Glänzende Zeiten - Soboczynski, Adam
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"Nichts ist vor dem Witz des Erzählers sicher." -- Dirk Knipphals, taz
Ob in Berlin oder Barcelona, in der Bar oder in der Bahn: Adam Soboczynski erzählt von Männern und Frauen, die sich dem Rausch, dem Rauchen und allem Raffinierten mehr und mehr entfremden. Sie alle leiden an der braven neuen Welt. Es sind die Gesunden, die Glatten, die Asketen, die den Terror der Tugend verbreiten. Gemüse ist ihr Fleisch.
Ein überaus geistreiches und tragikomisches Buch, fast ein Roman, in dem ein Knutschfleck und Nietzsche zusammengeführt werden. Eine "Menschliche Komödie" unserer Zeit.
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Produktbeschreibung
"Nichts ist vor dem Witz des Erzählers sicher." -- Dirk Knipphals, taz

Ob in Berlin oder Barcelona, in der Bar oder in der Bahn: Adam Soboczynski erzählt von Männern und Frauen, die sich dem Rausch, dem Rauchen und allem Raffinierten mehr und mehr entfremden. Sie alle leiden an der braven neuen Welt. Es sind die Gesunden, die Glatten, die Asketen, die den Terror der Tugend verbreiten. Gemüse ist ihr Fleisch.

Ein überaus geistreiches und tragikomisches Buch, fast ein Roman, in dem ein Knutschfleck und Nietzsche zusammengeführt werden. Eine "Menschliche Komödie" unserer Zeit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • ISBN-13: 9783351033200
  • ISBN-10: 3351033206
  • Artikelnr.: 29728097
Rezensionen
Besprechung von 07.12.2010
Zeitalter
ohne Zwielicht
Eine amüsante Kulturkritik
Dem aufmerksamen Betrachter, der ihr sagt, wie sie sich jüngst verändert hat, ist die Mitwelt zu großem Dank verpflichtet; denn sie selbst pflegt spät zu merken, was sie tut. Als ein solcher bewährt sich Adam Soboczynski, Feuilletonredakteur der Zeit . „Glänzende Zeiten“ nennt er sein Buch und lässt keinen Zweifel, dass ihm diese nicht notwendig als die besten erscheinen. Mit tiefem Misstrauen sieht er den Glanz, der überall an die Stelle des Zwielichts, die Gesundheit, die an Stelle der Laster getreten ist. Und: „Ich kenne übrigens niemanden mehr, der einen Teppich hat.“ Denn im Teppich nisten Milben, oder könnten es jederzeit!
Soboczynski vermisst den mürrischen Stolz der alten Maschinen und Objekte, die, ebenso wie der (inzwischen durch einen Facility Manager abgelöste) Hausmeister, durch spezifisch misstönende Geräusche die Art ihrer Arbeit verkündeten. „Es rumpelten und ächzten ja überhaupt alle Geräte und Gegenstände,
die man so im Dämmerlicht bediente. Die Plattenspieler knisterten, die Türen quietschten, man hörte die Klospülung des Nachbarn.“ Heute sirrt höchstens noch die Klimaanlage, und das Fenster kann man nicht mehr öffnen. Die Erotik wird als unsittlich verschrien, dafür siegt auf ganzer Linie die Pornografie. Diesem Trend rechnet der Autor es auch zu, dass man nirgends mehr eine Zigarette anzünden darf, aber kein Mensch Anstoß an schwitzenden Joggern nimmt. Warum, zum Donnerwetter, müssen neuerdings an den unpassendsten Orten immer die Kinder dabei sein? Wohl nur, um sie aktiv vor den Gefahren des Passivrauchens zu schützen!
Es liegt in dieser Art von Kulturkritik, dass sie, und zwar selbst in Soboczynskis leichtfüßiger Prosa, zu Übertreibungen neigt. So werde der Flaneur, der stillvergnügt nur zum Zweck des Schauens wandle, heute generell schief angesehen oder verachtet – dabei treibt dieser sein Wesen eigentlich genauso unbehelligt wie der geschmähte Jogger. Auf den Glanz reimt sich bei uns die Toleranz, mag sie sich auch bloß der Gleichgültigkeit verdanken; das sollte man nicht gänzlich beiseitelassen.
Der Verfasser erliegt leider der Versuchung, seine locker gestreuten Kapitel, die so schöne Titel führen wie „Wohnen“, „Lachen“, „Zorn“, zu einer höheren Synthese fügen zu wollen, indem er durch Wiederholungen und ein festes Personal sacht das Register wechselt, um in den Roman hinüberzugleiten. Dass eine Mittdreißigerin immer mit einer Hand an den Schläfen zum Zeichen gelinden Kopfwehs durch die Wohnung läuft, seit sie weiß, dass ihr Lebensgefährte gewöhnlichen statt Biolack fürs Parkett verwendete – es ist ein hübsches Detail, aus dem aber noch keine Figur entspringt. Diese zwei Einwände abgerechnet, hat Soboczynski ein witziges und amüsantes Buch geschrieben. BURKHARD MÜLLER
Adam Soboczynski
Glänzende Zeiten
Fast ein Roman. Aufbau Verlag,
Berlin 2010. 202 Seiten, 16,95 Euro.
Überall viel zu viel Glanz
wundert sich der Flaneur
Adam Soboczynski
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Besprechung von 26.01.2011
Mein Magen mag kein Bio

Vom Recht des Lesers auf Maßlosigkeit - und die freie Wahl der Unterwäsche: Adam Soboczynskis Gegenwartsbeobachtungen fördern keine großen Geheimnisse zutage, aber dafür sind sie schön parteiisch.

Unterhemden und rauchfreie Kneipen können durchaus Gemeinsamkeiten haben. Aus ihrer An- respektive Abwesenheit kann man auf die mentalen Verfasstheiten einer Zeit schließen. Das zumindest unterstellt Adam Soboczynski in seinem Essayband "Glänzende Zeiten", der laut Untertitel "fast ein Roman" sein will. Während dieses Genre, zumindest als intendiertes, ein Novum sein dürfte, steht Soboczynskis Prinzip, von den großen und kleinen Erscheinungen des Alltags auf die geistigen Konfigurationen einer Gesellschaft zu schließen, in guter Tradition, knüpft es doch an die Soziologie der Großstadt an, wie sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, parallel zur Herausbildung der Metropolen, an den Schnittstellen von Philosophie und Ethnologie entstanden ist.

Dass sich von jedem Punkt der Oberfläche des Daseins ein Senkblei in die Tiefe der Seelen schicken ließe, hat etwa Georg Simmel im Essay "Die Großstädte und das Geistesleben" geschrieben, und dass auf diese Weise "die banalsten Äußerlichkeiten" mit den grundsätzlichen mentalen Konfigurationen einer Zeit verbunden seien. Dieses Koppeln von Oberfläche und Wesen einer Zeit, das Aufspüren von Symptomen und Signaturen, hat sich um Simmel und seinen Schüler Kracauer herum als Verfahren etabliert.

"Stolz", "Freundlichkeit", "Helligkeit" und "Glätte" hat Adam Soboczynski, Feuilletonredakteur der "Zeit", die ersten seiner insgesamt 29 Gegenwartsreflexionen überschrieben. Schon in diesen Titeln zeigt sich das Zusammentreffen von Mentalität und Oberflächenbeschaffenheiten. Um die Ablösung des weder kompetenten noch freundlichen Hausmeisters durch den zuvorkommenden Facility Manager geht es, um das Rauchverbot und gleichzeitige Helligkeitsgebot in Bars, um die rasante Verfallszeit technischer Geräte und ihre immerzu glatter werdenden Oberflächen, genauso wie um ebendiese von rasierten Männerkörpern und dem Verhalten von Verkäuferinnen.

Das sind zunächst einmal keine sonderlich überraschenden Beobachtungen, vielmehr jene Auswirkungen der Gentrifizierung, wie sie zumal von denjenigen beklagt werden, die erst vor wenigen Jahren in den Prenzlauer Berg gezogen sind, der unschwer als Soboczynskis Wohn- und Beobachtungsumfeld zu erkennen ist. Soboczynski ist, anders als seine Vorläufer in Sachen urbaner Feldforschung, kaum bereit, seine Beobachtungen anders als kulturpessimistisch zu deuten. Das geht notgedrungen mit einer gewissen Eindimensionalität einher. Während Simmel in seiner Rede von der Blasiertheit oder Helmuth Plessner in seiner Verwendung des Begriffs der Maske immer auch das Produktive der neuen Verhaltensweise, die individuelle und innere Freiheit gerade durch den verschlossenen und starren Habitus des Großstädters betonte, ist für Soboczynski die Maske nicht mehr als ein Symptom der Kälte.

Dieser kritische Impetus hat seinen Grund. Dem 1975 Geborenen, von dessen Buch "Von der schonenden Abwehr verliebter Frauen" vor zwei Jahren nicht nur Männer entzückt waren, geht es gar nicht um Objektivität: "Die Welt ist freundlicher geworden, heller, glatter und gesünder, während ich immer älter (Mitte dreißig), faltiger (unter den Augen) und mürrischer (morgens) werde." Soboczynski schickt das Senkblei also allem voran in die Tiefe der eigenen Seele. Dass er die eigene Befindlichkeit genauso mitreflektiert, wie er sie zunehmend offensiv zum eigentlichen Barometer macht, an dem er den Ausschlag der Gegenwart misst, rückt sein Buch tatsächlich nahe an einen (autobiographischen) Roman, zumal mit fortschreitender Lektüre das Komponierte daran immer augenfälliger wird.

Einzelne Formulierungen - da gibt es beispielsweise den Freund, "der erfolgreich etwas mit Kultur macht", die eigene Freundin ist "die Frau, die mich gut kennt" - oder auch ganze Szenen tauchen identisch in verschiedenen Kapiteln des Bandes auf, so dass der Eindruck von Relaisstellen entsteht, zwischen denen Soboczynski seine Beobachtungen aufspannt - oder eben: entspinnt. Durch dieses Arrangieren bekommt das Ganze unweigerlich Künstlichkeit und Fiktionalität. Die freilich sind gewollt. Der düstere bayrische, an einer seltenen Rückenkrankheit leidende Autor Hannes Maria Wetzler, den Soboczynski ein ums andere Mal zitiert, ist eine Erfindung. Eine indes, die mannigfache Anker in die Wirklichkeit wirft - den Verweis auf seinen Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann etwa -, so dass immerzu ein letzter Zweifel bleibt, ob es sich hierbei nicht doch um ein Objekt der jüngsten Literaturhistorie handelt, das sträflicherweise der eigenen Aufmerksamkeit entgangen ist.

In einer ähnlichen Schwebe und stets ein wenig schief verbleiben die vielen direkten oder indirekten Zitate, die Soboczynski einstreut. Neben Plessners Maske und der "Roheit" Adornos etwa das Marx-Engelsche Diktum, wonach alles Ständische und Stehende verdampfe. Bei Soboczynski wird, was einstmals das Aufbrechen sozialer und religiöser Gesellschaftsordnung meinte, zum Kommentar über das Verschwinden von "Rosi's Haarsalon" und die Ablösung von Dönerbuden durch asiatische Bistros. Der Autor spielt mit dem Material, unterläuft das eigene Urteil durch Witz und Ironie, ohne deshalb auch nur einen Deut von ihm abzurücken.

Wenn dieses Spiel gelegentlich zur Verwirrung beim Leser führt, darf man das dem Autor durchaus als Absicht auslegen. Denn wenn Soboczynskis Buch eines ist, dann ein Plädoyer für die Maßlosigkeit und ein Protest gegen alle Formen von Disziplin, Ordnung oder gar Askese. Schon beim Wort "Bio" scheint sich ihm der Magen umzudrehen, und geradezu empört beharrt er auf sein Recht der öffentlichen Zigarette und des heftigen Rauschs, dabei aber immer auch auf Stil und ornamentalen Überfluss. Das Mittelmäßige, deshalb auch das Helle, Glatte, Überschaubare, ist ihm ein Graus, weil es das Leben auf seine Optimierbarkeit reduziert. Solcherart Plädoyers würde man gern häufiger lesen, zumal wenn sie, wie bei Soboczynski, durch sprachliche Eleganz ihre ganze eigene Würde zu behaupten wissen.

Es bleibt die Sache mit den Unterhemden und den T-Shirts. Ein T-Shirt statt eines Unterhemdes unter einem Hemd zu tragen, ist, folgt man Soboczynski, so ziemlich das Verrohteste, was dem Manne heutzutage unterlaufen kann. Wir glauben dem Autor jetzt einfach mal, dass man diese modische Unsitte der achtziger Jahre tunlichst vermeiden sollte. Aber Unterhemden? Da ist guter - weiblicher - Rat teuer.

WIEBKE POROMBKA

Adam Soboczynski: "Glänzende Zeiten". Fast ein Roman.

Aufbau Verlag, Berlin 2010. 202 S., geb., 16,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Beim Versuch, das Buch in die Tradition soziologischer Großstadtstudien a la Georg Simmel zu stellen, verhakt sich Wiebke Porombka in der Eindimensionalität von Adam Soboczynskis Beobachtungen: Nicht einen Deut Positives gewinnt der Autor dem Prenzlauer Berg ab! Während für Simmel und Plessner die Tiefenbohrung über die gelackte Oberfläche führte, bleibe bei Soboczynski die Maske ein "Symptom der Kälte". Zum Glück erinnert sich die Rezensentin an das vom Autor neu erfundene Genre des "Beinahe Romans". So gesehen nämlich werden die unter Maßgabe der Befindlichkeit des Autors gesammelten Alltagsbeobachtungen zum witzigen Spiel. Und ein elegantes Plädoyer für Maßlosigkeit, wie hier zu lesen, entlockt der Rezensentin ein Hurra.

© Perlentaucher Medien GmbH