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Rezensionen
Besprechung von 02.08.2003
Das Schiff in der Wüste
Anne Provoost erzählt die Geschichte der Sintflut neu

Schon mal von "Rrattika" gehört? Das sind Nomaden, bettelarm, diebisch, schmutzig und stinkend, begabt im Spurenlesen, aber ungeschickt in den Handwerks- und Ingenieurskünsten. Sie sind ein verkommenes, zurückgebliebenes, unbarmherziges Volk mit einem anspruchsvollen Gott, der ihnen seltsame Gesetze und körperfeindliche, unvernünftige Bräuche auferlegt. "Rrattika" werden sie von einem anderen Stamm genannt, in dessen Sprache das Wort ein lästiges Ungeziefer bezeichnet. Rrattika - das ist der Stamm Noahs, des Archenbauers, und das Wort für sie hat sich die belgische Jugendbuchautorin Anne Provoost ausgedacht, die ihr neues Buch der Sintflut gewidmet hat.

Griechische und biblische Mythen bieten ideale Vorlagen für Romane. Als bilderreiche Menschheitsgeschichten blieben sie über Jahrtausende in ihrem Kern bewahrt, sind prägnant und deutungsoffen zugleich. Immer wieder werden sie variiert, korrigiert, gegen den Strich gelesen. Mit solchem Umdeutungsinteresse erzählt Anne Provoost den Sintflut-Mythos aus der verfremdenden Perspektive eines jungen Mädchens: Re Jana gehört einem dunkelhäutigen Volk an, das in Sümpfen lebt und geschickt ist in Fischfang und Schiffsbau. Als in der heimatlichen Küstenregion der Wasserspiegel steigt und das Gerücht von einem Schiff umgeht, das mitten in der Wüste gebaut werden soll, bricht Re Jana mit ihrem Vater und ihrer gelähmten Mutter auf. Die Familie hofft eine neue Arbeits- und Lebensgrundlage zu finden. Geführt werden sie von einem spurenkundigen Rrattika, der Re Jana in die Geheimnisse der Liebe einweiht.

Anschaulich werden die gewaltigen Arbeiten auf der Schiffsbaustelle dargestellt, nachvollziehbar die Bemühungen der Fremden, die Intentionen des Bauherrn zu verstehen. Sein Vorhaben mutet absurd an und nährt wilde Spekulationen. Als sich die Bestimmung des Haus-Schiffes herumspricht und die ersten Anzeichen der Flut unübersehbar werden, gerät die Frage nach der Moral des Unternehmens in den Blick: Warum wird nur die Familie des Bauherrn gerettet? Warum dürfen die Tiere ins Schiff und nicht die Handwerker, die es gebaut haben? Was heißt es, auserwählt zu sein gegenüber so vielen anderen, die zum Untergang verurteilt sind? Warum werden tugendhafte Menschen bestraft? Ist Noahs Härte, mit der er die Verzweifelten abweist, als er die Arche schließt, "rechtschaffen"? Das sind legitime Fragen, die junge Leser anregen mögen, den Text neu zu lesen.

Dennoch befremdet Anne Provoosts Roman. Das liegt an der Sicht Re Janas und ihres Vaters auf die "Rrattika". Die antisemitischen Zuschreibungen in ihrem Bild von Noahs Stamm werden zwar in einzelnen Zügen und an einzelnen Individuen relativiert, aber solche Einschränkung gehört zum Rassismus, zumal zu diesem besonderen. Unbekümmert um literarische Gerechtigkeit, zeichnet die Autorin die ehemaligen Sumpfbewohner als ihren Arbeitgebern in jeder Hinsicht überlegen. Vater und Tochter machen sich schnell unentbehrlich bei den Nomaden. Re Jana pflegt ihre vernachlässigte Haut, ihr Vater schafft aus einem windschiefen Gebilde erst die seetüchtige Arche. Beide verkörpern Aufklärung und Bildung, sind sympathisch und handeln stets angemessen und menschlich. Sie retten selbst denen das Leben, die sie dem Untergang preisgeben wollen. Einen Höhepunkt an Geschmacklosigkeit bietet die Autorin in einer Szene kurz vor der Katastrophe. Re Janas Vater empfiehlt den Rrattika, die ausgeschlossen sein werden vom rettenden Schiff, eine Reue-Demonstration. Es folgt eine Art Selbstentblößung der Rrattika, während der sie ihre Schuhe und Kleider ausziehen - unwillkürlich fühlt man sich an Bilder aus Konzentrationslagern erinnert.

Vollkommene Romanhelden wie Re Jana und ihr Vater dürfen nicht untergehen. Jüdischen Überlieferungen entsprechend, denen zufolge Noahs Sohn Ham eine Frau ungewisser Herkunft hatte, gebiert Re Jana Hams Sohn Kanaan. Er ist der Stammvater der dunkelhäutigen Kanaaniter, die Noah wegen Hams Vergehen zu ewiger Sklaverei verflucht. Das Buch schließt mit dem Satz: "Bis zum heutigen Tag geht der Kampf zwischen den Semiten und den Nachfahren Kanaans weiter." Unausgesprochen bleibt, welche aktuelle politische Konstellation die Autorin damit im Auge hat.

GUNDEL MATTENKLOTT

Anne Provoost: "Flutzeit". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Silke Schmidt. Altberliner Verlag, Berlin 2003. 400 S., geb., 19,40 [Euro]. Ab 12 J.

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Reinhard Osteroth ist sehr beeindruckt von diesem Buch und spricht eine nachdrückliche Empfehlung aus, trotz durchaus gemischter Gefühle. Es sei wieder mal ein ehrgeiziges Projekt, an das sich die Niederländerin Anne Provoost gewagt hat: die Neuerzählung der biblischen Geschichte von der Sintflut. Keine leichtgängig-frische Aufbereitung erwarte den Leser, sondern ein beschwerlicher Gang durch eine "fremde, archaische Welt", geführt von der Ich-Erzählerin Re Jana, deren Vater Widerstand leistet gegen Noah und viele kleine Boote neben der einen, großen Arche fahren lassen will - die Sünder sollen überleben. Vieles, etwa das langsame Eindringen des Wassers in den Roman und die wuchtigen Motive, findet Osteroth großartig. Anderes an Provoosts "ausladender" Bibelexegese erscheint ihm ein wenig zuviel des Guten. "So hat man", konstatiert er, "ein Buch gelesen, dem eine mutige Kürzung gut getan hätte - und doch ist man immer wieder abgetaucht in diese andere Welt, bereut kaum eine Seite dieses sperrig-wagemutigen Buches."

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