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Erling Fall hat seinen Weg gemacht, ist respektabler Amtsrichter und mit einer Malerin verheiratet. Aber nach zwölf Jahren Ehe verläßt ihn Merete plötzlich wegen eines Jazzgitarristen. Erling überläßt sich seinen Rachegedanken und seinem Selbstmitleid, bis sein alter Freund Gudmund auftaucht, erfolgreicher Unternehmer, der Erlings Leben in die Hand nimmt. Himalaja-Expedition und Rausch der Todesgefahr, Anstellung als Berater in Gudmunds Unternehmen und eine Geschäftsreise nach Taiwan, wo er der schönen Sophie Lee begegnet - er scheint wieder die Kontrolle über sich selbst zu gewinnen. Eine…mehr

Produktbeschreibung
Erling Fall hat seinen Weg gemacht, ist respektabler Amtsrichter und mit einer Malerin verheiratet. Aber nach zwölf Jahren Ehe verläßt ihn Merete plötzlich wegen eines Jazzgitarristen. Erling überläßt sich seinen Rachegedanken und seinem Selbstmitleid, bis sein alter Freund Gudmund auftaucht, erfolgreicher Unternehmer, der Erlings Leben in die Hand nimmt. Himalaja-Expedition und Rausch der Todesgefahr, Anstellung als Berater in Gudmunds Unternehmen und eine Geschäftsreise nach Taiwan, wo er der schönen Sophie Lee begegnet - er scheint wieder die Kontrolle über sich selbst zu gewinnen. Eine trügerische Hoffnung: Als auch Sophie ihm zu entgleiten beginnt, tötet Erling.
Spannend, schonungslos und ironisch, ist diese Kriminalgeschichte, "der ins Herz treffende Roman eines Minimalisten" (Die Zeit), auch eine Studie der Untiefen des menschlichen Zusammenlebens.
Autorenporträt
Ketil Bjørnstad, geboren 1952, Studium des Klassischen Klaviers in Oslo, London und Paris. Er lebt heute als freier Schriftsteller, Pianist und Komponist in Oslo.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.03.2001

Das Leben ist ein Blumentopf auf dem Weg zum Straßenpflaster
Jeder neue Anfang ist eine alte Wiederholung: Ketil Bjørnstad zitiert Camus, klettert auf den Himalaja und berichtet vom freien Fall eines Richters · Von Jörg Magenau

Im norwegischen Original heißt der Roman einfach nur "Fall". Das ist der knappste denkbare Titel eines Kriminalromans, könnte aber auch die Bezeichnung eines existentiellen Dramas sein. Dafür aber wäre die Formel "Aufstieg und Fall" passender, denn ein Sturz kann nur dann richtig in die Tiefe gehen, wenn zuvor ein gewisses Niveau erreicht wurde. Ketil Bjørnstad, hierzulande bisher mit Biographien über Edvard Munch, Edvard Grieg und Oda Krogh hervorgetreten, versucht, mit der Geschichte des Amtsrichters Erling Fall beide Bewegungsrichtungen zugleich zu erzählen. Man weiß nie genau, ob der Aufstieg schon Teil des Niedergangs ist oder der Sturz die Bedingung des Erfolgs. Vielleicht ist auch der Erfolg die eigentliche Katastrophe, und die berufliche Karriere resultiert aus moralischem Verfall.

Der deutsche Titel "Erlings Fall" spricht die Hauptfigur allzu kumpelhaft mit dem Vornamen an, um die harte Mehrstimmigkeit zu bewahren. Verloren geht dabei auch der Anklang an Albert Camus' Erzählung "Der Fall", die gleichfalls von einem Juristen handelt, der, schuldig geworden, aus seinem gewohnten Leben herausgefallen ist. Ein Zitat von Camus, das die Atmosphäre vorgibt, ist dem Buch als Motto vorangestellt: "Reglos lauschte ich immer noch. Dann entfernte ich mich zögernden Schrittes im Regen. Ich benachrichtigte niemand." So geht es zu in "Erlings Fall": fast lautlos, und doch wird mehr als nur ein persönliches Schicksal verhandelt.

Ketil Bjørnstads Roman beginnt, als alles schon zu Ende ist: Erling Fall, auf seinen Hof in Norwegen zurückgekehrt, rekapituliert in Gedanken die verhängnisvolle Ereigniskette. Drei Jahre zwischen 1995 bis 1998 sind vergangen, Ausgangspunkt und Schlußstandort sind identisch: eine Kreisbewegung, die aus dem abgeschiedenen norwegischen Tal über die Gipfel des Himalaja und die Höhen der internationalen Finanz-High-Society in Taiwan schließlich nach Paris und an den Punkt führt, an dem Erling Fall erkennen muß, wozu er fähig ist. Sein "Fall" beginnt damit, daß er nicht darüber hinwegkommt, von seiner Frau verlassen worden zu sein. Wie schlimm es um ihn steht, läßt sich daran erahnen, daß er einen Elch, den er mit seinem Wagen anfährt, verendend auf der Straße liegenläßt. Er lebt wie in Trance. Die Gegenwart läuft aus, verliert jede Konsistenz und Bedeutung: "Hinter jedem Gedanken, den er dachte, lag eine so große Leere und eine so große Verlassenheit, daß es kaum zu ertragen war." Ein Richter-Kollege überbringt ihm die unangenehme Nachricht, daß er vom Dienst suspendiert werden muß, weil seine Frau ihn wegen Telefonterrors angezeigt hat. Da Erling Fall ein hohes Amt innehat und einer angesehenen Juristenfamilie entstammt, droht ein mittlerer öffentlicher Skandal. So scheint die Katastrophe, die Erling Falls innerer Not entspringt, von außen hereinzubrechen.

Ketil Bjørnstad erzählt in der dritten Person, aber doch in einer Art innerem Monolog aus Falls Perspektive. Seine ruhigen, weitgespannten Sätze bilden die wohlgeordnete Welt ab, in der der tragische Held zu Hause zu sein glaubt. Es entsteht eine hochreflektierte Oberfläche über einem unausgesprochenen Abgrund aus Leidenschaft und Aggression. Erling Fall hat sein Leben so eingerichtet, daß er aus der Gleichförmigkeit und Wiederholung des Daseins seinen Genuß zieht. Einmal pro Woche spielt er mit Schwester, Schwager und Freund Streichquartett. Er kennt die Tonarten sämtlicher Beethoven-Quartette, weiß, in welchem Museum Edouard Monets "Olympia" hängt und kann die fünf bedeutendsten Ornithologen der Gegenwart aufzählen. Bildung und bürgerliche Konventionen hat er wie eine schmerzstillende Schicht zwischen sich und der bedrohlichen Welt aufgeschichtet. Sie sind der Puffer, der es ihm erspart, sich mit seinen verleugneten Möglichkeiten befassen zu müssen. Daß seine Frau ihn ausgerechnet wegen eines Jazz-Gitarristen verlassen hat, muß ihn da doppelt kränken. Ketil Bjørnstad hatte an diesem Einfall wohl seine besondere Freude, arbeitet er doch selbst als durchaus erfolgreicher Jazzpianist und Komponist und hat bereits zahlreiche Schallplatten veröffentlicht.

Als Gegenpol zum Melancholiker Erling Fall fungiert der homosexuelle Multimilliardär Gudmund Kværnland, der selbstbewußt und unbesiegbar das ganze Universum im Griff zu haben scheint. Er ist so reich, daß er sein Geld noch nie gesehen hat und mit seinem Vermögen ebenso spielt wie mit den Menschen, die er um sich sammelt. Die Ehe hält er für eine dem Untergang geweihte Institution. Freiheit, sagt Kværnland, "ist ein kultiviertes und leidenschaftsloses Leben unter dem weiten Himmel des Gedankens". Als Börsianer weiß er, worauf es ankommt: "Jederzeit erkennen, was das Ganze wert ist." Ihm, der alles kaufen kann, bleibt als letzte Herausforderung der Einsatz des Lebens. Er nimmt Erling Fall mit auf eine Himalaja-Expedition, wo einer der Teilnehmer in den Tod stürzt. Dieser Absturz ist höchst real und dient doch als Metapher für die Unberechenbarkeit der menschlichen Existenz.

Vom Eis glücklich zurückgekehrt aufs Parkett der Gesellschaft, bekommt Erling Fall eine führende Aufgabe in Kværnlands Unternehmen und wird nun selbst zum Spekulanten. Ob Aktiennotierungen, eine schöne Frau oder ein hoher Berg - wo ist der Unterschied? Alles ist gefährlich und sinnlos und vom Untergang gezeichnet. Das Leben in diesen luftarmen Höhen erscheint ihm so bedroht, als könne es jederzeit zu Staub zerfallen, als sei es bloß "ein Blumentopf, der von einem Sims kippte und auf der Straße zerschellte". Und doch kommt er nun, nachdem er sein Leben und sich selbst neu erfunden hat, scheinbar über den Verlust der Ehe hinweg. In Taiwan lernt er eine junge, kluge und schöne Chinesin kennen, die er wenig später heiratet. Doch keines seiner Probleme ist damit gelöst: Als ihm auch diese Ehe zu entgleiten droht, verliert er, außer sich vor Eifersucht, die Kontrolle. In Paris wird er an der selben Stelle zum Mörder, an der sich auch in Albert Camus' Erzählung das Verbrechen ereignete.

Auch da, als die Geschichte endgültig zum "Fall" geworden ist, bewahrt Ketil Bjørnstad seinen ruhigen, elegischen Erzählton. Seine Prosa, von Lothar Schneider makellos ins Deutsche übertragen, klingt ähnlich kühl und ernst verhalten wie seine meditativen Klavierstücke mit Titeln wie "The Sea", "The River" oder "Waterstories". Der Regen, der während der Mordnacht niedergeht, taucht die Sprache in ein Gleichmaß, das vor unterdrückter Spannung vibriert. Der ganze Roman ist angelegt als Domestizierung verleugneter Gefühle. Das Erzählen funktioniert, als sei es eine Einrichtung zur Verdrängung der Gefühle mittels Kultur, und es ist die große Kunst Bjørnstads, das spürbar zu machen, ohne es jemals auszusprechen. Vielleicht, heißt es einmal über Erling Fall, sah er, "weil er Amtsrichter war, in jedem erregten Menschen einen potentiellen Verbrecher, wobei es kaum eine Rolle spielte, was diesen erregt hatte, es war ein Mensch außer Kontrolle und bereit, Grenzen zu überschreiten, wenn sich die Gelegenheit dazu bot". Daß er sich selbst als solch ein erregungsfähigen und also gefährlichen Menschen betrachten muß, ist die Erfahrung, die Erling Fall schließlich mit nach Hause bringt. Doch dort richtet er sich mit seiner neuen chinesischen Frau wieder im alten Leben und im alten Beruf ein, als wäre nichts gewesen. Der Neuanfang ist die Kapitulation vor jeglicher Veränderung, und vielleicht ist das erst der tragische "Fall". Wenn der Amtsrichter im letzten Satz des Romans seine schöne Frau umarmt, klingt die Zärtlichkeit jedenfalls wie ein Drohung: "Dann hatte er sie endlich wieder, drinnen im dunklen Raum."

Ketil Bjørnstad: "Erlings Fall". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Lothar Schneider. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001. 278 Seiten, geb., 39,80 DM.

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