Die Turiner Komödie - Krüger, Michael
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Wäre er nach Turin gereist, wenn er geahnt hätte, was ihn dort erwartet? Der Erzähler wird nach dem Selbstmord seines besten Freundes Rudolf herbestellt, um dessen Hinterlassenschaften zu sichten. Ein schwieriges Unterfangen, hat Rudolf doch im Laufe der Jahre nicht nur zahlreiche Haustiere auf seiner Dachterrasse versammelt, sondern als bekannter Schriftsteller und Universitätsprofessor zudem Berge von Schriftstücken gehortet - unter denen sich auch sein Opus magnum versteckt haben soll: ein Schlüsselroman zur bundesdeutschen Mentalität der letzten sechzig Jahre, an dem Rudolf "wie ein…mehr

Produktbeschreibung
Wäre er nach Turin gereist, wenn er geahnt hätte, was ihn dort erwartet? Der Erzähler wird nach dem Selbstmord seines besten Freundes Rudolf herbestellt, um dessen Hinterlassenschaften zu sichten. Ein schwieriges Unterfangen, hat Rudolf doch im Laufe der Jahre nicht nur zahlreiche Haustiere auf seiner Dachterrasse versammelt, sondern als bekannter Schriftsteller und Universitätsprofessor zudem Berge von Schriftstücken gehortet - unter denen sich auch sein Opus magnum versteckt haben soll: ein Schlüsselroman zur bundesdeutschen Mentalität der letzten sechzig Jahre, an dem Rudolf "wie ein Berserker" gearbeitet haben will.
Die Suche nach dem Roman enthüllt Aufschlußreiches über Rudolf, den misanthropischen Melancholiker, der eindrucksvoll zu leiden und zu lästern, aber durchaus auch zu leben wußte - und insgesamt drei Frauen hinterläßt, die alle mehr oder weniger den Anspruch erheben, seine Witwe zu sein. Krügers Erzähler irrt in diesem erfrischend leicht erzählten Roman durch Turin, die eigene Vergangenheit und die Abgründe des Literaturbetriebs.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Deutsch
  • Abmessung: 20, 5 cm
  • Gewicht: 318g
  • ISBN-13: 9783518417324
  • ISBN-10: 3518417320
  • Artikelnr.: 14101326
Autorenporträt
Michael Krüger ist in Berlin aufgewachsen. Nach dem Abitur macht er eine Lehre als Verlagsbuchhändler und ist nebenher Gasthörer in Philosophie an der Freien Universität bei Peter Szondi. Von 1962 bis 1965 arbeitete er als Buchhändler in London, seit 1968 als Verlagslektor im Carl Hanser Verlag, dessen literarischer Leiter er seit 1986 ist. Es folgten zahlreiche Gedichtbände, Erzählungen und bisher drei Romane, für die er u.a. 1986 den Peter-Huchel-Preis erhielt, 1994 den Ernst-Meister-Preis, 1996 den Prix Medicis Etranger, 2000 den Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München, 2004 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und zuletzt 2006 den Mörike-Preis. Michael Krüger lebt in München.
Rezensionen
Besprechung von 22.11.2005
Der Anti-Rudolf
Wie Michael Krüger in seiner „Turiner Komödie” die Literatur als Riesenschwindel entlarvt
Von Christoph Bartmann
Die Zutaten des jüngsten Romans von Michael Krüger kommen einem bekannt vor: Rudolf, ein verdüsterter Geistesmensch, Professor und Großschriftsteller, der sich auf seinem Turiner Dachgarten eine private Arche Noah eingerichtet hatte und ansonsten den Kontakt mit der Welt auf das Notwendigste beschränkt hielt, hat sich das Leben genommen. Drei Frauen glauben, seine Witwe zu sein und Anspruch auf Rudolfs reichlich sprudelnde Tantiemen erheben zu dürfen. Was Wahrheit und was Hirngespinst war in Rudolfs Leben und Schaffen, und was es mit dem sagenumwobenen Romanmanuskript auf sich hat, mit dem Rudolf „den Roman an sich ‚aus den Angeln’ heben wollte”, dies soll der Erzähler klären, den der Verstorbene zum Nachlassverwalter bestellt hat. „Bericht eines Nachlaßverwalters” heißt dieser Roman einer Romanruine im Untertitel, und im Obertitel heißt er wie Rudolfs mysteriöser, aber letztlich inexistenter Groß- und Schlussroman: „Die Turiner Komödie”.
Dass sich Rudolfs geistige Dachgartenexistenz mit ihrer Weltverachtung, ihrem Sarkasmus und ihrem Hass gegen beinahe alles, was kein Haustier ist, zuletzt als „ein Nichts, eine magere Lächerlichkeit, ein Desaster, eine künstlerische Bankrotterklärung” entpuppt, wundert allenfalls seinen Nachlassverwalter. Als Leser hat man schon früher gemerkt, dass Rudolf ein Wiedergänger jener Thomas-Bernhardschen Geistesfürsten ist, deren Tragikomik aus dem Gefälle zwischen absoluter Aspiration und vollständigem Scheitern erwächst. „Wo in Deutschland gibt es eine Terrasse für meine Tiere?”, hat Rudolf zu Lebzeiten seinen Studienfreund und heutigen Nachlassverwalter gefragt, und auch sonst lag ihm der Gedanke an eine deutsche Professur fern, denn, so Rudolf, „die Berührung mit dem Denken ist an deutschen Universitäten ein lebensgefährliches Unglück. . . Stell dir vor, du müsstest in Paderborn leben, rief er mir zu, C 4 in Paderborn”.
Solche und andere Bernhardiana hat Krüger in seinen Roman hineinkopiert, dazu vielerlei Anekdoten aus seinem reichen Lese- und Erfahrungswissen. Zur ironischen Textur der Krüger-Romane gehören die Aufnahmebereitschaft für anderswo Gehörtes und Gelesenes, die Beiläufigkeit und nicht zuletzt ihr leichter Plauderton. In ihrer post- (oder prä-?) heroischen Leichtfüßigkeit sind sie das Gegenteil jenes heroischen, monumentalen, humorlosen und natürlich zum Scheitern verurteilten Großprojekts gleichen Namens, mit dem Rudolf ein halbes Leben lang die literarische Welt zum Narren gehalten hat. Michael Krüger, so scheint es, der als Verleger und Zentralgestalt des Literaturbetriebs noch Anderes und vielleicht Besseres zu tun hat als am Heldenmythos seiner Autorschaft zu bauen, ist der Anti-Rudolf der deutschen Literatur.
Um Rudolf, den eingebildeten Einsiedler, herum hat er eine Welt gebaut, die der realen täuschend ähnlich sieht. Das beginnt mit einem wunderbar stimmigen Porträt der nebligen, für literarische Selbstmörder offenbar anziehenden Stadt Turin und setzt sich fort in der Beschreibung von Figuren, die es in Turin und anderswo tatsächlich gibt oder gegeben hat. Wer will, erkennt einen früheren Leiter des Turiner Goethe-Instituts ebenso wieder wie den verstorbenen Münchener Schauspieler Peter Herzog oder den aufs Treffendste gezeichneten Schriftsteller Helmut Heißenbüttel - „Beide teilten”, wie sich Rudolfs Freund erinnert, „eine besorgte Liebe für Rudolf Borchardt, den Rudolf mir gegenüber stets als den einzigen Herrn der deutschen Literatur bezeichnete, mir aber einschärfte, anderen gegenüber nichts von seiner Verehrung für ihn zu verraten”. Von solchen realen Ondits des Literaturbetriebs lebt Krügers Roman - und von der Komik, die zwangsläufig aufkommt, wenn sich in diesem durchaus weltlichen und zuweilen niederen Milieu ein Einzelner als der große Unkommunikative zelebriert.
Dass Krüger sich in der Pathologie der literarischen Produktivität auskennt wie nur wenige andere, wird niemanden überraschen; als Verleger hat er wohl den einen oder anderen Rudolf aus der Nähe kennengelernt. Wie kann man nur aus dem Prosaschreiben einen Beruf machen? Das ist die verständnislose Frage, die er seinem kunstsinnigen, aber selbst unproduktiven Nachlassverwalter in den Mund legt. Dass einer ein Gedicht oder einen Essay schreibe, sei ja noch einzusehen, „aber dass einer in jungen Jahren, meist nach einem abgebrochenen oder in seltenen Fällen auch abgeschlossenen Studium der Literaturwissenschaft oder der Betriebswirtschaft den Entschluss fasst, fortan mit frei erfundenen Räuberpistolen oder auch dem eigenen Leben vampirisch abgeluchsten Geschichten sein erwachsenes Dasein verbringen zu wollen, das kam mir stets halsbrecherisch mutig vor.”
Wie kann es sein, dass noch immer unzählige junge Menschen den nicht erlernbaren Beruf des Schriftstellers ergreifen, angezogen von der diffusen Aussicht auf eine Unsterblichkeit, die ihnen nach allen empirischen Erwartungen niemals zuteil wird? Und was wäre gewonnen, wenn man, wie Rudolf, zwar zu Ruhm gelangt wäre und dann doch erkennen müsste, dass die eigenen Werke, wenn schon nicht „der reine Dreck”, so doch „unwichtig, unbedeutend und im tiefsten Sinne geschmacklos” sind, so sehr, dass einen der ganze um sie herum veranstaltete Preis-, Kritik- und Interpretationsrummel nur peinlich berührt? Die Literatur ist ein Schwindel, eine (Turiner) Komödie, ein großer Fake, das ist die so beunruhigende wie belustigende Erkenntnis, mit der Rudolfs Nachlassverwalter Turin und der Leser diesen Roman verlässt. „Danke für alles!”, hat der Freund in einem hinterlassenen Brief geschrieben - „Vom Totenbett der Literatur grüßt Dich Dein Rudolf”.
Michael Krüger
Die Turiner Komödie
Bericht eines Nachlaßverwalters. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 192 Seiten, 16, 90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Fasziniert ist Sibylle Cramer von Michael Krügers jüngstem Roman, in dem der Erzähler M. in Turin nach dem Selbstmord seines Freundes, eines berühmten Schriftstellers, dessen Nachlass regeln soll. Es entfaltet sich eine "Geschichte von Tod und Testamentsbetrug", in deren Verlauf die "Alarmkurve des zusehends doppelläufigen, rekonstruierenden und dekonstruierenden Textes" stetig steigt. Denn zunehmend passieren merkwürdige Dinge und M. macht "verdächtige" Äußerungen, bis schließlich herauskommt, dass der Schriftsteller wohl ein Betrüger war, ein "fideler Schürzenjäger", der seine Werke aus "Zitaten zusammengestohlen" hat, so die Rezensentin. Der Nachlassverwalter M. erweist sich schließlich als der eigentliche Autor dieses Romans, indem er auf die testamentarische Verfügung seines Freundes hin aus dem Inhalt von über 60 ominösen Kartons, die angeblich das "opus magnum" des Schriftstellers enthalten sollten, in Wahrheit aber nur ein Sammelsurium allerlei Zettel und Notate darstellen, den vorliegenden Roman verfasst. Ohne die "fein ausgezogene Motivkette", die auf die zerstörerischen "Vorgänge hinter den Erzählkulissen" hindeutet, würde sich dem Leser der geheime Machtkampf, in dem der stets im "Schatten" des Freundes stehende M. sich schließlich über den Schriftsteller erhebt und sich mit dem Schreiben des Romans schließlich dessen Vergangenheit bemächtigt, gar nicht erschließen, so die Rezensentin bewundernd. Sie lobt den Roman nachdrücklich als "klug, eilig wie doppeldeutig erzählt".

© Perlentaucher Medien GmbH
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