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Manchmal meint man die Stimme eines Autors noch lange, nachdem die letzte Seite umgeblättert worden ist, zu hören, und träumt von einer Begegnung. Constance Fenimore Woolson, Großnichte von James Fenimore Cooper und spätere Erfolgsschriftstellerin des 19. Jahrhunderts, liest leidenschaftlich gern Henry James. Constance will frei sein und schreiben zwei ungewöhnliche Anliegen für eine Frau ihrer Zeit. Mit über vierzig macht sie sich auf, ihr literarisches Idol zu suchen. Das schillernde Verhältnis der beiden Autoren gab stets Anlass zu Spekulationen. Elizabeth Maguire erzählt, wie es gewesen sein könnte.…mehr

Produktbeschreibung
Manchmal meint man die Stimme eines Autors noch lange, nachdem die letzte Seite umgeblättert worden ist, zu hören, und träumt von einer Begegnung. Constance Fenimore Woolson, Großnichte von James Fenimore Cooper und spätere Erfolgsschriftstellerin des 19. Jahrhunderts, liest leidenschaftlich gern Henry James. Constance will frei sein und schreiben zwei ungewöhnliche Anliegen für eine Frau ihrer Zeit. Mit über vierzig macht sie sich auf, ihr literarisches Idol zu suchen. Das schillernde Verhältnis der beiden Autoren gab stets Anlass zu Spekulationen. Elizabeth Maguire erzählt, wie es gewesen sein könnte.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.13957
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 256
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 256 S. 191 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 120mm x 20mm
  • Gewicht: 271g
  • ISBN-13: 9783423139571
  • ISBN-10: 3423139579
  • Artikelnr.: 29738937
Rezensionen
Besprechung von 30.08.2008
Starke Frau trifft schwachen weißen Wal
Neuer Blick auf Henry James: Eine Freundschaft in Amerika

Von Paul Ingendaay

Constance Fenimore Woolson (1840 bis 1894) schrieb Erzählungen und Romane, die in Amerika mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod noch (oder wieder) im Handel sind. Die Großnichte von James Fenimore Cooper galt auch als engste Freundin des literarischen Giganten Henry James, was sie in den Augen der feministischen Nachwelt in ein Lehrbeispiel verwandelt. Wie sehr das gendertheoretisch bedingte Interesse mit der Wiederbelebung ihres Werks zu tun hat, ist schwer zu entscheiden, vielleicht auch zweitrangig. In jedem Fall destilliert die amerikanische Lektorin und Schriftstellerin Elizabeth Maguire, die diesen schmalen, anmutig übersetzten Roman noch abschließen konnte, bevor sie 2006 im Alter von siebenundvierzig Jahren starb, aus der Freundschaft von Schriftstellerin und Schriftsteller (sie nennt ihn "Harry") eine ergreifende Geschichte über Kreativität, Krankheit, Geschlechterdifferenz und den literarischen Betrieb im neunzehnten Jahrhundert.

Es ist der Berühmtere von beiden, der darin menschlich die schwächere Rolle spielt; schön also, die Sache einmal aus Sicht der Frau geschildert zu bekommen. Ein Empfehlungsschreiben verschafft der drei Jahre Älteren im Frühjahr 1880 die Bekanntschaft des bewunderten Schriftstellers. Sie, auf einem Ohr taub, leidet an Depressionen und erträgt Menschen nur in Ausnahmefällen. Das ist nach James' Geschmack, denn diese Freundin kann er ganz für sich haben. In Briefen an seine Familie spielt er ihr Verhältnis allerdings herunter, als hätte er wirklich etwas zu verbergen; er fürchtet, man könne es für mehr halten, als es ist. Überhaupt sorgt er sich ständig darum, was andere über ihn denken könnten. Sie, die Geradlinigere der beiden, dürfte auch die Ehrlichere gewesen sein. Zu einer Abkühlung kommt es, als sie den Freund auf seine Homosexualität anspricht. James, an Etikette gefesselt, weist das Eindringen in seine Intimsphäre schroff zurück.

Die Szene ist wohl erfunden, doch sie klingt plausibel. Elizabeth Maguire hat sich durch die Quellen gelesen und erzählt "Fenimore" konsequent aus der Innensicht einer wachen, ironischen, durch und durch modernen Künstlerin. Auch der Ire Colm Tóibín hat in seinem großartigen Roman "Porträt des Meisters in mittleren Jahren" (deutsch 2005) die Leerstellen im Leben von Henry James durch die Einfühlung der Fiktion gefüllt. In knappen, impressionistischen Bilden zeigt Elizabeth Maguire, welchen Preis schöpferischer Eigensinn fordert, wenn die Umgebung in Konventionen erstarrt.

Constance Fenimore Woolson war eine jener "scribbling women", die von der Leserschaft geliebt und vom männlichen kulturellen Establishment eher verachtet wurden. Was sie tat, verstand sich für sie von selbst: der Familie den Rücken zu kehren, weil sie ihre literarische Karriere für wichtiger hielt; auf eigene Rechnung zu leben, zu fühlen und zu denken. In diesem Licht kommt James einem ziemlich pompös und manchmal auch schäbig vor. Der (reale) Essay, den er über das Werk seiner Freundin schrieb, dosiert das Lob so vorsichtig, dass daraus eine besondere Form der Herablassung wird. Doch Elizabeth Maguire widersteht der Versuchung, im Namen der vernachlässigten Frau mit einem der großen weißen Wale der amerikanischen Literatur abzurechnen.

Bis heute ist nicht geklärt, ob die schwer erkrankte Constance Fenimore Woolson Selbstmord beging. James wollte daran glauben, war entsprechend schockiert und weigerte sich, zu ihrem Begräbnis zu reisen. Als sich die larmoyante Szene ereignet - James' Briefe bezeugen sie, und nicht zu seinem Vorteil -, ist der Vorhang des Romans "Fenimore" lange gefallen.

- Elizabeth Maguire: "Fenimore". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christel Dormagen. Arche Verlag, Hamburg 2008. 256 S., geb. 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Die früh verstorbene Elizabeth Maguire erzählt hier die Geschichte der Freundschaft zwischen der beim Publikum beliebten, in der Literaturgeschichte freilich eher marginalen Autorin Constance Fenimore Woolson und dem zu Lebzeiten und bis heute hoch berühmten Schriftsteller Henry James. Im Jahr 1880 lernen sie sich kennen, das Verhältnis ist eng, kühlt aber ab, als Fenimore ihren Freund Harry allzu direkt auf seine Homosexualität anspricht. Überhaupt, stellt der Rezensent Paul Ingendaay fest, sieht James in diesem Roman, der darin der Wirklichkeit treu bleibt, nicht sonderlich gut aus. So schreibt er über die Bücher der Freundin mit ziemlicher Herablassung. Und Elizabeth Maguire lässt Fenimore, ohne dass, so Ingendaay, eine Abrechnung mit Henry James daraus wird, Gerechtigkeit widerfahren. Der Rezensent hat den Roman gerne gelesen und lobt insbesondere die "knappen, impressionistischen Bilder", in denen die Autorin die fiktiven Szenen aus dem Leben von James und Fenimore entfaltet.

© Perlentaucher Medien GmbH