Fräulein Ava Laurin - Schostack, Renate
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Ava Laurin wird in den 1950ern unter widrigen Umständen erwachsen. Beim großen Luftangriff auf Pforzheim ausgebombt, muss sich die Familie im beschaulichen Vorort Brötzingen eine neue Existenz aufbauen. Ava jedoch widmet sich lieber den Alten Sprachen und der Klassischen Musik - und entdeckt die Männer. Über diesen Erkundungsversuchen schwebt jedoch ein Schatten, der sie immer wieder daran hindert, das zu tun, was sie eigentlich möchte. In ihrem letzten, biografisch inspirierten Roman illustriert Renate Schostack lebendig, was es bedeutet, ein Fräulein zu sein.…mehr

Produktbeschreibung
Ava Laurin wird in den 1950ern unter widrigen Umständen erwachsen. Beim großen Luftangriff auf Pforzheim ausgebombt, muss sich die Familie im beschaulichen Vorort Brötzingen eine neue Existenz aufbauen. Ava jedoch widmet sich lieber den Alten Sprachen und der Klassischen Musik - und entdeckt die Männer. Über diesen Erkundungsversuchen schwebt jedoch ein Schatten, der sie immer wieder daran hindert, das zu tun, was sie eigentlich möchte. In ihrem letzten, biografisch inspirierten Roman illustriert Renate Schostack lebendig, was es bedeutet, ein Fräulein zu sein.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.04.2020

Vom Dasein in der Goldrandwelt
Renate Schostacks nachgelassener Roman "Fräulein Ava Laurin"

Wenige Wochen vor ihrem plötzlichen Tod hatte Renate Schostack mich besucht. Sie war mit ihrem neuen Auto auf der Durchreise nach Thüringen: "Kultur tanken" wollte sie. Wir waren uns nicht nur seit vielen Jahren gemeinsamer Arbeit in dieser Zeitung verbunden. Sie habe einen Roman abgeschlossen, erzählte sie, ihren längsten und persönlichsten. Ihre Verlage lehnten eine Veröffentlichung hauptsächlich wegen seines Umfangs ab. Das kränkte sie. Sie war aber auch nicht bereit, erheblich zu kürzen. Schließlich sei es die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend in Pforzheim, einer vom Krieg schwer getroffenen Stadt. Der Buchtitel "Fräulein Ava Laurin" bezeichnet die Distanz, die ihr stets wichtig war. Sie hat sich immer als etwas Besonderes gefühlt. Jetzt ist der Roman mit Unterstützung von Freunden und der Familie herausgekommen.

Ava fällt das Lernen leicht, für das Klavier- und Geigeüben braucht sie mehr Zeit als für die Schule. Die Familie, deren Mitglieder allesamt mit dem Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Textilgeschäfts beschäftigt sind, nimmt Rücksicht: Ava darf lernen, soviel sie will. Vom neunten Lebensjahr an führt sie ein Tagebuch. Der Großvater hat es ihr geschenkt, vor Gott soll sie darin Rechenschaft ablegen, hatte der strenggläubige und von allen verehrte Patriarch verlangt. Das Kapitel über den Sommer bei seinen Glaubensbrüdern, ebenso frommen Bauern, gehört zu den schönsten im Roman. Nicht nur das Leben einer intakten Familie und ihrer von der Natur bestimmten Lebensweise ist für ein Stadtkind faszinierend. Ava glaubt auch, vom "Flügel der Liebe" gestreift zu sein. Den Ausdruck hat sie zum ersten Mal gehört. Dass die heimliche Zuneigung zu dem gleichaltrigen Lehrerssohn so etwas sei, spürt sie, ohne dieses geheimnisvolle Gefühl genau benennen zu können.

Mutter und Tochter werden in das arbeitsame ländliche Leben einbezogen, helfen im Haus und bei der Ernte, singen die vertrauten frommen Lieder bei den täglichen Abendandachten und fühlen sich wohl und gebraucht. Dem Lehrer, der seine Bienen auf dem Hof versorgt und auch bei der Heuernte hilft, erzählt die Mutter von der Zerstörung der Stadt. Im Februar 1945, am Ende des Krieges, vernichteten Spreng- und Brandbomben Pforzheim binnen zwanzig Minuten. 1700 Menschen starben. Wie durch ein Wunder überlebte Avas Familie, aber es blieb ein Trauma, nur selten wurde davon gesprochen. "Es galt nach vorne zu schauen."

Im Hinterhof in einem Vorort von Pforzheim begann der bescheidene Neuanfang. Großmutter und Mutter zeichneten sich durch besondere Tatkraft aus. Was Ava ihrem Tagebuch nicht anvertraut, ergänzt Renate Schostack mit vielen Details. Es ist die Geschichte einer Familie, die sich Zusammenhalt und Ordnung erhalten hat und Kraft nicht zuletzt aus ihrer unangefochtenen Frömmigkeit schöpft. Es gibt ein Davor und ein Danach. "Man war wer", wohnte im besten Viertel und betrieb sein Geschäft in der Prachtstraße der Stadt. Mit Geschick und unermüdlichem Fleiß strebte man dorthin wieder zurück.

Die heranwachsende Ava registriert die Anzeichen neuen Wohlstands, der durch Leistungsbereitschaft aller entsteht. Auch Ava hilft, wie man es von ihr erwartet, ohne Murren. Sie bleibt eine Musterschülerin und übernimmt auch selbstverständlich Pflichten im Geschäft wie im Haushalt. Höhepunkte sind für sie die Konzerte, die sie als Mitglied des Schulorchesters, manchmal auch als Solistin gibt. Sie will bewundert werden, nicht nur von ihrer Familie, auch von dem etwas älteren Mitschüler Martin. Eine zarte, nunmehr von ihr benennbare Liebesgeschichte beginnt, voller Heimlichkeit und unerfüllter Sehnsucht.

Fräulein Ava wird erwachsen. Renate Schostack beschreibt diese Zeit der unsicheren Gefühle und Stimmungsschwankungen bis hin zu Tränenströmen und physischen Zusammenbrüchen in allzu großer Ausführlichkeit. In der grundsoliden Familienbasis zeigen sich verstörende Risse und dass die Musterschülerin beinahe dem Verehrer ihrer Mutter verfällt, passt so gar nicht zusammen. "Sie muss die Goldrandwelt verlassen", das wird ihr klar. Diesen Schluss akzeptiert der geduldige Leser gerne.

MARIA FRISÉ

Renate Schostack: "Fräulein Ava Laurin". Roman.

J. S. Klotz Verlagshaus, Neulingen 2019. 533 S., geb., 19,90 [Euro].

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