Produktdetails
  • Verlag: Ed. Tertium
  • ISBN-13: 9783930717569
  • ISBN-10: 3930717565
  • Artikelnr.: 08056042
Rezensionen
Besprechung von 04.06.2004
Leitsterne nach nirgendwo
Leonid Heller und Michel Niqueux renovieren die russische Utopie

Im ewig wilden Rußland verwandeln sich Ideen beinahe zwangsläufig in Visionen. Ob christliche Verheißung, staatliche Ordnung, fromme Legenden oder aufklärende Reformen - der Hintergrund der rauhen Lebensverhältnisse bringt die Schönheit eines Gedankens zum Leuchten. Er vergegenwärtigt aber auch den Abgrund, der bei seiner Verwirklichung zu überwinden ist. Die Dialektik der Geschichte machte das unzivilisierbare Rußland zu einem Magnetfeld, das fremde Utopien anzog und eigene ausbrütete. Indem sie eine bessere Welt entwirft, formuliert die Utopie die Defizite der gegebenen. Versuche, das Ideal auf den Erdboden herunterzuzwingen, bringen indes beinahe zwangsläufig Antiutopien hervor. Im einen wie im anderen hat Rußland Exemplarisches geleistet - "stellvertretend für uns alle", befinden die beiden Literaturhistoriker Leonid Heller und Michel Niqueux. Sie haben verdienstvollerweise schon vor zehn Jahren die einander oft bekämpfenden utopischen Entwürfe gesammelt und zu einer Kulturgeschichte gebündelt.

Unter dem Titel "Geschichte der Utopie in Rußland" zeigt das für die deutsche Übersetzung von den Autoren erweiterte Werk, wie das Christentum mit seiner liturgischen Schönheit die Produktion von Utopien ankurbelte und noch das Jahrhundertprojekt der Sowjetgesellschaft inspirierte. Die mit seinem Scheitern angebrochene postutopische Epoche beschert, so glauben die Autoren, dem russischen Geisteshaushalt die schwierigste aller Utopien. Hellers und Niqueux' Studie speist sich aus imponierender Belesenheit und ist mit einem dichten Netz von Werk- und Literaturverweisen unterfüttert. Die Perlenschnur beginnt mit jenen Reiseberichten frommer Pilger von idealen Ländern, welche die reale Existenz des Paradieses bewiesen. Von Klosterbrüdern gesammelt, nährten sie den Volksglauben bis ins zwanzigste Jahrhundert. Als neues "erwähltes Volk" faszinierte das orthodoxe Rußland auch ausländische religiöse Eiferer wie im siebzehnten Jahrhundert den Kroaten Juri Krischanitsch und den deutschen Quirinus Kuhlmann. Zugleich trat die christliche Utopie der inneren Vervollkommnung, wie sie die Einsiedlerbewegung verfolgte, mit der Staatskirchenutopie, die sich auf militärisch gedrillte Gemeinschaftsklöster stützte, in Konflikt.

Obwohl oder gerade weil die auf Zwangsmaßnahmen gebaute Staatsutopie, die seit Zar Peter dem Großen im säkularen Gewand auftrat und den Utopieträger Kirche selbst unterjochte, realhistorisch siegte, mobilisierte die Utopie von der gerechten, brüderlichen Gemeinschaft im Geist des Urchristentums die russische Sektenbewegung, die bis heute in entlegenen Waldgegenden fortlebt. Zur reichen Ernte literarischer Utopien des neunzehnten Jahrhunderts gehören polizeistaatliche Ideale wie Michail Schtscherbatows "Ophir", der romantische Blick zurück in eine erträumte glorreiche slawische Antike oder aber in die Zukunft, wie in der Vision des Philosophen Odojewski vom siegreichen russischen Weltreich. Eine abenteuerliche Wissenschaftsutopie wie der Plan des Philosophen Nikolai Fjodorow, die Toten real auferstehen und ferne Planeten besiedeln zu lassen, befruchtete nicht nur Sowjetutopisten und Generationen erstklassiger Schriftsteller, sondern auch Pioniere der sowjetrussischen Raumfahrt.

Die anatomische Sammlung utopischer Motive durch ihre geschichtlichen Metamorphosen hindurch führt eindrucksvoll vor, wie utopisches Denken dieses Land immer wieder vergewaltigt. Zugleich wird klar, daß es ohne den utopischen Funken zu zerfallen droht. Selbst große Utopiekritiker wie Dostojewskij oder Solschenizyn halten sich an eigenen Utopien fest. Hellers und Niqueux' Buch dürfte als enzyklopädische Fundgrube und bibliographischer Steinbruch zum obligatorischen Rüstzeug des anspruchsvollen Rußlandforschers werden.

KERSTIN HOLM

Leonid Heller, Michel Niqueux: "Geschichte der Utopie in Rußland". edition tertium, Bietigheim-Bissingen 2004. 377 S., br., 35,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Standardwerk! - so ruft es aus Kerstin Holms Besprechung der vorliegenden Studie, die sich Russland als Nährboden von Utopien (und Antiutopien) widmet. Angeregt vom ausgiebigen Stöbern in Heller und Niqueux' "enzyklopädischer Fundgrube" erinnert sie daran, wie vor dem "Hintergrund der rauhen Lebensverhältnisse" Gedanken und Ideen beinahe zwangsläufig zu Visionen aufleuchteten und benennt die Quelle der immer wieder erneuerten Inspiration: das Christentum, das "mit seiner liturgischen Schönheit die Produktion von Utopien ankurbelte und noch das Jahrhundertprojekt der Sowjetgesellschaft inspirierte". Die beiden Autoren (ihr Werk wurde für die deutsche Ausgabe noch erweitert) streifen durch Jahrhunderte voller utopischer Motive, und zwar laut Rezensentin mit "imponierender Belesenheit" und abgesichert durch ein dicht geknüpftes Verweisnetz. Dabei offenbarten sie nicht nur Utopismus, sondern auch seine negativen Folgen: Das Joch der absolut gesetzten Idee.

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