Die Wildnis des häuslichen Lebens - Chesterton, Gilbert K.

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Für Ernst Bloch war er "einer der gescheitesten Männer, die je gelebt haben". Jorge Luis Borges fand: "G.K. Chesterton hätte Kafka sein können." Wer die von Joachim Kalka gesammelten Skizzen, Einfälle, Gedankenblitze und doppelbödigen Erfindungen liest, kann sehen, dass der Erfinder der Pater-Brown-Geschichten, der vor 70 Jahren starb, zu den ganz Großen der Weltliteratur gehört. In diesen Prosastücken, die Chesterton "Essays" nannte, geht es um die Vorteile der Einbeinigkeit, die Farbe Weiß, um kriminelle Köpfe und die Vergeblichkeit des Erfolgs. Der vom Zeitungsjournalismus ausgelaugte…mehr

Produktbeschreibung
Für Ernst Bloch war er "einer der gescheitesten Männer, die je gelebt haben". Jorge Luis Borges fand: "G.K. Chesterton hätte Kafka sein können." Wer die von Joachim Kalka gesammelten Skizzen, Einfälle, Gedankenblitze und doppelbödigen Erfindungen liest, kann sehen, dass der Erfinder der Pater-Brown-Geschichten, der vor 70 Jahren starb, zu den ganz Großen der Weltliteratur gehört. In diesen Prosastücken, die Chesterton "Essays" nannte, geht es um die Vorteile der Einbeinigkeit, die Farbe Weiß, um kriminelle Köpfe und die Vergeblichkeit des Erfolgs. Der vom Zeitungsjournalismus ausgelaugte Zeitgenosse, der diese unglaublich raffinierte und einfallsreiche Prosa liest, wird sich auf angenehme Art erhellt und spürbar bereichert fühlen. Diese Literatur ist Balsam für Gehirn und Seele.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berenberg
  • Artikelnr. des Verlages: 3413
  • Seitenzahl: 159
  • Erscheinungstermin: März 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 167mm x 17mm
  • Gewicht: 389g
  • ISBN-13: 9783937834139
  • ISBN-10: 3937834133
  • Artikelnr.: 20772742
Autorenporträt
Joachim Kalka, geb. 1948, lebt als Kritiker und Übersetzer in Stuttgart. Die Darmstädter Akademie verlieh ihm für sein Übersetzungswerk 1996 den Johann-Heinrich-Voß-Preis und wählte ihn zum Mitglied.

Gilbert K. Chesterton, geb. 1874, gest. 1936 ebendort, war Zigarrenraucher und Dialektiker, Vielschreiber und Gourmand. Unter seinen hundert Büchern sind die bekanntesten Der Mann, der Donnerstag war (1908) und Die Geschichten von Pater Brown (1911-35).
Rezensionen
Besprechung von 10.06.2006
Lampe an, Liebe aus
Autor der Angst: Gilbert Keith Chestertons Aufsätze

Wenn der höfliche Herr sich im Bus erhob, um seinen Platz für zwei Damen frei zu machen, war vielleicht nicht jedem Insassen bewußt, daß der Gentleman auch literarisch ein Schwergewicht sei. Siebzig Jahre nach seinem Tod hat es sich herumgesprochen, daß der Erfinder der "Pater Brown"-Geschichten, die zu seinem Nebenwerk zählen, nicht nur mindestens einen bleibenden Roman verfaßt hat ("Der Mann der Donnerstag war"), sondern vor allem als Essayist zu den Riesen zählt.

"Orthodoxie", seine Verteidigung des Glaubens, erschien in der Anderen Bibliothek, gefolgt vom Pendantwerk "Ketzer", das die materialistischen Dogmen zerpflückt. Der unermüdlich publizierende Autor, der 1922 in die katholische Kirche eintrat, blieb sein Leben lang ein orthodoxer Freigeist. Wem das widersprüchlich klang, der war bei dem Paradoxenfreund vor die rechte Schmiede geraten.

Es ist eines der markantesten Merkmale Gilbert Keith Chestertons, daß er die Dinge mit kindlicher Freude auf den Kopf zu stellen liebte. Nicht die Landschaft ist poetisch, sondern die Großstadt; nicht der Verbrecher ist ein dunkler Verschwörer, sondern der Moralist; was bewirkt das Reisen? Es verengt den Horizont. Diese Eigenart ist so ausgeprägt, daß sie zur Parodie einlädt. Max Beerbohm wurde es zu bunt, und er schrieb als Chesterton-Chamäleon eine kurze Abhandlung darüber, warum Weihnachten ein Tag der Trauer sei.

Wirklich schwankt Chestertons Umkipp-Technik zwischen einer Folge von Geniegriffen und routiniert gepflegter Marotte. Das Scheinparadoxe ist aber mehr als nur Stilfigur, es fundiert seine ganze Sicht der Welt. Auf ihrem Grund nämlich liegt ein tiefer Widerspruch. Chesterton erzählt es am Beispiel einer kleinen Ferienreise, die ihn nach Belgien geführt hatte. Gelangweilt und lustlos irrt er mit einem Freund durch den Regen, bis er feststellt, daß er in einer ganz anderen Stadt angekommen ist, als er dachte. Da, plötzlich, ist er glücklich. Chesterton begreift seinen Irrgang als das Abenteuer der Existenz schlechthin. Das ist es, was das Leben so großartig und gleichzeitig so merkwürdig macht: Wir sind auf der falschen Welt. Der Optimismus lasse uns unbefriedigt mit der Erklärung, wir gehörten auf diese Welt. Chesterton weiß: "Die wahre Glückseligkeit ist, daß wir nicht hierhergehören. Wir haben uns verirrt."

Nicht verirrt hat sich der Berenberg Verlag, der uns mit einem schönen Band an Chestertons Witz und Tiefe und all seine Kniffe zur Wiederverzauberung der Welt erinnert. "Die Wildnis des Häuslichen Lebens" versammelt achtzehn Stücke über so vermischte Themen wie die Verteidigung der Detektivgeschichte und der Porzellanschäferin, das System der zwölf Geschworenen, die Moral des Märchenreichs oder die Demokratie als den Versuch einer aufmerksamen Gastgeberin, dafür zu sorgen, daß auch die schüchternen Leute den Mund aufmachen. Wer Aufklärung darüber wünscht, warum die Nase komischer ist als die Stupsnase und warum man ein fremdes Gesicht nie "häßlich" nennen soll, warum Ehrfurcht nur dem Ungläubigen möglich ist, warum das Christentum immer korybantisch war und was das Tragen grüner Nelken mit dem Positivismus Comtes zu tun hat, wird hier die nötige Antwort finden. Wer Chesterton nur als Rollenschreiber für Heinz Rühmann kennt, kann ihn als Literaturkritiker entdecken, der mit feinstem ästhetischen Gespür über Scott, Dickens und Stevenson schreibt. Wer Geist und Eigensinn und wahre Beredsamkeit, aber auch kindliche Freude am Wortspiel sucht, kann sich in dieser Wildnis beruhigt verlaufen.

Das Kindliche ist überhaupt der Schlüssel zu Chesterton. Von ihm handelt auch Joachim Kalka, der die Sammlung zusammengestellt und übersetzt hat und dessen allzu bescheiden als "Nachbemerkung" firmierendes funkelndes Schlußporträt zum Besten zählt, was über Chesterton geschrieben worden ist - allein um dieses Nachworts willen, das uns den Katholiken als geheimen Autor der Angst enthüllt, gehört der Band in jedes honette Bücherregal. Ein anderes Chesterton-Porträt versteckt sich auch schon in den Essays selbst.

Chestertons einfühlsam glühende Verteidigung Sir Walter Scotts ist eine vielleicht gar nicht beabsichtigte und dafür um so gültigere Selbstbeschreibung. All die Stärken und Schwächen, die er an Scott bemerkt, sind seine eigenen. Scotts Kunst der Sprache, die höher und höher steigt wie eine Woge und in einer tosenden Schlußkaskade herabstürzt - auch Chesterton ist ein Meister in ihr. Scotts pedantische und steife Art, seine Heldinnen zu behandeln - auch dem Erzähler Chesterton müßte man sie ankreiden, wenn es denn Frauen gäbe in seiner Welt. Aber gibt es sie? Scott wie Chesterton sind Kinder und große Jungs geblieben; die Frau ist ihnen, wie Chesterton schreibt, weniger ein Individuum als ein Trinkspruch, den man irgendwann nach dem auf Thron und Altar ausbringt. Die Prinzessin als Trophäe, schön und gut, aber spannender ist ihnen allemal die Drachenjagd.

Jungenhaft kindlich scheint auch die Wurzel von Chestertons Glauben. Der Kernessay dieses Bandes ist das Kapitel aus "Orthodoxie", das die Moral des Märchenreichs erklärt. Diese Moral ist immer an ein "Wenn" geknüpft. Im Märchen beruht ein unbegreifliches Glück auf einer unbegreiflichen Bedingung. Du darfst in einem Palast aus Gold und Saphir wohnen, wenn du das Wörtchen "Ochs" nicht aussprichst; oder: Du wirst mit des Königs Tochter herrlich und in Freuden leben, wenn du sie niemals eine Zwiebel sehen läßt.

Diese Logik waltet überall. Eine Büchse wird geöffnet, und alle Übel der Welt kommen heraus. Ein Wort wird vergessen, und Städte gehen unter. Eine Lampe wird entzündet, und die Liebe fliegt davon. "Ein Apfel wird gegessen, und die göttliche Hoffnung ist dahin." In dieser Art kommt Chesterton vom Kinderglauben zu den paradiesischen Dogmen der Religion. Und ist nicht Gott selbst ein großes allmächtiges Kind? Kinder wollen, daß sich Dinge immer unverändert wiederholen, deshalb rufen sie so lange "Noch mal!", bis der Erwachsene nicht mehr kann. Unser Vater, der jünger ist als wir, vielleicht sagt er jeden Morgen zur Sonne "Noch mal!" und jeden Abend "Noch mal!" zum Mond; vielleicht herrscht in der Natur ein göttliches Encore? Das ist Chestertons Kinder-Version der ewigen Wiederkehr.

Deren deutscher Apostel hatte sie sich freilich anders gedacht. Gegen ihn, der ein ganz schüchterner Denker sei, hört Chesterton nicht auf zu sticheln. Es war Nietzsche, der den Gott für tot erklärt hatte, den Chesterton für quietschlebendig hielt. Friedrich Nietzsche war ein Gegner von Rang, vielleicht der einzig ebenbürtige. Das wandelnde Weinfaß und der ernste Migräniker, als Sancho Pancha und Don Quijote ins Abendrot des Nihilismus reitend - das ist ein kurios anrührendes Bild der Geistesgeschichte, und es ist der Dicke darauf, dem noch zuwenig Bewunderung gilt.

Gilbert K. Chesterton: "Die Wildnis des Häuslichen Lebens". Mit einer Einleitung von Norbert Miller. Ausgewählt, aus dem Englischen übersetzt und mit einer Nachbemerkung versehen von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin 2006. 160 S., geb., 19,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Hier rezensiert, das ist ganz unverkennbar, ein Fan. Michael Maar, daran lässt er keinen Zweifel, hält den Essayisten, Christen und Detektivromanautor Gilbert Keith Chesterton für einen ganz Großen, wenn auch von etwas kindlichem Gemüt. So recht erwachsen geworden sei der Mann wohl nicht. An Frauen etwa zeigt seine Literatur kein Interesse. Sein christlicher Glaube ist eher der eines Kindes. Und seine Lust an der Verkehrung treibe den Autor gelegentlich doch zur Übertreibung. All das fällt aber nicht ins Gewicht für Maar angesichts des Geistes, den Chesterton habe, und des exquisiten Sensoriums für die ästhetische Nuance, das er als Verehrer Walter Scotts demonstriere. In einem Text des Bandes nämlich setzt Chesterton sich mit Scott auseinander, in anderen mit Gott und der Moral der Märchen. Neben dem Don Quixote Nietzsche, schließt der Rezensent seine Hymne, nehme Chesterton sich aus wie Sancho Pansa: keine erhabene, aber eine kulturgeschichtlich höchst bedeutende Figur.

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