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Rezensionen
Besprechung von 10.09.2004
Die Mauer als Exportschlager
Charme-Offensive: Lutz Rathenow sucht Möglichkeiten im Chaos

"An der Grenze ist ja auch nicht nur geschossen worden!" Mit diesem Ausspruch zitiert Lutz Rathenow den wirklichen oder fiktiven Betreiber eines Erlebnis-Hotels, in dem alles ist wie zu DDR-Zeiten, nur schöner. In "Fortsetzung folgt" wird mit viel schwarzem Humor den Absurditäten der Erinnerung nachgespürt und nicht nur darauf geantwortet, warum keine Westbanane je wieder so bananig schmeckte wie die Zahnpasta Putzi-Banane. Der Band versammelt Rundfunk- und Zeitungstexte, aber auch Unveröffentlichtes des ehemaligen Dissidenten Rathenow. Entstanden ist daraus ein abwechslungsreiches Mosaik gesamtdeutscher Befindlichkeiten im Jahre dreizehn und vierzehn nach der Mauer. Die Überwachungskamera im Aufzug findet sich hier ebenso wie die Gedenktagsaktivitäten zum 17. Juni, das Schul-Massaker von Erfurt oder das ungebrochene Interesse an der Berliner Mauer: "Das Prinzip DDR-Mauer als möglicher Exportschlager für die Welt", notiert Rathenow angesichts der Ideen zum Mauerbau aus Korea oder Zypern. Sarkastisches vermischt sich in den Betrachtungen mit Leichtem, lockere Stimmungsbilder mit warnenden Beispielen. Erfrischend ist die konsequente Politisierung des Alltäglichen.

Rathenow versteht es, einen eigenen Ton zu finden, der sich von ostalgischer Geschichtsvergessenheit ebenso wohltuend unterscheidet wie von der Beliebigkeit gefälliger Lifestyle-Kolumnen. Vielleicht ist so gar eine Antwort darauf zu finden, was vom Schreiben gegen die Diktatur nach den historischen und medialen Umbrüchen der letzten Jahre bleiben kann. Rathenow bringt den Leser zum Lachen, ohne der Situation den Ernst zu nehmen. Ein Paradestück ist die Reportage von Berliner Arbeits- und Sozialämtern mit dem sprechenden Titel "Von Amts Wegen". Ein grotesker Kosmos wird hier vorgestellt, der nach ganz eigenen und vor allem völlig undurchschaubaren Regeln zu funktionieren scheint: "Wahrscheinlich existieren im Westen Deutschlands noch Arbeitsämter, die Arbeit anbieten. In Berlin und vielen Regionen des Ostens ist das jedenfalls nicht so." Trotzdem gibt es Rathenow an seinem Beobachtungspunkt Berlin nicht auf, nach der Chance im Zusammenbruch zu suchen. Der charmante Band ist nicht zuletzt eine Liebeserklärung an die Stadt Berlin als Denk- und Schreibplatz, sie wird darin zum exemplarische Versuchsort für ein Deutsches, das sich "immer als ein Wettbewerb seiner Möglichkeitsformen" darbietet. Ein solches Spiel mit Möglichkeitsformen macht auch den Reiz der Glossen aus.

ESTHER KILCHMANN

Lutz Rathenow: "Fortsetzung folgt". Prosa zum Tage. Verlag Landpresse, Weilerswist 2004. 140 S., 14.- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Nach zähen 137 Minuten" endlich Stille, atmet Rezensentin Sabine Löhr nach vollzogener Anhörung dieses Hörbuchs auf. Nicht nur, dass sie sich über die fahrlässige Entscheidung ärgert, einen "Laienvorleser unvorbereitet sein Werk einsprechen zu lassen" und das "behäbige Nuscheln" des Autors beim Vorlesen seiner "22 anglossierten Anmerkungen zum deutschen Alltag" ihr konzentriertes Zuhören sehr erschwert. Auch die Texte selbst findet die Rezensentin "etwas sperrig" und altklug, manche szenische Einsprengsel gar unangenehm, die Angelegenheit insgesamt also ziemlich "flachbrüstig".

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