Fassen Sie sich bitte kurz - Havel, Vaclav
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Václav Havel zieht die politische und zugleich sehr persönliche Bilanz eines Dichters, der vom Dissidenten zum Präsidenten wurde und Weltgeschichte schrieb. "Mir kommt von Zeit zu Zeit mein Schicksal absolut unwahrscheinlich vor. Wie konnte es nur geschehen, dass ich - und gerade ich - mich im Zentrum so wichtiger Ereignisse befand, die das Schicksal vieler Völker und Millionen von Menschen geprägt haben? Warum musste ich, ein Autor absurder Theaterstücke, Hunderte von so absurden Situationen erleben, wie zum Beispiel meinen ersten Besuch im Kreml? Manchmal sage ich mir, dass ich mein Leben wohl nur träume und sehr bald aus all dem erwache ..."…mehr

Produktbeschreibung
Václav Havel zieht die politische und zugleich sehr persönliche Bilanz eines Dichters, der vom Dissidenten zum Präsidenten wurde und Weltgeschichte schrieb. "Mir kommt von Zeit zu Zeit mein Schicksal absolut unwahrscheinlich vor. Wie konnte es nur geschehen, dass ich - und gerade ich - mich im Zentrum so wichtiger Ereignisse befand, die das Schicksal vieler Völker und Millionen von Menschen geprägt haben? Warum musste ich, ein Autor absurder Theaterstücke, Hunderte von so absurden Situationen erleben, wie zum Beispiel meinen ersten Besuch im Kreml? Manchmal sage ich mir, dass ich mein Leben wohl nur träume und sehr bald aus all dem erwache ..."
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 416
  • Erscheinungstermin: März 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm
  • Gewicht: 662g
  • ISBN-13: 9783498029906
  • ISBN-10: 3498029908
  • Artikelnr.: 20944836
Autorenporträt
Václav Havel, am 5. Oktober 1936 in Prag geboren, machte sich in den sechziger Jahren als Theaterschriftsteller einen Namen. 1968 war Havel als Vorsitzender des Clubs der unabhängigen Schriftsteller in der Reformbewegung des Prager Frühlings aktiv und übte scharfe Kritik an der Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei zur Niederschlagung des Prager Frühlings. Daraufhin erhielt Václav Havel Publikations- und Aufführungsverbot und schlug sich als Hilfsarbeiter in einer Brauerei durch, setzte sich aber trotz vielfältiger Schikanen weiterhin für die Wahrung der Menschenrechte ein. Václav Havel war 1977 Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung Charta 77, und in den folgenden zehn Jahren wurde er mehrfach verhaftet. 1989 stand er an der Spitze des oppositionellen Bürgerforums, das einer der Initiatoren der Massenproteste der Bevölkerung war, die schließlich zum Sturz des kommunistischen Regimes führten. Im Dezember 1989 wurde Václav Havel zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Mit der Teilung der Tschechoslowakei in zwei getrennte Republiken, die Tschechische Republik und die Slowakei, legte Havel am 2. Juli 1992 sein Amt als Präsident der Tschechoslowakei nieder. 1993 war Václav Havel Präsident der neuen Tschechischen Republik. 1989 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, und 1991 wurde er für seinen Einsatz für die Demokratie und den Frieden unter den Völkern mit dem Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen ausgezeichnet. 2003 endete seine zweite Amtszeit.
2010 wurde Václav Havel mit dem Kafka-Preis für sein Werk ausgezeichnet. Er verstarb 2011.
Rezensionen
Besprechung von 13.07.2007
Erinnerungen und Anweisungen
Václav Havel blickt zurück und rechnet mit Václav Klaus ab

Bevor sich am 31. Januar 2003 auf der großen Bühne der Prager Burg der Vorhang senkte - nach nahezu dreizehn Jahren, in denen Václav Havel die Rolle des Staatsoberhauptes innehatte -, vertraute der scheidende Präsident ausländischen Korrespondenten bei einem Gartenfest seine Absicht an, die gewonnenen Erfahrungen in einem Buch zu verarbeiten; vielleicht würden sogar Memoiren daraus werden, "so etwas zwischen Henry Kissinger und Charles Bukowski". Es dauerte lange, bis dieses Buch erschien. Das Schreiben falle ihm nun sehr schwer, notierte Havel am 16. Mai 2005 in Washington in sein Tagebuch, ihn belaste das Gefühl, "dass es langsam zu spät wird, und die zwanghafte Furcht, dass ich etwas nicht schaffe oder nicht zu Ende bringe". Havels Schreibblockaden sind Teil des Subtextes des 2006 in Prag veröffentlichten und nun auf Deutsch vorliegenden Buches. Ihnen verdankt es seine eigenartige Struktur, die aus drei Elementen besteht.

Da ist zunächst ein langes Interview, das der Journalist Karel Hvízdala mit ihm führte. Hvízdala ist ein ausgewiesener Havel-Experte. Unter dem Titel "Fernverhör" veröffentlichte er 1986 schon einmal ein Interview mit Havel in Buchform. Der Zeitpunkt war damals gut gewählt, denn in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre begann die rasche Transformation des dissidenten Schriftstellers in einen Politiker. Wer sich 1989 ein Bild des Protagonisten der "samtenen Revolution" machen wollte, griff zu diesem Buch, das in viele Sprachen übersetzt wurde und einen mitunter klareren Einblick in Havels politische Gedankenwelt erlaubte als dessen eigene Schriften.

Genau 20 Jahre später schloss nun ein Gespräch mit Hvízdala das öffentliche Wirken Havels ab. Hvízdala ging diesmal chronologisch vor. Er begann in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, da, wo das "Fernverhör" aufhörte, und endete mit dem Abschied Havels von der Burg und der Frage danach, wie dieser sich mit der neuen Rolle als elder statesman abfinde. Hvízdala fragte intelligent und einfühlsam, aber den Gesprächsverlauf bestimmte letztlich Havel selbst: "Von den Fragen des Herrn Hvízdala wähle ich allerdings nur einige aus, schreibe sie um, manchmal füge ich im Gegenteil eine Frage hinzu, kurz und gut, ich gehe mit Herrn Hvízdala ein wenig um wie mit einer dramatischen Figur in meinen Stücken."

Einen beträchtlichen Teil des Gesprächs widmete Havel der Abrechnung mit Václav Klaus, seinem langjährigen politischen Gegenspieler und nunmehrigen Nachfolger auf der Prager Burg. Das widerspricht zwar staatsmännischen Gepflogenheiten, war aber angesichts der Heftigkeit des Konfliktes wohl unvermeidlich gewesen. Als wollte er den alten Vorwurf der "unpolitischen Politik" noch einmal bekräftigen, geriet ihm die Abrechnung jedoch überraschend unpolitisch. Havel beschreibt den Konflikt im Wesentlichen als ein Psychodrama, in dem ihm die Rolle zugefallen sei, sich dauernd von einem machtbesessenen, sadistischen Egozentriker demütigen zu lassen. Dabei war die Kritik, die Klaus an Havel übte, durchwegs politischer Art. Die Positionen, denen sie galt, listet Havel auf, von seinen antimodernen Aversionen gegen die Globalisierung, den Markt und den Parlamentarismus bis hin zu seinem hohepriesterlichen Verständnis des Präsidentenamtes: "Die Standarte soll wehen und die Moral jemand predigen."

Als zweites Element fügte Havel in dieses Buch Tagebuchnotizen ein, die im April 2005 während seines mehrmonatigen Studienaufenthaltes in Washington einsetzen und bis zum Januar 2006 in Prag reichen: Beobachtungen über die Amerikaner, oft sehr trivialer Art, Befindlichkeitsanzeigen, vornehmlich über Ängste vor öffentlichen Auftritten, Depressionen, Phantasien. Über ein angedachtes Theaterstück liest man unter dem Datum des 21. August 2005: "Es soll von einem Staatsmann handeln, der sein Amt verliert, der aus der Staatsvilla mit angrenzendem Garten ausziehen muss und sich damit nicht abfinden kann. Der Verlust des Amtes, mit all dem, was dazugehört, bedeutet für ihn den Zusammenbruch der Welt. Er wird ein wenig verrückt darüber."

Das dritte Element dürfte dem Leser, der die tschechische Innenpolitik nicht zu seinen Hobbys zählt, einige Schwierigkeiten bereiten. Es handelt sich um Notizen, Anweisungen und Anfragen, die Havel im Laufe der Jahre an seine Mitarbeiter auf der Prager Burg gerichtet hat. Die Kriterien, nach denen er die Auswahl traf, sind rätselhaft, ebenso ihre jetzige Reihung, die weder der Chronologie noch einem anderen gängigen Ordnungsprinzip zu folgen scheint. Besonders dieser Teil strotzt geradezu von Namen und Anspielungen an Ereignisse, die auch einem ungewöhnlich gut informierten deutschen Leser wohl unverständlich bleiben werden, weil es der Verlag versäumt hat, der guten Übersetzung entsprechende erklärende Anmerkungen oder auch nur ein Namensregister zur Seite zu stellen. Dabei wüsste der Leser gerne, wer die Herren Slouf, Motejl und Kotrba sind. Von Frau Ousková erfährt er wenigstens, dass sie dem Herrn Präsidenten die Hemden bügelte.

Der Mangel eines Anmerkungsapparates schmerzt, weil sich gerade in diesem Teil des Buches die zeitgeschichtlich interessanteren Details verbergen. Die Notiz vom 29. Januar 1995 etwa beschäftigt sich mit der Vorbereitung auf die große Deutschland-Rede, die Havel drei Wochen später in der Prager Karlsuniversität halten sollte. Ihr liegt ein Brief bei, in dem er Bundespräsident Herzog um Verständnis dafür bat, dass sie aus innenpolitischer Rücksicht "etwas hart oder scharf" ausfallen werde: "Ich bitte Sie, die Situation zu verstehen, in der ich mich befinde: politische Kräfte und auch die Öffentlichkeit beschuldigen mich, durch meine Entschuldigung für den Abschub den sudetendeutschen Revisionismus geweckt zu haben." Am selben Tag fragte Havel den amerikanischen Diplomaten Richard Holbrooke, ob er das Gefühl habe, "dass die Deutschen unsere Mitgliedschaft in der EU unterstützen, weil sie in ihr die dominante Rolle spielen, und unsere Nato-Mitgliedschaft nicht unterstützen, weil dort die Hauptrolle die USA spielen und die Deutschen die Sicherheitsordnung in Mitteleuropa gern selber machen würden, bzw. in Kooperation mit den Russen, ohne die Assistenz der USA. Er sagte mir, genauso scheine es ihm zu sein, und fragte, ob ich dafür irgendwelche Beweise habe. Ich sagte, dass ich direkte Beweise nicht habe, Kohl hat mir sogar seine Unterstützung unseres Beitritts zur Nato vor dem Beitritt zur EU bestätigt, dass aber aus verschiedenen Anzeichen, der Art und Weise des Verhaltens der deutschen Politik usw. ein solches Gefühl zu gewinnen sei."

KARL-PETER SCHWARZ

Václav Havel: Fassen Sie sich bitte kurz. Gedanken und Erinnerungen zu Fragen von Karel Hvízdala. Deutsch von Joachim Bruss. Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. 415 S., 19,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit viel Sympathie hat Karl-Peter Schwarz diese Gedanken und Erinnerungen Vaclav Havels gelesen, die in Form eines Gesprächs mit dem Journalisten und Havel-Vertrauten Karel Hvizdala dargebracht werden, aber durchaus von Havel selbst bestimmt sind. Doch Schwarz hat auch einige Einwände anzubringen. So erscheint ihm der erste Teil, in dem Vaclav Havel mit seinem politischen Widersacher Vaclav Klaus abrechnet, gelinde gesagt, ein wenig verzerrt: Havel beschreibe den Streit zwischen beiden als rein prsychologisches Drama, bei dem er sich unentwegt "von einem machtbesessenen, sadistischen Egozentriker demütigen" lassen musste. Der zweiten Teil beschreibt Rezensent Schwarz als Tagebuch allgemeinerer Art mit zahlreichen Beobachtungen des Washingtoner Lebens. Sehr bedauerlich findet er dann, dass der dritte Teil ohne Anmerkungen versehen ist. Denn hier hat der Rezensent einige brisante Notate entdeckt, zu denen er gern Genaueres gewusst hätte. So hat Havel sich etwa bei dem amerikanischen Botschafter Richard Holbrooke beklagt, dass Deutschland aus reiner Eifersucht den Nato-Beitritt Tschechiens zu blockieren scheine.

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