Die Verzauberten - Jung, Franz

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Franz Jungs Erzählung, 1996 wieder aufgefunden, erscheint hier erstmals. In den fünfziger Jahren geschrieben, schildert Jung die Liebe zu Anna von Meißner während der Budapester Kriegsjahre. Der Text, von jener Härte, die auch Jungs politische Analysen kennzeichnet, erscheint in der Bilanz des Revoltierens wie ein Gegenstück zu den expressionistischen Geschlechterkampf - Novellen des Autors.…mehr

Produktbeschreibung
Franz Jungs Erzählung, 1996 wieder aufgefunden, erscheint hier erstmals. In den fünfziger Jahren geschrieben, schildert Jung die Liebe zu Anna von Meißner während der Budapester Kriegsjahre. Der Text, von jener Härte, die auch Jungs politische Analysen kennzeichnet, erscheint in der Bilanz des Revoltierens wie ein Gegenstück zu den expressionistischen Geschlechterkampf - Novellen des Autors.
  • Produktdetails
  • Pamphlete Nr.1
  • Verlag: BasisDruck / Basisdruck GmbH
  • Seitenzahl: 109
  • Erscheinungstermin: November 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 118mm x 17mm
  • Gewicht: 128g
  • ISBN-13: 9783861631019
  • ISBN-10: 3861631016
  • Artikelnr.: 24937288
Rezensionen
Besprechung von 12.04.2001
Torpedokäfer trifft Tänzerin
Im Nachlaß entdeckt: Eine unbekannte Erzählung von Franz Jung

Auch auf der "kürzesten Linie von Punkt zu Punkt", die Alfred Polgar in den schnellen zwanziger Jahren zum "Gebot der fliehenden Stunde" erklärt hatte, waren Seiltänzer nicht vor Abstürzen gefeit. "Das Leben", so hatte der Meister der literarischen Kleinform geschrieben, sei "zu kurz für lange Literatur", keiner wüßte, wohin die Reise ginge, "aber daß sie geht und wie sausend rasch sie geht, spüren wir am Schwindel: wer wollte da mit überflüssigem Gepäck beladen sein".

Drei Jahrzehnte später meldete sich ein zwischenzeitlich verstummter und versprengter Akrobat der Feder unter der Überschrift "Der Reisebericht" am 20. August 1957 im Feuilleton dieser Zeitung zurück. Wie ein Epitaph standen dem Artikel die Zeilen voran: "Die Aufenthalte sind zu lang. / Das Gepäck ist zu schwer." Franz Jung (1888 bis 1963) war der Verfasser, der hier vom Stolpern unter Bleigewichten an den Füßen und im Erinnerungsgepäck berichtete.

Der Schriftsteller, Wirtschaftsjournalist und vormalige politische Agitator hatte die Demarkationslinien seiner vielen Leben und Metiers einst durch waghalsige Drahtseilakte im freien Schweben und Fall durchbrochen. Sogar an der Entführung und Umleitung eines hanseatischen Fischdampfers in den sowjetischen Revolutionshafen Murmansk war das Gründungsmitglied der "Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands" beteiligt. Er überstand Exil, Verhaftung und Konzentrationslager, übersiedelte 1948 in die USA und kehrte Ende der fünfziger Jahre nach Deutschland zurück.

Den mit mannigfachen Ideen und Zielen im Kopf durch sein Jahrhundert getriebenen Reisenden verglich er jetzt mit einem seltsamen, noch unerforschten Flugobjekt namens "Torpedokäfer": Im unentwegten Antrieb, eine Enge oder einen schmalen Spalt in den Wänden zu durchbrechen, prallt er wie eine schwerfällige, aber emsige Hummel immer wieder gegen das Ziel, stürzt betäubt zu Boden und kehrt von neuem zum Ausgangspunkt zurück, um abermals zum Flug anzusetzen: "und fällt und kriecht und fliegt und fällt".

Im Museum der modernen Literatur, Abteilung Dinge und Geräte, gebührte diesem geflügelten poetischen Kleinod, das seine futuristische Abstammung noch in der Entkräftung des zugehörigen Antriebspathos zu erkennen gibt, ein Ehrenplatz zwischen Kafkas "Odradek" und Kracauers "Schreibmaschinchen". Kaum mehr als zwei Druckseiten füllt die Geschichte vom Torpedokäfer in Jungs 1961 erschienener Autobiographie "Der Weg nach unten", und doch ist sie das funkelnde Antriebszentrum einer sonst eher knochigen Bekenntnisschrift, die gnadenlos mit dem eigenen Subjekt verfuhr: Als eine "Selbstanalyse bis zur bohrenden Tendenz der Selbstzerstörung" hatte der Verfasser sein Projekt in einem Brief aus der Nachkriegszeit angekündigt.

Aus dem Nachlaß von Franz Jung, dessen verstreute Blätter längst in einer Werkausgabe zur Ruhe gebettet schienen, hat der Torpedokäfer jetzt ein bislang unbekanntes Pendant erhalten: Auf neunzig Seiten knapper und gestauter Prosa wird die Geschichte einer Tänzerin erzählt, die so lange tanzt und stürzt und wirbelt und fällt, sich von neuem aufschwingt und wieder zurückgeschraubt wird, bis sich die nach unten getanzte Linie als erstarrter Zug ihrem Gesicht eingräbt, bis die Tänzerin nicht mehr tanzen will und doch weiter tanzen muß.

"Es braucht hier kein Roman erzählt zu werden", kommentiert der Erzähler, ohne sich in das Geschehen einzumischen. Wie mit einer tastenden Kamera bleibt er seiner Protagonistin gleichwohl auf den Fersen, und man ahnt, daß sich hinter dem Objektiv ein verstrickter, auf Distanz zurückgeworfener Liebender verbirgt.

Wie in seiner frühen Prosa, doch unter stilleren Klangfarben, die nicht mehr aus dem expressionistischen Schalltrichter kommen, sondern auf mehreren asynchronen Tonspuren verlaufen, verzichtet Jung auf die Darstellung einer vollständigen Geschichte zugunsten der Wiedergabe ihres erbarmungslosen modernen Rhythmus. Mit dem Wechsel der Erzählperspektiven wird auch die Geschichte gleich mehrmals aufgerollt. Einmal beginnt es wie im Märchen: "Ein Mädchen, das für sich ganz allein steht . . ." Ein andermal wie im Feuilleton: "Eine Tänzerin im europäischen Südosten stellt eine besondere Art dar im artistischen Schaugewerbe." Das ist so lakonisch, kreatürlich und parabolisch gesagt, wie es auch geschildert wird, und doch ist es kein Märchen und auch kein Feuilleton, obgleich die Tänzerin aus der kinoverträumten Welt der kleinen Angestellten und Ladenmädchen entsprungen ist.

Die verkümmerten Züge einer exotischen Aufladung des Motivs der Tänzerin zur modernen Ikone haften an Jungs Heldin nur noch im elliptischen Wirbel entlang der senkrecht fallenden Linie. In diesem verschwiegenen, auf kürzeste Darstellungsmittel reduzierten Reisebericht aus dem Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit und des beginnenden Weltkriegs ist der getanzten Linie ein bestürzendes Gesellschaftsbild eingeschrieben: Zusammen mit den kommerziellen Betreibern, artistischen Darbietern und durchreisenden Gästen - Journalisten, Ingenieure, Soldaten, Beamte, Flüchtlinge und Emissäre - wird die Gesellschaft als ein Tanzlokal konstruiert, in dem alles nach Programm abrollt und doch, außer schnellem Verbrauch und Verzehr an Leib und Leben, nichts ins Rollen kommt: jedenfalls nichts, was die Tänzerin ihren Zielen näherbrächte oder ihr auch nur das nackte Überleben ermöglichen würde.

Mitsamt ihren Schauplätzen, die Jungs Fluchtwegen folgen, ist auch diese Geschichte mit der Autobiographie des Autors verwoben. Dort war das "eigentlich Private im Persönlichen - das, was die menschliche Beziehung ausmacht", nachdrücklich ausgespart geblieben, um doch hier, wie ähnlich auch an anderen Stellen seines Werks, in erzählerisch freier Weise gestaltet und mitsamt seinem Personal zu Kompositfiguren verblendet zu werden.

Wohl deshalb muß der Leser auf den ersten drei Seiten auch eine harte Geduldsprobe auf sich nehmen, die ihn allzu vorschnell dazu verleiten könnte, das Büchlein wieder zuzuklappen: In der Form eines Briefs, der sich im Anschluß zum Dialog mit der Adressatin öffnet, und in müder Altherrenprosa sinniert der Erzähler eingangs über das Ungleichgewicht der Triebe und Drüsen im aufreibenden Verkehr der Geschlechter. Damit nahm Jung ein verdorrtes Thema seiner Frühzeit wieder auf, um von der Biologie zum Glück doch rasch wieder zur Kunst und zu dem viel rätselhafteren Thema zu finden, das allein in die Zuständigkeit der Dichter fällt: jener "Verzauberung", die Leben und zugleich ein Mehr davon bedeutet.

Ihretwegen muß die gefallene und am Boden liegende Tänzerin freilich eine Bewegungskorrektur vollziehen. Viel ist in der Erzählung von "Gehen" die Rede: "Es ging", "es geht weiter", "es ging nicht weiter", "es ging bergab", und an einer Stelle will nicht einmal "das weitere Erzählen weitergehen".

Doch dann wechselt die Pronominalform wieder ins Persönliche, und von nun an "gehen sie", gehen zwei, die einander gefunden haben: Sie gehen spazieren, sie ergehen sich frei, und da lösen sich auch sämtliche Knoten in der Erinnerung, und die Fäden, in die man verstrickt ist, werden langsam aufgedröselt. Unmerklich für die beiden, entsteht ihr Band, unter Zittern und Beben und unter einem geheimnisvollen "Klingen", das man erst dann wirklich vernommen habe, wenn es schon wieder abgeklungen sei und schließlich dahinschwände: Dieses Tönen "zeichnet die leisesten Schwankungen, und dann heißt es zartfühlend zu sein und rücksichtsvoll. Der Schriftsteller, vom Volksmunde her, nennt es Liebe", auch wenn der zum Betrachter gewordene Erzähler sich an Ort und Stelle dafür entschuldigt, daß die Erzählung abglitte.

Zudem fürchtet er Unheil: "Katastrophe, daß die Liebenden einander so nahe sind!" Also bringt er die Geschichte zu Ende: "Fertig", heißt es, Punktum. Von nun an spräche nicht einmal mehr "der Betrachter", es spräche "die Stadt". Doch deren Steine blieben stumm - bis sie einmal reden würden, aber erst nach den Menschen und jenseits ihrer Spezies. "Vielleicht, nein sicher", so der Beschluß, "daß es dann zu spät ist."

Franz Jung betreibe eine "Verzauberung der Zeit", und seine "dem Blitz nachspringende Sprache" sei "fast das Verlauten eines hingenommenen Zuschauens", schrieb Oskar Loerke im Jahr 1916 über einen von Jungs frühen Kurzromanen und fügte hinzu: "Es ist, wie wenn man die Linien auf der Platte des Grammophons als eine Notenschrift jenseits der Musik läse." Dieses Spiel, das die Polgarsche "kürzeste Linie von Punkt zu Punkt", an der noch der Torpedokäfer scheiterte, zur Kurve krümmte, hat Franz Jung in den letzten Jahren seines Lebens, aus denen die Erzählung stammt, noch einmal bedient - auch wenn ihm keiner zuhörte. Eine kleine, eine rare Melodie. Jetzt ist sie angekommen.

VOLKER BREIDECKER

Franz Jung: "Die Verzauberten". Eine Erzählung. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Walter Fähnders. BasisDruck Verlag, Berlin 2000. 112 S., br., 28.- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Volker Breideckers Rezension dieses aus dem Nachlass publizierten Textes ist auch eine ausführliche Würdigung eines verkannten Autors. Jungs "Torpedokäfer" gehöre ins Museum der modernen Literatur, "Abteilung Dinge und Geräte" - gleich neben Kafkas "Odarek" und Krakauers "Schreibmaschinchen". Nun habe also der Torpedokäfer ein Pendant erhalten - eine Tänzerin, die so lange tanzt, bis sich die "nach unten getanzte Linie als erstarrter Zug in ihrem Gesicht eingräbt". Was als Geduldsprobe für den Leser beginne, entfalte sich auf neunzig Seiten Prosa zu einer Konstruktion der Gesellschaft als Tanzlokal," in dem alles nach Programm abrollt und doch, außer schnellem Verbrauch und Verzehr an Leib und Leben, nichts in Rollen" komme. Ein Text, "wie mit tastender Kamera erzählt", der nicht mehr aus "expressionistischen Schalltrichtern" komme, sondern auf mehreren "asynchronen Tonspuren" verlaufe, was Breidecker sichtlich faszinierte. Ein, wie der Rezensent sehr ausführlich beschreibt, spät geschriebener und noch später angekommener Schlüsseltext der Moderne.

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