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Eine Erinnerungsreise in fünfzig Filmen: Zwischen zwei Flugstrecken forscht der Erdbebenexperte Beltrán Soler seiner verlorenen Kindheit nach. In Kalifornien und Chile, zwischen Hollywood und Pinochet, entfaltet sich die ungewöhnliche Geschichte einer zerrissenen Familie.

Produktbeschreibung
Eine Erinnerungsreise in fünfzig Filmen: Zwischen zwei Flugstrecken forscht der Erdbebenexperte Beltrán Soler seiner verlorenen Kindheit nach.
In Kalifornien und Chile, zwischen Hollywood und Pinochet, entfaltet sich die ungewöhnliche Geschichte einer zerrissenen Familie.
Autorenporträt
Alberto Fuguet ist ein erfolgreicher Vertreter einer neuen Generation lateinamerikanischer Schriftsteller. Geboren 1964 in Santiago de Chile, aufgewachsen in Encino/Kalifornien, 1975 wieder zurück nach Chile. Er war Filmkritiker, Journalist und Drehbuchautor und hat vier Romane sowie einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Anfang 2005 beendete er die Dreharbeiten zu seinem ersten Spielfilm.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.12.2005

Wo nicht allein die Erde bebt
Magie und Realismus in kinoreifer Romanverbindung: Alberto Fuguet läßt "Die Filme meines Lebens" Revue passieren

Wenn man auf Seite 189 nicht schon längst wüßte, daß dies ein sympathisches Buch ist, dann wäre es spätestens nach dem Satz klar, in dem der Held gesteht: "Ich fand den Film schlecht, und trotzdem hat er mich begeistert." Das ist es, was das Kino von anderen Künsten unterscheidet: Daß sein Lockruf auch dort funktioniert, wo der gute Geschmack nicht hinreicht. Denn natürlich besteht sein Reiz darin, daß man auch in schlechten Filmen meistens etwas findet, was einen begeistert. Davon erzählt der Roman des Chilenen Alberto Fuguet überzeugender als manches Filmbuch.

"Die Filme meines Lebens" handelt zwar mehr vom Leben als von den Filmen, aber im Idealfall eben auch von den Momenten, wo beides zusammentrifft. Und nicht immer sind die Wechselwirkungen so eindeutig wie am Abend, nachdem der Held Beltrán "Die Tiefe" gesehen hat und sich beim Gedanken an Jacqueline Bissets Brüste unterm nassen T-Shirt seinen ersten Orgasmus verschafft. Fünfzig Filme werden insgesamt aufgelistet, von John Frankenheimers "Grand Prix" im Jahr 1966 bis zu Paul Mazurskys "Eine entheiratete Frau" 1980, als Beltrán sechzehn ist. Jeder Film bildet ein eigenes Kapitel, und weil dazu immer der Ort verzeichnet ist, wo Beltrán ihn gesehen hat, wird klar, daß das Kino als Erinnerungsmaschine funktioniert, bei der bestimmte Empfindungen in Ort und Zeit verankert werden, weil sie sich vor der Folie der Filme genauer abzeichnen. Vor einer Filmographie, die natürlich von den Altersfreigaben für Jugendliche geprägt ist, spannt Fuguet eine wechselhafte Biographie auf, die von Chile nach Kalifornien und wieder zurück nach Südamerika führt, ehe sie in einer sparsamen Rahmenhandlung hinaus in die Welt weist.

Der Rahmen ist nicht einmal sonderlich zwingend, sondern sorgt nur für eine gewisse Weltläufigkeit, welche die Abenteuer aus Kinderland in eine schmerzliche Ferne rückt. Da sitzt der Seismologe Beltrán Soler im Flugzeug von Santiago nach L. A. neben einer amerikanischen Anwältin, mit der er sich über Filme unterhält, und beschließt nach der Landung vor seinem Weiterflug nach Tokio, am Laptop seinen Erinnerungen freien Lauf zu lassen. Zwei E-Mails schreibt er der Anwältin über Leben und Filme, und zwar in einer Länge, die in keinem rechten Verhältnis zum Wesen der Begegnung steht.

Die Fragwürdigkeit dieser Konstruktion ist eine Schwäche des Romans, um die man sich allerdings nicht weiter zu scheren braucht, weil die Filme als Klammer gut genug funktionieren. Kurioserweise gehört Fuguet zwar zu einer neuen Generation lateinamerikanischer Autoren, die sich vom magischen Realismus absetzen wollen, doch dann erinnert die Art, wie er sein Personal ausbreitet und den Familienstammbaum ausschmückt, genau an diesen fabulierfreudigen Stil. Andererseits hatten auch schon Leute wie Manuel Puig begriffen, daß Magie und Realismus nirgends eine so selbstverständliche Verbindung eingehen wie im Kino.

Die Seismologie ist ein Motiv, das von Fuguet geschickt variiert wird, denn die Beschäftigung mit Erdbeben liegt bei den Solers nicht nur in der Familie, sondern die Sehnsucht nach und die Furcht vor Erschütterungen taugen durchaus als Sinnbild für die verschiedenen Lebensläufe der Clanmitglieder. Auf kinematographischer Ebene findet das seine Entsprechung in der Begeisterung für die in den siebziger Jahren so populären Katastrophenfilme, vom naheliegenden "Erdbeben" über "Flammendes Inferno" bis zur "Höllenfahrt der Poseidon".

Vor diesen Schreckenspanoramen spielen sich die privaten Katastrophen der Familie Soler ab. Beltráns behütete Kindheit in Kalifornien findet ein jähes Ende, als die Familie nach dem Putsch Pinochets nach Chile zurückkehrt, ein Land, mit dem den Jungen wenig verbindet. Vor allem sein Vater, dessen Rollenverständnis eher von Typen wie Steve McQueen geprägt ist, hadert mit der Entscheidung und entfremdet sich immer mehr von seiner Familie, ehe er zurück nach Amerika und damit ganz aus deren Leben verschwindet. Im Ausloten jener Sehnsuchtsdistanz zum Vater ist der Roman am stärksten, weil er den Mann als jemanden zeigt, der an seinen Kinoträumen scheitert, aber für den Sohn immer damit verbunden bleibt.

Zweimal webt Fuguet sogar reale Filmgestalten in seinen Roman ein, zum einen den wunderbaren Nebendarsteller Edward Everrett Horton, an dessen Tür in Encino die Kinder an Halloween klingeln, sowie Yul Brynner, der mit einer von Beltráns Tanten verheiratet gewesen sein soll. Aber letztlich geht es im Kino nicht darum, mit der Realität, sondern mit den eigenen Träumen konfrontiert zu werden: "Manchmal fühlt man sich von einem Film angesprochen, noch bevor man ihn gesehen hat. Vielleicht, weil einem jemand davon erzählt hat, weil alle Welt von ihm spricht, oder weil man begreift, daß dieser Film aus irgendwelchen Gründen, die man selbst nicht ganz versteht, mit einem zu tun hat." Und dann gibt es noch jenen zweitwichtigsten und -richtigsten Satz, der alle Nostalgie in ihre Schranken weist: "Früher waren die Filme nicht besser, sie waren wichtiger."

Alberto Fuguet: "Die Filme meines Lebens". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Silke Kleemann. Zebu Verlag, Frankfurt 2005. 335 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Für Rezensent Michael Althen ist dies nicht nur ein sympathisches Buch. Dieser "fabulierfreudige"Roman erzählt aus seiner Sicht außerdem überzeugender vom Lockruf des Kinos und seiner Funktion als "Erinnerungsmaschine" als manches Filmbuch. Und dass, obwohl Autor Alberto Fuguet eigentlich mehr vom Leben als vom Kino erzählt. Doch hat der Roman für Althen immer wieder jene magischen Momente, wie sie eigentlich nur im Kino möglich sind. Erzählt wird die Biografie eines Mannes, und zwar anhand der Filme, die er sah, erfahren wir. Zu diesem Zweck würden insgesamt fünfzig Filme aufgelistet. Jeder Film ein Lebenskapitel, anfangs noch von Altersfreigaben für Jugendliche geprägt. Zweimal webe Fuguet sogar reale Filmfiguren ein. Die Rahmenhandlung findet Althen zwar nicht besonders zwingend. Als Schwäche des Romans empfindet er auch dessen Konstruktion. Dennoch ergreift ihn die Lebensgeschichte des Helden, findet er besonders die Schilderung der Beziehung dieses Mannes zu seinem Vater sehr intensiv, weil er hier eine Figur beschrieben findet, die an ihren Kinoträumen gescheitert ist.

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"Ein Roman voller Abenteuer, Überraschungen und Filme. Er spannt sich wie eine Brücke zwischen den Vereinigten Staaten und Lateinamerika. ... Ein ungeheures Lesevergnügen." (Mario Vargas Llosa)