Die Finkelstein-Debatte - Steinberger, Petra
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Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783492043281
  • ISBN-10: 3492043283
  • Artikelnr.: 09406598
Autorenporträt
Petra Steinberger, geboren 1965 in München, absolvierte die Deutsche Journalistenschule, studierte Politikwissenschaft in München und Near East Studies in London. Sie schreibt für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.
Rezensionen
Besprechung von 18.07.2001
In der Qualitätskontrolle
Die Diskussion über Norman Finkelsteins Thesen in zwei Sammelbänden

Petra Steinberger (Herausgeberin): Die Finkelstein-Debatte. Piper Verlag, München/Zürich 2001. 202 Seiten, 29,80 Mark.

Ernst Piper (Herausgeber): Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie? Zur Auseinandersetzung um Norman Finkelstein. Pendo Verlag, Zürich/München 2001. 211 Seiten, 24,90 Mark.

Petra Steinberger hat aus rund zwanzig Beiträgen von Historikern, Sozialwissenschaftlern und Publizisten im Schnellverfahren ein Buch zusammengestellt. Ihrer Einleitung ist anzumerken, daß Eilbedürftigkeit Vorrang hatte gegenüber sachlicher und sprachlicher Seriosität, die dem Thema angemessen wäre. Ihr Anliegen ist es, die Diskussion über Norman Finkelsteins Thesen zu dokumentieren und einer breiten Öffentlichkeit leicht zugänglich zu machen.

Unter der Fragestellung "Geschäft mit dem Leid?" faßt Finkelstein die Hauptthesen seines im Juli 2000 erschienenen Buches (F.A.Z. vom 18. August 2000) zusammen: Aus Macht- und Profitgründen würden "jüdische Eliten" und ihre Organisationen in den Vereinigten Staaten einvernehmlich mit der amerikanischen Regierung das entsetzliche Leiden der Millionen von Juden ausbeuten, die während des Zweiten Weltkriegs umgebracht wurden - ebenso wie das der wenigen Überlebenden des Holocaust. Die "Holocaust-Industrie" habe sich eines "doppelten Abkassierens" schuldig gemacht. Von europäischen Regierungen eigne sie sich ebenso widerrechtlich Geld an wie von den Überlebenden der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Zahlungen der deutschen Regierungen für Holocaust-Opfer seien von der Jewish Claims Conference nicht bestimmungsgemäß verwandt worden. Die Holocaust-Profiteure müßten öffentlich bloßgestellt werden, um ein Wiederaufleben des Antisemitismus zu verhindern.

Der 1947 in Israel geborene und heute in Berlin lebende Publizist Rafael Seligman geht der Frage nach, ob der Holocaust tatsächlich vermarktet wird. Er kommt zu dem Schluß, daß Finkelstein ein Agent provocateur sei und ein Aufklärer zugleich. Seine Thesen seien zwar verletzend, aber es wäre falsch, sie als destruktive Polemik abzutun. Finkelsteins Kritik sei anregend und "notwendig wie ein Reinigungsmittel".

Vieles von dem, was Finkelstein schreibe, sei nicht neu, sondern schon von verschiedenen Autoren, unter anderen Raul Hilberg und Peter Novick, formuliert worden, betont Reinhard Rürup, Leiter der Stiftung "Topographie des Terrors" in Berlin. Neu sei dagegen die Radikalität, mit der Finkelstein die kritischen Ansätze bündele. Rürup vermißt Grautöne in Finkelsteins Buch und nicht zuletzt eine präzise Definition des polemischen Begriffs der "Holocaust-Industrie".

Auf die Frage, welche Bedeutung der Holocaust heute in den Vereinigten Staaten habe, erwiderte der (aus Österreich stammende) amerikanische Historiker Raul Hilberg, Autor des Standardwerks "Die Vernichtung der europäischen Juden", daß es dort viele Intellektuelle gebe, die den Holocaust nutzten, um Stellen in Universitäten oder Museen zu bekommen. "Und wenn diese Forscher einen Lehrauftrag erhalten oder ein Buch verkaufen wollen, dann geht das am besten, wenn es um den Holocaust geht." Hilberg bedauerte, daß an manchen Universitäten eine Qualitätskontrolle in der Holocaust-Debatte fehle. Zur Diskussion über Finkelsteins Thesen bemerkte Hilberg, daß es in Deutschland nach wie vor ein Tabu gebe: "Deutsche können Juden nicht attackieren. Dafür wird es groß aufgemacht, wenn ein Jude einen anderen angreift. Aber erst, wenn dieses Tabu gebrochen ist, ist Deutschland wirklich emanzipiert."

Wer mehr über die "Amerikanisierung des Holocaust", ihre Vorgeschichte und Bedingungsfaktoren erfahren möchte, dem sei der kenntnisreiche Beitrag von Detlef Junker zur Lektüre empfohlen. Junker, bis 1999 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington, analysiert darin ebenso kritisch wie erhellend die Neigung vieler Amerikaner, "das Böse zu externalisieren und die eigene Mission fortwährend zu erneuern". Die ständige Erinnerung an die Verbrechen eines fremden Volkes, der Deutschen, lasse andere Verbrechen, zum Beispiel gegenüber Indianern und Afroamerikanern, verblassen. Der Holocaust sei nicht nur sinnstiftendes Zentrum für die Identität amerikanischer Juden geworden, sondern auch wichtiger Bestandteil der "amerikanischen Zivilreligion". Im Angesicht des Holocaust überzeuge sich die amerikanische Nation jeden Tag aufs neue, die einzig unersetzliche Nation der Welt zu sein. Die "Externalisierung des Bösen" bestätige zugleich die "eigene, heroisch-patriotische Geschichtsbetrachtung", der nicht wenige Amerikaner huldigten.

"Viel Lärm um nichts" lautet das Fazit des an der Universität der Bundeswehr in München lehrenden Historikers Michael Wolffsohn in seinem Beitrag "Die jüdische Tragödie als Schurkenstück?" Finkelstein beschreibe nichts Neues. Von "Antisemitismus" könne keine Rede sein, denn Kritik von Juden an Juden sei "traditionell jüdische Selbstverständlichkeit".

Manche Juden ließen sich ebenso wie Nichtjuden den Holocaust "versilbern". Das sei weder schön noch moralisch, aber nicht neu. Längst bekannt sei auch die Instrumentalisierung des Holocaust durch Juden - und Nichtjuden. Finkelstein benenne die Symptome der "jüdischen Krankheit", nicht ihre Ursachen, und er beziehe sie allein auf die amerikanischen Juden. Was er für "typisch US-jüdisch" halte, sei das tragische Dilemma der meisten Diasporajuden: Sie wollten Juden sein, könnten es aber nicht. Daraus resultiere die "Post-Holocaust-Tragödie" der Juden.

Peter Steinbach, Professor für historische Grundlagen der Politik in Berlin, bezeichnet Finkelstein als Verschwörungstheortiker, der tief geprägt sei durch das Leiden seiner Eltern und nur einen Blick habe für amerikanische Verhältnisse, nicht für die europäischen. Seine Thesen seien mißverständlich, verletzend und Wasser auf die Mühlen der deutschen Rechtsextremisten.

Vergleicht man die "Finkelstein-Debatte" mit dem von Ernst Piper herausgegebenen Buch "Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie?", fällt zunächst auf, daß die meisten Beiträge beider Sammelbände zuvor schon in überregionalen Zeitungen publiziert worden sind, teilweise auch von denselben Autoren stammen. Pipers Vorwort überzeugt durch sachliche Kompetenz und sprachliche Prägnanz. Für den historisch interessierten Leser ist sein Sammelband schließlich von größerem Erkenntnisgewinn, weil diverse Beiträge mit Quellen- und Literaturnachweisen angereichert sind.

HANS-JÜRGEN DÖSCHER

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

In einer Mehrfachbesprechung setzt sich Heribert Seifert mit drei Bänden auseinander, die sich mit der Debatte um Norman Finkelsteins Buch "Die Holocaust-Industrie" und seiner Behauptung, der Holocaust werde von jüdischen Organisationen politisch instrumentalisiert, beschäftigen.
1.) Rolf Surmann (Hrsg.): "Das Finkelstein-Alibi" (PapyRossa Verlag)
Haupttenor in diesem Band ist nach Seifert die These, Finkelsteins Polemik habe dazu geführt, dass die Berliner Republik nun eine Position einnehme, "die bisher der radikalen Rechten vorbehalten" war. Dies ist nach Seifert eine schwerwiegende Behauptung, und seiner Ansicht nach bemühen sich die Autoren hier "denn auch redlich, diese starke These zu beweisen". Doch insgesamt scheint dies nicht zu seiner Zufriedenheit gelungen zu sein. Einige Aufsätze leiden seiner Diagnose nach zu sehr unter der "apologetischen Rhetorik", die darauf hinausläuft, jegliche Kritik an jüdischen Organisationen "gleich mit der Antisemitismus-Keule niedermachen" zu wollen. Seifert kritisiert dabei, dass die Autoren sich mit Finkelstein nur unzureichend auseinandersetzen. Vielmehr wird er den Eindruck nicht los, dass Finkelsteins Buch lediglich als "Vehikel für den Frontalangriff auf die 'ideologisch-politische Verfasstheit in diesem Land'" dient. Die Argumentationen in diesem Buch findet er größtenteils viel zu undifferenziert.
2.) Ernst Piper (Hrsg.): "Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie?" (Pendo Verlag)
Auch bei diesem Band registriert Seifert "starke Gesten" und den weit gehenden Verzicht auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Finkelsteins Buch. Doch immerhin kommen nicht nur Finkelsteins Gegner hier zu Wort, so der Rezensent, sondern auch er selbst und einige seiner Verteidiger. Insgesamt findet Seifert jedoch auch diesen Band zu undifferenziert und stört sich an dem überstrapazierten und "dürftigen Argument vom 'Beifall von der falschen Seite'". Seiner Ansicht nach entsteht hier geradezu der Eindruck, als ob Finkelsteins Buch allein deshalb schon indiskutabel sei, weil es auch auf Internetseiten Rechtsradikaler angeboten wird. Kritik übt Seifert darüber hinaus am Vorwort des Bandes, in dem der Eindruck erweckt werde, der Piper-Verlag habe das Erscheinen des Buchs behindern wollen, indem er Autoren seines Buchs zum selben Thema nicht erlaubt habe, ihre Beiträge auch für diesen Sammelband zur Verfügung zu stellen. Ein Blick in beide Bücher zeige jedoch, dass davon keine Rede sein könne: Es gibt mehrere Überschneidungen, so Seifert.
3) .Petra Steinberger (Hrsg.): "Die Finkelstein-Debatte" (Piper Verlag)
Dass es auch differenzierter geht, beweist nach Seifert dieser Band, der versucht, den Streit um das Finkelstein-Buch wiederzugeben. Zwar gefallen dem Rezensenten auch hier nicht alle der Beiträge (so findet er Leon de Winters Text "unangenehm psychologisierend" und Jakob Augsteins Beitrag erscheint ihm wie ein "peinliches Betroffenheitsstück"). Doch insgesamt wird seiner Ansicht nach deutlich, worum es bei Finkelsteins Provokation in Wirklichkeit gehen könnte: nämlich weniger um die Frage von möglicherweise zu Unrecht verschafften Geldern der JCC, sondern um die Art und Weise, in der "künftig der Mord an den europäischen Juden erinnert werden soll". Seifert begrüßt es sehr, dass durch Bücher wie dieses destruktive "Denk- und Publikationsblockaden" sowie die "Rhetorik des Verdachts" nicht fortgeführt werden, da diese - wie er findet - im Allgemeinen keine Lösungswege eröffnen.

© Perlentaucher Medien GmbH
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