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Intrigen gehören zu unserer Zivilisation, und das schon seit Adam und Eva. Peter von Matt hat sich dieses Phänomens angenommen und führt uns die zahlreichen Facetten der Intrige anhand von wunderbaren Beispielen aus der Weltliteratur vor: das Kuckucksei und das Trojanische Pferd, Lady Macbeth und die Marquise de Merteuil, der durchtriebene Fuchs, Mr. Ripley und viele mehr. Es geht um die Täter, ihre Helfer und die Opfer und das Wesen der Intrige. Und dabei erklärt Peter von Matt auch gleich noch das Wesen ihres Hauptakteurs: des Menschen.…mehr

Produktbeschreibung
Intrigen gehören zu unserer Zivilisation, und das schon seit Adam und Eva. Peter von Matt hat sich dieses Phänomens angenommen und führt uns die zahlreichen Facetten der Intrige anhand von wunderbaren Beispielen aus der Weltliteratur vor: das Kuckucksei und das Trojanische Pferd, Lady Macbeth und die Marquise de Merteuil, der durchtriebene Fuchs, Mr. Ripley und viele mehr. Es geht um die Täter, ihre Helfer und die Opfer und das Wesen der Intrige. Und dabei erklärt Peter von Matt auch gleich noch das Wesen ihres Hauptakteurs: des Menschen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/24222
  • Neuaufl.
  • Seitenzahl: 504
  • Erscheinungstermin: November 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 231mm x 151mm x 40mm
  • Gewicht: 848g
  • ISBN-13: 9783446242227
  • ISBN-10: 3446242228
  • Artikelnr.: 36768243
Autorenporträt
Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern, war von 1976 bis 2002 Professor für Germanistik an der Universität Zürich. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste. 2014 wurde Peter von Matt mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Er lebt bei Zürich. Bei Hanser erschienen zuletzt: Wetterleuchten (Kleine Deutungen deutscher Gedichte, 2009) und Das Kalb vor der Gotthardpost (Zur Literatur und Politik der Schweiz, 2012). Im Januar 2017 erscheint bei Hanser: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur.
Rezensionen
"Eine Achterbahn des intellektuellen Vergnügens ... ein gelungener Beweis dafür, dass Denken Spaß machen kann." Fritz J. Raddatz, Die Zeit, 23.03.06

"Schwer zu entscheiden, was an von Matts Opus Magnum mehr erstaunt: die souveräne Leichtigkeit, mit der da über Stoffmassen verfügt wird, die Eleganz der Fomulierungen oder der Spürsinn des Forschers, der vermeintlich längst Bekanntes in völlig neuem Zusammenhang und Licht präsentiert. Auch heute noch, behauptet Peter von Matt, biete die Literatur der Philosophie "Widerpart" im "Geschäft der Welterklärung". Er hat Recht. Seine Studie ist der beste, ein glänzender Beweis." Ulrich Weinzierl, Die Welt, 11.02.06

"Mit der seltenen Fähigkeit, noch die bekanntesten Passagen der Weltliteratur so zu betrachten, als läse er sie zum ersten Mal, verfolgt der Zürcher Literaturwissenschaftler in seinem neuen Buch den literarischen Weg des Intrigenmodells von der Antike bis zur Moderne ... So ist auch "Die Intrige" eine Studie über den Menschen geworden." Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.06

"Peter von Matt ist der Meister der literarischen Streifzüge. Keiner von den Kollegen seiner Zunft überblickt wohl so souverän wie er ein so immenses weltliterarisches Terrain, und keiner legt so schlau und so originell seine Fährten ... Ein wahrhaft begnadeter (Nach-)Erzähler." Gunhild Kübler, Neue Zürcher Zeitung, 29.01.06

"Und mit Bewunderung stellen wir zuletzt fest, dass von Matt auf 500 Seiten keine Zeile Sekundärliteratur zitiert hat, vielmehr alles aus den Quellen gewinnt. Das ist kein Zeichen von Überheblichkeit, aber Zeugnis der Souveränität des freien Denkens. Dazu fügt sich die Leidenschaft des Erzählers, der in diesem Buch weit über die Theorie und Praxis der Intrige hinausgreift und eine Kulturgeschichte der Selbstermächtigung schreibt." Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 14.02.06" ... ein Glanz- und Schelmenstück ersten Ranges." Alexander Honold, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.06

"Was unsdie literarisch praktizierte Hinterlist lehren kann, zeigt der Züricher Germanist Peter von Matt in seinem hinreissenden neuen Buch ... Der Leser begreift, indem er Peter von Matt über die Schulter schaut, was Literaturbetrachtung jenseits der Holzhammertechnik eines Reich-Ranicki sein kann ... Eine Quelle erster Güte des Welt- und Menschenwissens, eine Quelle der Weisheit." Martin Ebel, Tages-Anzeiger-Zürich, 31.01.06

"Diese Studie wirkt wie ein Gespräch in leicht gehobener Seelenlage, das man auch nach Stunden nur unwillig beendet." Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, 13.03.06

"... eine wunderbar kluge Tragikomödie menschlicher Verhaltensweisen ... spannend bis zur letzten Seite..." Meike Fessmann, Tagesspiegel, 01.04.06

"Schon der Titel "Die Intrige" führt die Leser listig in die Irre. Umso mehr lohnt es sich, Peter von Matts brillantes neues Buch zu lesen." Andrew James Johnston, taz, 25.03.06

"Was für ein tolles, zu weiteren hunderten durchlesener Tage und Nächte inspirierendes Buch..." Claus Philipp, Der Standard, 29.04.06

"Dieses Buch lässt sich mit gleichermaßen großem Vergnügen und Gewinn auf verschiedenen Ebenen lesen. Nicht zuletzt als eine Sammlung von großen Geschichten, die uns auf großartige Weise von den großen Bösewichten der Geschichte erzählen." Martin Lüdke, Frankfurter Rundschau, 10.05.06
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Mit Begeisterung hat Rezensent Alexander Honold dieses "Glanz- und Schelmenstück ersten Ranges" gelesen, bei dem es sich seinen Informationen zufolge um eine ausgesprochen "sachverständige Intrigenkunde" handelt - und zwar von "germanistischer Hand" verfasst. Der Begeisterung tut auch keinen Abbruch, dass die fünfhundert Seiten des Romans "bis über die Kante beladen mit philosophischen Reflexionen und poetischen Debatten" sind, dass Peter von Matt in "fremdsprachigen Zitaten" parliert oder auch genussvoll mit "antiken Fachbegriffen hantiert". Drei besonders starke "Intrigenzeiten" hebe Matt besonders hervor: die Antike, die frühe Neuzeit und das neunzehnte Jahrhundert. Mit besonderem Vergnügen hat der Rezensent auch das geheime Grundmotiv des Intrigenbuchs enthüllt: nämlich einem "Kerngeschäft der Literaturwissenschaft" das Wort zu reden. Denn erzählte Geschichten bestünden aus Handlung und diese "ihrerseits fast zwingend aus Intrigen". So gesehen sei daher "jede Intrigenfigur ein Autor, ein fingierter Weltenschöpfer".

© Perlentaucher Medien GmbH"

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.01.2006

Die Intrige
Theorie und Praxis der Hinterlist: Die neue Studie des Schweizer Germanisten Peter von Matt als Vorabdruck in der F.A.Z.

Was haben Odysseus und Medea, Jago und Tom Ripley, Allerleirauh und der Fuchs aus der Fabel gemeinsam? Sie alle sind Akteure in einem Spiel, das so alt ist wie die Welt und ohne das die Weltliteratur ein langweiliger Tugendstadel wäre. Sie alle sind Intriganten, sie alle sind Meister in Theorie und Praxis der Hinterlist.

Wir haben uns angewöhnt, den Hinterlistigen als moralisch verwerflich zu betrachten. Mit gutem Grund, denn er ist nicht geheuer. Er täuscht und trickst, legt Finten, er redet uns ein, was wir oft nur allzugern glauben wollen. Er ist talentiert im Ausfindigmachen der Schwächen anderer und skrupellos, wenn es darum geht, sich diese Schwächen zunutze zu machen. Allzugern schlägt er uns sogar mit unseren eigenen Waffen. Nein, er ist nicht gut, der Intrigant, er ist ein Lügner und Betrüger.

Um so erstaunlicher ist deshalb der erste Satz in Peter von Matts großer neuer Studie über die Intrige: "Die Schöpfung lügt." An mancherlei Beispiel, von der Teufelsmantis, einer zum Unheil begabten Gottesanbeterin, bis zum Kuckuck, von Adam und Eva bis zu den Helden in den Spionageromanen von Graham Greene, behauptet der Schweizer Germanist einen "unabsehbaren Zusammenhang von Lüge, Täuschung, Tücke und todbringender Hinterlist". Die Intrige, ein gottgewolltes, ein naturgesetzliches Prinzip im Kosmos alles Lebendigen?

Die Belege für diese These sind ebenso erdrückend, wie sie kurzweilig zu lesen sind. Aber Peter von Matt, ein begnadeter Leser unter den Literaturwissenschaftlern, begnügt sich nicht damit, uns in zahlreichen Beispielen die schönsten Intrigen der Weltliteratur vor Augen zu führen - und uns die Augen erst recht zu öffnen für die Finessen ihrer Planung oder die Perfektion und Kaltblütigkeit ihrer Durchführung. Mit stupender Literaturkenntnis und der so seltenen Fähigkeit, noch die bekanntesten Passagen der Weltliteratur so zu betrachten, als läse er sie zum ersten Mal, verfolgt der Zürcher Literaturwissenschaftler in seinem neuen Buch den literarischen Weg des Intrigenmodells von der Antike bis in die Moderne.

Wer hätte je darüber nachgedacht, daß Patricia Highsmiths sinistrer Stimmenimitator Tom Ripley, wahrlich ein Mann ohne Eigenschaften, just in jenem Moment die literarische Bühne betritt, als Robert Musil und sein Roman wiederentdeckt wurden? Und wer hätte sich bewußtgemacht, daß die Geschichte des modernen Romans auch die Geschichte der Vertreibung der klassischen Intrige aus der ernsten Literatur bedeutet?

Peter von Matt, seit vielen Jahren Mitarbeiter im Literaturblatt dieser Zeitung, wendet sich gern den existentiellen Erfahrungen in der Literatur zu: Liebe und Tod, Treue und Treulosigkeit, Familienbande und Verwandtschaftsfesseln sind seine bevorzugten Themen, von seiner Studie "Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur" (1989) über "Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur" (1995) bis hin zu zahllosen, in mehreren Bänden versammelten Aufsätzen und vielen Beiträgen in der "Frankfurter Anthologie", deren erster Preisträger er im Jahr 1998 war. In allen diesen Arbeiten erfahren wir viel über die Literatur und die Welt dahinter, über Akteure und Zuschauer, Täter und Opfer. So ist auch "Die Intrige" eine Studie über den Menschen geworden. Heute beginnen wir mit dem Vorabdruck von Auszügen aus Peter von Matts neuem Buch der Entdeckungen.

HUBERT SPIEGEL

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.03.2006

Freiheitsrausch hinter Masken
Lob der Füchse: Mit gefährlicher Pracht erzählt Peter von Matt von der Hinterlist
Wenn der Fuchs hungert und keine Aussicht auf Beute besteht, dann greift er zur List. Er sucht, wie im „Physiologus” aus dem zweiten Jahrhundert berichtet wird, einen Platz, wo es Saubohnen und Spreu gibt. Dort legt er sich nieder, „verdreht die Augen und verhält den Atem”, als ob er „gänzlich am Verröcheln wäre”. Da er tot zu sein scheint, kommen die Vögel, ihn zu fressen, er aber springt auf und verzehrt sie. Ihm ist eine vollkommene List gelungen. Aber es sieht so aus, als tauge die Geschichte bestenfalls noch zur Kinderunterhaltung. Die Gegenwart ist der List nicht günstig.
Man lebt sich aus, und es scheint dabei, als hätten wir die Masken abgenommen, handelten - von Konvention und Gewohnheit kaum behindert - nach eigenstem Antrieb und existentiellem Bedürfnis. Der Authentizitätswahn hat die Verstellung ins Gerede und die Kunst der Intrige auf den Hund gebracht. Was einst bösartige Haupt- und Staatsaktion, Kampf zwischen Schurken und Helden war, ist zum Mobbing unter Kleingeistern verkommen. Wenn heute Intriganten zu Helden werden, von großen Verschwörungen und täuschender Verkleidung erzählt wird, liegt der Verdacht der Trivialität nicht weit. Derlei gehört zu Krimi, Thriller und Operette, deren Genuss „feine Geister” mit dem Gestus der Herablassung zu verbinden pflegen.
Die innerweltlichen Teufel
Daher muss es nicht überraschen, dass eine Studie über die Hinterlist in der Literatur, über Intriganten und deren Strategien bisher fehlte. Seit Friedrich Schlegel 1797 in seinen „Kritischen Fragmenten” eine „Theorie der diabolischen Dichtart vermisste, ist naturgemäß viel über Teufel und das Teuflische erschienen, aber der diabolischen Dichtart nimmt sich erst jetzt eine Studie des Schweizer Emeritus Peter von Matt an. Man kann sie als Abschluss einer Trilogie über das menschliche Unglück im Spiegel der Dichtung lesen. Den Treulosen galt der „Liebesverrat” aus dem Jahr 1991; dem nie zu ersetzenden Katastrophenmodell schlechthin, der Familie, war 1995 die Untersuchung über „Verkommene Söhne, missratene Töchter” gewidmet. Nun geht es um Intrigen, also „die geplante, zielgerichtete und folgerichtig durchgeführte Verstellung zum Schaden eines anderen und zum eigenen Vorteil”.
Dass von Matt auch diesmal aufs Ganze zielt, an ein paar literarhistorischen Erkenntnissen oder Spitzfindigkeiten nicht genug hat, verrät der erste Satz: „Die Schöpfung lügt.” Ahmen nicht Blumen Insekten nach und Insekten Blumen? Sind wir nicht immer schon gefangen in einem Kosmos aus Täuschung, Tücke, Töten? Der Reichtum dieser Studie verdankt sich zuerst einer Unbescheidenheit, die in den meisten Seminaren als Unsauberkeit rasch am Pranger stehen dürfte. Hier liest einer nicht, um Texte in Theoriegebäude oder Geschichtsbücher zu tragen. Hier will einer etwas über die Möglichkeiten des Menschen erfahren. Dies glückt durch Lesen rascher als durch Leben, man muss nur genau lesen. Das große Ganze spricht nur zu denen, die eine Anlage zum Pedanten in sich tragen.
Als eine Art Brille wird daher das Intrigenmodell entworfen. Es besteht aus Notsituationen, etwa der, dass Troja nicht einzunehmen ist, aus Zielphantasie, Plan und Planszene, Auftritt des Helfers wie des Intrigenopfers, aus Formen der Verstellung, der Verkleidung, des Intrigenrequisits und der Intrigenstimme - man denke an den Wolf bei den Geißlein -, aus Gegenintrigen, und schlussendlich Sieg oder Niederlage des Intriganten oder des Opfers in der Anagnórisis - der Erkenntnis der Wahrheit.
Als Fuchs literaturhistorischen Erzählens verfällt von Matt nicht der Versuchung, das einmal gefundene Modell unentwegt zu bestätigen. Es dient ihm zum Verständnis besonderer Fälle. Tom Ripley etwa, der Schurke, der jeder gern wäre, erlebt eine „unbewusste Planszene”, als er sich beinahe zufällig in den Freund verwandelt, den er später morden wird, um dessen Identität zu übernehmen. In Strindbergs Stück „Der Vater”, das Voreingenommene gern als Illustration misogyner Thesen missverstehen, findet sich wohl eine Intrige, aber der Plan dazu stammt nicht von der Intrigantin, sondern vom Intrigenopfer. Die Frau führt aus, was der Mann erwartet. In Molières „Tartuffe” wiederum stiftet die Wahrheit kein Heil, führt deren Erkenntnis nicht zur Niederlage des Schurken.
Auf diese Weise folgt eine Beobachtung der anderen, und allmählich gewinnt der Intrigant an Gestalt. Die Großen werden ausführlich gewürdigt: Medea, Jago, Richard III., Volpone, Cleopatre aus Corneilles „Rodogune”, Valmont und die Marquise de Merteuil aus den „Gefährlichen Liebschaften”, Balzacs Vautrin und seine Bette und einige mehr. Sie sind innerweltliche Teufel, die sich - wie ihr nobler Ahnherr - gegen die schicksalsstiftenden Mächte auflehnen; ihr Werkzeug ist der Verstand, nicht Magie, sie spielen Schicksal. Ihnen gehört, es ist nicht zu überlesen, die Sympathie des Verfassers, der mit dem Bösen nicht kokettiert, aber auch nicht dumm genug ist, dessen Verwandtschaft mit der Freiheit zu übersehen.
In der Verstellung gewinnen Intriganten Unabhängigkeit von Regeln, Normen, sozialer Bestimmtheit. Der Zustand ist dem paradiesischen nicht unähnlich. Adam war ja weder nackt noch bekleidet. Die Freiheit hinter Masken dient meist dem Verbrechen, ihrer Faszination aber tut das keinen Abbruch. Möglicherweise ist keine Figur so geeignet, von den Paradoxien der Unabhängigkeit und des Vernunftgebrauchs zu handeln, wie der Intrigant. Der „literarische Intrigenbau mit dem Schauspiel seiner Auflösung” kann als „verkörperlichte Moralphilosophie” gelten.
Die Stunde der Intriganten schlägt in Krisenzeiten, Hochzeiten des autonomen Subjekts wie Renaissance und Aufklärung. In Spionageromanen traf man sie während des Kalten Krieges, und auch der „Kampf der Kulturen” wird seine klassischen Intrigantenfiguren hervorbringen. Und doch scheint etwas unwiederbringlich verloren: die Größe, moralisch und ästhetisch. Als Medea beschließt, sich am treulosen Jason zu rächen, als sie seiner Neuen ein vergiftetes Gewand schickt und dann ihre und seine Söhne erdolcht, da wird die Tat motiviert mit einer uns unverständlich gewordenen Kategorie. Ein eigenes Kapitel ist Medeas präzisem Racheschwur gewidmet. Sie verkündet: „Niemand soll glauben, dass ich schwach und gering sei und ruheliebend! Ich war immer von ganz anderer Art. Immer war ich zu den Feinden furchtbar und zu den Freunden voller Liebe. Nur eines solchen Menschen Leben krönt der höchste Ruhm.” Wie sollen wir „Produkte der bürgerlichen Bescheidenheitsethik”, die nur Prominente duldet, dieses Motiv verstehen?
Grandeur oder mittlere Helden
Wie die Größe ästhetisch exekutiert wurde, wird im Glanzstück dieses Buches berichtet: Es geht um Lessings „Hamburgische Dramaturgie”, um dessen Attacke gegen Corneilles „Rodogune”. Im Namen der Natürlichkeit wird hier die „Intimisierung und Familiarisierung der Macht und der alten Grandeur” vollzogen, was zur Herrschaft der mittleren Helden führte, zur Allgegenwart von Leuten wie du und ich. Schiller, der Virtuose unter den Intrigenmechanikern der deutschen Literatur, hat dieser Familiarisierung im Namen der Natürlichkeit seine Maria Stuart geopfert. Seitdem heißen die Frauen auf der Bühne Gretchen, Klärchen, Gustchen, Käthchen. Wie beinahe stets sieht man sich auf die Ausnahme Kleist verwiesen, der, eine preußische Medea, nach Ruhm strebte, sein „Käthchen” nicht ohne das Gegenstück „Penthesilea” in die Welt schicken mochte.
Diese Studie wirkt wie ein Gespräch in leicht gehobener Seelenlage, das man auch nach Stunden nur unwillig beendet. Der Gang der Argumente lässt sich so wenig nacherzählen wie die Handlung eines Romans aus der „menschlichen Komödie”, viele Umwege führen auf ein unerwartetes Apropos. Von Matt schreibt mit „gefährlicher Pracht”, häuft unermüdet Sätze, die nach dem Zitiertwerden schreien, aufeinander, ignoriert souverän das, was „Forschungsstand” heißen mag. Aber wer als Fuchs liest, wird reichlich Beute machen. JENS BISKY
PETER VON MATT: Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist. Carl Hanser Verlag, München 2006. 499 Seiten, 25,90 Euro.
„Ich war immer von ganz anderer Art”: Medea beim Mischen des Giftes, das ihrer Nebenbuhlerin zum Verhängnis werden soll. Ölgemälde von Anthony Frederick Sandys aus dem Jahr 1868.
Foto: Bridgeman Art
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