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Autorenporträt
Erik Möller ist Diplom-Informatiker (FH) und freier Journalist. Er ist aktiver Mitarbeiter bei Wikipedia und einer der Entwickler der zugrunde liegenden Open-Source-Software. Seit Jahren betreibt Möller eigene Wikis, Weblogs und Mailing-Listen.
Rezensionen
Besprechung von 29.07.2005
Der Schwachpunkt ist die Qualität
Fallstricke frei verfügbarer Software: Erik Möller zeigt, was neuerdings im Internet alles möglich ist

Pythagoras mag ein großer Mathematiker und Philosoph gewesen sein. Für den Informatiker Erik Möller, der in seinem Buch den Fortschritt des Menschengeschlechts durch das Internet propagiert, gehört er trotzdem zu den Antihelden in der Geschichte der Informationsgesellschaft, weil er seine Erkenntnisse als geheimes Herrschaftswissen monopolisierte, statt es dem Volk zur Verfügung zu stellen. Als Mutter aller Obskurantisten aber erscheint auf dem Monitor der Online-Aufklärung - wie könnte es anders sein - die mittelalterliche Kirche, die allen Erkenntnisfortschritt abgewürgt habe. Daß es auch im "dunklen Zeitalter" eine reiche philosophische, literarische und künstlerische Produktion gab, daß die Klöster viele technische Innovationen beförderten, paßt nicht in die schwarze Legende.

Das simple Geschichtsbild, mit dem Möller den historisch-politischen Rahmen seines Buches absteckt, ist zwar ärgerlich, verspricht aber polemischen Schwung bei der Darstellung der virtuellen Gegenwart. Doch diese Erwartungen werden enttäuscht, denn zu oft geraten dem Autor die größeren politischen und technischen Entwicklungslinien aus dem Blick, verliert er sich in Software-Details, die der durchschnittliche Internet-Interessierte oft nur mühsam nachvollziehen kann. Wer sich trotzdem durchbeißt, wird mit einer Fülle von Informationen über die Umbrüche der digitalen Kommunikationsgesellschaft belohnt. Gekoppelt mit praktischen Tips und vielen Internet-Quellen liegt darin das Verdienst des Buches.

Für Möller bildet das Internet die Plattform für eine künftige gerechte und demokratische Weltgesellschaft, regiert durch die umfassende politische und informationelle Partizipation der globalen Netzgemeinde. Bertolt Brechts Forderung aus den dreißiger Jahren, das Radio von einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln, über den jeder Botschaften nicht nur empfangen, sondern auch aussenden kann, entspricht auch dem Credo Möllers und anderer Netz-Aktivisten. Noch versuchen die "alten Eliten" der Informations- und Kommunikationsindustrie, von Time Warner bis Microsoft, solche Ansätze zu ersticken. Doch für Möller hat bereits eine "heimliche Medienrevolution" begonnen, die die patent- und urheberrechtsgeschützte Macht des Ancien régime brechen und an seine Stelle eine softwaregestützte Rätedemokatie mit freien Informationsflüssen setzen könnte. Zu den revolutionären Kräften gehört die "Open source"-Bewegung, die sich der Verbreitung frei verfügbarer Software widmet. Deren zugrundeliegende Befehlsfolgen - der Quellcode - sind allgemein zugänglich, so daß diese Programme von allen für alle bearbeitet und verbessert werden können. Ein Stachel im Fleisch der kommerziellen Software-Industrie ist das Betriebssystem Linux, das sich zu einem ernsthaften Konkurrenten von "Windows" auszuwachsen beginnt und von engagierten Programmierern permanent weiterentwickelt wird.

Hoffnungen auf die Herausbildung einer journalistischen Gegenmacht werden von den Weblogs genährt, unabhängigen, von Privatleuten eingerichteten Online-Journalen, an denen sich die Internet-Nutzer mit eigenen Artikeln, Kommentaren und Diskussionsbeiträgen beteiligen können. Zwar hat die "Blogosphäre" vor allem in den Vereinigten Staaten einige spektakuläre Erfolge erzielt, wozu die Aufdeckung schlampiger Recherchen renommierter Journalisten gehört. Doch Möller verhehlt nicht, daß die Mehrheit der Blogs von einer echten Konkurrenz für die klassischen Medien weit entfernt ist. Eigenständige Berichterstattung ist eine Seltenheit, es überwiegen Meinungen, Links auf Zeitungsartikel oder banale Tagebucheinträge. Interessant an diesen kollaborativen Projekten sind die Mechanismen der Kooperation, die der Autor beschreibt. Es zeichnet sich ab, daß eine künftige Internet-Gesellschaft weder als Sponti-Anarchie noch nach parlamentarischem Muster funktionieren wird, sondern als eine Mischung aus Basisdemokratie, Gremienwirtschaft und ausgeprägter Meritokratie. Komplizierte Abstimmungs-, Moderations- und Bewertungsmechanismen legen die Reputationen und Befugnisse der Teilnehmer fest, bestimmen, wer was veröffentlichen darf, wessen Änderungswünsche befolgt werden und welche "Trolle" - so heißen die chronischen Störenfriede - auszuschließen sind.

Manche Blogs haben auf diese Weise byzantinisch anmutende Teilnehmer-Hierarchien hervorgebracht, deren Stufen man durch angemessenes Engagement zu erklimmen hat. Interesse verdienen auch Experimente mit dezentralen "Vertrauensnetzen", die das Vertrauen, das ein Nutzer gegenüber anderen Internet-Teilnehmern hat, quantifizieren, um so die Knüpfung neuer Kontakte und die Auswahl von Inhalten seinen Bedürfnissen entsprechend zu steuern. Allerdings verlangt das digitale Band der Sympathie eine ausgefeilte Technik: Um die Spontaneität von Kontakten und die Veränderlichkeit von Empfindungen zu erhalten, müßten zusätzliche Softwareinstrumente gewährleisten, daß gespeicherte Bewertungen auch wieder revidiert werden können.

Das erfolgreichste Gemeinschaftsprojekt im Internet ist die seit wenigen Jahren bestehende Online-Enzyklopädie "Wikipedia", die den Lexikonverlagen Kopfzerbrechen bereitet. Ihre Texte werden von Netz-Teilnehmern aus der ganzen Welt erstellt und fortgeschrieben. Die Wiki-Software macht es nicht nur jedem Internet-Teilnehmer möglich, ohne spezielle Programme Enzyklopädie-Texte im Hypertext-Format zu schreiben, sondern bestehende Einträge auch online zu ändern. Alle Texte stehen unter einer freien Lizenz, die die Verbreitung und Bearbeitung durch jeden erlaubt. Anders als die Redaktionen herkömmlicher Nachschlagewerke ist Wikipedia ein sich selbst organisierendes System. Zu seinen Stärken gehören die Aktualität und die Themenvielfalt. Ein Schwachpunkt ist die mangelnde Qualitätssicherung der Einträge. Möller, der selbst zu den aktivsten Mitarbeitern bei Wikipedia gehört, schildert neben den Erfolgen auch solche Probleme. Schade ist, daß er den Leser nicht durch konkretere Informationen über das Innenleben der Wikipedia stärker an seinem internen Wissen teilhaben läßt und so ein Beispiel für die Transparenz liefert.

Die Frage, wovon die Produzenten der Internet-Inhalte leben sollen, wenn es keine Urheberrechte und Honorare mehr gibt, beantwortet Möller im Einklang mit anderen linken Netz-Theoretikern durch die Utopie einer Ökonomie freiwilliger Gaben: Mit Hilfe elektronischer Bezahlsysteme sollen Autoren Spenden oder Sponsorengelder für ihre Leistungen einwerben.

Ob nun wirklich eine Medienrevolution bevorsteht oder nur wichtige neue Segmente die bestehende Medienlandschaft bereichern werden, läßt sich nach der Lektüre des Buches kaum beurteilen, denn zu häufig verstellt die Detailverliebtheit des Autors den für eine Prognose nötigen Überblick. "Schaffen Sie Ihren Fernseher ab und informieren Sie sich aus dem Internet", lautet Möllers Rat. Der erste Teil des Satzes hat viel für sich. Aber der zweite?

WOLFGANG KRISCHKE

Erik Möller: "Die heimliche Medienrevolution". Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Verlag Heinz Heise, Hannover 2005. 219 S., S/W-Abb., 19,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Detailverliebtheit" lautet der Hauptvorwurf von Rezensent Wolfgang Krischke an den Autor Erik Möller, der mit einer Überfülle an Informationen zur Revolutionierung der Informationsgesellschaft durchs Internet aufwartet. Immerhin erhalte der Leser auf diese Weise viele "praktische Tipps" und Hinweise auf Internet-Quellen, gesteht Krischke zu. Möller sehe das Internet ausschließlich positiv, resümiert der Rezensent, "als Plattform für eine künftige gerechte und demokratische Weltgesellschaft". Was Möllers historische Betrachtungen anbelangt, führt dieser Enthusiasmus zu einem vereinfachten Geschichtsbild, kritisiert Krischke, was allerdings seine Einsicht in die Vorgänge einer "heimlichen Medienrevolution" von heute angeht, so sei Möller gut informiert: Web-Logs, die Open Sopurce-Bewegung, Linux, Wikipedia, alles werde umfassend abgehandelt, auch wenn der Verfasser die größeren Entwicklungslinien häufiger mal aus dem Blick verliere. Der Autor ist, verrät Kruschke, selbst ein Wikipedia-Veteran. Um so bedauerlicher sei, dass Möller die Leser nicht "an seinem internen Wissen teilhaben lässt". Denn genau diese Transparenz sei doch das, was Möller für die demokratische Internetgesellschaft der Zukunft behaupte, mokiert sich Krischke.

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