Geliebter Doctorcito - Kahlo, Frida
    Gebundenes Buch

Nur einer einzigen Person vertraute Frida Kahlo in größter Offenheit ihre intimsten Hoffnungen und Ängste an: Ihrem Arzt Dr. Leo Eloesser. Ihr "liebster Doctorcito" wurde um Rat gebeten in medizinischen, lebenspraktischen, künstlerischen und politischen Dingen.

Produktbeschreibung
Nur einer einzigen Person vertraute Frida Kahlo in größter Offenheit ihre intimsten Hoffnungen und Ängste an: Ihrem Arzt Dr. Leo Eloesser. Ihr "liebster Doctorcito" wurde um Rat gebeten in medizinischen, lebenspraktischen, künstlerischen und politischen Dingen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schirmergraf
  • Seitenzahl: 156
  • Erscheinungstermin: 9. April 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 197mm x 121mm x 16mm
  • Gewicht: 273g
  • ISBN-13: 9783865550712
  • ISBN-10: 3865550711
  • Artikelnr.: 28035693
Autorenporträt
Frida Kahlo, geboren am 6. Juli 1907 in Coyoacán/Mexico, gestorben ebendort am 13. Juli 1954. Ihr nur 143 meist kleinformatige Gemälde umfassendes Werk ist erst seit den siebziger Jahren, als die Frauenbewegung sie entdeckte, weltweit berühmt geworden; einige ihrer Bilder, wie "Die gebrochene Säule" oder "Der verwundete Hirsch", sind inzwischen Ikonen weiblicher Selbstdarstellung. Prägend für ihr Werk war ihr persönliches Schicksal. Als 18jährige erlitt sie einen Busunfall, dessen Folgen sie bis an ihr Lebensende ertragen musste und ihr ureigener Blick auf die Kunst, die sie mexikanische Folklore mit Surrealismus, barocke Maltechniken mit Autobiographischem verschmelzen ließ.

Lisa Grüneisen, 1967 geboren, arbeitet seit ihrem Studium der Romanistik, Germanistik und Geschichte als Übersetzerin. Sie übersetzte u.a. Carlos Fuentes, Miguel Delibes, Alberto Manguel und Frida Kahlo.
Rezensionen
Besprechung von 15.07.2010
Die orthopädische Staffelei
„Jedenfalls bin ich wie eine Katze – mich bringt so schnell nichts um“: Die Korrespondenz der Malerin Frida Kahlo mit ihrem Arzt Leo Eloesser
Der Frida-Kahlo-Fanshop ist um einen weiteren Artikel reicher. Unter dem Titel „Geliebter Doctorcito“ liegen nun auch Briefe der Malerin an einen ihrer vertrautesten Ärzte auf deutsch vor. Das Vorwort zu dem schmalen Band stammt von Carlos Monsiváis, einem berühmten, gerade erst verstorbenen mexikanischen Schriftsteller. Der fragt gegen Ende seiner Einleitung: „Würden wir Frida Kahlos Texte auch lesen, wenn sie nicht von Frida Kahlo wären?“ Der Anwort weicht er aus und schreibt stattdessen: „Frida ist von einer solchen Dimension, dass alles an ihr von Interesse ist.“
Die richtige Antwort auf Monsiváis‘ Frage lautet: Nein – wir würden die Texte nicht lesen, wenn sie nicht von Frida Kahlo wären. Und dieser Antwort braucht man gar nicht auszuweichen, denn sie ist überhaupt kein Argument gegen eine Veröffentlichung von Briefen wie diesen an den „Doctorcito“ Leo Eloesser, den ehemaligen Leiter der Chirurgie an der Medizinischen Fakultät der Stanford University bei San Francisco. Frida Kahlo verdankt ihren Kultstatus nun einmal nicht allein dem künstlerischen Wert ihrer Bilder, sondern auch ihrem leiderfüllten, „packenden“ Leben, zu dem auch die Selbstinszenierung gehörte. Da ihre Krankengeschichte – die Folgen der Kinderlähmung und der schweren Verletzung bei einem Busunfall – Auslöser und Motiv ihrer malerischen Arbeit war, scheint die Publikation der Korrespondenz mit einem Leibarzt sogar besonders gerechtfertigt.
Frida Kahlo, 1907 geboren, suchte den 25 Jahre älteren Eloesser erstmals 1930 auf. Er freundete sich sowohl mit ihr als auch mit ihrem Mann, dem revolutionärem Star-Muralisten Mexikos, Diego Rivera, an. 1931 porträtierte Kahlo ihren neuen Lieblings-Arzt, 1940 widmete sie ihm eines ihrer Selbstporträts. Beide Bilder sind neben einer ganzen Reihe farbiger Vignetten im Buch abgebildet und deuten schon darauf hin, dass Kahlo Eloesser nicht nur medizinische Sorgen mitteilte.
Regelmäßig war allerdings auch seine Expertise gefragt. 1932 etwa war Kahlo – nach einer schon länger zurückliegenden Fehlgeburt – zum zweiten Mal schwanger und dachte, ihres geschundenen Körpers wegen, über einen Abbruch nach: „Dr. Pratt sagt, dass Schwangerschaftsabbrüche gegen die Natur seien und deshalb das Nervensystem angriffen, und das sei in meinem Zustand viel schlimmer, als das Kind auszutragen. Glauben Sie, dass die Ärzte das zu allen Schwangeren sagen, oder denken Sie, dass es tatsächlich gut für mich wäre, ein Kind zu bekommen?“ Schon der nächste Brief berichtet von der neuerlichen Fehlgeburt („der Fötus war ganz zersetzt“), von vielen Tränen, aber auch vom Schwamm-drüber: „Jedenfalls bin ich wie eine Katze – mich bringt so schnell nichts um.“
Tatsächlich gehört Frida Kahlos eiserner Lebensmut zu den wiederkehrenden Motiven der Briefe. Kein Lamento über das „Wrack“, das sie ist oder „dieses beschissene Leben“, zu dem ihr Körper und die chronische Untreue ihres Mannes sie verurteilen, das nicht wieder lakonisch abgefangen oder trocken ausgebremst würde. Nach Riveras Affäre mit ihrer eigenen Schwester versagt sie sich die andauernde Trauer, „weil ich mit großen Schritten auf einen dieser erschreckenden Nervenzusammenbrüche zusteuerte, der Frauen zu unerträglichen Idiotinnen macht“. Dieser erstaunlichen toughness steht nur ihr oft demütiges, heutige Leser fast schmerzendes Verständnis für die unzähligen Eskapaden des verehrten Gatten gegenüber.
„Diego arbeitet im Nationalpalast, und ich bin zu Hause und male meine kleinen Figürchen oder kratze mich am Bauch“, schreibt sie zu Silvester 1942. Ihr Stil ist klar, direkt, ohne literarisches Dekor und durchaus vergnüglich, wenn sie dem Doktor etwa eine Umarmung „groß wie die Sowjetunion“ schickt, sich entschuldigt, dass sie unzuverlässiger ist „als das Saxofon in einer Jazzband“ oder vom Krankenlager aus sagt: „In meinem Zustand tauge ich nicht einmal als Abflussstöpsel.“
Sehr nett zu lesen sind schließlich auch ihre wiederholten Ausfälle gegen die „reichen Säcke“ aus „Gringolandia“ und überhaupt die „sogenannten ,kultivierten Leute‘“. Bei alldem bleibt dieses Buch ein Artikel für Fans mit übergroßem Frida-Kahlo-Hunger. Dem trägt der Verlag allerdings nur ungenügend Rechnung. Denn wessen Kahlo-Neugier bis zu diesem Briefband reicht, den lassen die sporadischen Anmerkungen am Ende des Buches ungesättigt zurück. Weder erfährt man, ob die vorliegenden Briefe – darunter auch diverse von Eloesser an Kahlo – die gesamte oder auch nur die gesamte erhaltene Korrespondenz umfassen, noch werden die jeweiligen Hintergründe hinreichend kommentiert. Auch über die „Bergung“ des Schriftwechsels erfährt man nichts. 1940 wechseln die Briefpartner vom Sie zum Du, der Ton wird noch einmal vertrauter, Frida schickt „1000 Küsse“, der Doktor vermisst ihre „rauen Lippen“. Hat es eine Affäre gegeben? Kein Wort dazu.
1951, drei Jahre vor Kahlos Tod, bricht der Briefwechsel ab. Aus den letzten sechs Jahren der Korrespondenz scheint lediglich ein Kahlo-Brief erhalten; ihm stehen neun Eloesser-Briefe gegenüber. Im allerletzten kommentiert der Arzt abermals die Krankengeschichte seiner fernen Patientin: „Mein schönes Mädchen, selbst wenn Du eine Aztekin bist, sollte man Dich nicht so auf den Opferstein legen. Malst Du? Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ein Farbkasten die beste Medizin für Dich und eine Staffelei die beste orthopädische Apparatur.“
MERTEN WORTHMANN
FRIDA KAHLO: Geliebter Doctorcito. Briefe an Dr. Leo Eloesser. Aus dem Spanischen und Englischen übersetzt von Lisa Grüneisen und Jochen Staebel. SchirmerGraf Verlag, München 2010. 157 Seiten, 17,80 Euro.
Frida Kahlo, 1950 Foto: Juan Guzmán/VG Bildkunst Bonn 2010
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Der nun erschienene Band mit Briefen von Frida Kahlo und ihrem Arzt Leo Eloesser ist in Merten Worthmanns Augen zweifellos ein Fan-Artikel, und er räumt auch ein, dass man die Briefe, stammten sie nicht von der berühmten mexikanischen Malerin, nicht unbedingt lesen müsste. Da aber die Krankengeschichte Frida Kahlos Motor und Motiv ihrer Kunst ist, wie der Rezensent betont, sei auch die Publikation der Korrespondenz mit ihrem Arzt durchaus von Interesse. Zudem lesen sich die in klarer Sprache und mit einem bemerkenswerten Mangel an Selbstmitleid verfassten Briefe sehr unterhaltsam, so Worthmann. Nicht zufrieden ist der Rezensent allerdings mit dem Anmerkungsapparat, der sich nicht nur darüber ausschweige, ob es sich bei den Briefen um die gesamte erhaltene Korrespondenz handelt, sondern auch kaum Hintergründe liefere. Besonders interessiert hätte Worthmann da zum Beispiel, ob sich hinter Eloessers Satz, er vermisse Kahlos "raue Lippen" nicht vielleicht eine Affäre verbirgt.

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