Entscheidungen - Schröder, Gerhard
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'Er führte die Bundesrepublik aus jahrelanger Erstarrung. Durch seine Außenpolitik stärkte er Deutschlands mitgestaltende Rolle in der Welt. Um die Unabhängigkeit unseres Landes in der Außen- und Sicherheitspolitik zu erhalten, setzte er im Innern grundlegende Reformen durch. In klaren Worten schildert Gerhard Schröder seinen Weg aus einfachen Verhältnissen bis in das höchste deutsche Regierungsamt.…mehr

Produktbeschreibung
'Er führte die Bundesrepublik aus jahrelanger Erstarrung. Durch seine Außenpolitik stärkte er Deutschlands mitgestaltende Rolle in der Welt. Um die Unabhängigkeit unseres Landes in der Außen- und Sicherheitspolitik zu erhalten, setzte er im Innern grundlegende Reformen durch. In klaren Worten schildert Gerhard Schröder seinen Weg aus einfachen Verhältnissen bis in das höchste deutsche Regierungsamt.
  • Produktdetails
  • Ullstein Taschenbuch Nr.36937
  • Verlag: Ullstein Tb
  • Aktualis. u. erw. Ausg.
  • Seitenzahl: 555
  • Erscheinungstermin: Mai 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 128mm x 32mm
  • Gewicht: 438g
  • ISBN-13: 9783548369372
  • ISBN-10: 3548369375
  • Artikelnr.: 20949193
Autorenporträt
Gerhard Schröder, geb. 1944 in Mossenberg (heute Stadtteil von Blomberg, Kreis Lippe) war nach seinem Jurastudium (1966-1971) in Göttingen als selbstständiger Rechtsanwalt (1978-1990) in Hannover tätig. Seit 1963 Mitglied in der SPD. Zu seinen politischen Stationen zählen unter anderem die Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag (1980-1986), die Ministerpräsidentschaft von Niedersachsen (1990-1998), der Parteivorsitz der SPD (1999-2004) sowie das Amt des Bundeskanzler von 1998-2005.
Nach seiner politischen Karriere ist Schröder wieder als Rechtsanwalt und als freiberuflicher Berater in eigener Kanzlei in Berlin tätig. Ebenso bekleidet er verschiedene Positionen in der Wirtschaft.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.12.2006

Unheimlich weit oben
Gerhard Schröders Kanzlerjahre waren nicht so belanglos wie seine in übergroßer und geschäftstüchtiger Eile verfaßten Memoiren

Im Grunde hatte es Konrad Adenauer doch am einfachsten. Er blickte nicht auf erfolgreiche und bedeutende Amtsvorgänger zurück, die ihn in ihrem Schatten stehen ließen. So konfrontierte auch niemand den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland mit der lästigen Frage, ob das Amt die Person präge oder die Person das Amt. Denn eines war und ist klar: Die Verkörperung des Amtes des Bundeskanzlers ist Adenauer. Zweifellos hatte der Rhöndorfer schwierigere Fragen und Probleme zu lösen als einen Selbstfindungsprozeß zu durchlaufen und sich um die eigene historische Darstellung zu bemühen. Alle seine Nachfolger müssen sich aber um so mehr an ihm messen lassen. Als Mächtiger, als Inhaber der Richtlinienkompetenz, als Visionär, als Parteipolitiker setzte er nun einmal fast unerreichbare Maßstäbe.

So wird auch im Rückblick auf seine Amtszeit Gerhard Schröder immer wieder gefragt, ob ihn das Amt mehr geprägt hat oder er das Amt. Einen Versuch, darauf eine Antwort zu formulieren, hat der Altkanzler in Rekordzeit abgeliefert. Seine Erinnerungen hat er nicht einmal ein Jahr nach Ablauf seiner Amtszeit vorgelegt. In einem einzigartigen Medienmarathon hat er sich darum bemüht, sein Buch bekannt zu machen. Dies ist ihm zweifellos gelungen - mit dem Nachteil, daß die Erwartungshaltung potentieller Leser auch entsprechend gewachsen ist. Ob Vorabdruck in diversen Leitmedien, Reaktivierung zweier vormaliger Regierungssprecher - der eine als schriftstellerischer Helfer, der andere als Vermarkter -, ob die entsprechende Fernsehpräsenz inklusive einer Wiederbelebung der bislang nicht vermißten "Gerd-Show" bei der ARD-Sendung von Sabine Christiansen: Der Altkanzler läßt keine Situation aus, auf sein Werk hinzuweisen.

Mehrfach war in diesem Sommer zu vernehmen, daß sich der Memoirenschreiber eventuell nicht an die vereinbarte Abgabefrist würde halten können. Tatsächlich drängt sich nach Erscheinen schon beim ersten Anheben des Buchdeckels der Eindruck auf, daß Schröder den Wettlauf gegen die Zeit verloren hat. 543 weisen die Seitenzahlen aus. Doch das Druckbild verrät, daß der Rand sehr großzügig bemessen und der Text von nur etwa 400 Seiten mit meist unnötigen Randbemerkungen versehen worden ist. Es verstärkt sich der ohnehin latent vorhandene Eindruck, daß der Verlag als Gegenleistung für eine astronomisch hohe Honorarzahlung das Schröder-Werk unbedingt noch in das Weihnachtsgeschäft 2006 drücken wollte - ohne Rücksicht auf Sorgfalt, Ausführlichkeit oder sonstige literarische Kriterien. So sind die "Entscheidungen" gespickt von zahlreichen kleinen Ungenauigkeiten. Von Staatsbesuchen ist die Rede, die ein deutscher Bundeskanzler formell gar nicht absolvieren kann, sowie von einer Hochbegabtenförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die gar nicht existiert. Schröder wollte eben immer schon hoch hinaus, Reisen hat er auch viele gemacht - und begabt ist er natürlich auch.

Schröders Rückblick ist ein Novum in der Geschichte von Politikermemoiren. Es ist perfekt zugeschnitten auf Vermarktung und auf die Übersetzung in andere Sprachen. Etwa nach dem Vorbild von Bill Clintons "My Way" ist das Buch aufgebaut. Ausführliche, emotionale und interessante Schilderung der Kindheit, kurze Beschreibung des Aufstiegs und dann absolute Glorifizierung des eigenen Schaffens. Dies geschieht so mundgerecht für den politisch weniger interessierten Leser, daß bei beiden Werken sachdienliche Details oder ausführliche Zusammenhänge, die auch für die Geschichtsforschung interessant sein könnten, einfach weggelassen werden. Im Grunde ist die Hauptperson, die sich da selbst beschreibt, ständig darum bemüht, möglichst an allerhöchsten moralischen Maßstäben orientiert zu wirken. Dies wirkt spätestens bei Clintons Schilderung der sogenannten Lewinsky-Affäre bizarr - bei Schröder hingegen, wenn er über deutsche Geschichte oder über Geschichte im allgemeinen schreibt. Ohne Grund oder Not belästigt er den Leser mit seinen Überlegungen zum Wiener Kongreß, um dann unsortiert über China und andere außenpolitische Herausforderungen zu fabulieren - und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem der Leser gewillt ist, mehr über Schröders Denken und Handeln zu erfahren. Immerhin berichtet er im ersten Kapitel wirklich interessant, aufschlußreich und offen über seine Kindheit.

Schröder schreibt im Grunde so, wie er spricht. Immer wieder kommt sein voluntaristischer Politikansatz sprachlich zum Vorschein. "Wir wollen und wir werden" war eine seiner gängigen Formulierungen. Hier bleibt er sich auch in seinen Erinnerungen treu. Ein voller Überzeugung geäußertes "Wir haben" entwickelt sich hingegen selten aus seinen Absichtserklärungen. Er schreibt von einem "Realitätsschock", den er anläßlich des heraufziehenden Kosovo-Krieges 1999 gespürt habe. Besorgte Betrachter fragen sich an dieser Stelle, was denn die Regierung Schröder I von Herbst 1998 bis April 1999 eigentlich gemacht und gedacht hat, wenn sie erst auf dem Kulminationspunkt der Krise in der Realität aufgewacht ist. Schröder bestätigt hier stillschweigend die schlimmsten Befürchtungen, die Zeitgenossen zu Beginn des "Projekts Rot-Grün" hatten.

Sehr amerikanisch verhält sich Schröder zudem in der Beschreibung seiner Feinde und Weggenossen. Bis auf die Benennung einzelner Gewerkschaftsführer und natürlich Oskar Lafontaines, den er aber im Grunde seines Herzens auch noch immer mag, bekommt der Leser alles an Freundlichkeit präsentiert, was es aufzubieten gibt, wenn Schröder politische Weggefährten beschreibt. Auch geht er milde mit denen um, die er zu Kanzler- oder Ministerpräsidenten-Zeiten häufig verflucht hat. Während Heidemarie Wieczorek-Zeuls Zuständigkeit zu Kanzlerzeiten dann und wann als drittrangig abgetan wurde, erfährt sie heute geneigte Zustimmung. Schröder hatte anscheinend fast nur Freunde in seiner Partei und seiner Regierung. Die Überschüttung mit Lob bleibt manchmal nicht folgenlos. Einer der besonders Gelobten und groß Abgebildeten, Erhard Eppler, revanchiert sich seit Erscheinen des Buches mit der Verbreitung von Lobeshymnen. Er meint sogar, daß Schröders Memoiren die ersten extrem selbstkritischen Politikererinnerungen seien. Dies trifft gerade nicht zu.

Im Umgang mit Freund und Feind drückt Schröder eher seine typische Eigenart aus, als daß er besonders selbstkritisch wäre. Frühere Freunde und wirkliche Schröder-Macher wie Bodo Hombach oder Matthias Machnig übergeht er fast vollständig. Seine Auseinandersetzung mit seinem unmittelbaren Amtsvorgänger Helmut Kohl zeugt nicht nur von Geschichtslosigkeit; sie hat auch den Effekt, daß Schröder ungewollt besonders klein und kleinmütig erscheint. Schröder hat immer schon wenig gewußt über das Land, das er sieben Jahre regiert hat, und über die historischen Dimensionen, die seine Vorgänger erreicht haben. Die fehlende Reflexion der eigenen Position im Einigungsprozeß zeugt ebensowenig von Selbstkritik wie seine Beschreibung des Maastricht-Vertrages und des Stabilitätspakts. Schröder spricht in diesem Zusammenhang von "Hypotheken", die er zu tragen gehabt hätte, und versäumt auch nur den zartesten Hinweis darauf, daß sein Regierungshandeln mit der Zurücknahme aller Reformen der Regierung Kohl die ökonomische Situation Deutschlands massiv verschlechterte.

Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit stand Schröder vor einem wirtschaftlichen Desaster. Franz Müntefering erklärt heutzutage, daß das Ausmaß der schwierigen Situation erst während der Koalitionsverhandlungen mit den Grünen 2002 zu erkennen gewesen sei. Hier muß sich jeder Betrachter fragen, ob dies einer Regierung nicht schon eher hätte auffallen müssen. Im Wahlkampf gegen die Union spielte das Thema jedenfalls keine Rolle, denn Schröder versuchte 2002 die Union und insbesondere deren Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber als Kräfte darzustellen, die das Land schlechtreden wollten. Aus der "neuen" Erkenntnis nach der gewonnenen Wahl wuchs dann die späte Einsicht, wieder Reformen in Gang zu bringen. Allerdings entstand daraus zugleich auch ein Problem, das sich sehr schwerwiegend und endgültig für Schröders zweite Amtszeit auswirken sollte. Während er 2002 noch ohne "Agenda 2010" Wahlkampf machte, fehlte ihm in der folgenden Amtszeit die Legitimation für seine Reformpolitik sowohl innerparteilich als auch bei seinen Wählern. Im Kern hat Schröder dieses Legitimationsproblem bis heute nicht erkannt.

In seinem Buch skizziert er eher unheimliche Kräfte, die seine Agenda störten und seine Abwahl letztendlich herbeiführten. Sie sind aus Schröders Sicht dafür verantwortlich, daß seine Partei die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen verlor. Der Leser könnte an der einen oder anderen Stelle zu Recht erwarten, über die Motive Schröders aufgeklärt zu werden, die ihn zum politischen Handeln motivierten. Dies bleibt er aber besonders bei der Frage der Neuwahlentscheidung 2005 schuldig. Seine These, daß er seine Politik hätte verändern müssen aufgrund innerparteilichen Drucks nach der verlorenen NRW-Wahl, ist weder neu noch glaubwürdig. Sie rechtfertigt jedenfalls nicht seine überstürzte Flucht nach vorne. Diese endete für ihn und seine Partei bekanntermaßen glimpflich, weil er sich im Wahlkampf in bewundernswerter Weise schlug.

Es bleibt der Eindruck bestehen, daß Schröder mit der vorzeitigen Parlamentsauflösung erhobenen Hauptes aus dem Amt scheiden wollte. Die zu frühe Publikation seiner Memoiren ist ein weiteres Indiz dafür, daß er mittlerweile ganz andere Ziele als politische hat. Sein Engagement steht in einer Reihe seiner Tätigkeiten bei Ringier, Gasprom, Rothschild und RAG. Es geht ihm nicht um Politik oder seine Rolle in der Geschichte. Es geht ihm um die Verwirklichung eines anderen Traums, der sich in Kindestagen verfestigte und nun nach der erreichten politischen Anerkennung greifbar geworden ist. Schröder ist jetzt auch als Geschäftsmann erfolgreich. Dies ist ihm zu gönnen. Als politischer Literat oder historisch gebildeter Autor taugt er wenig. Die Historiker der Zukunft werden mit seiner Kanzlerschaft und deren Aufarbeitung besser umgehen als er selbst - und das nicht ohne Grund. Denn so belanglos, wie Schröder seine Amtszeit beschreibt, war sie beim besten Willen nicht.

PHILIPP MISSFELDER

Gerhard Schröder: Entscheidungen. Mein Leben in der Politik. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2006. 543 S., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 27.10.2006

Wahlkampf als Elixier
Gerhard Schröders Autobiografie: Auffallend ist, was der frühere Bundeskanzler alles nicht erwähnt
Bundeskanzler a. D., Berater des Schweizer Medienkonzerns Ringier”: So steht es in der soeben erschienenen Neuausgabe des deutschen Who’s Who. Gerhard Schröder fügt selber auf Seite 461 seines Buches hinzu, er sei „an die Spitze des Aufsichtsrats der Nordeuropäischen Gaspipeline Gesellschaft” getreten. Aber da er dies im Kapitel IX „Russland, der Global Player” schreibt, gehört dieses Amt zum politischen Umfeld seiner Putin-Begeisterung, die erst später darzustellen sein wird.
Zunächst geht es um das Leben vor der Politik, das nur wenige Seiten füllt, mit der gelungenen Darstellung der mehr als einfachen Verhältnisse, aus denen Schröder sich nach oben, zunächst einmal zum Anwaltsberuf, hinaufarbeiten musste. Der Aufstieg in der Politik – bei den Jusos, dann auf Landesebene steht im Zeichen der Bewunderung für Willy Brandt – mit der (berechtigten) Anerkennung der moralischen Größe von Erhard Eppler. Nach und nach werden fast alle wichtigen Parteifreunde und (oder) Regierungsmitglieder gelobt.
Längere Passagen sind Oskar Lafontaine gewidmet, mit manchen Details über dessen Rücktritt und auch über seine Persönlichkeit. Nach den Worten Schröders galt die Arbeitsteilung „Oskar für die Seele und Schröder für den Verstand”. Höchstes und beständiges Lob erhält der treue Verbündete Joschka Fischer, nicht zuletzt wegen seines Einsatzes im Wahlkampf 2005. Nach vielen nützlichen Ausführungen über das Zuwanderungsgesetz, die Riester-Rente oder den Kampf um die Agenda 2010 stellt Schröder – trotz allem – fest: „Für mich ist Wahlkampf die interessanteste Zeit im Politikerdasein.” Am 18. September 2005 habe die CDU/CSU „ein katastrophales Ergebnis” eingefahren. „Wir Sozialdemokraten haben gewonnen, aber nicht gesiegt.” Sein erstaunliches Benehmen in der Fernsehdebatte am Wahlabend wird nicht weiter erläutert, bis auf die Anmerkung, dass er bei den Koalitionsverhandlungen noch dieselbe Taktik eingeschlagen habe: „Je intensiver und länger ich auf meinem Führungsanspruch bestand, desto teurer wurde seine Preisgabe für die Union.”
Die interessantesten Kapitel behandeln die Deutschland- und Außenpolitik, die jedoch alle durch eine und dieselbe Verzerrung gekennzeichnet sind: in der Auffassung und der Darstellung des Ost-West-Gegensatzes im Kalten Krieg – in der sich angeblich lediglich Ideologien und Wirtschaftssysteme gegenüberstanden. Auffallend ist, dass das Wort Freiheit für die Bundesrepublik nicht in Anspruch genommen wird. Die unmittelbare Nachkriegszeit nimmt im Vergleich zur Nazi-Vergangenheit ohnehin einen verblüffend geringen Raum ein. Die Juso-Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Die Bonner Demokratie ist für Schröder nur ein kleinkarierter rheinischer Kapitalismus. Bei der Einheit hat Kohl anscheinend nur Fehler gemacht.
Der Irak-Krieg und seine Entstehung werden dagegen mit großer Klarheit und vernünftig dargestellt. Nur dass nicht dasteht, dass Schröder „Auf keinen Fall” zu einer möglichen deutschen Beteiligung gesagt hat, während Chirac und Villepin klargemacht haben, unter welchen Bedingungen Frankreich sich engagieren würde. Auch zeigt Schröder (wie fast alle deutschen Politiker und Journalisten) beim Thema „11. September”, dass er anscheinend den Artikel 5 des Nordatlantikvertrags nicht genau gelesen hat. Denn der „Bündnisfall” verpflichtet nicht unbedingt zu einer militärischen Aktion. Jeder Partner leistet Beistand, indem er die „Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die (er) für erforderlich erachtet”.
Die Europäische Gemeinschaft ist in den Augen des Ex-Kanzlers nur aus wirtschaftlichen Gründen entstanden. Der 5. und der 9. Mai sind offiziell Europatage. Auch in Deutschland. Aber sie kommen noch nicht einmal in der beigefügten Chronologie vor. Robert Schuman und Jean Monnet werden überhaupt nicht genannt. Schröder hätte noch einmal die Rede Willy Brandts als Alterspräsident des ersten vereinten Bundestags am 20. Dezember 1990 lesen sollen: „Zu den Gründervätern des vereinten Deutschlands zählen in diesem Sinn die Urheber des Marshallplans und Männer wie Jean Monnet, die unseren Völkern den Weg nach Europa haben weisen helfen, noch ehe Hitler zur Hölle gefahren war.” Die Motivation dabei war nicht die kapitalismusfeindliche Sowjetunion, sondern das Gefühl, für eine gemeinsame freiheitliche Demokratie verantwortlich zu sein.
Schröder sagt nicht mehr, bei den Wahlen in Tschetschenien habe es „keine empfindlichen Störungen” gegeben. Er spricht überhaupt kaum von Tschetschenien, noch weniger von der Unfreiheit in Russland, und auch nicht von der Tatsache, dass Gazprom in den Händen Putins ist. Denn dieser Putin ist ja bescheiden, ein ausdauernder Schwimmer und guter Reiter. Er lebt auf Grund „einer christlichen Überzeugung” und „denkt abendländisch”. Mit Chirac und ihm gibt es eine Art Männerbund, und wenn sich Polen darüber aufregt, so ist das nur der schlimmen nationalistischen Entwicklung dieses Landes zuzuschreiben.
Aber auch Chirac gehört für Schröder nicht unbedingt zu den wichtigen Bündnispartnern der Zukunft. Deutschland und Russland sind schon eher die eigentlichen Partner, weshalb natürlich auch nicht mehr von einer gemeinsamen Europäischen Außenpolitik die Rede ist. Nur sollte gesehen werden, dass „Reflexe und Vorurteile aus dem Amalgam dieser vergangenen Epoche uns wohl noch eine Weile begegnen und verzögern” werden. Leider! Und sei es nur die Dresdner Vergangenheit von Putin.
Schröders Memoiren sind gut lesbar. Sie enthalten eine Menge von deutscher und internationaler Politik. Aber es
fehlt gewissermaßen die moralische Grundlage, die unter anderem lange vor dem Elysée-Vertrag die deutsch-französische Zusammenarbeit bestimmt hat – und die heute beispielsweise sehr unterschiedliche Beurteilungen der Politik Israels zulässt, ein Land, das im Buch nicht weiter erwähnt wird, vielleicht gerade weil die moralische Beurteilung nicht einfach ist.
ALFRED GROSSER
GERHARD SCHRÖDER: Entscheidungen – Mein Leben in der Politik. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2006. 544 Seiten, 25 Euro.
„Wir Sozialdemokraten haben gewonnen, aber nicht gesiegt”, so relativiert Gerhard Schröder nun seinen erstaunlichen Fernsehauftritt am Wahlabend, als er zur allgemeinen Verwunderung seinen Anspruch auf die Kanzlerschaft aufrechterhielt. Diese Taktik habe er aber, so erfährt nun der Leser, auch noch bei den Koalitionsverhandlungen gepflegt: „Je intensiver und länger ich auf meinem Führungsanspruch bestand, desto teurer wurde seine Preisgabe für die Union.”
Foto: ddp
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Einen differenzierten Blick wirft Rezensent Alfred Grosser auf die Memoiren des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Neben Abschnitten, die ihm recht gelungen scheinen, findet er solche, die ihn weniger überzeugen. Schröders Darstellung seines Aufstiegs aus einfachen Verhältnissen an die Spitze der SPD und der Republik lobt er ebenso sehr wie die Ausführungen über das Zuwanderungsgesetz, die Riester-Rente, den Kampf um die Agenda 2010. Besonders interessieren Grosser die Kapitel über die Deutschland- und Außenpolitik. Hier hält er Schröder einen von der Auffassung des Ost-West-Gegensatzes im Kalten Krieg verzerrten Blick vor. Demgegenüber würdigt er das Kapitel über den Irak-Krieg als "vernünftig" und "mit großer Klarheit" dargestellt. Skeptisch hingegen betrachtet Grosser die Abschnitte über Russland, die Lobeshymne auf Putin inklusive. Insgesamt beurteilt er das Buch aber als recht gut geschrieben und mit vielen Informationen zu deutscher und internationaler Politik angereichert.

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