Geschichte des Rassismus - Geulen, Christian
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Dieses Buch liefert einen Überblick zur Geschichte rassistischer Ideologien und Praktiken von der Antike bis heute. Auch wenn bereits in der Antike und im Mittelalter bestimmte Gruppen ausgegrenzt wurden, beginnt eine zusammenhängende Geschichte des Rassismus erst mit der Entstehung des Begriffs Rasse und seiner Anwendung auf menschliche Gruppen im ausgehenden 15. Jahrhundert. Von der europäischen Expansion über den Sklavenhandel bis zu den imperialen, nationalen und totalitären Kontexten des 19. und 20. Jahrhunderts hat sich der Rassismus stetig weiter entwickelt. Ein Ende seiner Geschichte ist nicht absehbar.…mehr

Produktbeschreibung
Dieses Buch liefert einen Überblick zur Geschichte rassistischer Ideologien und Praktiken von der Antike bis heute. Auch wenn bereits in der Antike und im Mittelalter bestimmte Gruppen ausgegrenzt wurden, beginnt eine zusammenhängende Geschichte des Rassismus erst mit der Entstehung des Begriffs Rasse und seiner Anwendung auf menschliche Gruppen im ausgehenden 15. Jahrhundert. Von der europäischen Expansion über den Sklavenhandel bis zu den imperialen, nationalen und totalitären Kontexten des 19. und 20. Jahrhunderts hat sich der Rassismus stetig weiter entwickelt. Ein Ende seiner Geschichte ist nicht absehbar.
  • Produktdetails
  • C.H. Beck Wissen
  • Verlag: Beck
  • 2., durchges. Aufl.
  • Seitenzahl: 128
  • Erscheinungstermin: August 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm
  • Gewicht: 133g
  • ISBN-13: 9783406536243
  • ISBN-10: 3406536247
  • Artikelnr.: 22803379
Autorenporträt
Christian Geulen ist Professor für Neuere/Neueste Geschichte und deren Didaktik an der Universität Koblenz-Landau.
Rezensionen
Besprechung von 01.10.2007
Blutrausch, von Zeit zu Zeit

Er ist gefürchtet als Erscheinung, aber gern genommen als Erklärung, er ist geächtet und gesucht zugleich: Der nach dem Zweiten Weltkrieg überwunden geglaubte Rassismus erlebt in der Epoche der Globalisierung eine unerwartete Konjunktur. Müssen heute also bedauernswerte Inder in einer Pizzeria Zuflucht vor dem aufgebrachten Mob einer ostdeutschen Kleinstadt suchen, beginnt sogleich der Kampf darum, ob die Übergriffe zu Recht als rassistisch zu bezeichnen seien. Die lokalen amtlichen Vertreter weisen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus weit von sich, während die Politik in der Hauptstadt alsbald genau dieses Motiv nicht ganz uneigennützig als Grund des Übels ausmacht. Denn waren die Taten rassistisch motiviert, sind sie natürlich erschütternd und verabscheuungswürdig, aber wenigstens erklärbar, fast vertraut: Es sind immer noch die Ewiggestrigen, die in einer geschlossenen Welt Zurückgebliebenen, die von Zeit zu Zeit in einen Blutrausch verfallen.

Diese bequeme Plausibilität sollte allerdings misstrauisch machen. Denn wie um alles in der Welt können die Ewiggestrigen immer aufs Neue den Morgen einer freundlichen Menschheit derart verdunkeln? Und wenn der Rassismus so unmodern ist, warum ist er dann in der Gegenwart so präsent als Vorstellung, als Gefahr und als reales oder unterstelltes Motiv? Das alles scheint nicht recht zusammenzupassen, und man gesteht sich besser ein, dass man über den Rassismus offenbar doch nicht alles schon weiß. Und dass er uns vielleicht beträchtlich näher ist, als wir wahrhaben möchten. Denn wie lustvoll wird neuerdings wieder sortiert: Die Gesunden und die Kranken, die Faulen und die Fleißigen, die Fetten und die Gesundheitsbewussten, Raucher und Nichtraucher.

Das Versprechen solcher Zuordnungen klingt immer verlockend: Er verspricht die Stabilität "natürlicher Verhältnisse" in einer Welt, in der nichts mehr im schlichten Wortsinn natürlich gegeben, sondern konstruiert, verwissenschaftlicht, rationalisiert und abstrahierenden Maßstäben unterworfen ist. Die Geschichte dieses Versprechens erzählt Christian Geulen, Juniorprofessor an der Universität Koblenz-Landau und Autor eines bemerkenswerten Werks über "Rassendiskurs und Nationalismus im 19. Jahrhundert", auf knappem Raum, luzide und pointenreich (Christian Geulen: "Geschichte des Rassismus". Verlag C. H. Beck, München 2007. 128 S., br., 7,90 [Euro]).

Geulen kann plausibel erklären, warum diese Geschichte auch heute noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Sein Buch gehört zum Besten, was man zum Rassismus lesen kann. Dabei rückt ein Datum in den Blick, das man mit Kolumbus identifiziert. Im selben Jahr 1492, da Kolumbus auf den Bahamas landete, wurde in Spanien die Reconquista für beendet erklärt - und es begann gegenüber einer Gesellschaft, in der bereits große Teile der Bevölkerung auf massiven Druck hin zum Christentum konvertiert waren, nicht nur eine Politik der flächendeckenden Zwangsbekehrung, sondern auch eine Politik des Verdachts: Das Glaubensbekenntnis der "conversos" reichte nicht für die zweifelsfreie Beglaubigung der Zugehörigkeit.

An die Stelle des Glaubensbekenntnisses trat nun die Abstammung. Es wurden, wie Geulen schreibt, "Kultur, Glaube und Tradition im Kontext der reconquista erstmals von der neuen, Ordnung stiftenden Kategorie der ,Rasse' überformt und im Medium kollektiver Abstammung erfasst". Der Verdacht richtete sich gegen unsichtbare und unerklärte Feinde der Gesellschaft, die zum Wohl aller aufgespürt und ausgemerzt werden sollten.

Natürlich kannte auch die Antike Aus- und Abgrenzungsbegriffe wie etwa den "Barbar", aber diese gehörten zu einem relativ statischen Ordnungsmodell. Niemand sah in den dekretierten Zugehörigkeiten den Schlüssel zur Verbesserung der Welt. Ähnlich verhielt es sich mit der defensiven Exklusivität des Judentums. Zudem waren diese Zugehörigkeiten in der Antike in bestimmten Fällen veränderbar und dann auch rechtlich gefasst, wenn etwa der Sklave zum Freien wurde.

Im frühneuzeitlichen Europa aber wurde umgekehrt gerade im Zuge der großen Neuordnung der Gesellschaften das Unveränderliche, die Abstammung mit allen rechtlichen Konsequenzen, naturhaft festgeschrieben. Freilich handelt es sich hier noch nicht um eine Biologisierung des Politischen. Auf die Eroberung der "neuen Welt" und das Wissen um die globale Vielfalt reagierten die Gelehrten mit einem ganz neuen Begriff des Lebens, der sich von der kirchlichen Lehre entfernte und die Natur rationalisierte. Die Menschheit als naturgeschichtliche Gattung, so Geulen, ging dem Menschen als konkretes Gegenüber voraus. Vor dem Hintergrund dieses neuen Konzepts entwarf Henri de Boulainvilliers eine Geschichte des französischen Adels, in der er Adel und Volk als zwei getrennte und unvermischbare "Rassen" darstellte. Die im neunzehnten Jahrhundert erfolgende Ethnisierung des Selbstbildes, die in Deutschland erst nach dem Krieg von 1870/71 nicht zuletzt im Hinblick auf das annektierte Elsass-Lothringen erfolgte, bereitete dann den Weg für eine Biologisierung der Politik. Die Folgegeschichte ist bekannt. Globalisierung und Genetik haben inzwischen für die Entstehung neuer Ideologien von der Sortierung der Menschheit ein weites Feld geschaffen. In ihnen geht es vermeintlich nur um Gesundheit und Gerechtigkeit, tatsächlich aber um die Kriterien neuer Zugehörigkeitsregeln, die über Lebenschancen entscheiden.

MICHAEL JEISMANN

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wie lückenhaft unser Wissen über den Rassismus doch ist, hat die Lektüre dem Rezensenten verdeutlicht. Michael Jeismann ist dem Autor Christian Geulen nicht nur dankbar für ein Buch, das für ihn "zum Besten" gehört, was man über das Thema lesen kann, sondern auch dafür, das bequeme Zuordnungssystem einer Welt der Gegensätze "auf knappem Raum, luzide und pointenreich" fragwürdig erscheinen zu lassen. Den von Geulen zu diesem Zweck vorgenommenen Rückgriff auf die Zeit der Zwangsbekehrungen am Ende der spanischen Reconquista findet Jeismann erstaunlich. Von hier aus erkennt er den Weg zur "Biologisierung des Politischen" und schließlich zu Globalisierung und Genetik und damit zu neuen, wie Jeismann vermutet, lebensentscheidenden "Zugehörigkeitsregeln".

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