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Rezensionen
Besprechung von 06.03.2001
Als der Himmlische Frieden jäh gestört wurde
Das Massaker in Peking am 4. Juni 1989: Zweifel an der Authentizität mancher Geheimdokumente

Andrew J. Nathan, Perry Link: Die Tiananmen-Akte. Die Geheimdokumente der chinesischen Führung zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens. Propyläen Verlag, München 2001. 765 Seiten, 69,90 Mark.

Das Heulen der Sirenen von Krankenwagen, die hungerstreikende Studenten zu den Notaufnahmen der umliegenden Hospitäler bringen; die teils von unbändiger Entschlossenheit erfaßten, teils von schwerer Erschöpfung gezeichneten Menschenmassen auf einem riesigen Platz, der seit Wochen schon einem Heerlager gleicht; vernichtende Kritik an der politischen Führung des Landes, getragen von der Hoffnung auf eine historische Wende - und immer wieder die bange Frage: Greift die Armee ein oder nicht?

Wer damals Augenzeuge jener erregenden Geschehnisse wurde, die im April 1989 in demokratischer Aufbruchstimmung begannen und Anfang Juni ein schreckliches Ende fanden, dem werden sie in diesem Buch auf bewegende Weise in Erinnerung gerufen. Was da an Freiheitsdrang, kommunistischer Engstirnigkeit und folgenschweren Fehleinschätzungen geradezu minuziös nachgezeichnet wird, stimmt mit dem äußeren Ablauf der Tragödie vor zwölf Jahren so sehr überein, daß hinter diesem aufwühlenden Wiedererleben zunächst einmal das Bedürfnis verblaßt, sich kühl und kritisch zu fragen, ob "Die Tiananmen-Akte" tatsächlich enthält, was sie zu enthalten vorgibt: "Die Geheimdokumente der chinesischen Führung zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens".

Es hatte mit spontanen Trauerfeiern zum Tod des ehemaligen Parteichefs Hu Yaobang begonnen, der zwei Jahre vor seinem Ableben am 15. April 1989 wegen angeblich mangelnden Engagements gegen "bourgeoise Liberalisierungsbestrebungen" auf Geheiß des greisen Oberherrschers Deng Xiaoping seines Postens enthoben worden war.

Was sich zunächst auf Peking beschränkte, griff schon bald auf Shanghai über, als dort der Chefredakteur der populären Reformzeitung "Weltwirtschaftsbote" gefeuert wurde, weil er Deng Xiaoping zur Selbstkritik an seinem Vorgehen gegen Hu Yaobang aufgefordert hatte. Die Entlassung des Chefredakteurs folgte auf Anweisung des heutigen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin, der damals Parteisekretär der Wirtschaftsmetropole Shanghai war und nach dem Massaker in Peking an die Spitze der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) berufen wurde. Er trat damals die Nachfolge Zhao Ziyangs an, der ganz im reformerischen Geiste seines Vorgängers Hu Yaobang den Dialog mit den Studenten gesucht hatte, dabei aber immer wieder - und das macht den politischen Tenor der "Tiananmen-Akte" aus - vor allem auf den Widerstand des Regierungschefs und heutigen Parlamentsvorsitzenden Li Peng gestoßen war.

Li Pengs harte Haltung wurde von Deng Xiaoping zwar gestützt, der sich im Gegensatz zu Li Peng allem Anschein nach mehr von der Sorge leiten ließ, daß der "Aufruhr" ein vorläufiges Ende der Wirtschaftsreformen bedeuten könnte. Und noch eine andere Sorge bewegte ihn: Für den 15. Mai hatte sich zur kommunistischen Aussöhnung mit China der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow in Peking angesagt. Spätestens dann, so wird Deng Xiaoping in diesem Buch zitiert, müsse auf dem Platz des Himmlischen Friedens, diesem "Symbol der Volksrepublik", wieder "Ordnung" herrschen.

Bis auf den letzten Fußbreit

Das Gegenteil war der Fall. Unfreiwillig trug der im eigenen Reich Perestrojka und Glasnost predigende Gast aus Moskau mit seinem bloßen Erscheinen in Peking dazu bei, daß die nun offen nach Demokratie rufende Studentenbewegung zusätzlichen Auftrieb erhielt. Ihr schlossen sich immer mehr Lehrer, Professoren, Journalisten, Betriebsangehörige und selbst Polizisten an. Als Deng Xiaoping mit Gorbatschow in der Großen Halle des Volkes die Normalisierung der Beziehungen zwischen ihren Parteien und Ländern besiegelte, hielten Zehntausende von Demonstranten den Platz des Himmlischen Friedens bis auf den letzten Fußbreit besetzt. Für die chinesische Führung hätte der Gesichtsverlust nicht größer sein können.

Nach der Abreise Gorbatschows verlangte Deng Xiaoping gegen den erklärten Widerstand des Parteichefs Zhao Ziyangs die Verhängung des Ausnahmezustands, forderte den in dieser Hinsicht willigen Vollstrecker Li Peng allerdings zugleich auf, das Gespräch mit einigen der maßgebenden Studentenführer zu suchen. Zwar kam zu einer solchen Begegnung. Doch als die dem Ministerpräsidenten kategorisch bedeuteten, nicht er, sondern allein sie hätten die Gesprächsthemen zu bestimmen, nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Am 4. Juni vor Tagesanbruch rollen die Panzer und richten auf ihren Routen zum Platz des Himmlischen Friedens ein Massaker an. Die offizielle Bilanz: 241 Tote, davon 23 Offiziere und Soldaten; etwa 7000 Verletzte, davon 5000 Offiziere und Soldaten. Auf dem Platz selbst hingegen, so sollen nach Darstellung eines amerikanischen Mitherausgebers dieses Buches "viele Untersuchungen" ergeben haben, sei bei der gewaltsamen Räumung "kein einziger Mensch erschossen und auch kein Mensch von einem Panzer überrollt" worden.

Da stellt sich schon während der ungemein spannenden Lektüre eben doch mehr und mehr die Frage nach dem chinesischen Kompilator dieser vermeintlichen oder tatsächlichen Geheimdokumente, von denen überdies nur ein "Bruchteil" in das immerhin fast achthundert Seiten starke Buch aufgenommen worden sein soll. Es muß jemand mit Zugang zu den innersten Zirkeln der Machthaber in Peking gewesen sein, doch reicht das als Erklärung dafür, daß nicht nur sein Name, sondern selbst die Namen der Übersetzer dieser Sammlung mit dem Siegel "streng geheim" versehen worden sind?

Allerdings geben drei anerkannte amerikanische Wissenschaftler ihren Namen für die Veröffentlichung dieser "Akte" her. Einer von ihnen, Andrew Nathan, kommt zu dem Schluß, die Papiere besäßen "einen inneren Zusammenhang, eine Reichhaltigkeit und menschliche Glaubwürdigkeit, die zu fälschen nahezu unmöglich ist". Zweifel bleiben dennoch - nicht, was den detailliert wiedergegebenen Ablauf der Geschehnisse angeht, wohl aber hinsichtlich der Authentizität der zahlreichen Sitzungsprotokolle aus dem Politbüro und dem "Ältestenrat".

Absolut sicher sind sich bei aller Würdigung des großen Unbekannten die Herausgeber dieser Kompilation nicht. "Doch hätten wir die Sammlung ignoriert", gibt der China-Fachmann Orville Schell mit etwas ratlos anmutendem Unterton zu bedenken, "wäre das eine Kapitulation vor dem von der KP Chinas errichteten Schutzschild der Geheimhaltung gewesen." Was aber, wenn es der eine oder andere Geheimhalter selbst gewesen ist, der hier den Versuch unternommen hat, "enthüllend" Einfluß auf die gegenwärtigen Machtverhältnisse in China zu nehmen?

Eines steht bei alledem freilich außer Frage: Die Sammlung bietet selbst in ihrer komprimierten Form reichlich Stoff zur Unterfütterung der von nicht wenigen Chinesen schon seit Jahren erhobenen Forderung nach einer Neubewertung der damaligen Geschehnisse durch die Führung in Peking.

WERNER ADAM

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent "ck" sagt, was wir vor uns haben: "Berge von Geheimdokumenten" nämlich, die ein hochrangiger Funktionär aus China rausgeschmuggelt hat, das Ganze auf wuchtige 770 Seiten gebracht und kommentiert. Auch, was wir daraus lernen können, sagt "ck": Dass die demokratische Bewegung in China nicht wie vermutet nur die Studenten, sondern das ganze Volk erfasst hatte. Und "dass jene für die Niederschlagung votierten, die noch heute an den Schlüsselstellen der Macht sitzen." Aber noch etwas teilt der Rezensent uns mit. Von den Zweifeln der Herausgeber an der Authentizität der Papiere spricht er und von deren Motivation als der Angst, "im Zweifel schuldig an der passiven Unterdrückung von Wahrheit zu sein."

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