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Ein Schatz, der erst mals gehoben wird: die umfangreiche Korrespondenz Hans Falladas mit dem Rowohlt Verlag, Briefe aus den Jahren 1919 bis 1947.
sich daran nicht freuen: Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde ihre Lage prekär. Fallada war ein unerwünschter Autor, der Verlag nur noch geduldet und stets gefährdet. Trotzdem wagte Fallada mit "Wolf unter Wölfen"noch einmal sich an einem Zeitroman. "Ich bin nie feige gewesen und bringe das Buch unter allen Umständen", versicherte Ernst Rowohlt seinem Autor. "Wenn der Verlag über diesem Buch platzt, so ist er über einer Sache…mehr

Produktbeschreibung
Ein Schatz, der erst mals gehoben wird: die umfangreiche Korrespondenz Hans Falladas mit dem Rowohlt Verlag, Briefe aus den Jahren 1919 bis 1947.
sich daran nicht freuen: Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde ihre Lage prekär. Fallada war ein unerwünschter Autor, der Verlag nur noch geduldet und stets gefährdet. Trotzdem wagte Fallada mit "Wolf unter Wölfen"noch einmal sich an einem Zeitroman. "Ich bin nie feige gewesen und bringe das Buch unter allen Umständen", versicherte Ernst Rowohlt seinem Autor. "Wenn der Verlag über diesem Buch platzt, so ist er über einer Sache geplatzt, die es wert ist." Ein Jahr später wurde Rowohlt aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und erhielt Berufsverbot.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • Originalausgabe
  • Seitenzahl: 462
  • Erscheinungstermin: April 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 139mm x 40mm
  • Gewicht: 579g
  • ISBN-13: 9783498021214
  • ISBN-10: 3498021214
  • Artikelnr.: 23335342
Autorenporträt
Fallada, Hans
Hans Fallada (1893 - 1947) gehört zu den großen deutschsprachigen Erzählern des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Roman 'Kleiner Mann - was nun?' wurde in zwanzig Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und machte ihn weltberühmt. Zu seinen bekanntesten Romanen zählen außerdem 'Bauern, Bonzen und Bomben', 'Wer einmal aus dem Blechnapf frißt' und 'Wolf unter Wölfen'. Jahrzehnte nach seinem Tod wurde Hans Fallada mit 'Jeder stirbt für sich allein' überraschend international noch einmal zum Bestsellerautor. Sein Werk erlebte eine Renaissance.

Töteberg, Michael
Michael Töteberg, geb. 1951, leitet die Agentur für Medienrechte im Rowohlt Verlag.
Rezensionen
Besprechung von 13.10.2008
Haupteinfallstor für die Alliierten der Weltliteratur

Der bunteste deutsche Literaturverlag wird hundert: Die Rowohlt-Jubiläumschronik ist so aufschlussreich wie selbstbeweihräuchernd. Der Briefwechsel mit Hans Fallada ergänzt sie.

Verlagsfestschriften zu runden Jubiläen sind ein ehernes Gesetz der Buchbranche. Auch Rowohlt hat sich eine opulente Chronik gegönnt - keine kritische, gar wissenschaftlich unterfütterte Darstellung, sondern eine stolze Leistungsschau, verfasst von vier Mitarbeitern des Verlags samt einer Handvoll Gästen.

Ernst Rowohlt und sein Sohn Heinrich Ledig-Rowohlt führten den wohl buntesten deutschen Literaturverlag des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Munterkeit durchzieht auch den wohlfeilen Jubelband, der üppig illustriert ist, in angenehmem Plauderton gehalten, anekdotengespickt, in Portiönchen von jeweils zwei bis drei Seiten aufgeteilt. Es gibt ja auch überaus viel zu erzählen über ein Unternehmen, dessen Gründer dekretierte: "Mein Verlag hat kein Gesicht, mein Verlag hat tausend Augen." Dass bildungsbürgerliche Branchenheroen wie Anton Kippenberg, S. Fischer oder Peter Suhrkamp darüber die Stirn runzelten, versteht sich. Das Undogmatische, Proteushafte des Verlags, zuweilen als Profillosigkeit gescholten, bürgt für die Kurzweil der chronikalischen Reihung von Glanzlichtern. Der Gründervater, sein Sohn und ihre berühmten Autoren stehen gebührend im Mittelpunkt. Einige Streicheleinheiten erhalten auch so renommierte Lektoren wie Franz Hessel, Kurt Marek und Fritz J. Raddatz, doch mit betriebswirtschaftlichen Details zum schnöden Mammon wird der Leser kaum behelligt. Ein Handvoll Flüchtigkeiten stört die Lektüre wenig - dass der Gestalter der hinreißenden frühen Taschenbuchumschläge Gröninger geheißen habe (recte: Gröning) oder dass Bertelsmann zur katholischen Firma erklärt wird.

Der Eintrag ins Handelsregister datiert von 1910, Finanzier war Kurt Wolff. Zuvor hatte der Lehrling Rowohlt bereits 1908 Gedichte eines Schulfreunds und 1909 Scheerbarts "Kater-Poesie" als Privatdrucke auf väterliche Kosten herausgebracht. Autoren wie Heym, Kafka, Robert Walser sorgten für ersten Glanz, doch Wolff zog sein Geld zurück zwecks Gründung des eigenen, bald berühmten Expressionismus-Verlags. 1919 fand Rowohlt erneut spendable Geldgeber und stürzte sich in ein "Bacchanal" hektischer Produktion, von linken Flugschriften bis zu Memoirenschmökern des Arztes Schleich und des Sängers Slezak; sie brachten fette Gewinne, die Biographien von Emil Ludwig trugen 1926 die Hälfte des Gesamtumsatzes. Neben Autoren wie Musil, Polgar, Tucholsky, Benjamin, Ringelnatz und Arnold Zweig tummelten sich auch rechte Irrlichter wie Ernst von Salomon und Arnolt Bronnen. Schon seit den zwanziger Jahren war Rowohlt Haupteinfallstor amerikanischer Romanciers: Sinclair Lewis und Ernest Hemingway, bald auch Thomas Wolfe und William Faulkner. Dennoch war der Verlag 1931 so gut wie bankrott, die Ullsteins übernahmen diskret die Mehrheit.

Doch als nach 1933 die NS-Holding Eher den jüdischen Pressekonzern zwangsarisierte, zwängte sie damit auch den Fuß in die Rowohlt-Tür. Just diesen unberechenbaren "Systemverlag" zu kontrollieren war dem Regime wichtig, denn auf schwarzen Listen und bei den Bücherverbrennungen figurierten nicht weniger als achtzig Rowohlt-Autoren mit literarischen wie politischen Werken. Noch im Taktieren provozierte Rowohlt - seinen dreisten Propagandacoup zur Machtübernahme, den Bildband "Ein Volk steht auf", haben die Nazis dem "Kulturbolschewisten" besonders übelgenommen. Im Jahre 1936 wurde der Verlag vom Eher-Konzern übernommen und der gleichfalls erbeuteten Deutschen Verlagsanstalt angegliedert. Rowohlt, obwohl Ende 1937 der Partei beigetreten (worden), erhielt im Sommer 1938 Berufsverbot. Der Sohn Heinrich Ledig versuchte, die auf vier Mitarbeiter geschrumpfte Firma in Stuttgart als DVA-Anhängsel weiterzuführen, 1943 kam die Schließung.

Noch 1945 erhielt Ledig-Rowohlt in Stuttgart erneut die Lizenz, 1946 der Vater in Hamburg, bald auch in den anderen Besatzungszonen. Nun begann die Erfolgsgeschichte der "Rowohlt Rotations Romane" im Zeitungsdruck zu jeweils 100000 (sofort vergriffenen) Exemplaren, die 1950 von den rororo-Taschenbüchern noch weit erfolgreicher abgelöst wurden. Ihr Hauch des Unseriösen wurde bald durch die Monographienreihe und die Enzyklopädie abgemildert. In den fünfziger und frühen sechziger Jahren ist Rowohlt - nun de facto unter Leitung des Sohnes - zweifellos der aufregendste, spannendste Verlag der Adenauer-Zeit mit Sartre und Camus, Henry Miller und Nabokov, später Singer, Roth und Updike. Erster Best- und Longseller sind "Götter, Gräber und Gelehrte" des Lektors Kurt Marek, bald spülen die "farm books" von Malpass bis Pilcher Geld in die Kassen, zugleich schärfen Hochhuth und Rühmkorf, bald Fichte, Born und Brinkmann das literarische Profil. Nach den üblichen Post-68er-Turbulenzen übernimmt Matthias Wegner das Ruder, 1971 kauft sich der Holtzbrinck-Konzern mit 25 Prozent ein und wird 1983 zum Alleineigentümer. Eine Vielzahl von Taschenbuchreihen floriert: das neue buch, aktuell, sport, neue frau, sachbuch und computer, thriller, rotfuchs und panther (schamhaft verschwiegen wird die schwunghafte Erotika-Produktion, die sich eben nur Rowohlt leisten konnte - undenkbar bei dtv, Fischer, Suhrkamp). Im Jahre 1985 übernimmt Michael Naumann, die inkarnierte Weltläufigkeit, das Ruder, die Berliner Dependance kommt hinzu, ab 1995 versuchen Nico Hansen und Peter Wilfert dem Teufelskreis des Bestsellerzwangs zu entrinnen, die jährliche Titelzahl von 700 (1999) wird auf immer noch 500 (2001) reduziert, 2002 folgt Alexander Fest an der Spitze.

Jeder in solcher Verlagschronik nicht genannte oder nur genannte Autor ist unfehlbar tödlich beleidigt, also musste das Namedropping ausschweifend zelebriert, die Gnade des eigenen Kapitelchens sorgsam zugeteilt werden (so an Karlheinz Deschner und Oliver Sacks, Ralf König und, klar, Martin Walser). Daniel Kehlmann preist Alexander Fest, vice versa endet die Firmenchronik mit einer Hymne auf seine "Vermessung der Welt". Zuletzt haut Willi Winkler, wie von ihm erwartet, mächtig auf die Jubiläumspauke und dekretiert, dass allein Oswald Wieners "Verbesserung von Mitteleuropa" "ohne weiteres mehrere Jahresproduktionen von Suhrkamp aufwiegt". Da ist man sehr dezidiert im Genre "Festschrift" angekommen.

An einer Stelle wird der Plauderwälzer seltsam wortkarg. Nur ein Satz gilt Väterchens Emigration nach Brasilien, zwei Seiten weiter ist er unversehens zurück und "harrt auf Sylt aus", bis er zum Volkssturm abkommandiert wird. Kein Wort dazu, dass er immerhin mit einem "Blockadebrecher" heimkehrte - von Erich Kästner maliziös begrüßt mit "Die Ratten betreten das sinkende Schiff!" - und, zum Militär einberufen, in Athen und dem Kaukasus diente, nach gut zwei Jahren wegen Wehrunwürdigkeit entlassen wurde. Solche Schmallippigkeit hat unnötigerweise Insinuationen im "Spiegel" provoziert, die Rowohlt als Antisemiten und Kriegspropagandisten zu enthüllen glaubten. Zur flackernden Atmosphäre dieser Jahre gibt manchen Aufschluss der Briefwechsel des Verlages mit seinem Erfolgsautor Rudolf Ditzen alias Hans Fallada - eine kleine Auswahl aus der voluminösen Korrespondenz von 2371 Schreiben. Ein paar Verlagsschreiben stammen von den Lektoren Mayer und Hessel, deutlich mehr vom jungen Ledig, der Löwenanteil von Ernst Rowohlt. Es geht großenteils um Vertragsquerelen, Geldgeschichten, Krisen und Zusammenbrüche, vom erfolglosen Erstling über den Bestseller "Kleiner Mann - was nun?" bis zu den Nachkriegsprojekten, die Ditzens früher Tod 1947 verhinderte. Am interessantesten wird es natürlich nach 1933 - während Rowohlt zuerst noch gegen die "Hosenscheißer" höhnt, wird Fallada 1935 zum "unerwünschten Autor" erklärt und von der nationalsozialistischen Presse angegriffen, zugleich erzielt er große Auflagen und darf für Filmprojekte arbeiten. Goebbels findet "Wolf unter Wölfen" ein "tolles Buch", doch Rosenberg (dem keineswegs die Reichsschrifttumskammer "unterstand", wie der Kommentar behauptet) schikaniert ihn nach Kräften. Falladas angstvolles Lavieren verschärft seinen Alkoholismus und seine Drogensucht, auch der Verlag kapituliert vor der unberechenbaren Schrifttumsbürokratie. 1946 schickte Rowohlt dem Autor sein Rechenschafts-Memorandum für die Besatzungsbehörden, und dieser replizierte: "Ich kann's Ihnen wahrhaftig bestätigen, daß Sie die braune Pest gehaßt haben wie nur einer und daß Sie in dieser Haltung nie schwankend geworden sind, die Dinge mögen von außen aussehen, wie sie wollen!"

REINHARD WITTMANN

Hermann Gieselbusch, Dirk Moldenhauer, Uwe Naumann, Michael Töteberg: "100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik". Rowohlt Verlag, Reinbek 2008. 384 S., Abb., geb., 20,- [Euro].

Hans Fallada: "Ewig auf der Rutschbahn". Briefwechsel mit dem Ernst Rowohlt Verlag. Hrsg. von Michael Töteberg, Sabine Buck. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008. 463 S., Abb., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 16.10.2008
Mal rechts, mal rund, mal rasch
100 Jahre und längst nicht dod: Der Rowohlt Verlag in Reinbek bei Hamburg feiert Jubiläum
„Dieser aufgedunsene, schwere u dreiste Bremenser”, schreibt Thea Sternheim 1935 über den Verleger Ernst Rowohlt, „von dem ich durch Zufall den peinlichen Anbiederungsversuch zu Beginn der Hitlerregierung besitze, ist der typische Vertreter dessen, was man jetzt Deutscher zu nennen pflegt.”
Dick war er tatsächlich. Dreist aber nicht, dafür besaß Rowohlt, wie sein zum Verlagsjubiläum erschienener Briefwechsel mit Hans Fallada zeigt, zu viel Humor. Einen Opportunisten, ja, so konnte man ihn schon nennen. Das Buch „Ein Volk steht auf. 53 Tage nationaler Revolution”, dieser peinliche Anbiederungsversuch, von dem Sternheim spricht, ist der beste Beweis dafür. Allerdings hatte Rowohlt schon vor ’33 Bücher veröffentlicht, die Kurt Tucholsky, ebenfalls einer seiner Autoren und am anderen Ende des politischen Spektrums beheimatet, regelmäßig aufs heftigste zu verreißen pflegte, Arnolt Bronnens „O. S.” etwa oder „Die Geächteten” von Ernst von Salomon. Nach dem Krieg erschien gar Hjalmar Schachts „Abrechnung mit Hitler” bei Rowohlt. Die Presse forderte daraufhin hämisch weitere derartige „Werke aus der Widerstandsbewegung”.
Da hatte Rowohlt seinen Verlag bereits zum dritten Mal gegründet. Das erste Buch veröffentlichte der 21-Jährige 1908, den Gedichtband eines Schulfreundes, naturgemäß ein Flop. Doch Rowohlt wollte unbedingt Verleger sein. Und dazu war nicht nur Zähigkeit erforderlich, sondern zuweilen eben auch eine Wendigkeit, die man dem dicken Rowohlt häufig nicht zutraute. Er war eben ein Meister der Verstellungskunst; seine „Fingerzeige über den Umgang mit Autoren” zeugen davon: „Selbst die längste Besprechung”, rät er dem Verlegernachwuchs, „darf nicht länger als eine halbe Stunden dauern. Davon hast du nur fünf Minuten Redezeit, in der dreimal das Wort Wirtschaftskrise vorkommen muss.”
Tatsächlich war die Lage nicht immer einfach. Einmal wollte ein Lektor ihn dazu zwingen, über ein Manuskript zu reden und besetzte ostentativ den Stuhl vor des Verlegers Schreibtisch, verkündend, nicht eher zu weichen, bis der Chef sich Zeit nehme zum Gespräch. Rowohlt bedauerte, er habe sie wirklich nicht, der Stuhl, auf dem der Lektor sitze, sei schon gepfändet. Der drehte ihn um und sah dort wirklich den Uhu prangen.
Es gab jedoch immer wieder Zeiten, in denen der Verlag flüssig war. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Rowohlt ihn zum Zweiten gegründet hatte, sorgte Emil Ludwig für volle Kassen, nach ’45 war es C.W. Ceram mit „Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie”, heute ist es Daniel Kehlmann.
Tausend Augen
In solchen Fällen hieß es zumindest früher: feste drauflosgefeiert! Der trinkfreudige, viermal verheiratete Rowohlt ließ nichts aus. Das mag auch ein Grund dafür sein, warum er bei Damen wie Thea Sternheim nicht wohlgelitten war. Und sein Sohn und Nachfolger Heinrich Maria Ledig stand ihm da in nichts nach. Einmal soll er James Baldwin in ein Hamburger Bordell geschleppt und, als er seinen Fehler bemerkte, ausgerufen haben: „Ein paar Jungs, aber rasch!” Fritz J. Raddatz, Lektor bei Rowohlt in den sechziger Jahren und selbst eher von der energischen Sorte, kolportiert diese Begebenheit.
Ob Raddatz, Franz Werfel oder Kurt Pinthus: Rowohlts Lektoren waren häufig selbst berühmte Autoren. Nach dem Krieg gehörte auch Kurt Kusenberg zu dieser illustren Schar erstklassiger Spürnasen. Dass es ihm überdies nicht an Talent zum Kritiker gebrach, davon zeugen seine Gutachten für oder wider ein Manuskript, von denen die umfangreiche, zum Verlagsjubiläum erschienene Chronik nun einige Kostproben liefert. Über ein Buch Hans Sahls heißt es da zum Beispiel, als Leser wundere man sich, „dass der Autor nicht während der Niederschrift vor Langeweile gestorben ist”. Einen neuen Roman von Max Brod kommentiert Kusenberg noch knapper: „Brod ist dod”. Aber auch an Celan, Rühmkorf oder Wolfgang Koeppen lässt er kein gutes Haar.
Kein Wunder also, dass Rowohlt zu jener Zeit als geradezu amerikanischer Verlag galt. Man veröffentlichte Hemingway, Pynchon und Updike, später Paul Auster, Toni Morrison und Jonathan Franzen. Vergessen wird allerdings gerne, dass auch Kafka, Walter Benjamin und Robert Musil früh bei Rowohlt erschienen. Wenngleich der Alte seinen ersten Verlag schon verlassen hatte, als Kafkas „Betrachtungen” die Druckerei verließen. Die nächsten Bücher Kafkas erschienen dann bei Rowohlts ehemaligem Partner Kurt Wolff.
Einige dicke Fische allerdings zogen von Anfang an andere an Land. Thomas Mann erschien bei S. Fischer, Bertolt Brecht bei Suhrkamp, W.G. Sebald bei Hanser. Trotzdem hatte Rowohlt immer und hat auch heute ein beeindruckendes Programm: Wolfgang Büscher steht hier neben Martin Walser und Imre Kertész, Georg Klein neben Jan Böttcher und Jeffrey Eugenides. Dazu kommen allerlei Ratgeber, Krimis und Kinderbücher, dazu kommt die beliebte Monographien-Reihe. Ein Gemischtwarenladen nennen den Verlag deswegen manche, dabei ist doch nichts Verwerfliches daran.
Nach wie vor trifft Ernst Rowohlts Satz, sein Verlag habe kein Gesicht, sondern tausend Augen, die Sachlage. Wer Bücher macht, muss sich eben gut umschauen. Und wenn Alexander Fest, der heutige Verleger und zumindest äußerlich der Gegensatz eines aufgedunsenen Bremensers, sagt, am meisten bedauere er, Peter Handkes „Gestern unterwegs” nicht selbst verlegt zu haben, dann dürfte dies Gewähr sein für die Zukunft auch der schönsten Literatur bei Rowohlt.TOBIAS LEHMKUHL
HERMANN GIESELBUSCH, DIRK MOLDENHAUER, UWE NAUMANN, MICHAEL TÖTEBERG (Hrsg.): 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008. 384 Seiten, 20 Euro.
HANS FALLADA: Ewig auf der Rutschbahn. Briefwechsel mit dem Rowohlt Verlag. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008. 384 Seiten, 24,90 Euro.
Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm” in der rororo-Ausgabe Foto: Rowohlt
Ernst Rowohlt, ein großer Trinker, ein Meister im Verzehren von Gläsern, viermal verheiratet, hier (links) mit einem Exemplar von Rowohlts Rotations-Romanen (rororo). Bücher im Zeitungsformat, im Rotationsdruck, zu verlegen war nach dem Zweiten Weltkrieg der Versuch, bei knappen Mitteln Literatur unters Volk zu bringen. Rechts Ernst Rowohlts Sohn und Nachfolger Heinrich Maria Ledig, ein Mann von ähnlich freudvoller Statur. Fotos: Rowohlt, Hanns Jörg Anders
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