Eine Japanerin in Florenz - Nabb, Magdalen
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Sie kam und blieb – um ein Stück florentinisches Handwerk zu erlernen. Die junge Japanerin Akiko war so stolz auf ihr erstes Paar selbstgefertigter Schuhe, daß sie es immerzu trug, auch am Tag ihres Todes. Guarnaccia, der in Florenz stationierte Sizilianer, verfolgt den Fall in einer Stadt, die er kennt wie seine Hosentasche, und befragt ihre Bewohner, deren Charaktere und Intrigen er noch weit besser kennt.…mehr

Produktbeschreibung
Sie kam und blieb – um ein Stück florentinisches Handwerk zu erlernen. Die junge Japanerin Akiko war so stolz auf ihr erstes Paar selbstgefertigter Schuhe, daß sie es immerzu trug, auch am Tag ihres Todes. Guarnaccia, der in Florenz stationierte Sizilianer, verfolgt den Fall in einer Stadt, die er kennt wie seine Hosentasche, und befragt ihre Bewohner, deren Charaktere und Intrigen er noch weit besser kennt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Diogenes
  • ISBN-13: 9783257065244
  • ISBN-10: 3257065248
  • Artikelnr.: 20761675
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

"Leise und bravourös" spiele Magdalen Nabb mit dem Schweigen der Mitwisser eines Mordes in Florenz, lobt Tobias Gohlis. Im Fischteich der Boboligärten wird eine fast schon skelettierte weibliche Leiche gefunden. Der Ermittler Marasciello Guarnaccia stößt auf eine Mauer der Stummheit, wenn er die Bekannten und Nachbarn der Ermordeten nach Einzelheiten befragen will. Sie schweigen aus einer seltsamen Solidarität heraus, wie er schließlich erkennt. Der Rezensent belässt es zwar bei der Inhaltsangabe, trotzdem darf man schließen, dass ihm Nabbs Geschichte durchaus gefallen hat.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 30.07.2008
Die Verzweiflung des Kommissars
Der letzte Roman der Engländerin Magdalen Nabb
„Sie müssen wissen”, sagte sie einmal in einem Interview, „ich war eine perfekte Reiterin.” Das war kurz nachdem Magdalen Nabb einen Unfall mit ihrem Pferd hatte und beinah gestorben wäre. Sie überlebte und schrieb weitere Bücher, bevor sie 2007 im Alter von 60 Jahren an einem Schlaganfall starb – während eines Ausritts in der Nähe von Florenz, wo die englische Schriftstellerin seit Mitte der siebziger Jahre lebte. Kurz zuvor hatte sie ihren letzten Kriminalroman beendet, den vierzehnten mit der Hauptfigur Salva Guarnaccia, einem aus dem Süden stammenden Carabiniere-Wachtmeister, der die Gassen von Florenz mittlerweile so gut kennt wie die seiner Heimatstadt Syrakus und sich dort nicht minder heimisch fühlt. Was auch daran liegt, dass er die Nähe seiner beiden Söhne Giovanni und Totò über alles schätzt und vor Glück fast zu schnurren beginnt, wenn seine Frau Teresa sein Lieblingsgericht auftischt, „Spaghetti alla Norma”.
„Da der Maresciallo viele Jahre das Leben eines Strohwitwers geführt hatte, bis seine Frau schließlich aus Sizilien zu ihm nach Florenz ziehen konnte, stand ihm einfach nicht mehr der Sinn danach, auswärts zu essen. Zu Hause, im Schoß der Familie die Mahlzeiten einzunehmen, das war sein Traum von Luxus.” Und dabei würden ihn die Wirte der guten Restaurants zu gern hereinbitten. „Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir!” – „Nein, nein, danke. Ich habe gerade erst einen getrunken und muss weiter.” – „Wann werden Sie denn mal zum Essen kommen? Sie haben es schon lange versprochen. Meine Sandra ist wirklich eine ausgezeichnete Köchin.” – „Zweifellos ist sie das.” Und der Maresciallo kann nicht anders, als genüsslich zu schnuppern. „Ein köstlicher Duft von Kräutern und Knoblauch in heißem Olivenöl drang durch die offene Tür.”
So wie hier in „Eine Japanerin in Florenz” lässt Magdalen Nabb ihren Helden in jedem Roman immer wieder verweilen, einen Schwatz halten, Umwege nehmen, der Atmosphäre eines Viertels nachspüren. Das klingt manchmal, als wäre Georges Simenon am Werk gewesen: mit wenigen Strichen gesetzte Milieustudien und Alltagsdetails, präzise einen Charakter offenbarende Dialoge, eine Langsamkeit beim Schauen und Zuhören, minimaler psychologischer Erklärungsaufwand. Und tatsächlich bewunderte die Engländerin den belgischen Meister, sie begannen sogar einen Briefwechsel, und als Simenon verkündete, er wolle keine Romane mehr schreiben, meinte Magdalen Nabb, dann werde sie seine Art zu erzählen einfach fortsetzen.
Doch keiner ihrer vierzehn Kriminalromane ist epigonal, vielmehr bereichern und verschönern Simenons Echos den Florentiner Stimmenchor, den Nabb jedes Mal erklingen lässt, um ihren Maresciallo aus seinem trauten Heim an die Ränder der Gesellschaft zu locken. So muss er in seinem letzten Fall („Vita Nuova”, aus dem Englischen von Ulla Kösters, Diogenes Verlag, 19,90 Euro) die Ermordung einer jungen Frau aufklären, die mit einer Kugel in den Kopf und sechs Kugeln in den Bauch erschossen wurde. Die Tragödie ereignete sich auf dem Landgut ihres Vaters, Signor Paoletti, dessen Familie umschattet ist von finsteren Geheimnissen. Niemand sagt die Wahrheit, kaum einer kennt das Ausmaß des Schmutzes, den Paoletti hinter den Fassaden seines großbürgerlichen, scheinbar wohlgeordneten Lebens angehäuft hat.
Selbst für einen erfahrenen Ermittler wie den Maresciallo Guarnaccia lassen sich an diesen heißen Augusttagen die Konturen der Strippenzieher nur mühsam aus dem Dunkel schälen, lange ahnt er nicht, dass seine nächste Umgebung eine der größten Bedrohungen darstellt und versucht, ihn bei der Suche nach den Tätern zu manipulieren. „Er hatte sein Bestes gegeben, aber vielleicht war sein Bestes ja nicht gut genug. Wenn sein Bestes ein schlecht geschriebener Bericht war – und er war nun wirklich weder gut im Berichteschreiben noch in mündlicher Berichterstattung –, der zur Konsequenz hatte, dass es zu Verzögerungen kam oder dass man ihn nicht ernst nahm?”
Nie zuvor geriet der Maresciallo derart an die Grenzen seiner Auffassungsgabe und Professionalität wie in dem Fall der getöteten Daniela Paoletti. Noch nie wurde ihm mit so kalter Direktheit vor Augen geführt, dass denjenigen, die in einer Gesellschaft bis in die höchsten Kreise vernetzt sind, die Arbeit der Polizei allenfalls wie eine Art Unterhaltungsprogramm vorkommen muss, in dem Begriffe wie Gerechtigkeit oder Menschlichkeit so bedeutungsleer klingen wie das Säuseln einer Prostituierten.
„Nichts sehen und nicht gesehen werden!” Dieses Motto lernt Guarnaccia in einem gut getarnten Bordell, in dem Frauen wie Sklaven gehalten werden. Von diesem Hotel aus gelangt er schließlich an die Hintermänner eines weitverzweigten Pornonetzes, in das namhafte Geschäftsleute aus Florenz verstrickt sind. Auch ein Mann aus den eigenen Reihen zwingt Guarnaccia, sich aus Sicherheitsgründen eine Weile als „gehorsamer, unterwürfiger Beamter” zu geben. Ein trauriges Ende beschließt diesen Roman – so traurig wie der zu frühe Tod einer wahrhaft großen Kriminalschriftstellerin.
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