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Ein Jahrhundert vor unserem literarischen Auge. Das epochale Werk des Meisters der Erzählung Südosteuropas liegt nun endlich in einer mustergültigen, gewissenhaften Übersetzung von Gero Fischer und Silvija Hinzmann vor. Die Fahnen zeigen ein Kaleidoskop der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte, das Krleza zu einem großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts macht.
Ina Jun-Broda rief mich 1978 zu sich. Sie redete auf mich ein: "Die Fahnen, die müssen Sie verlegen." Ich, jung, unerfahren, wurde von der Dicke des Romans fast erschlagen. Fünf Bände, 3000 Seiten. Mein
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Produktbeschreibung
Ein Jahrhundert vor unserem literarischen Auge. Das epochale Werk des Meisters der Erzählung Südosteuropas liegt nun endlich in einer mustergültigen, gewissenhaften Übersetzung von Gero Fischer und Silvija Hinzmann vor. Die Fahnen zeigen ein Kaleidoskop der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte, das Krleza zu einem großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts macht.

Ina Jun-Broda rief mich 1978 zu sich. Sie redete auf mich ein: "Die Fahnen, die müssen Sie verlegen." Ich, jung, unerfahren, wurde von der Dicke des Romans fast erschlagen. Fünf Bände, 3000 Seiten. Mein verlegerisches Leben hatte erst begonnen.

1979 erzählte mir Ina Jun-Broda, die legendäre Übersetzerin aus den jugoslawischen Sprachen, von ihrem Gespräch mit Miroslav Krleza: "Für eine deutschsprachige Übersetzung kürze ich Ihnen Die Fahnen ein. Auf 800 Seiten. Weniger geht nicht. Und Sie übersetzen das!"

Krleza stirbt Ende 1981, Ina folgt bald danach (August 1983).

Krieg und Frieden. Europa zerfällt. Zwischen Wien und Zagreb, Budapest und Belgrad - quer durch Musils Kakanien. Die letzten Tage der Menschheit brechen an. Züge rasen hin und her. Politik, Wirtschaft, Regierungen, Beziehungen und Familien zerbrechen.

In seinem umfangreichsten Werk, dem ab 1962 veröffentlichten fünfbändigen Roman Die Fahnen (Zastave), der in den Jahren 1912 bis 1922 spielt und jetzt erstmals in einer deutschen Übersetzung vorliegt, zeichnet Krleza ein Panorama von der geistesgeschichtlichen und politischen Situation Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Schicksal von Bürgern, Aristokraten, Politikern, Ministern, Bürokraten, Generälen, Kriegsgewinnlern und Träumern, die ganze Galerie der ungarischen, kroatischen und serbischen Intelligenz - steht im Vordergrund dieser Chronik. Kriegsereignisse und Liebesbeziehungen werden miteinander verwoben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wieser
  • Seitenzahl: 2170
  • Erscheinungstermin: November 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 177mm x 139mm
  • Gewicht: 3230g
  • ISBN-13: 9783990292013
  • ISBN-10: 3990292013
  • Artikelnr.: 44994526
Autorenporträt
Silvija Hinzmann, geb. 1956 in Cakovec/Kroatien, kam als Kind nach Deutschland, als freie Übersetzerin und Dolmetscherin hat sie auch mit echten Kriminalfällen zu tun, Autorin zahlreicher Kurzkrimis, Mitautorin eines Kriminalromans sowie Herausgeberin von Anthologien.

Gero Fischer, geb. 1939 in Hagen, Besuch eines humanistischen Gymnasiums, Studium der Germanistik und Romanistik. 25 Jahre Forschung und Entwicklung bei einem industriellen Großunternehmen, automatische Lexikografie, Datenbanksysteme, künstliche Intelligenz. Studien- und Forschungsaufenthalt in den USA an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh und an einer Forschungseinrichtung in Princeton. Studium der Slawistik.
Rezensionen
Besprechung von 04.01.2017
Der Esel ist
helle und frech
„Die Fahnen“, das Meisterwerk des kroatischen
Jahrhundertautors Miroslav Krleža, galt
lange als unübersetzbar – nun ist diese monumentale
Vater-Sohn-Geschichte auf Deutsch erschienen
VON KARL-MARKUS GAUSS
Kenner und Verehrer des Werks von Miroslav Krleža haben häufig darüber gegrübelt, warum es nicht gelingen mag, diesem kroatischen Universalgelehrten und Jahrhundertautor die gebührende Wirkung in der europäischen Literatur zu sichern. Gewiss, in Frankreich wurde in den Sechzigerjahren die Übersetzung seines grandiosen Provinz- und Künstlerromans „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ zum großen Erfolg. Kein Geringerer als Jean Paul Sartre meinte damals, er hätte sich viele künstlerische und politische Umwege ersparen können, wenn er schon 1932 jenen düsteren Roman um einen zerrütteten, im Hass auf die Provinz zugrunde gehenden Künstler gelesen hätte. Selbst solches Lob von einer der großen Autoritäten ihrer Zeit hat aber nicht bewirkt, dass es in Frankreich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Denken und Schreiben von Krleža gekommen wäre.
Im deutschen Sprachraum wiederum, namentlich in Österreich, hat es nicht an Versuchen gemangelt, den rhetorisch brillanten Kritiker der Donaumonarchie bekannt zu machen, aber auf respektable Weise sind sie allesamt gescheitert. Schon seit den Fünfzigerjahren erschienen im staatsnahen Grazer Stiasny-Verlag, der dann ruhmlos in einer Korruptionsaffäre unterging, etliche Werke von Habsburgs schärfstem Gegner, etwa die erschütternden Erzählungen „Der kroatische Gott Mars“. Darin berichtet Krleža vom Sterben namenloser kroatischer Soldaten, die im Ersten Weltkrieg auf Schlachtfelder getrieben wurden, von denen sie nicht wussten, in welchem Land sie lagen, und die sich – der Autor schildert es in grauenerregenden Szenen – mit zerfetzen Bäuchen, ihr Blut in den Morast Galiziens oder Wolhyniens verströmend, für ein Reich opferten, das gar nicht das ihre war.
Krleža hatte in Österreich immer seine Anhänger, und er liebte es auch, Wien zu besuchen, wo seine enge Freundin aus Zagreber Jugendtagen, die Lyrikerin und geniale Übersetzerin Ina Jun-Broda, lebte. Angehörige der jüdischen Oberschicht Zagrebs, hat sie in den Dreißigerjahren einen berühmten Salon geführt, bis die faschistische Ustascha ihren Mann und ihren Sohn deportierte und in Jasenovac ermordete; sie selbst floh zu den Partisanen nach Dalmatien, wo sie als Sanitäterin arbeitete und auf Deutsch formstrenge Sonette über ihren Mann und ihren Sohn schrieb, die später in Österreich in Buchform erschienen. Nach dem Krieg übersiedelte sie nach Wien, zu ihrem dritten Mann, dem bedeutenden Chemiker Engelbert Broda, der eine Schlüsselrolle in jenem Spionagering spielte, der den Sowjets die Geheimnisse der britischen und US-amerikanischen Atomforschung verriet.
Zu den österreichischen Bewunderern Krležas, der nach 1945 zur gar nicht grauen Eminenz der jugoslawischen Literatur aufstieg und seine Freundschaft zu Tito dafür verwendete, Autoren zu helfen, die in Ungnade gefallen waren, gehörten in Wien bemerkenswerterweise nicht die Kommunisten, die sich auf den ideologischen Pfaden Moskaus befanden und Tito für einen Abtrünnigen hielten. Hingegen hat selbst ein Kalter Krieger wie Friedrich Torberg an dem „Titoisten“ Krleža gerühmt, er verstehe als einstiger k. u. k. Kadett aus Kroatien mehr vom alten Österreich als die monarchistischen Nostalgiker der Kaiserstadt. Aber auch der Versuch, Krleža als habsburgisch-mitteleuropäischen Autor wie Italo Svevo, Karel Čapek, Dezsö Kosztolányi, Andrzej Kuśniewicz im deutschen Sprachraum durchzusetzen, ist gescheitert. In den Achtzigerjahren versuchte es der deutsche Athenäum-Verlag mit einer vorzüglich edierten kleinen Werkausgabe, aber auch sie erreichte, da sie ein paar Jahre vor dem jugoslawischen Zerfallskrieg erschien, gewissermaßen friedensbedingt nur wenig Resonanz.
Ein Buchhändler hat mir die Abwesenheit Krležas einmal damit erklärt, dass die Leute in den Buchhandlungen nicht gerne nach einem Autor fragen, dessen Namen sie nicht aussprechen können. Gut, Krleža gibt einige Schwierigkeiten auf, aber wenn man übt, bekommt man das zutreffende „Krrrlescha“ schon irgendwie hin. Ich fürchte, es wird eher mit dem realen Ungleichgewicht Europas zu tun haben. In einem Essay hat Krleža einmal geschrieben: „Das imposante Gebäude der europäischen Zivilisation ist aufgebaut auf den Knochen zahlloser besiegter europäischer Völker. Wenn wir heute von Europa sprechen und zu ergründen versuchen, worin die Sendung dieses ruhmreichen, großen und uns so teuren Kontinents besteht, dürfen wir nicht vergessen, dass es zwei Europas gibt. Neben dem klassischen westeuropäischen, museal-grandiosen, historisch-pathetischen Europa lebt noch ein zweites, das bescheidene, in die Ecke gedrängte, seit Jahrhunderten immer wieder unterworfene periphere Europa der östlichen und südöstlichen europäischen Völker.“ Das eine Europa liegt im Westen, wähnt sich im unangefochtenen Besitz von Aufklärung, Fortschritt, Wohlstand und verfügt, was europäische Kultur bedeutet und ausmacht. Jenseits des unsichtbaren Limes leben Krleža zufolge jene Völker, die mächtigeren Staaten stets als Spielball dienten und für Rückstand, Korruption, Brudermord und eine im besten Falle plagiierende Kunst zweiter Güte stehen.
Miroslav Krleža kam 1893 in Zagreb als Sohn eines Polizisten zur Welt. Im Ersten Weltkrieg wuchs in ihm die Erkenntnis, dass die Völker des Balkans als Kanonenfutter für einen Krieg verwendet wurden, der an ihrer Lage nichts bessern würde, selbst wenn ihn die habsburgischen Truppen gewinnen sollten. Man muss sich die besondere Situation Kroatiens in jener Zeit vergegenwärtigen. 1867 wurde der sogenannte „Ausgleich“ zwischen Österreich und Ungarn geschlossen, was den Zerfall der Monarchie aufhalten sollte, in Wahrheit aber ihren Untergang beschleunigte. Mit dem „Ausgleich“ wurden die Österreicher im einen, die Ungarn im anderen Teil des riesigen Reiches zur Vormacht privilegiert, und die ungarischen Magnaten betrieben überall, wo sie künftig das Sagen hatten, ob in Kroatien, Siebenbürgen oder der heutigen Slowakei, eine ebenso rigorose wie stupide Magyarisierung. Wenn überhaupt, hätte Österreich nur durch eine konsequente Föderalisierung gerettet werden können, die auch den Südslawen des Balkans und den Westslawen wie den Tschechen, Polen, Slowaken die Gleichberechtigung hätte gewähren müssen.
Die agonale Phase der Donaumonarchie bildet den einen Hintergrund von Krležas Denken und Schreiben. Er geißelt die feudale und großbürgerliche Arroganz der ungarischen Regierung, die auch über Kroatien herrscht, aber mehr noch die Geduld, Leidensbereitschaft, den Untertanengeist seiner Kroaten. Seine Sympathie gilt den um Bildung und materielles Auskommen betrogenen Plebejern, seine bevorzugte Aversion den Repräsentanten der Macht, den affektierten Aristokraten, verknöcherten Beamten, ruhmseligen Offizieren.
Den anderen Hintergrund von Krležas Literatur bildet seine skeptische Zuneigung zu dem gemeinsamen Staat der Serben, Kroaten, Slowenen, Mazedonier, Bosnier und Montenegriner, den er sich freilich nicht auf die etwas operettenhafte Weise eines korrupten Königreiches vorstellte, wie es in der Zwischenkriegszeit existierte; seine Sympathie galt vielmehr dem sozialistischen Jugoslawien, wie es sich 1944 im antifaschistischen Kampf etablierte, einem Staat, dem er verbunden blieb und für dessen kulturpolitische Liberalität er immer wieder seinen Einfluss auf Tito geltend machte. Vom alten Krleža ist das Wort überliefert, er wünschte sich, vor Tito zu sterben, um nicht erleben zu müssen, was nach dessen Tod geschehen würde. Als undogmatischer Marxist und literarischer Avantgardist vereinte er soziale Anliegen, gesellschaftskritische Ambitionen und künstlerische Radikalität auf höchst originelle Weise.
Um die Bedeutung Miroslav Krleža für die Kroaten zu ermessen, kann man unter den Deutschen keine andere Referenzgröße als, ja, Goethe anführen. Krleža hat die Literatur seines Landes in allen Gattungen erneuert, als Dramatiker, Lyriker, Erzähler, Romancier und Essayist, der über eine atemberaubende polemische Sprachgewalt und enorme Bildung verfügte. Seit den späten Vierzigerjahren war er zudem als Direktor des Lexikographischen Instituts verantwortlich für die „Jugoslawische Enzyklopädie“, an der etliche der besten Intellektuellen des Landes mitarbeiteten.
Auf Krleža und sein vielschichtiges Werk beriefen und berufen sich zahllose Künstler, die sonst wenig zu verbinden scheint: die Kritiker des dogmatischen Kommunismus von einst wie die der kapitalistischen Verhältnisse von heute, die politisch engagierten Autoren und die unpolitischen Ästheten, die Internationalisten und die kroatischen Regionalisten; diesen ist vor allem „Die Ballade des Petrica Kerempuh“ teuer, ein Poem, das einem Till Eulenspiegel verwandten legendären Volkshelden gewidmet und in einer dialektalen Kunstsprache verfasst ist, die mit ihren neuerfundenen Wendungen und Wörtern für gänzlich unübersetzbar galt. (Kürzlich hat sie freilich der findige Zagreber Autor Boris Perić in ein köstliches Deutsch zu bringen gewusst.) Als Sprachartist kannte Krleža keine Kompromisse, der Slawist Richard Götz hat allein in den ersten Kapiteln von Krležas Roman „Die Fahnen“ zahllose sprachspielerische Germanismen, Latinismen, Frankismen, Anglizismen gefunden, von der Verwendung ungarischer, tschechischer, türkischer, italienischer Wörter ganz abgesehen.
Nicht nur wegen seiner sprachlichen Komplexität galt „Die Fahnen“, das 1968 abgeschlossene Opus magnum Krležas, lange als unübersetzbar. Dass der Kärntner Slowene Lojze Wieser es nun tatsächlich zuwege gebracht hat, dieses monumentale Werk von 2200 Seiten aufzulegen, ist eine verlegerische Leistung erster Güte. Die Übersetzer Gero Fischer und Silvija Hinzmann haben Jahre dafür aufgewendet, den anspielungsreichen, zu langen Satzperioden neigenden, dann wieder pointierte Dialoge bietenden Text im Deutschen zum Klingen zu bringen.
Es handelt sich bei dem fünfbändigen Werk um eine Vater-Sohn-Geschichte, um einen Staatsroman und ein Epochengemälde. Im Laufe der zwischen 1912 und 1922 spielenden Handlung werden sich Vater und Sohn Emerički – beide tragen den gleichen Vornamen Kamilo – immer fremder. Der Vater amtiert in Zagreb als geadelter Polizeipräsident und hofft wider alle schlechte Erfahrung, die Monarchie werde irgendwann doch den Kroaten die Gleichberechtigung nicht mehr verweigern; der heißblütige Sohn publiziert anonyme Schmähschriften gegen die ungarische Regierung und ihre kroatischen Kollaborateure, zu denen er auch seinen Vater rechnet.
Dem Vater ist das revolutionäre Pathos des Sohnes ein Gräuel, aber der stets von Verfolgung und Gefängnis bedrohte Jüngling ist eben doch sein Sohn, und mitunter keimt in ihm sogar der Verdacht, dass womöglich nicht er, der treue Staatsdiener, recht behalten werde, sondern der Sohn mit seiner Empörergeste: „So hörte Durchlaucht seinem Einzigen zu, wie er die Parolen eine nach der anderen nachplappert, und anstatt diesem demagogischen Quatsch entschieden zu widersprechen, kapituliert er vor Kamilos schwärmerischer Geschwätzigkeit, seinem pubertären Fanatismus, und alles zieht ihn zu diesem Jungen hin, der derart überzeugend suggestiv dummes Zeug von sich gibt, und man muss zugeben, der Esel ist helle und frech, und am Ende, vielleicht, hat er auch gar nicht so unrecht …“
Kamilo, der Sohn, durchlebt verschiedene Phasen des Radikalismus, zwischendurch hält er es auch mit dem Ästhetizismus seiner älteren Geliebten Ana Borongay, einer berühmten ungarischen Lyrikerin, oder mit der bombenwerfenden Lebensverachtung seines Freundes Joja, der für Jahre ins Gefängnis geworfen wird.
Am Ende ist der Sohn beim Marxismus angekommen und zieht als Vortragsreisender durchs Land. Sein Vater ist inzwischen verbittert gestorben, danach erst erkennt der Sohn, dass der historische Prozess kein schmales, pfeilschnell dahinschießendes Gewässer ist, sondern ein breiter Strom, in dem auch ein konservativer, unbestechlich integrer Mann wie sein Vater, „dieser arglose Verstorbene“, geborgen ist: „Wenn es um die politische Truppe geht, die Kamilo schon seit Jahren unter seinen Bannern versammelt … marschiert in ihr nun auch sein verstorbener Vater mit.“
1922 ist die Welt freilich eine andere als 1912, als der Roman einsetzt. 1912 bekriegten sich die verschiedenen Balkanstaaten, danach standen sie einander auf verschiedenen Seiten im Ersten Weltkrieg gegenüber, nun sind sie in einem gemeinsamen jugoslawischen Königreich vereint, das brutaler regiert, als es die Habsburger je taten, und die Bevölkerung überwacht, ausbeutet, drangsaliert. Was den Staatsroman und das farbenprächtige detailgenaue Epochengemälde betrifft, so streiten und diskutieren die Figuren in geschliffenen, zuweilen kämpferischen und polemischen Reden über alle damals aktuellen Themen und politischen Fragen.
Obwohl der Wieser-Verlag einen eigenen Band mit glossarischen Erklärungen zu all den Ministern, Revolutionären, Fürsten und zu hunderterlei Ortschaften und historischen Ereignissen erstellt hat, ist es selbst Lesern, die mit der kroatischen Geschichte vertraut sind, unmöglich, allen Anspielungen zu folgen. Sie können, wie Krleža selbst befürchtete, zur Gänze wohl von niemandem aufgenommen und gewürdigt werden.
Kann man die Lektüre des Romans dennoch reinen Gewissens empfehlen? Ja, natürlich. Auch der „Ulysses“ birgt Sprachwitze und Anspielungen, die den allermeisten Lesern entgehen werden, und „Der Mann ohne Eigenschaften“, ein Roman, der nicht nur wegen der vielen essayistischen Passagen häufig mit „Die Fahnen“ verglichen wurde, wird noch Generationen von Lesern vor unbemerkte Geheimnisse stellen.
Im Vorjahr ist ein Roman von Krležas bedeutendstem Adepten, Bora Ćosić, auf Deutsch erschienen, doch selbst die kundigsten Rezensenten haben in „Die Tutoren“ kaum ein Drittel der parodistischen Passagen erkannt und entschlüsselt, in denen Ćosić Volksmärchen, längst vergessene Theaterstücke, politische Reden von vorgestern in einem wahren Sprachrausch zitierte. Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, dass jede gute private Bibliothek auch eine Handvoll ungelesener Meisterwerke enthalten müsse. Miroslav Krležas monumentaler Roman „Die Fahnen“ würde jedenfalls dazugehören, noch besser aber wäre es, ihn zu lesen.
Miroslav Krleža: Die Fahnen. Roman in fünf Bänden. Mit einem einbändigen Glossar. Aus dem Kroatischen von Gero Fischer und Silvija Hinzmann. Wieser Verlag, Klagenfurt 2016. Zusammen ca. 3000 Seiten. Im Schuber 75 Euro.
Dieser „Titoist“ verstand
wohl mehr vom alten Österreich
als die Wiener Nostalgiker
Der Name ist nicht einfach zu
sprechen, wer aber übt, bekommt
das zutreffende „Krrrlescha“ hin
Er vereinte soziale Anliegen,
gesellschaftskritische Ambitionen
und künstlerische Radikalität
Manchmal beschleicht den treuen
Staatsdiener der Verdacht, sein
radikaler Sohn könne recht haben
Dass kaum einer alle
Anspielungen versteht, steht der
Lektüre nicht im Weg
Miroslav Krleža, 1893 in Zagreb geboren, besuchte von 1908 – 1911 die Kadettenschule in Pécs (oben). Darunter: Der Autor mit Josip Broz Tito im Jahr 1967. Krleža wollte auf keinen Fall nach dem Staatsmann sterben – und
überlebte ihn um ein gutes Jahr.
Foto: Stevan Kragujevic / oH
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Besprechung von 23.02.2017
Von Zagreb aufs Welt-Wirrwarr geschaut
Er ist der große Unbekannte der europäischen Literatur: Endlich erscheint Miroslav Krlezas Hauptwerk auf Deutsch

"Ich war bei Krleza. Miroslav Krleza ist ein schwarzhaariger, rundlicher, etwas weich aussehender, mittelgroßer Mann, sein Haar wird schon schütter, er wirkt ein bisschen unterwürfig und hochmütig zugleich, meist aber blitzen seine Augen spöttisch." Dies notierte Ferenc Fejtö am 23. Juli 1934 in sein Tagebuch. Der damals fünfunddreißigjährige ungarische Historiker, der später im Pariser Exil als François Fejtö eine wichtige Stimme in der europäischen Kultur wurde, war aus seinem Land geflohen, weil er die politische Engstirnigkeit nicht mehr ertragen konnte. Er reiste durch Jugoslawien und wollte den legendären Zagreber Schriftsteller kennenlernen, der kaum älter war als Fejtö. Der einundvierzigjährige Krleza war bereits eine Autorität im Konzert der europäischen Intellektuellen. Der Heißsporn Fejtö erhofft sich viel von der Begegnung, Krleza aber lässt ihn abblitzen: "So oft ich etwas wissen wollte, über seine Person und über Kroatien, über die Literatur oder die Politik, unterbrach er mich spöttisch. ,Sie wollen mich zwingen, über die Themen zu sprechen, über die Sie reden wollen'." Die Atmosphäre blieb frostig, und Fejtö resümiert: "Unser Gespräch verlief geharnischt, wie im Duell."

Auch eine andere Annäherung scheiterte. 1960 bereiste Jean-Paul Sartre Jugoslawien. Auch er wusste von Krelza und wollte ihn kennenlernen: Sartre soll gesagt haben, hätte er gewusst, dass Krleza bereits 1932 seinen Roman "Die Rückkehr des Filip Latinovicz" geschrieben habe, hätte er den "Ekel" nicht verfasst. Sartre war voller Bewunderung, Krleza blieb reserviert. Sie diskutierten bis spät in die Nacht, und doch kam der Zagreber später zu dem Urteil, Sartre sei "kein interessanter Schriftsteller" gewesen.

Woher kommt so viel Hochmut? Vielleicht, weil man in einem kleinen Land wie Kroatien auf verlorenem Posten kämpft, um Anerkennung ringt und nie den europäisch-geistigen Olymp erklimmt, der ihm zugestanden hätte wie Fejtö und Sartre. Krleza war überzeugter Europäer, er kannte sich bestens in der europäischen Literatur und Philosophie aus, in Kroatien war er die unbestrittene literarische und geistige Autorität. Er wurde mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen und war nach dem Zweiten Weltkrieg Direktor des Jugoslawischen Lexikographischen Instituts, eine Art Encyklopädia Britannica für den Balkan. Sein Gesamtwerk zählt gut vierzig Bände. Krleza wurde 1893 in Agram (Zagreb) geboren und lebte dort bis zu seinem Tod 1981.

Ein großer, ein großartiger Wurf ist Krleza gelungen mit seinem fünfbändigen Roman "Die Fahnen", veröffentlicht 1962 bis 1968. Auf zweitausend Seiten beschreibt der Autor zehn Jahre, die Europa erschütterten und veränderten, 1912 bis 1922. Wie eine balkanische Parallelaktion zu Robert Musil beschreibt Krleza den Zusammenbruch des k.u.k. Reichs, und den verzweifelten Kampf der kleinen Länder, sich aus den Fesseln der Großmacht und aus dem habsburgischen Völkergefängnis zu befreien.

Die Donaumonarchie ist morsch und hat jede Kraft verloren.

Nicht erst der Krieg löst das Kaiserreich auf, schon vorher leidet der Protagonist Kamilo Emericki unter den überalterten politischen Verhältnissen. Mit sarkastischer Ironie wird der Wiener Reichstag beschrieben: "Wie hoffnungslos grau und verschimmelt ist dort alles, wie in einem Grab. So eine Masse von Idioten wie in dieser Monarchie lässt sich schwer auf einem Haufen finden, und im Wiener Reichstag hat sich ein Panoptikum von Mumien versammelt, wie es die Welt noch nicht gesehen hat." Was der Vater Kamilos verehrt, ist für den Sohn nur noch die Spottgeburt einer Vogelscheuche. Nicht die Monarchie, auch nicht der Nationalismus sind die Garanten für eine friedliche Zukunft. Der Held in Krlezas Roman, Kamilo Emericki junior, kämpft und streitet für eine europäische, eine sozialistische Lösung, dafür legt er auch nach dem Krieg seinen Adelstitel ab.

Der Roman ist im großen Widerstreit der Kräfte und Meinungen angelegt. Kamilo Emericki liegt in Dauerfehde mit dem Vater, ebenfalls Kamilo mit Namen, der zunächst der Habsburger Krone verpflichtet ist, nach dem Krieg Minister des serbischen Königreichs wird - stets auf der Seite der Herrschenden. Der Vater, der den politisch übermütigen Sohn immer wieder beschützt vor Verfolgung und Kerkerhaft, bleibt zeitlebens sein Widersacher, ein klassischer Vater-Sohn-Konflikt, den der Autor in langen Dialogen und inneren Monologen in Szene setzt. Die Freunde von Kamilo junior fühlen sich als Opposition, rebellieren mal radikal, riskieren Gefängnis, mal bleibt ihr Protest gemäßigt, wie auch bei Kamilo, der zwar nach dem Krieg Kommunist wird, aber jede Form von Terrorismus ablehnt. Seine Familie ist nachsichtig, behandelt ihn wie den verlorenen Sohn, der auf den rechten Weg gebracht werden muss. In langen Passagen lässt der Autor seine Protagonisten Streitgespräche führen, zitiert Briefe und Zeitungsartikel und vermittelt dem Leser das Gefühl, er nähme teil an einer aufregenden Zeitgeschichte, die explosiv und unberechenbar ist.

Der Schriftsteller beschreibt eine Männergesellschaft und Männerwelt. Frauen bleiben Randfiguren, sind unterbemittelt, politisch desinteressiert. Das politische Engagement Kamilos lässt seine Geliebten kalt, schreckt sie ab. Die erste Liebe Kamilos gilt Jolanda, der Tochter eines ungarischen Verlegers, dann lernt er Ana, die ungarische "Poetessa" kennen, die ihn fesselt; er beginnt sich von Jolanda zu lösen. Am Ende des ersten Bands stirbt Jolanda und Kamilo hat also freie Hand. Aber auch die Liebe zur verheirateten Lyrikerin Ana ist ohne Fortune. Sie reist mit einem Galan durch Europa. Schließlich nimmt er Alisa zur Frau, aber die Ehe ist von Beginn an ein Desaster, Gleichgültigkeit und Gefühlskälte bestimmen den Alltag.

Antikriegsbuch, Vater-Sohn-Drama, Entwicklungsroman.

Nach neun Jahren gibt es ein Wiedersehen von Ana und Kamilo in Zagreb, bevor Ana mit ihrem Gatten nach New York reist. Der fünfte Band endet mit ihrem Tod nach der Ankunft in der Neuen Welt. Das ist ein überraschendes Ende dieses genialen Epochengemäldes, denn Kamilo ist von den großen Fragen der Politik gefesselt, private Beziehungen bleiben eine quantité négligeable, ausgenommen sein Jugendfreund Joja, aber der ist ja männlich. Zwischen Zagreb und Budapest, Wien und Belgrad spielt sich sein politisch aufwühlendes Leben ab, hier schürzen sich die Knoten zum großen Welt-Wirrwarr. Krieg, daran lässt der Autor keinen Zweifel, "ist eine Schweinerei und ein schweinisches Verenden, Totengräber, Friedhöfe und Gräber, das ist der Krieg, und in all der Scheiße: Massen von Generälen, die wie alte Hühner immer dieselbe Phrase gackern".

Grandios entwirft der Autor bereits für das Jahr 1912 Stimmungsbilder, in denen die bevorstehende Katastrophe des Weltenbrandes sich ankündet. In düsteren Schilderungen empört er sich über das Elend des Krieges und die Menschenverachtung der Generäle. Die Donaumonarchie ist morsch und hat jede Kraft verloren, überall regen sich freiheitliche Stimmen, die zwar noch nicht kräftig, aber doch auf dem Weg in die Selbstbestimmung sind. Der Weg in die Unabhängigkeit und Freiheit ist steinig. Denn auch das neu entstandene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen nach dem Ersten Weltkrieg erfüllt nicht die Hoffnungen der fortschrittlichen Kräfte. Krleza, der in Tito seine Hoffnungen setzte, auch wenn er nicht immer mit ihm politisch übereinstimmte, war sich stets bewusst, wer am Rande Europas lebt, muss um Anerkennung kämpfen: "Das imposante Gebäude der europäischen Zivilisation ist aufgebaut auf den Knochen zahlloser besiegter europäischer Völker . . . Neben dem klassischen westeuropäischen, museal-grandiosen, historischpathetischen Europa lebt noch ein zweites, das bescheidene, in die Ecke gedrängte, seit Jahrhunderten immer wieder unterworfene periphere Europa der östlichen und südöstlichen europäischen Völker."

Miroslav Krleza ist eine gewaltige Stimme aus dieser Welt am Rande Europas. "Die Fahnen" ist ein epochaler Roman, ein Antikriegsbuch, ein Vater-Sohn-Drama, ein Entwicklungsroman über einen Heranwachsenden in bedrohlichen Zeiten. Als Dramatiker, Lyriker, politischer Essayist und Romancier hat Krleza das Gemälde seiner Zeit gezeichnet, ohne Tabus, ohne Kompromisse, voller Leidenschaft und mit überwältigendem sprachlichen Gestus. Manchmal packt ihn der Furor der Wut, und in großen Wortkaskaden geißelt er die hybride Gesellschaft.

Fünfzig Jahre hat es gebraucht, bis dieser Epochen-Roman endlich auf Deutsch zu lesen ist, in einer herausragenden Übersetzung von Silvija Hinzmann und Gero Fischer. Neun Jahre lang hat der kleine und feine Wieser Verlag in Klagenfurt die Herausgabe betreut und nun der literarischen Welt im deutschsprachigen Raum ein großes Geschenk gemacht. Es gilt, einen europäischen Schriftsteller zu entdecken. Vielleicht ein Witz der Geschichte: In Zagreb gibt es inzwischen ein wunderbar original eingerichtetes Bela-und-Miroslav-Krleza-Museum in der ehemaligen jüdischen Bankiersvilla, in welcher der Schriftsteller mit seiner Frau die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat; geöffnet ist das Museum an einem Tag in der Woche, dienstags von 11 bis 17 Uhr.

LERKE VON SAALFELD.

Miroslav Krleza: "Die Fahnen". Roman.

Aus dem Kroatischen von Silvija Hinzmann und Gero Fischer. Wieser Verlag, Klagenfurt 2016. Fünf Bände und Glossarband. Zus. im Schuber 2170 S., geb., 75,- [Euro].

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