Die Spinne, das Silberfischchen und ich - Yang Mu
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In seinen Pinselnotizen, einer traditionsreichen Gattung der chinesischen Literatur, vermittelt Yang Mu seine weiten Einsichten als Wanderer zwischen den Kulturen. Die zwölf Prosastücke entstammen verschiedenen Essaysammlungen und unterschiedlichen Lebensphasen und schlagen einen biographisch-geographischen Bogen von der Kindheit in Taiwan bis in das neue Zuhause an der amerikanischen Pazifikküste. Die wechselnden Lebensmittelpunkte Yang Mus - Taiwan, Hongkong und Seattle - spiegeln sich in seinen Texten und erschließen eine exotische Welt, an die man dennoch mit eigenen Erfahrungen anknüpfen…mehr

Produktbeschreibung
In seinen Pinselnotizen, einer traditionsreichen Gattung der chinesischen Literatur, vermittelt Yang Mu seine weiten Einsichten als Wanderer zwischen den Kulturen. Die zwölf Prosastücke entstammen verschiedenen Essaysammlungen und unterschiedlichen Lebensphasen und schlagen einen biographisch-geographischen Bogen von der Kindheit in Taiwan bis in das neue Zuhause an der amerikanischen Pazifikküste. Die wechselnden Lebensmittelpunkte Yang Mus - Taiwan, Hongkong und Seattle - spiegeln sich in seinen Texten und erschließen eine exotische Welt, an die man dennoch mit eigenen Erfahrungen anknüpfen kann. Die auf der Bruchlinie zwischen Literatur und Leben angesiedelten Betrachtungen können Reisenotiz oder Werkkommentar sein und verdichten beiläufige Beobachtungen zu tiefen Erkenntnissen. Oft sind es Tiere, deren Wahrnehmung den Dichter zu grundsätzlichen Überlegungen anregen, wie etwa das Silberfischen, der Kojote, die Steppenwölfe oder eine Schildlaus. Kindliche Neugier und menschliche Zuwendung sind es, die Yang Mu in den noch so belanglosen Kleinigkeiten seine Inspiration finden lassen. Die Kunst des Beiläufigen, wie sie in den Pinselnotizen gepflegt wird, zeigt sich auch in Betrachtungen über das Wetter und häusliche Verrichtungen, die er durch geschickt gewählte intertextuelle Bezüge in einen größeren Zusammenhang stellt und so die Banalität des Alltags überwindet. Yang Mu ist Taiwans bedeutendster Dichter. Seine poetische Stimme, die in der chinesischen Tradition ebenso zu Hause ist, wie in der westlichen Romantik und Moderne, bereichert die zeitgenössische chinesische Literatur um einen ganz eigenen Tonfall, der sich der gängigen Dichotomie zwischen literarischem Mainstream und dissidentischer Anklage entzieht.
  • Produktdetails
  • Verlag: A 1 Verlagsges.
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 208
  • Erscheinungstermin: Februar 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 156mm x 19mm
  • Gewicht: 385g
  • ISBN-13: 9783940666338
  • ISBN-10: 3940666335
  • Artikelnr.: 36786321
Autorenporträt
Yang Mu, geboren 1940 in Hualian/Taiwan, studierte Englische Literatur und klassische chinesische Philologie in Taizhong und Iowa. Er promovierte in Berkeley und übernahm 1971 eine Professur für chinesische Literatur und Komparatistik an der University of Washington in Seattle, wo er seither lebt. Yang Mu hat sich vor allem als Lyriker, aber auch als Erzähler, Essayist, Kritiker und Übersetzer einen Namen gemacht. Die Inselrepublik hat ihn mit allen bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Gedichte sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Yang Mu ist der heute wohl bekannteste Dichter Taiwans, weiß Rupprecht Mayer. Mit den "Pinselnotizen" in "Die Spinne, das Silberfischchen und ich", einer Sammlung von zwölf kleinen Texten, hat das Übersetzer-Duo Susanne Hornfeck und Wang Jue jetzt einen weiteren wichtigen Beitrag geleistet, die Literatur Taiwans zugänglich zu machen, lobt der Rezensent. Yang Mu besinnt sich in den Texten auf seine frühe Kindheit, in der amerikanische Flugzeuge noch japanische Truppen in Taiwan angriffen, er reflektiert über den Ursprung von Kunst und Poesie, er dichtet und erzählt, berichtet Mayer, der tief beeindruckt ist von dem sehr lesbaren Deutsch, das die Übersetzerinnen der assoziativen Sprache Yang Mus abgerungen haben.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 28.03.2014
Die Wellen der Westküste
Flaschenpost zwischen Taiwan und Berkeley: Die „Pinselnotizen“ des Dichters Yang Mu
Jäh wird die Wanderung einer Mutter mit ihrem kleinen Sohn unterbrochen. Flugzeuge tauchen in das Tal, an dessen Schönheit der Junge sich sein Leben lang erinnern wird. Seine Mutter zieht ihn weg von der Landstraße und wirft sich über ihr Kind, um es vor dem Gewehrfeuer zu schützen. Die Mutter, die Muttersprache, Natur und Heimat werden Konstanten im Leben des 1940 geborenen Yang Mu bleiben, der einmal Taiwans berühmtester Dichter werden wird. Aber warum werden Mutter und Kind von amerikanischen Flugzeugen angegriffen, und wo?
  Die Szene ereignet sich in den frühen 1940er Jahren nahe der Pazifikküste der Insel Taiwan, auf die eine chinesische Regierung ein halbes Jahrhundert zuvor verzichtet hatte, und die eine andere chinesische Regierung heute zurückfordert. Die Insel – die Europäer nannten sie Formosa – war während der ersten fünf Lebensjahre Yang Mus für die USA Feindesland, weil sie unter japanischer Herrschaft stand.
  Ein paar Jahre später, ein anderer Augenblick. Ein schweres Erdbeben erschüttert Yang Mus Heimatstadt Hualien an der Ostküste Taiwans. Der Schüler glaubt die panischen Gerüchte, ein Tsunami würde gleich den ganzen Küstenstrich verschlucken. Er legt sich auf eine Düne am Strand und erlebt dann, dass die Heimat seiner Kindheit unversehrt bleibt. „Die Erde hatte noch einmal geschwankt – oder war das Einbildung gewesen? Jedenfalls war mir, als hätte ich den Anfang der Ewigkeit gefunden. Zugleich begriff ich, dass in diesem Moment vieles verging: die hellgrünen, braungelben mit Dunkelblau untermischten Jahre, die langen Tage erfüllt vom Zirpen der Zikaden, von Riedgrasrispen, tropfenden Dachrinnen und sich paarenden Libellen. Sie mussten vergehen, weil da draußen ein viel größerer Kosmos existierte, der sich nach festen Regeln bewegte. Ganz selbstverständlich würde er mich von hier fortführen, an einen entfernten, fremden Ort, wo ich forschen, streben, schaffen würde, ganz ohne Reue. Doch selbst wenn ich erwachsen wäre und langsam alterte, wenn das weiße Haar der irdischen Erfahrungen meine Schläfen besetzte und meine Augen sich trübten, würde ich an jenen ewigen Bedenken und jener Sehnsucht festhalten, ohne Reue, aber voller Wehmut.“ Yang Mu wird tatsächlich streben, forschen und schreiben, neugierig auf fremde Sprachen, andere Literaturen und ferne Räume, und wird doch immer in seiner ästhetischen Heimat verwurzelt bleiben, den „Riedgrasrispen, tropfenden Dachrinnen und sich paarenden Libellen“ – und der chinesischen Literatur.
  Die studiert er, neben Komparatistik, in Taiwan, und macht dann den Sprung nach den USA. Ein geisteswissenschaftliches Studium im Westen war von den 1950er bis in die 1970er Jahre Studenten aus Taiwan und Hongkong vorbehalten, was dazu führte, dass in Festlandchina Kenner der westlichen Geistesgeschichte wie Qian Zhongshu (1910-1998) und Ji Xianlin (1911-2009) kaum Nachfolger fanden. Mangelnder Sprach- und Weltkontakt in Verbindung mit ideologischer Einhegung leistete dort einem gewissen Provinzialismus der Literatur und des Denkens Vorschub.
  Yang Mu war in Taiwan schon als Lyriker und Essayist bekannt, als er in Iowa, Amherst und in Berkeley studierte, sich neue Literaturen und neue Sprachen erschloss, zusätzlich zu Englisch und Spanisch Japanisch, Deutsch, Altenglisch, Latein und Griechisch. An der University of Washington in Seattle, wo er heute noch lebt, lehrte er viele Jahre Vergleichende Literaturwissenschaft, dazwischen gab es Lehraufenthalte in Hongkong und Taiwan. Für die Anziehung, die die amerikanische Westküste auf Taiwan ausübt, fand Yang Mu in dem Gedicht „Flaschenpost“ ein eindrucksvolles Bild: Jede Woge an der Westküste steht darin in Verbindung mit dem Spiel der Wellen an dem für ihn in Sichtweite liegenden, real Tausende von Meilen entfernten Sandstrand Hualiens.
  Ein weiterer lyrisch verdichteter Moment der Erinnerung lässt uns an der Seite des Schülers Yang Mu einen Figurenschnitzer beobachten. Die plötzliche Verwandlung der grob handwerklich hergestellten Skulptur in eine der Gottheiten, die der Knabe im Tempel nicht einmal anzusehen wagt, vermittelt dem Kind den Ursprung von Kunst und Poesie. Ihr Inhalt ist die Ausdeutung des Mythos, während ansonsten Yang Mus poetisches Universum ohne Götter auskommt, wie seine Übersetzerin Susanne Hornfeck schreibt.
  Der titelgebende Text „Die Spinne, das Silberfischchen und ich“ führt uns zu weiteren Augenblicken an den Bruchlinien der Zeiten und Kulturen. Als Yang Mu sich in der Durant Hall in Berkeley in seine Mittelalter-Studien vergräbt (er übersetzte zum Beispiel ein Kapitel aus „Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter“ von Ernst Robert Curtius), begegnet ihm eine Spinne, die sich in die unterste Ebene der geisteswissenschaftlichen Sondersammlung verirrt hatte. Yang Mu gerät ins Nachdenken über das Schicksal dieser Kreatur, die da ratlos an ihrem Faden hängt, wohl nie mehr ein kunstvolles Netz kreieren wird und keinen Gefährten hat außer einem Silberfischchen und einem Dichtergelehrten aus Taiwan. Draußen demonstrieren lautstark die Studenten, einmal dringen sie in die Bibliothek ein und drohen, den aus Tausenden von Kärtchen bestehenden Bücherkatalog auf den Boden zu kippen. Yang Mu ist beeindruckt von den Bibliotheksangestellten, die vor den Schubladenschränken eine Kette bilden, um ihren Katalog, den Stolz ihrer Profession, zu verteidigen.
  Als er sich ähnlich jener Spinne im Labyrinth der alten europäischen Sprachen und Literaturen zu verlieren droht , ermutigt ihn sein Lehrer, der Komparatist Chen Shixiang, sein eigenes Schreiben nicht zu vergessen. Neben einem umfangreichen lyrischen Werk sind diese „Pinselnotizen“, wie der Untertitel dieser Sammlung von zwölf Texten lautet, eine Frucht dieser Rückbesinnung. Wie andere große Literaturen hält auch die chinesische neben einer Reihe von definierten Genres auch eine freie Form bereit. Die „biji“ changieren zwischen Kurzerzählung, Anekdote, Reisebericht, Essay und Gedicht. Sie sind ein Gefäß, das vieles aufnehmen kann.
  Das Übersetzerteam Susanne Hornfeck und Wang Jue, das schon 2002 die schöne bilinguale Ausgabe von Yang Mus Lyrik („Patt beim Go“) ebenfalls im Münchener A 1 Verlag verantwortete, hat dieses vielschichtige, wegen seine verborgenen Zitate und Anspielungen aus dem chinesischen wie aus dem westlichen Kulturraum nicht einfache Werk in ein sehr gut lesbares Deutsch gebracht. Nach der Lektüre vieler tagesaktueller Texte ist dieses Werk, das der Jahrtausende alten chinesischen Literaturtradition so nahe steht wie dem Heute, eine notwendige Ergänzung. Ein Nachwort der Übersetzerinnen, ein Glossar und eine Chronologie erhöhen den Wert dieser Ausgabe, die man getrost als einen Meilenstein in der Vermittlung der Literatur Taiwans im deutschen Sprachraum bezeichnen kann.
RUPPRECHT MAYER
  
Yang Mu: Die Spinne, das Silberfischchen und ich. Pinselnotizen. Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue. A1 Verlag, München 2013. 208 Seiten, 18,80 Euro.
„Die Erde hatte noch einmal
geschwankt – oder war
das Einbildung gewesen?“
Yang Mu, geboren 1940 in Hualian in Taiwan, lebt in Seattle.
Foto: Fisfisa Media
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