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Rezensionen
Besprechung von 31.08.2002
Schrecken in der Schwarte
"Freddy Findig": Ein amerikanischer Klassiker erstmals auf deutsch

Ausdrücklich als "Märchen" hat George Orwell seine Parabel "Farm der Tiere" bezeichnet, die Geschichte vom Aufstand der Vierbeiner auf der Farm des Bauern Jones und davon, wie sich die Revolution zurückverwandelt ins Klägliche. Die Satire auf den Stalinismus erschien 1945 und wurde ein Bestseller. Wer seinen Orwell kennt, wird womöglich noch mehr Spaß haben an der Lektüre von "Freddy Findig", den Abenteuern eines ganz anderen Farmschweins, das so gerne ein berühmter Detektiv wäre. Leseanfängern könnte das Buch immerhin als Wegweiser dienen - von einem literarischen Bauernhof zum nächsten.

Walter Rollin Brooks, 1886 in Rome im amerikanischen Bundesstaat New York geboren und 1958 gestorben, hat sein Lebenswerk auf Freddy Findigs Borsten errichtet - insgesamt sechsundzwanzig Bände. Orwell könnte sie gekannt haben, denn die erste Geschichte um das Schwein, das sich stets schlauer dünkt, als es ist, doch niemals wirklich tief in die Patsche gerät, erschien 1928 - und wurde in Amerika unmittelbar zum Klassiker. Noch heute treffen sich die Mitglieder des amerikanisch-kanadischen Fanclubs "Friends of Freddy" zu regelmäßigen Werksexerzitien. Liest man allerdings das Eröffnungskapitel in seiner ersten deutschen Ausgabe, kann man die Begeisterung nicht auf Anhieb nachvollziehen.

Mit den anderen Tieren der Bean-Farm betreibt Freddy zunächst das Reiseunternehmen Hof- und Höflich-Tours GmbH, von den Kunden läßt er sich mit Büchern, Zeitschriften und Zeitungen bezahlen. So steigt er zur Führungspersönlichkeit, gleichsam zum Intellektuellen des Bauernhofs auf. Die eigentliche Handlung dieses Vorspiels beschränkt sich auf die Beschreibung eines Spaziergangs bei großer Hitze und die Vorstellung jener Tiere, denen man in den späteren Episoden wiederbegegnen wird. Das ist fast ein wenig betulich erzählt, und offen bleibt, ob dieser Eindruck ausschließlich der Übersetzung geschuldet ist, die den Wortwitz des Originals zu Formeln verdünnt wie etwa Freddys Aussage, dies sei das beste Buch, das ihm seit langem in die Hufe geraten sei, oder seiner Befürchtung, sich vor Schreck in die Schwarte zu machen. Gelegentlich wird eine Ratte "rattenteufelswild", doch damit ist die jäh aufflackernde Originalität der Übertragung im wesentlichen erschöpft.

Die Idee für seine Detektei will Freddy durch die Lektüre von Conan Doyles Sherlock-Holmes-Erzählungen gewonnen haben - allerdings nimmt Brooks das damit naheliegende Spiel mit literarischen Figuren und ihrer Variation nicht wirklich auf. Einmal läßt er Freddy im Holmes-Habit durch das Farmgebäude schleichen und die Gattin des Besitzers erschrecken. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, da Menschen ins schier übermenschliche Miteinander der Tiere hineingezogen werden, das sich, je weiter man liest, um so mehr als Schilderung der Utopie eines idealen Gemeinwesens entwickelt, ganz ohne Pathos, dabei nicht ohne sanfte Ironie geschildert. So verfallen die Tiere, wiederum angestiftet vom Ordnungsstifter Freddy, auf den Gedanken, in einer Box des Pferdestalls ein Gefängnis einzurichten - das schnell überfüllt ist, weil sich herumgesprochen hat, daß hier mitten in der Hofidylle ein noch idyllischeres Plätzchen entstanden ist.

Das Erstaunlichste dieses Buchs ist, wie der Charme von Brooks' unprätentiöser Erzähltechnik verfängt, die sich um wenige immer wieder neu variierte Motive rankt. Ganz selbstverständlich entsteht, wenn man den behäbigen Anfang hinter sich hat, ein Sog, der mitten hineinführt ins Leben auf dem Hof von Mr. und Mrs. Bean. Es ist ein heiteres Gegenbild zu Orwells "Farm der Tiere". Man könnte sogar meinen, daß sich die beiden Entwürfe an ihren äußeren Rändern ergänzen.

Zwischendurch wird bei Brooks viel gesungen, wodurch sich der Sinn der CD zum Buch erschließt. Christoph Biemann, Autor, Regisseur und Darsteller der "Sendung mit der Maus", liest eine leicht gekürzte Fassung der Erzählungen, der Jazzmusiker Manfred Schoof hat eingängige Lieder und Zwischenmusiken beigesteuert. Ein Vergnügen, bei dem das Buch als Hörspiel über sich selbst hinauswächst, durch die Stimme des Erzählers und den Klang der Instrumente gleichsam Körper und Bedeutung gewinnt.

ANDREAS OBST

Walter R. Brooks: "Freddy Findig - Aufregung auf der Bean-Farm". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Yvonne Hergane. Mit Zeichnungen von Kurt Wiese. Bertelsmann Verlag, München 2002. 223 S., geb., 13,- [Euro]. Ab 8 J.

"Freddy Findig". Gelesen von Christoph Biemann. Musik von Manfred Schoof. Random House Audio, München 2002. 2 CDs, zus. 142 Min., 15,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als Hörspiel wachse das Buch über sich selbst hinaus, schreibt im Überschwang der Begeisterung Rezensent Andreas Obst. Den 1928 zuerst erschienene amerikanische Kinderbuchklassiker beschreibt er als "heiteres Gegenbild" zu George Orwells "Farm der Tiere" und lobt den Sog seiner unprätenziösen Erzähltechnik. Im Buch werde zwischendurch viel gesungen, wodurch sich nun der Sinn dieser CD dem Rezensenten ideal erschloss. Christoph Biemann, "Autor, Regisseur und Darsteller der 'Sendung mit der Maus'" lese eine leicht gekürzte Fassung der Erzählungen. Der Jazzmusiker Manfred Schoof habe eingängige Lieder beigesteuert. Kritikerbefund: "ein Vergnügen".

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