es je gelesen hatte.
Nagarkar resignierte und verstummte. 15 Jahre lang. Er arbeitete für eine Werbeagentur und lebte in großer Armut. Erst 1991 begann er wieder zu schreiben, auf Englisch. Es gab da ein Fragment, eine Geschichte über zwei Jungen, die in einem Chawl, einem dieser riesigen, von den Briten gebauten Wohnkomplexen aufwachsen. Der eine ist Hindu, der andere Christ. „Ravan und Eddie” wurde ein fulminantes Buch über das postkoloniale Bombay. Und eine beißende Satire auf die Fanatiker der hindu-fundamentalistischen Partei Shiv Sena.
All das ging unter in der Empörung über Nagarkars linguistischen Vaterlandsverrat. Keiner rezensierte „Ravan und Eddie”, alle empörten sich nur darüber, dass Nagarkar nicht mehr in seiner reinen, authentischen Muttersprache, sondern in der hybriden Sprache der einstigen Kolonialherren schreibe. Aber was ist in Indien schon die Muttersprache? Und was ist rein? Die indische Kultur erinnert an geologische Sedimentquerschnitte, Schicht über Schicht, 3000 Jahre, 21 Amtssprachen, und geht man bei Nagarkar aus der Haustür, kann man in einer Minute zwei hinduistische Tempel, die Haji-Ali-Moschee und eine Kirche erreichen.
Tausend Arten von Licht
Nagarkar, der aus einer hinduistischen Familie stammt, bezeichnet sich selbst als Agnostiker. Es geht ihm in „Gottes kleiner Krieger” aber nicht um einen Angriff gegen die Religion. Zias sanfter Vater, der Prior des Trappistenklosters und vor allem sein Bruder Amanat, sie alle haben etwas gemein mit Zia: Auch sie sind gläubige Idealisten. Aber ihr Idealismus ist voller Mitgefühl, Größe und Zweifel. Amanat ist Architekt und Schriftsteller (er schreibt ein Buch über den indischen Mystiker Kabir, diesen Weber und Wanderprediger, der die Gleichheit aller Menschen propagierte und sich um die Vermittlung zwischen Hinduismus und Islam bemühte) und er verfolgt Zia mit seinem geradezu hartnäckigen Humanismus, indem er ihm Briefe schickt. „Zuweilen haben mich diese Briefe aus Zias besserwisserischer Wüstenei gerettet”, sagt Nagarkar. In einem seiner Briefe schreibt Amanat: „Du magst Deine Religion oder den sonstigen -Ismus, dem du früher anhingst, gewechselt haben, aber Du bleibst Deiner Natur treu. Arthur Koestler, John Dos Passos und die anderen aus der ,Gott-der-keiner-war‘-Brigade, ganz zu schweigen von Mussolini, waren Marxisten und KP-Mitglieder, die zu den fanatischsten Konservativen mutierten. Auch Du bist, wie sie, abtrünnig geworden und bist dabei, wie sie, Deiner Religion treu geblieben: Der Religion des Extremismus.”
So ist „Gottes kleiner Krieger” nebenbei auch ein großer Briefroman, ein Buch über körperliche Krankheit und Leiden, über die enervierende Popularitätsmaschine Salman Rushdie, über das universitäre England und den Einfluss fragwürdiger Gurus auf die indischen Präsidenten. Es steckt vielleicht zu viel in „Gottes kleiner Krieger”, ähnlich wie in einem Bollywood-Film. Aber so ist das eben in Bombay, Nagarkars Heimatstadt, über die es im Buch heißt: „Nirgendwo sonst im Universum gibt es solch einen Mischmasch von Akzenten, Sprachen, Kleidungsstilen; so viele Gerüche und Düfte, so viele Arten von Licht, solch eine hohe Menschendichte pro Kubikzentimeter Luft und Raum. Und das bereits an normalen Wochentagen.” An diesem Montag liest Kiran Nagarkar im Münchner Literaturhaus.
ALEX RÜHLE
KIRAN NAGARKAR: Gottes kleiner Krieger. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. A1 Verlag, München 2006. 707 S., 28,80 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Dies sei nicht gerade Kiran Nagarkars bestes Buch, stellt Rezensentin Katharina Granzin trotz vieler gegenteiliger Kritikermeinungen trocken fest. Dessen Unternehmen, in einer Romanhandlung einmal durchzuspielen, wie ein fundamentalistischer Fanatiker tickt, hält sie außerdem für gescheitert. Bereits der Ansatz selbst, diese Demonstration als Coming-of-Age-Geschichte anzulegen, ist ihr zu unspezifisch und allgemein. Aus ihrer Sicht gelingt es Nagarkar nämlich nicht, eine überzeugende Grundlage für die Grundthese des Romans zu schaffen, dass es äußere Umstände sind, die ein Individuum in den Fanatismus treiben. Auch die Zeichnung seiner Charaktere findet sie zu eindimensional, um ein derart komplexes Zeitphänomen angemessen abzuhandeln. Dies wiegt für die Rezensentin umso schwerer, als dieses Buch ihrer Einschätzung zufolge Charakterstudie und Thesenroman in einem sein will. Nur in der Figur des Bruders der Hauptfigur, einem agnostischen Spötter und intellektuellen Skeptiker, beginnt für sie der Roman plötzlich zu leben. Doch angesichts dieser kleinen Höhenflüge schmerzen sie die unerfüllten Leserhoffnungen erst recht.

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