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Als die 25-jährige Journalistin Elena Tregubova 1998 von Vladimir Putin zu einem romantischen Sushi-Essen eingeladen wurde, war dieser noch Chef der KGB-Nachfolgeorganisation FSB und Jelzin führte väterlich das Regiment über den Kreml. Hier beginnt die wahre Geschichte der Mutanten des Kreml, in der die Autorin präzise und klug die Psychologie der Macht und Machtergreifung Putins analysiert. Packend und eingängig deckt sie den Zusammenhang zwischen Kreml und Oligarchentum im heutigen Rußland auf. Sie beschreibt ihr Leben als Journalistin und ihren Kampf für eine freie, unabhängige Presse. Im…mehr

Produktbeschreibung
Als die 25-jährige Journalistin Elena Tregubova 1998 von Vladimir Putin zu einem romantischen Sushi-Essen eingeladen wurde, war dieser noch Chef der KGB-Nachfolgeorganisation FSB und Jelzin führte väterlich das Regiment über den Kreml. Hier beginnt die wahre Geschichte der Mutanten des Kreml, in der die Autorin präzise und klug die Psychologie der Macht und Machtergreifung Putins analysiert. Packend und eingängig deckt sie den Zusammenhang zwischen Kreml und Oligarchentum im heutigen Rußland auf. Sie beschreibt ihr Leben als Journalistin und ihren Kampf für eine freie, unabhängige Presse. Im zweiten Teil des Buches berichtet die Autorin von den dramatischen Ereignissen nach dem Erscheinen ihres Buches in Rußland, von großem Erfolg und schließlich von der systematischen Demontage ihrer Person in der Öffentlichkeit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Tropen
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 376
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm
  • Gewicht: 550g
  • ISBN-13: 9783932170911
  • ISBN-10: 3932170911
  • Artikelnr.: 20845955
Autorenporträt
Elena Tregubova, geboren 1973, arbeitete 5 Jahre lange als Kreml-Korrespondentin für die große Moskauer Tageszeitung "Kommersant". Ihr Buch "Die Mutanten des Kreml" löste in Russland einen Skandal aus, infolgedessen sie ihren Job verlor. Nur knapp ist sie einem Bombenanschlag vor ihrer Wohnungstür entgangen.
Rezensionen
Besprechung von 13.10.2006
Freiheit nur auf dem Papier
Elena Tregubovas Erfahrungsbericht aus dem Putin-Land

In Rußland ist es mit den bürgerlichen Freiheiten schlecht bestellt. Diese Erfahrung mußte auch die Journalistin Elena Tregubova machen, deren Bericht über den Kreml unter Putin nun auf deutsch vorliegt.

Wenige Tage nachdem ihre Kollegin Anna Politkowskaja in Moskau durch Kopfschüsse ermordet worden ist, hat die Journalistin Elena Tregubova in einem Interview mit "Spiegel-online" erklärt, daß westliche Politiker sich von russischen Politikern haben kaufen lassen. Sie, die westlichen Politiker, hätten nur das russische Öl und Gas im Blick, sagt Tregubova. Sie fordert die Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, "mit der Politik ihres Vorgängers zu brechen. Gerhard Schröder hat wegen seiner Freundschaft mit Putin zur Vernichtung der Freiheit in Rußland geschwiegen." Seit Putin an die Macht gekommen ist, sind nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" mindestens vierzehn Journalisten in Rußland ermordet worden. Rußland ist ein Land zum Fürchten - zumindest haben zum Fürchten all jene Anlaß, die sich für Demokratie und Bürgerrechte einsetzen und gegen die Machenschaften der dort regierenden Klans protestieren.

Elena Tregubova gehörte einmal als Korrespondentin der Moskauer Tageszeitung "Kommersant" zu jenen Journalisten, die Zugang zum Kreml und zu dessen Pressesprecherreich hatten. Fünf Jahre lang hatte sie sich dort im engen Umkreis der Macht bewegen dürfen und dabei alle möglichen und alle unmöglichen Machtmenschen aus der Nähe kennengelernt, darunter auch, und zwar schon in frühen Jahren, den späteren Staatschef Wladimir Putin. "Man darf nicht vergessen", schreibt Tregubova in ihrem Buch "Mutanten des Kreml", "daß der Mann, der heute an der Spitze des russischen Staates steht, in seiner Jugend bewußt und aus freien Stücken zum KGB gegangen ist. Zu einem Geheimdienst, der die Andersdenkenden im Land physisch vernichtete, einem Geheimdienst, der Millionen von Menschen umgebracht hat."

Elena Tregubova muß in diesen fünf Jahren am Kreml-Hof manchmal sehr große, sehr blaue Augen gemacht haben: Die Macht irritiert, die Macht blendet manchmal. Als Putin, mit dem sie ganz am Anfang einmal Sushi essen war, dann seine Macht mit allen Mitteln ausbaute, verfinsterte sich Elena Tregubovas Blick zunehmend, und sie schrieb Artikel, die den Mächtigen nicht gefallen konnten. Putin entzog ihr die Akkreditierung für den Kreml - einer von zahlreichen Vorgängen, die nach Tregubova zur Vernichtung der Pressefreiheit in Putins Rußland führten. Schließlich hat sie sich für einige Wochen in ihr Zimmer zurückgezogen und das Buch "Geschichten eines Kreml-Diggers" geschrieben, das nach langem Suchen nach einem mutigen Verleger im Kleinverlag "Ad marginem" erschienen ist. Auf der Frankfurter Buchmesse vor drei Jahren ist ihre Abrechnung mit dem Kremlsystem unter Putin zum allerersten Mal in das Licht der Öffentlichkeit gekommen. Ihr Verleger Alexander Iwanow, der auch die Romane des Schriftstellers Wladimir Sorokin publiziert, hatte nur fünf Exemplare des Buches in seinem Koffer, als er nach Frankfurt zur Messe fuhr, und die stellte er dort sofort an seinem Stand ins Regal, wo sie nicht lange blieben. Die Auslieferung der gedruckten Exemplare hat sich in Rußland aus unerklärlichen Gründen tagelang verzögert.

Von Frankfurt eilte die Nachricht von diesem Buch sofort zurück nach Moskau, wo sie nicht nur in den Medien wie eine Bombe eingeschlagen haben muß. Bald kursierten kopierte Exemplare des Buches, weil die Druckerei noch immer nicht imstande war zu liefern - das schaffte sie aber schließlich. Das Buch machte Furore (siehe F.A.Z. vom 6. Dezember 2003) und wurde mehrere Zigtausend Male verkauft. Die Journalistin Elena Tregubova, geboren 1973, wurde berühmt.

Nun liegt dieses Buch in einer überarbeiteten und aktualisierten Fassung, ergänzt von einer ebenfalls überarbeiteten und aktualisierten Fassung ihres Buches "Der Abschied eines Kreml-Diggers", auf deutsch vor: eine professionell auf Wirkung geschriebene vitale und offenherzige Mischung aus harter Kritik am und kalkuliertem Klatsch aus dem Kreml.

Das Buch ist keine soziologische Machtanalyse, das hätten dann wahrscheinlich auch weniger Leute gelesen, sondern der temperamentvolle Erfahrungsbericht einer Journalistin über die Machenschaften in einem Land, das weit von der Demokratie entfernt ist und in dem die Wahrheit zu sagen und eine andere Richtung als die Mächtigen einzuschlagen eine gefährliche Sache ist, für die gerade zu stehen Mut notwendig ist.

Elena Tregubova ist mutig. Sie berichtet auch von Michail Chodorkowskij, der im Zuge des neuen Kapitalismus in Rußland mit seinem Ölkonzern Yukos zu einem mächtigen Mann aufstieg und unter Putin zu Fall und in ein sibirisches Lager gebracht wurde - angeblich weil er Steuern hinterzogen hat, nach Ansicht Elena Tregubovas aber (nicht nur nach ihrer Ansicht), weil er die Opposition finanziell unterstützte. "Im Grunde hat man Chodorkowskij dafür ins Gefängnis gesteckt, daß er mehr Verstand und Talent hatte als Putins Freunde und deshalb in den Jahren der Reformen ein wirtschaftlich arbeitendes, einträgliches Unternehmen aufbauen konnte, das nach der Übernahme wiederum den Putinfreunden gratis in den Schoß fiel." Der russische Staat funktioniere kooperativ. Zur Kooperation des Staates gehöre nur, wer loyal ihm gegenüber sei. Und was macht der freie Westen? "Das Schicksal von Yukos steht vor aller Augen. Der Exkanzler eines fremden Landes", schreibt Tregubova, "fügt sich in die Kooperation ein und wird, ,unser Mann in Europa'. Ein russischer Geschäftsmann dagege, der Milliarden von Dollar in den Staatshaushalt eingebracht hat, ,gehört nicht dazu' und wandert ins Gefängnis." Wird Chodorkowksij eine Zukunft haben? Elena Tregubova zweifelt daran: "Auch wenn Chodorkowskij in einem seiner offenen Briefe aus der Haft unlängst jeder Rache abgeschworen hat, fürchte ich ernsthaft, daß Putin ihn lebendig nicht gehen lassen wird."

Die Tageszeitung "Kommersant" hat der unbequemen Journalistin nach Erscheinen von "Geschichten eines Kreml-Diggers" gekündigt. Anfang 2004 detonierte eine Bombe vor der Tür der Wohnung, in der Elena Tregubova wohnt (F.A.Z. vom 4. Februar 2004). Auf den letzten Seiten ihres Mutanten-Buches schreibt sie: "Vielleicht werden gerade Sie, Frau Merkel, als erste unter den Regierenden die Kühnheit besitzen, Putin ernsthaft unliebsame Fragen zu stellen. Vielleicht werden gerade Sie mit ihrem weiblichen Verstand und Herzen erkennen, daß hinter solchen Fragen keine trockenen Prinzipien und keine abstrakten politischen Debatten stehen, sondern das reale Leben von Menschen, die genau in diesem Augenblick - gerade jetzt, während Sie dieses Buch lesen - in Rußland in Lebensgefahr schweben."

EBERHARD RATHGEB

Elena Tregubova: "Die Mutanten des Kreml". Mein Leben in Putins Reich. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Franziska Zwerg. Tropen Verlag, Berlin 2006. 377 S., geb., 19,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 16.10.2006
Enthüllungen auf dünnem Eis
Ein dämonisches Bild von Wladimir Putin, das kluge Einsichten in das heutige Russland gibt
Das Mordinstrument war eine Bombe, keine Makarow-Pistole, aber damals wie heute geschah die Tat am helllichten Tag, mitten in Moskau, im Hausflur einer hochexponierten Publizistin. Die Parallelen zwischen dem Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja und dem Angriff auf ihre Kollegin Elena Tregubova im Februar 2004 sind bedrückend, und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Elena Tregubova überlebte. Sie widmet der Bombe in ihrem neuen Buch ein eigenes Kapitel, in dem sie beschreibt, wie sie heute beim Verlassen der Wohnung überprüft, ob vor der Tür Drähte für eine Bombe gespannt sind; wie sie prinzipiell nichts Wichtiges mehr am Telefon bespricht; dass sie ihr Haus nicht betritt, wenn am Eingang ein Unbekannter steht und den Wachdienst ruft, wenn jemand lange im Flur vor ihrer Wohnung steht.
Man hat Tregubova vorgeworfen, dass sie sich nur als todesmutige Enthüllerin habe ins Gespräch bringen wollen. Übergroße Bescheidenheit ist ihre Sache in der Tat nicht, nicht als Kollegin („Unter allen russischen Journalisten gebührt mir der Ruhm, Putin als Erste entdeckt zu haben”), nicht als Frau („An jenem Tag sah ich wirklich ausgesprochen gut aus”) und nicht als Autorin: „Meinen Glückwunsch: Ihr Buch ist fesselnd geschrieben”, lässt sie einen Verleger über die ersten Kapitel sagen, die vor drei Jahren in Russland unter dem Titel „Aufzeichnungen eines Kreml-Gräbers” (SZ vom 3. Dezember 2003) Furore machten. Und doch hätte es des Mordes an Anna Politkowskaja nicht bedurft, um zu begreifen, dass Elena Tregubova sich auf sehr dünnem Eis bewegt.
Fünf Jahre lang gehörte sie für die liberale Tageszeitung Kommersant dem sogenannten Kreml-Pool an, berichtete über die späten Jelzin- und frühen Putin-Jahre, dann verlor sie ihre Akkreditierung und wurde nach der Veröffentlichung des „Kreml-Gräbers” entlassen. Ein geradezu prototypischer Fall von Zensur im putinistischen Russland, sagt Tregubova. Denn Boris Jelzin hatte zwar den ersten Tschetschenien-Krieg begonnen, seine Familie das Land in fast kolonialem Stil ausgeplündert – und doch war seine Amtszeit für Tregubova ein goldenes Zeitalter. Wladimir Putin nämlich habe „eine Diktatur mit faschistischen und nazistischen Zügen” geschaffen, hierarchisch, rachsüchtig und gierig.
So weit, so gut, möchte man sagen, schließlich ist der Putinismus in all seiner Finsternis kein neues Phänomen, und Tregubova folgt in ihrem dämonischen Putin-Porträt einem alarmistischen Reflex, wie man ihn von vielen Kritikern kennt, die Russland als eine Art zu groß geratenes Nordkorea beschreiben.
Doch ihr Buch bietet neben aller menschelnden Kolportage und aller moralischen Empörung auch kluge Einsichten in die innige Verflechtung von Wirtschaft und Politik, die geradezu zum konstituierenden Element der Putin-Herrschaft geworden ist. Längst nämlich hat der Präsident seine Getreuen bei den Energie-Konzernen installiert, deren Gewinne seine Herrschaft sichern. Eine fast dynastische Gemeinschaft ist so entstanden, deren Bindung nicht auf Blutsverwandtschaft beruht wie unter Jelzin, sondern auf den gemeinsamen Jahren beim Geheimdienst und einem Korpsgeist, der sich in der Formulierung verrät, „ehemalige Tschekisten” gebe es nicht. Die gesamte Politik des Kreml, alle personellen und machtpolitischen Entscheidungen, so versichern Geschäftleute, sind rein ökonomisch motiviert. Und der Präsident selbst werde nach dem – von der Verfassung vorgeschriebenen – Ende seiner Amtszeit im Jahr 2008 sozusagen organisch an die Spitze eines Energiegiganten wechseln, als „Staatsoligarch, der sein Monopol mit Hilfe des repressiven und legislativen Apparats verteidigt”.
Manches an diesem Buch wirkt dennoch naiv. Warum sollte Putin radikale Wirtschaftsreformen einleiten und einen Popularitätsverlust riskieren, wo ihm doch die Petro-Rubel die Wählergunst ebenso sichern wie eine seit dem Zerfall der Sowjetunion ungekannte Machtstellung in der Welt? Andere Passagen aber sind von bitterem Witz wie dieses aktuelle Bonmot: „Wenn der FSB oder die Steueraufsicht noch nicht in Ihrer Firma waren, dann heißt das, dass Ihr Betrieb noch nicht rentabel genug ist.”
Nach dem Mord an Anna Politkowskaja hat Elena Tregubova einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben: Sie solle ihr Schweigen brechen. „Jeder, der sich im heutigen Russland Putin entgegenstellt, befindet sich ohne Übertreibung in tödlicher Gefahr”, schreibt sie in ihrem Buch. Es dürfte in diesen Tagen einige Menschen geben, die geneigt sind, diese Behauptung zu glauben.
SONJA ZEKRI
ELENA TREGUBOVA: Die Mutanten des Kreml. Deutsch von Olga Radetzkaja und Franziska Zwerg. Tropen-Verlag, Berlin 2006. 384 Seiten , 19,80 Euro.
„Diktatur mit faschistischen Zügen”: Elena Tregubovas vernichtendes Urteil über Wladimir Putin (oben vor einer Landkarte Russlands).
Reuters/Itar-Tass
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Eberhard Rathgeb erzählt, wie die Autorin des Buches, die Journalistin Elena Tregubova, einst die Macht im Kreml aus der Nähe erst kennen, dann fürchten lernte und ihr investigatives Buch "Geschichten eines Kreml-Diggers" sie berühmt machte. "Vital" und "offenherzig" findet er die nun auf deutsch vorliegende überarbeitete und ergänzte Ausgabe, aber auch effektheischend. Dass das Buch keine akademische Machtanalyse ist, sieht Rathgeb der Autorin vielleicht deshalb nach, weil er ihren Mut so sehr bewundert und er die im Buch enthaltenen Appelle, wie den an Angela Merkel, für sinnvoller und wirksamer hält.

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