Glis-Glis - Thelen, Albert V.
18,99 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
9 °P sammeln
    Gebundenes Buch

"Die 'Sehstörung' zeigt in vielfacher Spiegelung und in grotesker Manier die Parabelgeschichte einer vom ideologischen Menschen nicht anerkannten Gegenwelt, in der am Ende der alles zerstörende Totenwurm beschworen wird." Rheinische Post Thelen, bekannter Autor des für literarische Feinschmecker so köstlichen Buches "Die Insel des zweiten Gesichts", veröffentlicht hier eine "Fingerübung" zu einem phantastischen, oder vielleicht doch untergründig sehr wirklichen Thema. Während der Mensch heutiger Welterkenntnis sich immer mehr in unsichtbare Atome und Mikrostrukturen verliert, geraten die…mehr

Produktbeschreibung
"Die 'Sehstörung' zeigt in vielfacher Spiegelung und in grotesker Manier die Parabelgeschichte einer vom ideologischen Menschen nicht anerkannten Gegenwelt, in der am Ende der alles zerstörende Totenwurm beschworen wird." Rheinische Post Thelen, bekannter Autor des für literarische Feinschmecker so köstlichen Buches "Die Insel des zweiten Gesichts", veröffentlicht hier eine "Fingerübung" zu einem phantastischen, oder vielleicht doch untergründig sehr wirklichen Thema. Während der Mensch heutiger Welterkenntnis sich immer mehr in unsichtbare Atome und Mikrostrukturen verliert, geraten die sichtbaren Geheimnisse der Natur in Vergessen. So wie rätselhafterweise die Lemminge ihrem Todeszug ins Meer folgen, sind auch unbekannte Kräfte am Werk, mit denen die Glis-Glis oder Siebenschläfer zu einem Feldzug antreten, um sich an dem mangelhaften Buch der Bücher und am einseitigen Menschen zu rächen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Olms
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 90
  • Erscheinungstermin: Januar 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 269mm x 175mm x 17mm
  • Gewicht: 466g
  • ISBN-13: 9783487084329
  • ISBN-10: 3487084325
  • Artikelnr.: 09872800
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.12.2001

Zieseltier und Lullmaus
Albert Vigoleis Thelens Zoosophie der Siebenschläfer

2003 naht, Albert Vigoleis Thelen wird hundert. Doch die rororo-Monographien wagen sich an ihn sowenig heran wie an Paul Valéry und Paul Scheerbart. Dennoch verkaufte sich der Thelen-Band der edition horen, voll unbekannter Fotos, Texte und Briefe, öfter, als die hochenthusiasmierte innerste Thelen-Gemeinde überhaupt Köpfe zu zählen scheint. Im Bonner Weidle Verlag sind 1996 Thelens Buchrezensionen erschienen, vier Jahre später Thelens Briefe an den portugiesischen Mystiker Texeira de Pascoaes. Und soeben, pünktlich zum Winterschlafbeginn rezenter Siebenschläfer, erschien Thelens lang vergriffene, kaum dagewesene Siebenschläferprosa neu, mit einem Faksimile-Anhang unbekannter Briefe an Georg W. Olms, seinen Verleger von 1967.

Hier begründete Thelen das weitgehend un-, zumindest selten gepflegte Genre der zoognostischen Parabel. Als Vorläufer kann Theodor Lessings fast noch unbekanntere Prosa über Truthahn, Eichelhäher und sogar den Bilch gelten. Bis in neuere Tage strömt einzig Eckhard Henscheids "Welche Tiere und warum das Himmelreich erlangen können" von 1995 das Odeur zoognostischer Kompetenz aus. Thelen schrieb seine närrische Buchmaus-Prosa 1959 und mußte dann noch ungefähr sieben Jahre auf die Erstveröffentlichung warten. Die berühmten Mondmetaphern Arno Schmidts werden rein zahlen- und wortschwallmäßig von Thelens komischen, restlos seltsamen, wahnwitzig durchgedrehten, aber nie unplausiblen Synonyma für Siebenschläfer durchaus überboten: Billmaus, Schlafmaus, Grauel, Schlummerlunze, Schrattratz, Speiszeist, Schrotmaus, Oberschnoberer, Glis-Glis (= glis esculentus), unsättige Gräuelratze, wühlender Vorscharr, feistwampige Zischmaus, Zieseltier, Relle, Rellmaus, Rolle, Schrotbille, Schlafheld, Schläfelkunde, Lullmaus, Kellerscheuche. Der Plural der Zeiselratz heißt Geworfel, Bilge oder Siebenvieh, ihr Treiben Bilcherei.

Endlich mal wieder hochkarätiger Pessimismus, der von "erdenklößiger Ohnmacht" tönt, verklammert mit nicht minder hochdosierter Abwesenheit von Humorlosigkeit, zugleich planetenfern jeder Spaßgesellschaft: "- dieses dem Tier wie dem Menschen welt-alt angestorbene Erbgut, mit dessen Hilfe sich alles Leibliche auf den Beinen hält".

Obwohl der Gruppe 47 der fossile Lesegast Thelen wie ein verspätetes Zitat des neunzehnten Jahrhunderts vorkam, wenn nicht gar des achtzehnten, wenn nicht gar schrulliges Überbleibsel aus Barockzeiten, wimmelt es ausgerechnet in Thelens damals a priori knorrig und veraltet riechender Prosa von Passagen, die die damals aktuellen Nachkriegstexte mittlerweile arg verblassen lassen und x-mal mehr als diese vorauseilend heutige Situationen kommentieren, wie jede Klassik, die erst postum in unveralteter Lebendigkeit und Frische loslegt. Das Wort "Atomnot", das man erst für ein druckfehlergeschädigtes "Atemnot" lesen möchte, zeigt sich für 1959 ziemlich up to date, wenngleich eingepackt in tatsächlich recht antiquarischen Duktus: "Die Menschheit, vom Schreckgespenst der Kernspaltung gejagt, vergaß die Spaltung dieser ihr völlig rätselhaften Kerne und wandte sich mit ahndig banger Aufmerksamkeit dem weitaus rätselhafteren Treiben der Buchmäuse zu."

Oder: "- nur mehrere Gelehrte zusammen, mit Hilfe ihres siamesischen Dutzend-Hirns, vermögen darüber eine einigermaßen annehmbare Auslassung zusammenzudoktern." Liest sich das mittlerweile nicht als verkennbare Umschreibung heutigen Internets? Auch an anderer Stelle scheint Thelen, der doch eigentlich nur über kleine, drollig Nüsse schiebende Nagetiere zu handeln vorgibt, 1959 eindeutig über 2001 zu sprechen: "Die führenden Staatsmänner unserer Tage sehen längst nicht mehr weiter, als ein Wilder über das Wurfmaß seiner Lanze zu blicken vermag, und das in einer Zeit, wo die Wilden Weltgeschichte machen -." Wie assoziationsfaul muß einer sein, der die zur Zeit überall lauernden arabischen Schläfer nicht im mindesten mit den Siebenschläfern vergleicht, die laut "Legenda aurea" zweihundert Jahre auf ihre Aktivierung warten mußten. Und die dann mit veralteter Währung Brot einkaufen gingen, mit Dukaten statt Euro. Und die hochergötzlichen, schnurrigen Beschreibungen, wie die Zieselmäuslein Bücher zerpflücken und wegfressen, werden atembeklemmend doppeldeutig durch ihre mühelose Übersetzung in die aktuelle talibanische Vernichtung der Archive und Bibliotheken Kabuls. "Und je blinder die Wut, je schrecklicher die Verstümmlungen, nicht nur unter den Siebenschläfern" liest sich im zweiten Jahrhundert der Geländeverminung anders als früher.

Sehr kunstreiche diffizile Illustrationen zeigen allerdings eindeutig Ratten statt Bilche, die ihrerseits mit ihrem buschigen Schweif eher Haselmäusen und Eichhörnchen ähneln. Halbwegs verzeihlich, zumal Thelen selber kundtut, mit dem biblischen Klippdachs seien Siebenschläfer gemeint. Was zoologisch nicht ganz stimmt, biognostisch und zoosophisch aber garantiert sehr.

ULRICH HOLBEIN

Albert Vigoleis Thelen: "Glis-Glis". Eine zoo-gnostische Parabel. Mit sechs Zeichnungen von Paul König. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2001. 92 S., geb., 48,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Endlich mal wieder hochkarätiger Pessimismus, der von 'erdenklößiger Ohnmacht' tönt!" freut sich Rezensent Ulrich Holbein über den Duktus dieses Buches, den er "verklammert" sieht mit "nicht minder hochdosierter Abwesenheit von Humorlosigkeit". Ein hochamüsierter Rezensent macht uns mit den Details des "selten gepflegten Genres der zoognostischen Parabel" vertraut. Und mit einem Autor, der gelegentlich unterschätzt und bisher lediglich von einer "hochenthusiasmierten" Gemeinde gefeiert werde. Thelens "närrische Buchmausprosa" sei 1959 entstanden, und die darin enthaltenen "komischen, restlos seltsamen, wahnwitzig durchgedrehten, aber nie unplausiblen Synonyma für Siebenschläfer" überbieten laut Holbein sogar Arno Schmidts berühmte Mondmetaphern schon "rein zahlen- und wortschwallmäßig". An vielen Stellen sieht der Rezensent den Autor, "der doch eigentlich nur über kleine, drollige Nüsse schiebende Nagetiere" zu schreiben vorgebe, bereits 1959 über 2001 schreiben. Auch die sehr kunstreichen, diffizilen Illustrationen des "pünktlich zum Winterschlafbeginn" erschienenen Buches haben unseren Rezensenten mehr als beglückt.

© Perlentaucher Medien GmbH