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Susan fehlt ein Bein. Tom ist die Treppe runtergefallen. Und Henning lügt so lange, bis er die Wahrheit sagt. Finn-Ole Heinrich erzählt von Menschen, die ins Schwanken gekommen sind, die das Leben mit aller Härte umgeworfen hat. Und die nun wieder aufstehen müssen.

Produktbeschreibung
Susan fehlt ein Bein. Tom ist die Treppe runtergefallen. Und Henning lügt so lange, bis er die Wahrheit sagt. Finn-Ole Heinrich erzählt von Menschen, die ins Schwanken gekommen sind, die das Leben mit aller Härte umgeworfen hat. Und die nun wieder aufstehen müssen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mairisch Verlag
  • Seitenzahl: 156
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 156 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm
  • Gewicht: 270g
  • ISBN-13: 9783938539149
  • ISBN-10: 3938539143
  • Artikelnr.: 26391097
Autorenporträt
Finn-Ole Heinrich, geb. 1982, aufgewachsen in Cuxhaven, Filmstudium in Hannover, dann Stadtschreiber in Erfurt. Er lebt jetzt in Hamburg. 2008 schrieb er das Drehbuch zum Kurzfilm 'Fliegen', der auf der Berlinale gezeigt wurde. Finn-Ole Heinrich erhielt diverse Preise und Auszeichnungen.
Rezensionen
Besprechung von 02.03.2010
Kalter Dreisatz
Finn-Ole Heinrich streift in seinen Erzählungen Tabus

Spätestens mit Clemens Meyer hat das Rohe, Derbe wieder Konjunktur in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: drastische Milieustudien, unterfüttert mit dem scharfen Gesprächston der Straße. Finn-Ole Heinrich, Jahrgang 1982, greift auf den ersten Blick ähnliche Themen auf, und nicht zufällig ist sein neuer Erzählband mit dem Titel "Gestern war auch schon ein Tag" vom Verlag mit einem zackigen Kommentar von Clemens Meyer versehen: "Hard stuff, immer aktuell, so was brauchen wir!"

Brauchen wir also - wie sie bereits Nick Hornby mit "Fever Pitch" 1992 lieferte - eine weitere Geschichte über Fußballhooligans, die unter der Woche Rechtsanwälte, Bauhelfer oder Firmenleiter sind, in ihrem "Samstagsdasein" aber mit Vorliebe Leute schlagen? Vier Nasenbeinbrüche zählt der eine stolz auf seinem Schlägerkonto. Wer im Gewühle Bier verschüttet, "kriegt auf die Fresse, so sind die Regeln". Und wer nichts macht, auch, denn "Kappelmann ist ein Schrank und seine Glatze macht verdammt noch mal Eindruck". Es geht nicht so sehr darum, ob man solche Geschichten braucht. Spannender ist die Frage, wie Finn-Ole Heinrich die jeweiligen Ich-Erzähler zur Gewalt in Beziehung setzt: normalisierend. Ihr Reden rechtfertigt nichts, sondern dreht sich im Kreis. Die Aggression kommt und geht. Und wenn doch einer erklärt, warum sie dieses brutale "Körperschach" treiben, formuliert er lapidar einen kalten Dreisatz: "Gewalt, Ästhetik, Klarheit."

Wegen solcher aus dem Erzählfluss herausfallenden Passagen entwickeln diese zirkulierenden Selbstgespräche eine ungeheuerliche Dramaturgie. In der Erzählung "Machst du bitte mit, Henning", geschrieben aus der Sicht des Jungen eines Heims "für gestörte Kinder", ist ein Geständnis Dreh- und Angelpunkt des Textes: Henning hat am Tag zuvor einen kleineren Jungen gezwungen, ein Feuerzeug zu stehlen, mit dem er ihn anzünden wollte. Nach und nach erwähnt er weitere dunkle Details, die er während der Weihnachtsfeier preiszugeben gedenkt. Finn-Ole Heinrich, von dem bislang Erzählungen und der Roman "Räuberhände" (2008) vorliegen, hat Film studiert; "Fliegen", zu dem er mit Jan Oberländer das Drehbuch schrieb, war für den Deutschen Kurzfilmpreis 2009 nominiert. Wie hinter der Kamera scheint er auch als Erzähler souverän hinter seinen Figuren zu verschwinden und deren Affekte sprechen zu lassen.

Er zwingt uns gewissermaßen in den Kopf dieses gewaltbereiten Jungen und in die bedrückende Logik seines Denkens: "Wie ich den gesehen hab, so ganz allein, hab ich gleich gemerkt, wie es anders geworden ist, also ich, und das war gar nicht mal schlecht, finde ich." Es wäre bequem, sich in dieser Welt zwischen Schwarz und Weiß orientieren zu können. Doch so leicht macht es einem Finn-Ole Heinrich nicht. Seine reflektierenden Täter und Mittäter treibt nie nur die blinde Wut. Vielmehr agieren sie als Sehende mit erschreckender Klarheit, resistent geworden gegen jede Form von Besänftigung.

Mit beklemmender Selbstverständlichkeit schildert Heinrich hier einen der wohl merkwürdigsten Vorgänge: wie sich in diesen inneren Monologen Schuld allmählich entlädt; und wie diese Schuldgefühle, da unbearbeitet, seltsam entstellt herauskommen: als Verteidigung, Verherrlichung - oder eben, wie bei dem Jungen Henning, als krasse Provokation während einer harmlosen Weihnachtsfeier.

Finn-Ole Heinrich findet für diese Vorgänge einen ganz eigenen, lebendigen Ton. Er wagt sich in dunkle Gewissensregionen hinein, streift Tabus, benennt sie bisweilen ganz deutlich. Und so finden sich neben den eher derben Geschichten auch solche, die das Thema der Abweichung in einem ganz anderen Ton anstimmen. "Zeit der Witze" etwa erzählt von der Heimkehr einer Frau, der ein Bein amputiert wurde. Ihr Ringen um Normalität, ihre aufgesetzte Fröhlichkeit prallen unverstanden auf den immer depressiver werdenden Lebenspartner, der den neuen Alltag resigniert mitstenographiert und kommentiert. "Es gibt zu reden, aber wir reden nicht." Auch hier dirigiert das schlechte Gewissen die Gedanken des Ich-Erzählers. "Ich möchte jemandem davon erzählen, der nicht sofort weiß, was zu tun ist. Darf man an Trennung denken. Warum macht mich ein fehlendes Stück Bein am Ende meiner Freundin fast verrückt."

Zuschreibungen, Konventionen, die Glücksversprechen der Gegenwart nisten sich in diese sorgfältig durchkomponierten Erzählungen ein. Eine der besten, "Marta", beschreibt das Wenigerwerden einer kranken Frau, die schließlich stirbt. Es rührt, wie sich hier Nähe und zugleich die Angst vor Nähe ausdrücken. Mit unverstelltem Blick schildert Heinrich die Ohnmacht des Einzelnen, der vor den Normalisierungszwängen kapituliert. Es geht in diesen so unterschiedlichen Texten tatsächlich um kaum weniger als den Wunsch nach Authentizität, um die Suche nach der besonderen Geste oder Formulierung, welche diese Figuren jenseits ihrer Rollen zeigt. "Es macht mich rasend, dass ich es nicht herausgefunden habe, Marta: Wie du aussiehst, wenn du weinst. Ich weiß nichts von dir, hast du nie geweint, Marta?" Vielleicht sprechen diese Erzählungen auch von der Furcht, dass nichts herauszufinden ist, dass keine Motive und Gefühle hinter den Handlungen stehen. Finn-Ole Heinrich gibt dieser Furcht, diesen Widersprüchen Raum.

ANJA HIRSCH

Finn-Ole Heinrich: "Gestern war auch schon ein Tag". Erzählungen. Mairisch Verlag, Hamburg 2009. 160 S., geb., 16,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensentin Anja Hirsch schätzt diesen Band mit Erzählungen von Finn-Ole Heinrich. Besonders interessant findet sie an den Geschichten, wie der Autor seine Figuren zur Gewalt in Beziehung setzt. Deren Reden rechtfertige nichts, sondern zeige die Gewalt als normal. Dabei attestiert Hirsch dem Autor, als Erzähler hinter seinen Figuren zu verschwinden und ganz deren Affekte sprechen zu lassen. Bei den Erzählungen geht es in ihren Augen auch um den Wunsch nach Authentizität, die die Figuren jenseits ihrer Rolle zeigt, und um die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den Normalisierungszwängen. Mit Lob bedenkt Hirsch die Sorgfalt, mit der die Geschichten komponiert sind, ihre "ungeheuerliche" Dramaturgie, die sie aus den inneren Monologen der Protagonisten entwickeln, sowie den eigenen "lebendigen" Ton des Autors.

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