Die Geschichte des Herrn Han - Hwang, Sok-yong
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Einer der bedeutendsten Romane der koreanischen Literatur des 20. Jahrhunderts erstmals auf Deutsch - die ergreifende Chronik eines nordkoreanischen Arztes, der am Krieg und an den Folgen der Teilung von Land und Volk zerbricht. In einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus in Seoul stirbt im Jahr 1968 ein alter Mann, einsam und verarmt. Die Nachbarn, die ihn kaum kannten, weil er, der Nordkoreaner, ihnen suspekt war, streiten sich um das frei gewordene Zimmer. Wer aber war dieser Herr Han?
Han Yongdok ist Professor für Gynäkologie am Universitätskrankenhaus in Pjöngjang, als 1950 der
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Produktbeschreibung
Einer der bedeutendsten Romane der koreanischen Literatur des 20. Jahrhunderts erstmals auf Deutsch - die ergreifende Chronik eines nordkoreanischen Arztes, der am Krieg und an den Folgen der Teilung von Land und Volk zerbricht.
In einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus in Seoul stirbt im Jahr 1968 ein alter Mann, einsam und verarmt. Die Nachbarn, die ihn kaum kannten, weil er, der Nordkoreaner, ihnen suspekt war, streiten sich um das frei gewordene Zimmer. Wer aber war dieser Herr Han?

Han Yongdok ist Professor für Gynäkologie am Universitätskrankenhaus in Pjöngjang, als 1950 der Koreakrieg ausbricht. Er entgeht der Mobilisierung, was ihn allerdings beunruhigt, ahnt er doch bereits, dass dies bedeutet, offenbar nicht auf Parteilinie zu sein. Er wird stattdessen der für die politischen Kader reservierten Sonderstation des Krankenhauses zugeteilt, hält sich aber nicht an die damit verbundenen Vorschriften und behandelt trotz Verbot auch Patienten aus dem Volk. Als er dabei erwischt wird, wie er ein schwer verletztes Mädchen operiert, wird er zum Tode verurteilt. Wie durch ein Wunder überlebt Han die Erschießung und flieht über den Fluss Daedong nach Südkorea und in die vermeintliche Freiheit. Frau und
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.24488
  • Verlag: DTV
  • Seitenzahl: 136
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 135mm x 14mm
  • Gewicht: 225g
  • ISBN-13: 9783423244886
  • ISBN-10: 3423244887
  • Artikelnr.: 14160651
Autorenporträt
Hwang Sok-yong wurde 1943 in der Mandschurei geboren. Seine Werke erzählen von der bewegten Geschichte des Landes und wurden mehrfach ausgezeichnet.

Hwang Sok-yong veröffentlicht 1962 seine ersten Erzählungen und erhält sofort einen Nachwuchspreis. Es folgen zahlreiche weitere Erzählungen, bis er im Jahr 1972 mit seinem ersten Roman 'Die Geschichte des Herrn Han' den großen Durchbruch schafft.

1978 zieht er aus Seoul nach Gwangju, wo er 1980 den Aufstand gegen die Militärdiktatur miterlebt, dessen blutiger Ausgang ihn für eine Weile auf die Insel Jeju zwingt. 1982 kehrt er nach Gwangju zurück und veröffentlicht zwei Jahre später den zehnbändigen Roman 'Dschang Gilsan'. 1989 reist er auf Einladung des Literatur- und Kunstverbandes zum ersten Mal nach Nordkorea, gefolgt von einer weiteren Reise im folgenden Jahr zur Versammlung aller Völker nach Pjöngjang. 1989/90 Aufenthalt als Gastschriftsteller in der Akademie der Künste in Berlin, 1991 bis 1993 Aufenthalt als Gastschriftsteller an der Long Island University in den USA. 1993 kehrt er nach Südkorea zurück und wird wegen seiner Reisen nach Nordkorea zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. 1998 wurde er im Rahmen einer Amnestie für politische Gefangene vom neugewählten Präsidenten Südkoreas, Kim Dae-jung, nicht nur freigelassen, sondern danach sogar offiziell als südkoreanischer Kulturvertreter nach Nordkorea geschickt
Rezensionen
Besprechung von 19.10.2005
Wenn die Freiheit das größere Gefängnis ist
Gesellschaftsbesichtigung: Hwang Sok-yongs bewegende koreanische Jahrhundertchronik / Von Steffen Gnam

Der 1943 geborene Schriftsteller Hwang Sok-yong verwebt im Universum seiner Romane Privates und Zeitgeschichtliches, innere und äußere Vorgänge, Umbrüche und Tragödien. Ein unbestechlicher Streiter für die Demokratisierung und Versöhnung zwischen den beiden Koreas, mußte Hwang von 1993 bis 1998 wegen einer Reise zu einem Schriftstellertreffen nach Nordkorea eine Haftstrafe verbüßen. Die retrospektive Rekonstruktion einer Biographie im Spannungsfeld politischer Anschauungen und Systeme zieht sich denn auch leitmotivisch durch das Schaffen Hwangs. Zwei in dieser Hinsicht exemplarische Werke sind nun auf deutsch erschienen.

"Die Geschichte des Herrn Han" aus dem Jahr 1972 ist noch ganz im Stil des "kritischen Realismus" des politisch engagierten Jugendwerks gehalten. Eingebettet in die Rahmenerzählung einer traditionellen koreanischen Totenwache, zeigt der parabelartige Roman den Aufstieg und Fall eines nordkoreanischen Arztes auf. Han Yongdok, ein Professor der Gynäkologie an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang, entgeht der Mobilisierung für den Korea-Krieg, indem man ihn in eine für Parteimitglieder eingerichtete Kaderstation versetzt. Weil er sich aber verbotenerweise immer wieder um Verletzte aus dem Volk kümmert, wird er nach einer geheimen Operation zum Tode verurteilt. Durch eine Fügung des Schicksals überlebt er das Erschießungskommando und flüchtet ohne Frau und Kinder in den Süden, wo er eine Praxis eröffnet. Aber auch in seiner neuen Heimat ist er, nur aus umgekehrter politischer Richtung, dem Teufelskreis aus Verdächtigungen, Repressalien, Folter und schließlich einer langen Gefängnisstrafe ausgesetzt.

In einer klaren, unprätentiösen Sprache erzählt das Buch vom "Wahnsinn, den dieses Jahrhundert heimsuchte". Hwang entwirft expressive Stilleben des Elends wie gespenstergleiche Gefangenenmärsche oder Flüchtlingskolonnen, die schweigend über Felder ziehen. Mit einem ihm eigenen Duktus der Ruhelosigkeit skizziert der Autor Korea als Spielball der Mächte und als Manövriermasse der Ideologien. Mit analytischer Schärfe schildert Hwang die mit der Waffenruhe in Südkorea einkehrende Anarchie und die Probleme eines Aufrichtigen, im Chaos und Werteverfall der Nachkriegsgesellschaft zu überleben.

Als Han die illegale Gewerbetätigkeit der Kollegen seiner Praxisgemeinschaft aus Gewissensgründen publik macht, wird er von ihnen aus Rache als Spion aus dem Norden verleumdet. Immer aussichtsloser verfängt er sich in einem Netz aus Denunziation, Beamtenwillkür, Komplotten und Korruption. Bei aller ungeschönten Realitätsnähe erweist sich Hwang aber gerade in seiner allegorischen Naturlyrik als Meister der Zwischentöne und als Optimist: "Der Krieg war zu Ende. Das heißt, in Wahrheit war es eher so wie bei einem Fluß, der plötzlich an der Oberfläche gefriert. Die politischen Querelen ebenso wie die Hoffnungen der Menschen überwintern einfach unter dem Eis und warteten auf die neue Jahreszeit."

Im Spätwerk "Der ferne Garten" (2000) eignet sich der Autor eine introspektive Schreibweise und Weltsicht an, welche die irdischen Intrigen zugunsten einer buddhistisch angehauchten Universalität überwindet. Standen in der "Geschichte des Herrn Han" der Korea-Krieg und seine Folgen im Vordergrund, so geht es hier um Koreas turbulente und studentenbewegte achtziger Jahre. Im belletristischen Zeitraffer rekapituliert Hwang den Gwangju-Aufstand von 1980 und seine blutige Niederschlagung, Brandanschläge auf amerikanische Kulturinstitute oder die Massendemonstrationen für direkte Präsidentschaftswahlen von 1987.

Der politische Gefangene Oh Hyunuh kehrt 1999 nach siebzehn Jahren Haft in ein nach außen demokratischeres, aber ihm mittlerweile entfremdetes Südkorea zurück. Mit einer die Tragik untermalenden Ironie beschreibt Hwang die mühsame Resozialisierung Hyunuhs im öffentlichen Leben. Während er sich in der Gegenwart nur schwer zurechtfindet, ziehen vor seinem geistigen Auge revolutionäre Jugendaktivitäten der achtziger Jahre, Landschaften seines Flüchtlingslebens und hinterlassene Liebschaften vorbei. Doch von seiner Schwester, bei der er zunächst wohnt, erfährt er, daß seine ehemalige Geliebte, die Malerin Yunhi, drei Jahre vor seiner Entlassung verstorben ist.

Beim Versuch, die bewegte Vergangenheit wiederaufleben zu lassen, bedient sich der Autor verschiedener Erinnerungsverfahren: Zum einen bereist Hyunuh selbst die Orte seiner Revolten und Lieben wie das Dorf Galmö, wo er in einem als Atelier eingerichteten Gartenhaus mit Yunhi fast zwanzig Jahre zuvor unbeschwerte Sommertage verbrachte. Dort findet er ihre Skizzen, Briefe und an ihn adressierte Tagebücher, deren Einträge sich im Roman mit Hyunuhs Reminiszenzen wechselseitig ergänzen und überlagern.

Immer wieder arbeitet Hwang dabei mit Oppositionen: Galmö als Locus amoenus wird Gwangju als Ort des Grauens und Sinnbild für die Brutalität der Militärdiktatur entgegengestellt. Hwang relativiert dabei "linke" und "rechte" Begrifflichkeiten ebenso wie die Metaphorik von "drinnen" und "draußen", wobei die minutiösen Einblicke in den öden Vollzugsalltag zu den stärksten Romanszenen zählen. Psychologisch überzeugend ist auch die Passage einer "Gesellschaftsbesichtigung", ein von Wärtern in Zivil begleiteter Wochenendausflug per Bahn zu Verwandten in die Freiheit, welchen der Erzähler letztlich als Rückkehr in das "größere Gefängnis" empfindet.

Dabei bettet der Kosmopolit Hwang das "Draußen" in einen komplexeren Denkhorizont als den rein koreanischen ein. So beschließt Yunhi gegen Ende des Buches, zum Kunststudium nach Berlin zu fliegen, "in diese trübe Stadt, die man oft in Spionagefilmen sah". Wie Hwang in seinem Berliner Exil 1989 bis 1991, erlebt Yunhi den Fall der Mauer vor Ort, die Wiedervereinigungseuphorie und die Auflösung des sowjetischen Staatssozialismus.

In den Berliner Tagebucheinträgen Yunhis, die den Freiheitskampf ihres immer noch in Korea inhaftierten Geliebten fortführen will, werden die Illusionen und Restriktionen von Revolutionen im Vergleich der koreanischen Studentenbewegung mit 1968 in Europa zur Sprache gebracht. Immer wieder ergeht sich der "realistische Idealist", wie Hwang sich gerne nennt, in Gedanken über Kapitalismus und die Kolonialisierung des Geistes, über Indoktrination und Agitation, Literatur und politische Opposition.

Erst nach Yunhis Tod und seiner Haftentlassung erfährt Hyunuh aus ihren Tagebüchern von der Existenz einer gemeinsamen Tochter. Das Treffen mit ihr in Seoul gerät zum etwas melodramatischen, aber symbolischen Schlußpunkt des Buchs. So entwirft Hwang auf privater und politischer Ebene in beiden Romanen in autobiographisch gefärbten Geschichten über Trennung, Entzweiung und Annäherung eine vielschichtige, nach vorne gerichtete koreanische Jahrhundertchronik. Zwischen den Zeilen schimmert dabei immer auch die Vision einer "Endzeit der Teilung" hervor. Hwang Sok-yong, dieses Eindrucks kann sich der Leser seiner zwischen Revolution und Romantik, düsterem Realismus und leuchtkräftiger Fiktion oszillierenden Romane nicht erwehren, glaubt an das weltverändernde Moment in der Literatur.

Hwang Sok-yong: "Die Geschichte des Herrn Han". Roman. Aus dem Koreanischen übersetzt von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. 140 Seiten, br., 12,- [Euro].

Hwang Sok-yong: "Der ferne Garten". Roman. Aus dem Koreanischen übersetzt von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. 520 S., br., 15,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 09.07.2005
Die Bretterbude der Zivilisation
Das geteilte Land mit dem berühmten Wirtschaftswunder: Eine Reise durch Südkorea, Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse
Von manchen Ländern trennt uns nur eine Sprachbarriere. Von anderen zusätzlich eine Namensbarriere. Hwang Sok-yong, Kim Young-ha, Eun Heekyung, Yi Munyol. Halten Sie das erstmal auseinander! Und wer davon ist jetzt noch mal die Frau? In der Bequemlichkeit unserer Ignoranz während des Hinflugs nach Korea beschlossen wir, um der besseren Binnenverständigung unter Kollegen willen, die koreanischen Schriftsteller, die wir treffen würden, durch die Namen ihrer deutschen Pedants zu markieren.
Da gibt es diesen wunderbaren, erzählerisch brillanten Romancier, Yi Munyol, der eine große Lesergemeinde sein eigen nennen darf, der aber vom Literaturbetrieb scharf attackiert und teilweise wie ein Paria behandelt wird, weil seine politischen Ansichten ziemlich konservativ und so gar nicht links sind - nun, der ist natürlich der koreanische Martin Walser. Oder der andere Große der koreanischen Literatur, Hwang Sok-yong, ihr Übervater geradezu, der sein Schriftstellerleben lang die Bühne der politischen Auseinandersetzung gesucht hat, sich durch die Mächtigen nie beeindrucken ließ, ein engagierter Literat, dabei über weitläufige Verbindungen zu den großen kritischen Köpfen anderer Länder verfügend, sein Name wird immer wieder als der eines potenziellen Nobelpreisträgers genannt - nun, der ist selbstverständlich der koreanische Günter Grass. Und Eun Heekyung mit ihren Desillusionsromanen zwischen Ironie und Zynismus, wo die Frauen allen Idealen und Werten abschwören, weil es besser ist, an nichts mehr zu glauben und schon gar nicht an die große Liebe - die nennen wir die koreanische Judith Hermann, auch wenn ihre Frauen-Figuren weniger rauchen.
Die Mauer in den Köpfen
Dieses Spiel zur ersten Orientierung ist gar nicht so kindisch. Denn so fern Korea ist, teilt es doch einige Eigenschaften mit Deutschland, die die beiden Länder zwar nicht ähnlich machen, sie aber doch auf besondere Weise zueinanderführen. Das ist die Teilung des Landes, seine paradigmatische Rolle während des Kalten Krieges und ein atemverschlagendes Wirtschaftswunder. Und beide Phänomene, so scheint es, fallen im Fernen Osten noch extremer aus: Die Teilung noch absurder und das Wirtschaftswunder noch umwälzender, keinen Stein der Tradition auf dem anderen lassend. Wenn Korea in diesem Herbst das Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse sein wird, dann sollte schon diese Parallelität dafür sorgen, dass die beiden Länder sich vieles zu erzählen haben.
Die (Süd-)Koreaner wissen das. Entsprechend sind ihre Fragen. Was heißt es, wollen sie von den Besuchern wissen, wenn nach vierzig Jahren ein bis dahin in zwei Staaten lebendes Volk plötzlich wieder in einer Nation zusammengeht? Für die Älteren ist die Teilung eine Wunde, die sich nicht schließen will. Zumal der Riss, durch den das Land in zwei verfeindete Staaten aufgeteilt wurde, schärfer, plötzlicher, undurchlässiger und brutaler war als in der deutsch-deutschen Geschichte. Er ging mitten durch die Familien, die von einem Tag auf den anderen sich weder sehen noch sprechen konnten. So etwas wie Verwandtenbesuchsregelungen hat es in Korea nie gegeben. Es gibt keine direkten Kommunikationswege. Zwischen beiden Staaten herrscht absolute Funkstille.
Wenn heute, als Beispiel, ein Südkoreaner einem in Nordkorea lebenden Verwandten die Hochzeit eines Cousins anzeigen möchte, wird er einen menschlichen Boten nicht-koreanischer Herkunft anheuern, der mit der Nachricht im Kopf von Seoul nach Peking fliegt, dort in den Flieger nach Nordkorea umsteigt und die Frohbotschaft persönlich überbringt. Die Jüngeren reagieren auf die Rede von der Wiedervereinigung gleichgültig bis gereizt. Das sei kein Thema. Zu verschieden seien die Lebensformen, zu extrem die kulturellen Differenzen. Die beiden Teile hätten sich auseinandergelebt. Als Deutsche müssten wir das doch wissen. In Korea sei die Mauer in den Köpfen noch höher als in Deutschland, weil die beiden Gesellschaften noch hermetischer voneinander isoliert lebten. Außerdem sei eine Wiedervereinigung für Südkorea ökonomisch nicht zu schultern. Doch gibt es ohnehin keine Anhaltspunkte für ein Ende des Steinzeit-Kommunismus im Nordteil der Halbinsel.
Grotesk und absurd erscheint dem Besucher manches, was mit der Teilung zusammenhängt. Vor allem absurd. Aber vielleicht hat man die inhumanen Bizarrerien der deutsch-deutschen Teilung nur einfach schon wieder vergessen und war zu lange nicht mehr im Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Berlin.
Zum Beispiel die paranoide Spionageangst auf beiden Seiten. Han heißt der große Fluss, der vom Norden des Landes in den Süden fließt und die Grenze überquert. Er ist auf südkoreanischer Seite auf der gesamten Länge seiner beiden Ufer von aufwändigen Stacheldrahtzäunen, Wachttürmen und Soldatenpatrouillen eingefasst, um zu verhindern, dass ein feindlicher Spion oder ein Stoßtrupp auf diesem Wege die Grenze passiert.
Oder dies: Andere Länder haben eine Telefonnummer für die Polizei und eine für den Notruf. In Südkorea gibt es noch eine dritte. 113. Diese 24-Stunden-Hotline muss man anrufen, wenn man einen Spion entdeckt hat. Das ist sehr lukrativ. Man wählt 113, und wenn man erfolgreich einen Spion zur Anzeige bringt, bekommt man 100000 US-Dollar. Noch besser, wer das Glück hat, ein feindliches U-Boot zu sichten. Das wird mit 300000 Dollar prämiert. Ist ja auch schwieriger zu entdecken. 113. Das ist nicht Kalte-Krieg-Folklore. Das ist sehr ernst.
Den Bürgern Süd- wie Nordkoreas ist jeder Kontakt zur jeweils anderen Seite bei drastischer Strafe verboten. Hwang Sok-yong, der koreanische Günter Grass, der in seinem Roman „Die Geschichte des Herrn Han” (der diesen Herbst bei dtv erscheint) den Wahnsinn und die Unmenschlichkeit der Teilung eindrucksvoll beschrieben und die Brutalitäten und Folterungen, die Tötungen und Massaker während des Bürgerkriegs auf beiden Seiten ungeschminkt zur Darstellung gebracht hat, Hwang Sok-yong folgte 1989 einer Einladung zu einem Schriftstellertreffen in Nordkorea. Über die Konsequenzen war er sich im Klaren. Er reiste trotzdem, kehrte allerdings danach nicht nach Seoul zurück, sondern verbrachte die nächsten Jahre im Ausland, erst in Berlin, dann in New York. Als er 1993 wieder südkoreanischen Boden betrat, wurde er umgehend verhaftet. Man machte ihm den Prozess. Er wurde für schuldig befunden. Fünf Jahre verbrachte er hinter Gittern. 1998 wurde er entlassen. „Ich bin”, sagt er schwungvoll in der Hotelbar, „ein Symbol der koreanischen Wiedervereinigungsbewegung.” Und er nimmt einen weiteren kraftvollen Schluck Jack Daniels und zieht vergnügt an seiner Zigarette, als habe ihm die Konfrontation mit der Staatsmacht neue Energie und Lebensfreude zugeführt.
Es war eine demonstrative Geste, als Hwang Sok-yong die Grenze zu Nordkorea überschritt. Diese Grenze, die so genannte demilitarisierte Zone (DMZ), ist ein seltsamer Zwitter: Einerseits ein sicherheitspolitisch hochneuralgischer Punkt, andererseits absurdes Politiktheater. Einerseits große Potenz-Imponiershow wie nur je in einem James-Bond-Streifen, andererseits blutiger Ernst, der immer wieder Menschenopfer fordert.
Bitte nur leichte Bewaffnung
Die demilitarisierte Zone am 38. Breitengrad ist 238 Kilometer lang und vier Kilometer breit. Den Ausdruck „demilitarisiert” darf man nicht zu wörtlich verstehen: Die DMZ besteht vor allem aus Minenfeldern, aus Stacheldrahtverhau, aus zwei Millionen süd- und nordkoreanischen und weiteren 6000 US- Soldaten. Die Waffenstillstandsvereinbarungen von 1953 sehen für die DMZ „leichte Bewaffnung” vor.
Aber die DMZ ist nicht nur ein Minenfeld, sie ist auch eine Bühne für das große Polittheater. Deshalb kann man als Tourist die DMZ besuchen. Man wird dann, von Südkorea kommend, allerdings einigen Spielregeln Folge zu leisten haben. An erster Stelle die Kleiderordnung. Keine Jeans! Ganz wichtig. Obwohl eine Jeans vermutlich das mehrfache des Jahreseinkommens eines nordkoreanischen Reisbauern kosten dürfte, ist man in Südkorea überzeugt, dass der Nordkoreaner in seinem antiquierten Kleidercode Jeans als Klamotten für Arme verbucht. Und wo käme man da hin, wenn die nordkoreanischen Elitesoldaten den Eindruck gewinnen müssten, der Kapitalismus schaffe es nicht einmal, seine Bürger ordentlich einzukleiden.
Auch bei den T-Shirts ist der Soldat, der die kleine Reisegruppe vor Betreten der Zone einweist, überaus heikel. Die Logik dabei erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick. Wer ein T-Shirt mit Rundkragen trägt, muss einen bereitgestellten, etwas muffigen Pullover drüberziehen. T-Shirts mit V-Ausschnitt hingegen werden durchgewinkt. Verboten sind auch kurze Röcke und Sandalen, aber nicht etwa mit Blick auf die besonders hohe Testosteron-Dichte in der DMZ, sondern damit die Besucher im Falle eines nordkoreanischen Übergriffs schnell genug fliehen können . . .
Nur an einem Punkt, bei dem Dörfchen Panmunjon, ist die Demarkationslinie offen. Dort steht, exakt auf der Grenzlinie, jene Baracke, wo einst die Friedensverhandlungen stattfanden - mit einem Konferenztisch in der Mitte, dessen eine Hälfte auf nord-, dessen andere auf südkoreanischem Boden sich befindet. Die Baracke ist für beide Seiten zugänglich. Kommt eine vergnügungslustige Gruppe Touristen aus dem Süden, postieren sich südkoreanische Soldaten in der Baracke. Dunkle Ray-Ban-Sonnenbrillen im Gesicht und mit geballten Fäusten in Taekwondo-Stellung. Es sieht so furchterregend wie affig aus. Nun stehen sich die Gegner so nah gegenüber, dass sie sich buchstäblich ins Gesicht spucken könnten. Wer will, kann nun einmal um den Konferenztisch herumlaufen und zwei Meter weit in nordkoreanisches Gebiet vordringen. Sollte er allerdings versuchen, die Baracke durch die Tür an ihrer nördlichen Seite zu verlassen, würde man auf ihn als einen potenziellen Überläufer und Spion schießen. Ist übrigens schon vorgekommen.
Der südliche Teil der DMZ ist bewohnt. Zwischen Stacheldraht und Bodenminen bauen südkoreanische Bauern steuerfrei Reis an. Es ist nicht genau das, was man sich unter einem lebendigen Kiez vorstellt, aber es ist lukrativ. Der Staat will Präsenz zeigen. Der Schriftsteller Kim Young-ha ist in der DMZ aufgewachsen. Sein Vater war Berufssoldat. Zur Schule fuhr Kim Young-ha, der 1968 geboren wurde, durchs Minenfeld. Literarisch aber, sagt er, interessiert ihn das Thema nicht. Kim Young-ha ist ein bekennender Seouler. Er liebt die Stadt, neben der Manhattan wie ein idyllisches Seebad aussieht. Er liebt ihre achtspurigen Autobahnen, die mehrstöckig auf Trassen über den Fluss geführt werden, und auf denen 24 Stunden Stau herrscht. Er liebt den Asphalt. Er liebt die Dichte der 12-Millionen-Stadt. Ihre enge und himmelstürzende Bebauung. Vermutlich liebt er sogar ihren Smog. Die Teilung treibt ihn nicht um. Kim Young-ha steht für das moderne Südkorea. Er ist fasziniert von der radikalen Modernisierung, die sein Land erfahren hat. Jene Industrialisierung, für die Europa sich 200 Jahre Zeit genommen hat, hat Südkorea in drei Jahrzehnten runtergerissen.
„You are a funny Kafka”, haben Kritiker zu Kim Young-ha gesagt. Ihm gefällt das, weil es zeigt, wie sehr er auch literarisch im westlichen Kulturkosmos lebt. Seoul, sagt er, sei eine Patchwork-City, das mache sie so spannend. Die Leute kaufen sich einen hochtechnologisierten BMW, aber vor der ersten Fahrt veranstalten sie ein schamanistisches Ritual, um die bösen Geister abzuwehren. In Kim Young-has Wohnung mit Blick auf das große Fußballstadion steht eine Buddha-Statue, aber dominiert wird das Wohnzimmer von einem großformatigen Bild an der Wand, auf dem man einen künstlerisch gestalteten Barcode sieht. „Der”, winkt Kim lächelnd ab, „ist bald auch schon wieder Vergangenheit.”
„Wir werden erdrückt von Traditionen”, spitzt er seine Meinung zu. „Ich bin eine Gegenreaktion auf das ständige defensive Gerede von Werten und Traditionen, wie es die vorangegangene Generation betrieben hat.” Das sehen nicht alle seiner Kollegen so. Gerade in den Büchern der jüngeren Schriftsteller dominiert das Erschrecken über die Dynamik und den Veränderungsdruck der südkoreanischen Gesellschaft. Diese Power ist nicht für jeden etwas Mitreißendes, sie schafft auch einen Erwartungsdruck, dessen Kehrseite Versagensängste sind. Die junge Autorin Han Kang zum Beispiel, selber ein zartes Pflänzlein, beschreibt die Modernisierung vor allem als Entwurzelung des Menschen. Abgeschnitten von ihrer ,natürlichen‘ Existenzform bilden ihre Figuren pathologische Selbstdestruktionshaltungen aus. Hwang Chi-won, ein sehr angesehener Lyriker und Generaldirektor für den Buchmessenauftritt Koreas in Frankfurt, sagt rundheraus: „Ich hasse die große Stadt Seoul, sie ist wie ein Monster”. Das sagen viele. Aber es hilft nichts. Sie müssen alle hier leben, denn hier und nirgends sonst spielt die Musik. Auch der ansonsten so vergnügte Nobelpreisanwärter Hwang Sok-yong erklärt alarmiert: „Wenn der Kapitalismus weiter so anhält, dann bedeutet er die Zerstörung unseres Lebens.”Aber was ist stärker? Die junge Ökonomie oder die alte Tradition? Ko Un, der große alte koreanische Lyriker, weist mit abschätziger Geste auf die Skyline der Stadt und erklärt: „Das alles wird nicht bleiben.” Und es ist, als würden unter seiner homerischen Armbewegung 30 Jahre ehrgeizige Zivilisation wie eine Bretterbude zusammenfallen.
Yi Munyol, der kontroverse Großschriftsteller, lebt auf dem Land, zwei Autostunden von Seoul entfernt. Er hat ein weitläufiges Grundstück mit mehreren Gebäuden und Gästehäusern für Freunde, Verwandte, aber auch für Schüler, mit denen er Seminare über das Schreibhandwerk abhält. Im großen Garten wachsen allerhand schöne Pflanzen und Blumen und knorrige Bäume, und es tut wohl, tief durchzuatmen, die Luft schmeckt so gut. Aber wenn man die Augen schließt und die Ohren spitzt, dann hört man den Verkehrslärm von der Autobahntrasse, die sich auf der anderen Seite des Tales hinstreckt.
Das exzessive Leben
Yi Munyol trägt ein schickes Givenchy-Hemd, das ihm leger über die Hose hängt, und wie er einen über das Grundstück führt, könnte man ihn fast für einen patriarchalischen Gutsherrn halten. Aber das täuscht. Yi Munyol, seine autobiografischen Romane machen keinen Hehl daraus, ist, was man eine gefährdete Person nennt, die sich Haltung und Sicherheit mühsam abringen muss und deren Stabilität immer wieder bedroht ist. Er schaut auf ein exzessives Boheme-Leben zurück - und das war mehr als nur eine Lifestylepose und ganz gewiss nichts, womit er kokettiert.
Hier auf dem Land kultiviert er seine Isolation - die eine des Kulturbetriebs ist, die Leser halten ihm in Scharen die Treue. Für einen Kalten Krieger hat man ihn gehalten, weil er die kommunistische Bedrohung nicht kleinreden wollte und keinen Hehl daraus machte, dass er eine starke amerikanische Militärpräsenz in Südkorea für überlebensnotwendig hält. Zu gleicher Zeit lebt er in größtem inneren Abstand zum kapitalistischen Wachstumsrausch, den sein westlich ausgerichteter Heimatstaat so eindruckvoll entfaltet hat. Yi Munyol mit seinem pessimistischen Menschenbild ist ein Verteidiger der Tradition. Mit Ignoranz gegen die Moderne, sagt er, habe das nichts zu tun. Zwei seiner Lieblingsdichter seien V.S. Naipaul und Mario Vargas Llosa. Ihm als Schriftsteller gehe es darum, die erzählerischen Errungenschaften der Moderne mit der koreanischen Tradition zu verbinden. Nur in einem solchen Anverwandlungsprozess lasse sich die Tradition so interpretieren, dass sie ihrerseits universell verstanden werden könne.
Wer steht für das wahre Korea? Das wird man nicht sagen können. Kim Young-ha, „the funny Kafka”, cool, urban und hochgescheit, hat in seinem zehnten Lebensjahr durch einen Unfall sein Gedächtnis komplett verloren. Keinerlei Kindheitserinnerungen. Er musste von vorne anfangen. „So bin ich”, sagt er pfiffig, „den ganzen Freudschen Urszenen entkommen, und führe heute ein Leben ohne Traumata. Ich bin ein fröhlicher Mensch.” Zu viel Vergangenheit und zu viel Tradition seien erdrückend und oft wenig mehr als Phrase. „Mein Leben”, fügt er hinzu, „fängt erst mit zehn Jahren an. Heute bin ich 37, aber ich sehe wie 27 aus. Ist doch nicht schlecht?” Da hat er Recht.
IJOMA MANGOLD
Für manche ist die Stadt nichts anderes als ein Monster, für andere das pulsierende Leben selbst: Südkoreas Hauptstadt Seoul
Foto: Ulrich Baumgarten/vario-press
Kalter Krieg hautnah: In Panmunjon in der demilitarisierten Zone können sich die verfeindeten Soldaten buchstäblich ins Gesicht spucken.
Foto: AP/Vincent Yu
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Dorothea Dieckmann erklärt, warum Hwang Sok-yongs Roman aus dem Jahr 1972 im Stile eines "fast dokumentarischen Realismus" verfasst ist: Weil in Korea das Drama des 20. Jahrhunderts, das mit der japanischen Kolonialherrschaft seinen Anfang nahm und sich nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte, als "Russen, Amerikaner und Chinesen (an Korea) zerrten wie an einem Beutetier", noch immer keinen Abschluss fand - weil die "Unbegreiflichkeit des Wirklichen", der man sich im ruhigen Europa schreibend annäherte, in Korea die Realität war. Der Realismus war ein Imperativ für die Schriftsteller, die sich dieser Realität annahmen, genau wie die tarnende Metaphorik, die dazu diente, der Zensur ein Schnippchen zu schlagen. Und was für eindringliche Metaphern finden sich in diesem Roman! Die Geschichte von Herrn Han, einem Arzt, der als Leichenwäscher arbeitet, der den Kommunisten im Norden entkam, um im Süden als nordkoreanischer Agent gefoltert zu werden, ist Dieckmann zufolge die Geschichte einer ganzen Generation.

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