Die falsche Verheissung. Der globale Kapitalismus und seine Folgen - Gray, John
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Besprechung von 21.02.2000
Demokratie contra freier Markt
John Gray, Exberater von Maggie Thatcher, will der globalen Wirtschaft die Zügel anlegen
JOHN GRAY: Die falsche Verheißung. Der globale Kapitalismus und seine Folgen. Alexander Fest Verlag, Berlin 1999. 336 Seiten, 39,80 Mark.
Warum eigentlich wird die Globalisierung in Grossbritannien ebenso sehr als Chance wie als Bedrohung wahrgenommen? Vielleicht hängt damit zusammen, dass die Insel schon in den achtziger Jahren viele Reformen durchlitten hat, die deutsche Politiker gern aufschieben: den Umbau des Sozialstaates, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.
Freilich gibt es auch in England harsche Kritiker des „globalen Kapitalismus und seiner Folgen” – so der Untertitel der brillanten Streitschrift „Die falsche Verheißung” von John Gray, die im vergangenen Herbst auch auf Deutsch erschienen ist. Verheissen worden, so argumentiert der Politik-Professor an der London School of Economics (LSE), sei der Welt nach dem Fall der Mauer 1989 das „Ende der Geschichte” (Francis Fukuyama) und in Folge der freien Weltmärkte auch die freie Weltgesellschaft à la USA. Stattdessen haben wir es laut Gray mit einer höchst instabilen ökonomischen Lage zu tun. Der Londoner Politökonom zählt auf: den spekulativ genährten Wirtschaftsboom in Amerika, Deflation in Japan sowie ansatzweise in China, wirtschaftliche, soziale und politische Unsicherheit in Russland – kurz: es gibt „Grund, pessimistisch zu sein. ”
Falsche Rezepte
Grays Polemik ist ein leidenschaftliches und faktenreich untermauertes Buch. Anders als so manches Globalisierungs-Pamphlet liest es sich auch knapp zwei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung frisch. Das dürfte damit zu tun haben, dass Gray mit vielen seiner Einschätzungen Recht behalten hat. So prognostizierte er die schwere Krise, mit der Russland im August 1998 die Weltwirtschaft an den Abgrund führte. Die Russen, glaubt Gray, hätten einen Fehler begangen, als sie die Rezepte marktgläubiger Berater aus dem Westen befolgten. Deren Vorschläge stellten die spezifische Situation des Landes nicht genug in Rechnung – wie überhaupt nach Gray die angelsächsische Spielart des Kapitalismus eben nicht Allheilmittel sein könne. Russlands Wirtschaft heute erinnert den Politologen an den Mischkapitalismus der letzten Jahrzehnte der Zarenherrschaft. Das Land knüpft also an sehr eigene Traditionen an und entwickelt seinen eigenen Kapitalismus – ebenso wie China, das zu Grays großer Genugtuung alle Ratschläge aus dem Westen missachtet hat.
Fast könnte man den Politökonomen nach Lektüre seines Buches für einen Anti-Amerikaner halten. Als solcher aber will Gray nicht gelten. Immerhin hat er viel Zeit in den USA verbracht – und sich immer wieder gewundert über den unbekümmerten Glauben der Amerikaner an ihre universale Vorbildfunktion. Als Teil dieses Glaubens betrachtet Gray die Doktrin vom freien Weltmarkt als Fortschreibung der Moderne. In Wahrheit aber werde der globale Kapitalismus keineswegs die globale Demokratie bewirken, sondern führe zu „unumkehrbarem Pluralismus”, darunter auch neuen Nationalismen und Fundamentalismen.
Auf fulminante Weise rechnet das Buch mit den Theorien der Neuen Rechten ab – und ist damit auch eine Art Vergangenheitsbewältigung des Autors. Denn Gray galt noch zu Beginn der achtziger Jahre als einer der wichtigsten Berater Maggie Thatchers. Von der Regierungsrealität der eisernen Lady enttäuscht, wandelte sich Gray zu einem eloquenten Kritiker des Neoliberalismus.
Dessen Beharren auf unregulierten Märkten bei gleichzeitig schwachem Staat stellt, so weist Gray nach, eine Paradoxie dar: Sowohl im viktorianischen England Mitte des 19.  Jahrhunderts wie zur Regierungszeit Thatchers bedurfte es eines klaren politischen Willens und staatlicher Eingriffe, um den freien Markt erst zu schaffen. Die historische Norm hingegen bilden gezügelte Märkte: „Demokratie und freier Markt sind keine Partner, sondern Konkurrenten. ”
Dementsprechend traut Gray auch nur wenigen Staaten den „Spagat zwischen sozialer Verantwortung und globalem Wettbewerb” zu: Die EU-Mitglieder Holland, Grossbritannien und Schweden gehören ebenso dazu wie Japan und Norwegen, kurioserweise auch autoritäre Pseudo-Demokratien wie Malaysia und Singapur. Deutschland aber kommt in dieser Aufzählung nicht vor. Ist für den Kapitalismus rheinischer Prägung die Globalisierung doch mehr Bedrohung als Chance? John Gray scheint es zu glauben.
SEBASTIAN BORGER
Der Rezensent ist Journalist in London.
Autoritärer Staat – guter Staat?
John Gray preist Pseudo-Demokratien wie Malysia und Singapur als Modelle für die Zukunft. Denn nur ein Staat, der seine Wirtschaft kontrolliert, kann ein sozialer Staat sein, so Gray. Einst war er ein Neoliberaler. Was ist er heute?
Foto: SZ-Archiv
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Besprechung von 25.10.1999
Ein Zerrbild des globalen Kapitalismus
Die merkwürdige Wende des John Gray

John Gray: Die falsche Verheißung. Der globale Kapitalismus und seine Folgen. Alexander Fest Verlag, Berlin 1999, 334 Seiten, 39,80 DM.

Pessimisten geben den Ton an, wenigstens literarisch. Der Erfolg des globalen Kapitalismus am Ende des Jahrhunderts steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu den Prognosen seiner Schädlichkeit. Steigende Aktienkurse sind Zeichen wachsenden Vertrauens der Anleger in die künftige Ertragskraft der Unternehmen. Die Konjunktur der vor platzenden Seifenblasen warnenden Literatur ist die Kehrseite: Misstrauen angesichts der damit verbundenen erhöhten Risiken. John Grays Buch über die falsche Verheißung des Kapitalismus liest man besser als Symptom dieser Ambivalenz denn als Diagnose der wirklichen Verhältnisse globaler Märkte.

Grays zentrale These lautet: Der globale Kapitalismus zeichnet sich durch eine fundamentale Instabilität aus. Wenn das stimmen sollte, müsste demnächst mit großen Erschütterungen des internationalen Wirtschaftssystems gerechnet werden. Schuld daran trage eine übersteigerte Verehrung der freien Märkte, die in Wirklichkeit nur eine kurzlebige Abweichung vom normalen Lauf der Dinge sei. Falsch sei vor allem das prometheische Verhältnis des ökonomischen Rationalismus gegenüber der Natur, das dieser mit dem Marxismus-Leninismus gemein habe. Das verleitet Gray zu einer besonders merkwürdigen These: Die Marktwirtschaft habe nach 1989 in Russland mindestens ebenso schädliche Wirkung verursacht wie zuvor siebzig Jahre lang das Sowjetsystem. Beherrscht werde die Ideologie der freien Märkte allenthalben von den Interessen der Vereinigten Staaten, die dadurch ihre Sonderstellung durchsetzen könnten. Die psychischen Folgen für die Menschen seien verheerend: Mittelschichten würden entwurzelt, ein neues Proletariat entstehe. Das verändere auch die Gesellschaft, meint Gray: Ehen würden geschieden, das Leben gerate aus den Fugen - Destabilisierung allenthalben.

Gray ist ein konservativer Antikapitalist. Und er ist ein Konvertit. Das erklärt einiges von der apodiktischen Wucht seiner These. Der Professor für "Europäisches Denken" an der London School of Economics hat in den achtziger Jahren, als er noch in Oxford gelehrt hat, als einer der maßgeblichen Theoretiker von Margaret Thatcher gegolten. Er hat Bücher über Friedrich A. Hayek und Isaiah Berlin geschrieben. Damals ist er ein Liberaler gewesen und kein Konservativer. Jetzt warnt er vor den Gefahren des Liberalismus. Welche theoretische, historische oder biographische Erfahrung ihn zur Konversion gebracht hat, verrrät Gray nicht. Das ist schade.

Grays Zerrbild des globalen Kapitalismus kennt auch einen positiven Gegenentwurf: das kontinentaleuropäische Modell eines breit ausgebauten Wohlfahrtsstaates mit aktiver staatlicher Intervention und einer Unternehmensstruktur, die garantiert, dass die Interessen aller Anspruchsgruppen eines Betriebs vertreten werden. Hier kenne man weder hire und fire noch eine einseitige Verehrung des Kurses der Aktie. Märkte sollten nicht nur ökonomisch effizient sein, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, meint Gray. Sosehr der Autor diese europäische Alternative zum freien Markt auch bewundert - allzu viel Zukunftshoffnung gibt er dem Modell freilich nicht. Grund dafür ist indessen nicht die Strukturkrise eines in die Jahre gekommenen Wohlfahrtsstaates, der für seine Finanzierung nicht mehr einstehen kann, sondern ein neues Gresham'sches Gesetz, dem zufolge der schlechte Kapitalismus dem guten Kapitalismus überlegen sei: Die Harmonisierung der Marktwirtschaften nach unten schreite voran.

Somit kennzeichnet der Autor ein doppeltes geschichtsphilosophisches Untergangsszenario: Der ungestüme Wettbewerb besiege in einer beschleunigten Abwärtsspirale die soziale Marktwirtschaft, womit er sich nur selbst die Apokalypse bereite. Nur eine grundlegende Reform des Weltwirtschaftssystems werde uns vor dem Untergang bewahren, predigt Gray. Die Vorschläge, die er dafür unterbreitet, liegen auf der Linie der Ideen von George Soros oder Paul Krugman: Die Politik müsse wieder die Steuerungshoheit über die Ökonomie zurückgewinnen und der Liberalisierung soll eine neue Regulierung der Kapitalmärkte entgegengesetzt werden. Am originellsten ist die Renaissance, die der ungarische Ökonom Karl Polanyi derzeit erlebt - nicht nur bei Gray, sondern auch bei vielen anderen antikapitalistischen Skeptikern - ob sie George Soros oder Joschka Fischer heißen. Polanyi hat den Prozess einer Autonomwerdung der Ökonomie als "Große Transformation" beschrieben: Dabei habe man übersehen, dass Geld, Arbeit und Boden nicht wie Waren und Dienstleistungen dem freien Spiel des Marktes unterworfen werden dürften. Das wollen die heutigen Kapitalismus-Kritiker wieder rückgängig machen. Während sie sich für den Boden nicht mehr allzu sehr interessieren, plädieren sie um so nachhaltiger dafür, die Arbeits- und Finanzmärkte zu regulieren.

Aber hat das Beschäftigungsproblem Kontinentaleuropas nicht gerade mit seinen regulierten rigiden Arbeitsmärkten zu tun? Und ist für die Schwierigkeiten in Japan nicht das kranke Bankensystem verantwortlich? Dass freie Märkte effektiver arbeiten als geschlossene, dass sie den Völkern erst die Möglichkeit geben, ihren komparativen Vorteil in der globalen Wirtschaft auszuspielen und wachsender Wohlstand den Menschen ermöglicht, entsprechend ihren Präferenzen zu leben, das kann einem alten Hayek-Deuter wie Gray nicht verborgen geblieben sein. Aber er spricht nicht davon. Dass Asien durch eine liberale Öffnung seiner Grenzen und einen Abbau vieler Handelshemmnisse, nicht aber durch wohlfahrtsstaatlichen Interventionismus vorangekommen ist, weiß Gray ebenfalls. Dass das anmaßende Wissen der Politik allemal dem experimentierenden Entdeckungsverfahren der Märkte unterlegen ist, davon muss Gray ebenfalls gehört haben. In seinem Buch hat solche Lektüre keine Spuren hinterlassen. Es wird gleichwohl seine Leser finden, denen die Pflege des Ressentiments wichtiger ist als die deutende Theorie.

RAINER HANK

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Nur Spott hat Gerd Habermann für dieses Buch. Gray war einst Berater bei Margaret Thatcher, und nun entpuppt er sich als Sozialdemokrat. Grays Kritik am "Kasinokapitalismus" findet Habermann antiamerikanisch und seine als "dritter Weg" skizzierte Alternative "ziemlich nebulös". In Grays Kritik an der Globalisierung erblickt Habermann nur die üblichen Argumente - vor allem die Klage darüber, dass sie den "Primat nationaler Politik" untergrabe. Eine "schwache intellektuelle Leistung" sei dieses Buch, resümiert Habermann und unterstellt dem Autor, mit diesem Pamphlet "weiter geistig in Mode" bleiben zu wollen.

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