Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • ISBN-13: 9783351028954
  • ISBN-10: 3351028954
  • Artikelnr.: 08999108
Rezensionen
Besprechung von 18.10.2000
Träume eines Taugenichts
Martin Mosebach macht einen Bruder zum Orakel des anderen
„Weiss nicht, was ich ihm gesagt haben mag, / sagte das orakel, / aber er schien überhaupt nicht glücklich. ” Eines der letzten Gedichte von Robert Lax, ein Höhepunkt des soeben erschienenen Gedichtbandes moments – höhe/punkte (Pendo Verlag), erinnert daran, dass alle große Literatur etwas von einem Orakel hat. Sie spricht, kann sich aber selbst nicht deuten, ist ewig befragbar und gibt Antworten, die den Befrager niemals zufrieden stellen. Was zunächst wie ein Mangel erscheint, die Absenz des Glücks, erweist sich auf lange Sicht als ihr ewiges Faszinosum, als die endlose Interpretierbarkeit der Literatur.
Am Ende des neuen Romans von Martin Mosebach ist ein Bruder dem anderen ein Orakel. Beim Legen von Patiencen kommen sich Hermann, der Ältere, und Ludwig, der Jüngere, nach Jahren der Entfremdung erstmals wieder nahe. Hermann ist krank, und der Fieberschweiß steht ihm im Gesicht, als habe er gerade seinen Kopf aus dem Wasser gezogen. Mit diesem Fieber schwitzt er Wahrheiten aus für den Bruder, die ihm helfen sollen, sein weiteres Schicksal zu bestehen. Und Ludwig, der jedes Wort seines Bruders begierig aufsaugt, und sei es auch unter dem Primat der Unverständlichkeit, schöpft Hoffnung für ein Leben mit Bella bis ans Ende seiner Tage.
Damit ist hoffentlich noch nicht zu viel gesagt über die Fabel dieses einzigartigen Buches, dessen Personen und ihre Konstellationen man ganz rasch erzählen könnte und damit doch das Entscheidende verfehlen würde. Aber was ist schon das Entscheidende an einer Geschichte, die von einem gescheiterten Jurastudenten erzählt, der sich – nicht zuletzt dank seiner tüchtigen Sekretärin Bella und ihres Mannes Fidi Lopez – zum erfolgreichen Geschäftsmann mausert und am Ende mit der Frau glücklich wird, die er liebt?
Diese Frage stellt sich auch Mosebachs Buch: Von welcher Art sind eigentlich die „schicksalhaften Ereignisse”, die in den alten Trauerspielen zur Katharsis geführt haben, was sind die Zutaten, „die wie göttliche Donnerkeile in das Leben geworfen wurden und dort tödliche Verletzungen und einen das ganze Leben füllenden Schmerz verursachten”? Das Frappierende scheint doch zu sein, dass sich alle große Literatur auf eine ganz banale Fabel reduzieren und mit einem Satz oder auch nur einem Wort („Ödipus”) umreißen lässt, dass sie einfach ist und gleichwohl hinreichend Stoffliches bietet für eine „ergreifende Erzählung”.
Was nun dieses – pardon – Stoffliche angeht, so soll man sich vom Banalen nicht täuschen lassen: Wenn ein Autohändler (wie in Christoph Heins Roman Willenbrock), ein Bettenverkäufer (wie in Michael Kumpfmüllers Roman Hampels Fluchten) und ein Vertreter für pakistanische Billighemden (wie in Martin Mosebachs Roman Eine lange Nacht) ins Zentrum der dargestellten Welt vorrücken und von dort die Aschenbach-Figuren vertreiben, die in sich den Konflikt von Bürger und Künstler auszutragen hatten, so muss das nicht bedeuten, dass sich die Literatur von ihrem Anspruch verabschieden würde, Totalkunst zu sein, ganz im Gegenteil.
Und so hat es durchaus Thomas-Mannsche Qualitäten, wenn Mosebach anhand seiner Figur Fidi Lopez die Wonnen der Gewöhnlichkeit beschreibt, wenn er, der Autor, der im literarischen Patience-Spiel auch die niedrigste Karte zu respektieren weiß, jenen Fidi Lopez aus seiner südlichen Bellezza und seiner treuherzigen Biderbheit herausführt und zu einem Vetter Tonio Krögers erhebt, der den kalten Dreh dieser Geschichte herbeiführt wie der gute Novellist den Wendepunkt seiner Geschichte. Wenn Mosebach die milde Überheblichkeit, mit der Ludwig Drais auf Lopez herabschaut wie auf einen nützlichen Idioten, mithilfe einer raffiniert gelegten Karte (eines Manschettenrings) bestraft und in ein beißendes Schuldgefühl verwandelt, dann wird bedeutende Erzählkunst sichtbar. Ganz ähnlich ergeht es dem Leser mit Hermann, der als gescheiterte Existenz aufgebaut wird, den sein Bruder Ludwig schon gedanklich abgeschrieben und entmündigt hat, und der dann doch noch zu seinem Recht kommt, ganz am Ende des Buches, eine Nebenfigur mit katalysatorischer Funktion. Respekt verdient Martin Mosebachs Vermögen, zu seinen Figuren ein Verhältnis zu gewinnen, das von Nähe und Distanz gleichermaßen geprägt ist. Mag Ludwig Drais, seine Hauptfigur, auch überheblich sein, der Erzähler ist es nie, sondern sieht durchaus, dass auch die billige Hausiererware mit ihren schreienden Farben und Mustern die Welt verschönern kann.
Ablenkende Stubenfliege
Und so wie der Teppich auch das Textgewebe: Das Stoffliche darf durchaus banal sein, doch an die Seite dieses banal Stofflichen (mit seinen wohlgesetzten Leitmotiven) muss das Gestalterische treten. Wie jeder gute Erzähler nimmt sich Mosebach Zeit, seine Figuren zu modellieren: die fast ätherisch wirkende Bella, die in ihrem ersten Job eine erfreuliche Geschäftstüchtigkeit an den Tag legt. Oder jenen etwas schmuddeligen Pakistani, Mister Khan, der einem Imperium von Neffen vorsteht und der etwas von der Kunst des Handlesens zu verstehen scheint. Seine Prophezeiung, dass das Böse in das Leben von Bella treten werde (und damit in das Leben von Ludwig und Fidi), erfüllt sich nur allzu bald. Viele andere Figuren könnten hier genannt werden, von den zahllosen, scheinbar ganz unwichtigen Dingen ganz zu schweigen. Da ist zum Beispiel die Stubenfliege, die offensichtlich die Funktion hat, Ludwigs Aufmerksamkeit vom Gespräch mit seinem Gönner, dem alten „Onkel” Twillebeeckx, ab- und auf eine schöne Reminiszenz umzulenken. Das Wirtschaftsleben scheint von Onkeln und Neffen geradezu dominiert zu sein, „dynastischer Wille” oder Unglück? Geschickt jedenfalls folgt die Perspektive den einzelnen Figuren, kann aber auch sacht über ihnen schweben und die Perspektive der Geschichte forcieren, die vermutlich Ende der 70er Jahre und natürlich in Frankfurt situiert ist, wie alle Romane Mosebachs. Doch keines dieser Bücher erhebt den Anspruch, autobiografisch gesättigt oder durch Erfahrung beglaubigt zu sein. Gerade Eine lange Nacht führt eindrucksvoll vor und sagt es auch explizit, dass Erfahrung und Erfindung eine „Pseudoalternative” darstellen, insofern auch die Erfindungsfähigkeit in der Erfahrung wurzelt, bei Träumern wie bei Taugenichtsen.
LUTZ HAGESTEDT
MARTIN MOSEBACH: Eine lange Nacht. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2000. 576 Seiten, 49,90 Mark.
Martin Mosebach
Fotos: Isolde Ohlbaum
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Besprechung von 14.11.2000
Nachtwachen eines notorischen Taugenichts
Der Palmengarten als Keimzelle der Schöpfung: Martin Mosebach spaziert mit dem Darling alter Damen / Von Kristina Maidt-Zinke

Die Nacht ist keines Menschen Freund, schon gar nicht in einer Stadt wie Frankfurt, aber mutmaßlich ist sie dort mehr als anderswo bevölkert von romanfähigen Gestalten. Was ein Roman sei, bestimme derjenige, der ihn schreibe, sagte Heimito von Doderer, und obwohl Martin Mosebach das rebellische Diktum seines Preispatrons gern zitiert, scheut er sich weniger als andere, die Möglichkeiten der Romanform innerhalb der literarischen Konventionen auszuschöpfen, die vor Doderers Zeit galten. Sein neues Frankfurt-Epos erzählt mit langem Atem und weit ausschwingender Geste von den Nachtwanderungen, Nachtwachen und Nachtgedanken eines jungen Mannes aus mäßig gutem Hause, der es fertigbringt, noch in den späten Siebzigern, vielleicht auch frühen Achtzigern des zwanzigsten Jahrhunderts als kaum befleckter Tor und schwerromantischer Taugenichts durch die Main-Metropole zu tappen, zugleich jedoch eine Art von schöngeistiger Schlitzohrigkeit zu pflegen, die an Felix Krull gemahnen könnte, hätte jener ein paar Semester Kunstgeschichte studiert.

Dabei ist dieser Ludwig Drais, dessen Vatername einen dreisten Wesenszug schon nahelegt, mitnichten durch das kunsthistorische Examen gefallen, sondern durch das der Jurisprudenz. Sein Versuch, sich zum Kunsthändler hochzustapeln, endet damit, daß ein Freund seiner Eltern, ein jovialer Drahtzieher mit dem Thomas-Mann-haften Namen Dr. van Twillebeeckx, ihn zum Geschäftsführer einer Importfirma für pakistanische Baumwollwaren macht, weil auf diesem Posten jemand gebraucht wird, der von Handel und Wandel keinen blassen Schimmer hat. Blaß schimmert die Haut der weißblonden Bella, die ihre Schreibdienste am Schwarzen Brett der Universität angeboten hat und nun, nach behutsamer Annäherung in nächtlichen Telefonaten, das neonbeleuchtete Kellerbüro der Firma "Nephew & Nephew Europe" mit Ludwig teilt, um als seine Sekretärin, Repräsentationsdame und rechte Hand den Absatz von Holzfällerhemden und Strampelhosenpyjamas aus Hyderabad anzukurbeln.

Noch stört es den Verträumten nicht, daß Bella mit dem spanischstämmigen Leichtfuß und Gelegenheitsgauner Federico "Fidi" Lopez verheiratet ist. Im Gegenteil: Ludwig hat seine Freude an diesem "luftigen, improvisierend über das Großstadtpflaster schwebenden Paar", betrachtet es mit jener still staunenden Aufmerksamkeit, die er auch anderen Paarbeziehungen in seinem Gesichtskreis entgegenbringt und die der Autor zum Anlaß nimmt, aparte oder tragikomische Varianten des Zusammenlebens von Mann und Frau arabeskenartig in die Handlung einzuflechten. So eng fühlt sich der tatenscheue Jungunternehmer mit der unentbehrlichen Bella und dem handlangerisch begabten Fidi verbunden, daß er den beiden "Prinzenkindern" im Souterrainzimmer seiner ersten eigenen Wohnung, die selbstverständlich - so will es die Stadtästhetik à la Mosebach und Drais - in einer noblen Gründerzeitvilla liegt, Unterschlupf gewährt.

Aber der Roman ist auch ein Bildungsroman. Nachdem Ludwig, der nicht zuletzt wegen enttäuschender Erlebnisse mit einer gewissen Erika in der Rolle des passiven Beobachters verharrt, lange genug aus dem oberen Stock auf das knoblauchduftende, rotverhängte Ehenest heruntergeblickt hat, ereignet sich der "historische Augenblick", der ihn in Bellas Arme, in den Rausch beseligender Liebesstunden und erwartungsgemäß in einige Kalamitäten treibt. Keine davon ist freilich groß genug, um die Grundregel der Lebenskunst außer Kraft zu setzen, die der junge Drais, notorischer Darling alter Damen, von einer Freundin seiner Mutter gelernt hat und die ihn als typisch Mosebachschen Helden ausweist: "Die Lebenskunst bestand darin, gegen übermächtige Gewalten nicht anzukämpfen, sondern rechtzeitig aufzugeben und so bescheiden und geschmackvoll wie möglich unterzugehen." Und selbst der Untergang kann, wie Ludwig noch erfahren wird, in entscheidenden Momenten durch Untätigkeit vermieden werden.

Das Attribut "geschmackvoll" mit seinem leicht ironischen Beiklang bietet sich zur Charakterisierung dieser sorgsam polierten Prosa unwiderstehlich an. Sogar die Niederungen des Frankfurter Milieus, mit denen Ludwig durch Fidis Machenschaften in Berührung kommt, werden hier in einer Weise geschildert, die jederzeit auf zartfühlende Nerven Rücksicht nimmt, und wir gestehen, daß wir diese altmodische Dezenz zu schätzen wissen. Ein wenig bedauern mag man allenfalls, daß Mosebach sein Talent für das Komische nicht stärker zum Zuge kommen läßt, etwa in der Szene, in der Fidi aus nicht ganz durchsichtiger Berechnung seinen "Chef" zum flotten Dreier mit einer Kaschemmenwirtin animiert. Indes wäre diese Sphäre des Romans dann noch schärfer getrennt von jener ganz anderen, gedankenschweren, in der Ludwigs kranker Vater sich auf den Tod vorbereitet und sein Sohn über den Unfug des Lebens und Sterbens sinniert. Die dritte und rätselhafteste ist die Sphäre, in der Ludwigs älterer Bruder Hermann, noch untüchtiger und weltentrückter als er selbst, meditative Patiencen legt und merkwürdigen religiösen Riten beiwohnt. In der "siebzehnten Vision" einer Glaubensgenossin, der Sachbearbeiterin Emme Brust, wird Ludwigs Liebesschicksal mit alttestamentarischem Dekor und Kolorit so prachtvoll wie grotesk gespiegelt. Und es ist Hermann, der ihm am Ende die überraschende Prophezeiung aus den Karten liest: "Du bist zu allem fähig."

Die Fähigkeiten des Autors erschließen sich am eindrucksvollsten dort, wo er aus Kindheitserinnerungen, Früchten seiner feuilletonistischen Exerzitien und frei flottierender Phantasie ein Frankfurt-Bild zusammensetzt, dessen Anteil an zeitgemäßer, zeitgebundener Wirklichkeit vernachlässigt werden kann, weil seine Realität eine poetische ist. Da wird der Palmengarten zur Keimzelle der Schöpfung und die Münchener Straße zur venezianischen Vedute, und in der märchenhaft verfremdeten Stadtlandschaft gedeihen zahlreiche Nebenfiguren wie bizarre und doch eigenartig vertraute Nachtschattengewächse. Wenn der Leser merkt, daß Mosebachs Fabulierlust zuweilen allzu fleischige Blüten treibt, hat er sich in diesem Dschungel schon zu tief verfangen, um noch aufhören zu können, und am Ende der langen Buchnacht findet er es nicht einmal mehr kurios, daß das gute alte Sofa, auf dem der Verfasser sein Personal mit Vorliebe Platz nehmen läßt, hier durch die Bank als "Sopha" auftritt.

Martin Mosebach: "Eine lange Nacht". Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 576 S., geb., 49,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Unbeschreiblich wohl fühlt sich der Rezensent Werner Jung in der "wunderbar unterkomplexen und herrlich banalen" Romanwelt von Martin Mosebach. Die Handlung des "grandiosen" Werks erinnert ihn an die Romane der "großen Realisten des 19. Jahrhunderts". Doch wisse Mosebach zudem durch die "erzählerischen Errungenschaften der Moderne" zu überzeugen. Welche genau das sein mögen, wird leider nicht verraten. Der Einblick in das Liebesleben der "gnadenlos minderbemittelten" Figuren ist für den Rezensenten so überzeugend, dass er - wohl besorgt um die intellektuelle Reputation des Autors und natürlich auch die eigene - doch noch eine "listige" Umschreibung von Hegels Romandefinition im Text aufzuspüren weiß. Wenn schon der besprochene Text so lustvoll banal ist, dann kann der bildungsbeflissene Zeitungsleser zumindest etwas von der Rezension lernen.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Mosebach ist ein Meister der Zwischentöne."
Goslarsche Zeitung 24.07.2009