Produktdetails
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  • Verlag: Gerstenberg
  • ISBN-13: 9783806749717
  • ISBN-10: 380674971X
  • Best.Nr.: 10330538
Rezensionen
Besprechung von 07.06.2002
Verschwunden im Fluss
Eine geheimnisvolle Jungenfreundschaft
Spannung mal anders: Nicht äußere Ereignisse treiben den Gang der Handlung, es ist weit eher die Innensicht der Dinge, die Lillian Eiges Flugversuche zu einem besonderen Kinderbuch machen – aber auch zu einem schwierigen. Denn die Art, wie hier die Geschichte einer Jungenfreundschaft erzählt wird, ist schon sehr gegen den Strich des Jugendliteratur-Mainstreams gebürstet.
Der knapp zwölf Jahre alte Ring ist in jeder Beziehung merkwürdig: Ein Riesenschlaks von einem Kerl, superintelligent und redegewandt, von Fantasie sprühend, aber auch eigenbrötlerisch und oft genug unergründlich – besonders wenn er Geschichten von einem Freund namens Fox erzählt. Auch seine Eltern Josie und Purcell, die sich in einem Nest in der amerikanischen Provinz niedergelassen haben, fallen aus dem Rahmen des Üblichen. Der Vater ist Kunstlehrer, die Familie lebt zurückgezogen in einem ehemaligen Schulhaus. Der junge Ben, ebenso alt wie Ring, fühlt sich schon nach seiner ersten zufälligen Begegnung zu Ring hingezogen. Doch eines Tages geht Ring einfach in den nahen Fluss, taucht ab – und bleibt verschwunden.
In Rückblenden erzählt Lillian Eige die Geschichte dieser Jungenfreundschaft, bis die Ereignisse die inneren Monologe einholen und sich alles aufklärt: Ring ist in Wirklichkeit Fox. Und der ist nicht nur der Held so mancher skurrilen Geschichte, sondern ein Findelkind, das einst in einem Kaufhaus unterm Weihnachtsbaum lag. Eigentlich sollte er bei seinen Adoptiveltern Josie und Purcell bleiben, doch Purcell verlor seinen Job und musste in einen anderen Bundesstaat umziehen. Weil das Adoptionsverfahren noch nicht abgeschlossen war, hätte Ring nicht mitkommen dürfen, doch er riss aus dem Heim aus. Und als die Behörden schließlich herausfanden, wo er jetzt lebte, drohte ihm ein weiteres Mal das Heim und er tauchte ab. All das wird aus der Innensicht des elfjährigen Ben geschildert, der sich natürlich seinen eigenen Reim auf die Geschichte macht und erst langsam begreift, was wirklich los ist, der nur allmählich Ring und Fox und alle die verwirrenden Zusammenhänge übereinander blenden kann und der am Ende ganz einfach froh ist, dass er seinen Ring wieder hat.
Sehr grüblerisch kommt diese Erzählung für ein Kinderbuch daher, nichts für Fans von Spannung pur. Sie wäre aber eine gute Möglichkeit, auch jungen Lesern zu zeigen, dass Literatur mehr sein kann als nur die Oberfläche des Lebens zu erfassen und aufzuschreiben. (ab 12 Jahre)
HELMUT MARTIN-
JUNG
LILLIAN EIGE: Flugversuche. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer Gerstenberg Verlag. 159 Seiten, 11, 50 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 27.04.2002
Kranich mit Krone
Lillian Eige erzählt von einem, der verschwand, um geliebt zu werden

Irgend etwas stimmt nicht mit diesem dünnen großen Jungen. Plötzlich taucht er in der sechsten Klasse auf und nervt Lehrer und Schüler, weil er ganz anders ist als alle anderen. Er erzählt, ohne aufzuhören, haarsträubende Geschichten, läuft schnell wie keiner sonst und behauptet, beinahe fliegen zu können. Manchmal schreit er, "damit jemand weiß, daß ich lebe". Ring ist ein Außenseiter, mit einem Geheimnis. Er wird Bens bester Freund. Gemeinsam rennen sie, bis ihnen der Atem ausgeht, oder beobachten Kronenkraniche im Sumpf.

Immer wieder sind es Sätze, die Ben nicht versteht. "Wie würdest du es finden, wenn du dich (wie die Kraniche) verstecken müßtest, um in Sicherheit zu sein?" fragt Ring. Auf solche Fragen weiß Ben keine Antwort. Er schweigt auch ratlos, als der Freund einmal behauptet, abhauen sei für ihn die einfachste Sache der Welt. Oder die Arme ausbreitet und ruft: "Ich bin ich. Ich bin jemand. Ich will nicht, daß irgend jemand das vergißt!"

Staunend sieht er zu, wie Ring höflich und mit Humor auf die verwirrte Großmutter eingeht, wie aufmerksam er zuhört, wenn Bens Mutter von ihrer Arbeit in der Spielzeugfabrik erzählt. Das Vertrauen wächst. Ben lernt endlich auch Rings Eltern kennen. Anders als die anderen im Dorf sind auch sie. Der Vater ist Busfahrer, aber er malt mit Könnerschaft ganze Landschaften an die leeren Wände des alten Schulhauses. Die beiden Familien freunden sich an, doch eines Tages, bei einem gemeinsamen Picknick am Flußufer, verschwindet Ring plötzlich, und für Ben bricht beinahe eine Welt zusammen.

Lillian Eige läßt Ben die Geschichte seines Freundes erzählen, lebhaft, anschaulich und in der Sprache von aufgeweckten Elfjährigen, die es nicht ganz leicht im Leben haben. Sprunghaft, mit Einschüben aus der Vergangenheit, mit Abenteuern und spontanen Zeichen der Zuneigung wird da eine wunderbare Jungenfreundschaft lebendig, voller Phantasie und nachdenklicher Gespräche.

Die Suche nach dem vermißten Jungen ist spannend; ob sie glücklich ausgeht, bleibt bis zuletzt offen. Ben hat immer fest daran geglaubt, daß Ring nicht ertrunken ist, sondern sich, aus welchen Gründen auch immer, davongemacht hat. Erst als die Eltern ihren Ausreißer gefunden haben, können sie darüber sprechen, weshalb ihr Sohn geflohen ist. "Flugversuche", "Dangling" im Amerikanischen, ist das unsichere Flattern eines Heimkindes in der Hoffnung, eine eigene Familie zu finden. Ring ist es gelungen, und einen besten Freund hat er auch gewonnen.

MARIA FRISÉ

Lillian Eige: "Flugversuche". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stefanie Schäfer. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2002. 159 S., geb., 11,50 [Euro]. Ab 11 J.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Spannend" findet Rezensentin Maria Frisé die hier erzählte Suche nach einem Jungen, der wegläuft, um geliebt zu werden. Autorin Lillian Eige lasse Ben die Geschichte seines verschwundenen Freundes Ring erzählen, "lebhaft, anschaulich und in der Sprache von aufgeweckten Elfjährigen, die es nicht ganz leicht im Leben haben". Bis zuletzt bleibe offen, ob die Suche nach dem Vermisstem gut ausgehe. "Drangling" heiße das Buch im Original, und die Rezensentin beschreibt die Bedeutung des Wortes als "das unsichere Flattern eines Heimkindes in der Hoffnung, eine eigene Familie zu finden".

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