Die Eurokokke - Goll, Yvan

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  • Verlag: Wallstein / Wallstein Verlag GmbH
  • Seitenzahl: 176
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: mehrere Zeichnungen, 9 schwarz-weiße Abbildungen
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 116mm x 17mm
  • Gewicht: 217g
  • ISBN-13: 9783892445159
  • ISBN-10: 389244515X
  • Best.Nr.: 10262704
Rezensionen
Besprechung von 20.03.2002
Mit Beinen, Brüsten, Bauch
Yvann Goll, befallen von Eurokokken, will tanzen wie die Neger
Die große, ungeheure Müdigkeit eines Kulturträgers im Untergang seiner Kultur: Acht Tage hat der namenlose Held sein Hotelzimmer in Paris nicht mehr verlassen und bewegungslos im Bett gelegen. Jetzt aber ist er aufgewacht, sechs Uhr, „vom unerträglichen Gedanken gequält, auf der Welt zu sein”. Er sei „ein Europäer auf der Höhe der Kultur”, klagt er dem Mann im Nachbarzimmer, und bettelt: „Verstehen Sie, wie schrecklich erniedrigend das alles ist? Helfen Sie mir! Helfen Sie mir!”
Und ihm wird eine Kur verschrieben, die viele seiner Zeitgenossen nach dem Ersten Weltkrieg ausprobiert haben, in den zwanziger Jahren, der später so genannten Zwischenkriegszeit: Er soll sich einen Tag lang durch die Stadt Paris bewegen, um sein Heil zu suchen, indem er an der Straßenecke Bibeln an den Mann bringt und sich von Prostituierten erzählen lässt. Wahrnehmen will er, „die Augenlider sind mir weggeschnitten. Ich muß die Augen hart, steif, gerade auf die Wahrheit richten.” Leider reicht es beim Ich-Erzähler nicht zum Flaneur, bleibt er ein bloßer Schwadroneur, von dem ich mir beim Lesen der „Eurokokke” vergeblich wünsche, er richtete den Blick irgendwann doch einmal, statt auf die „Wahrheit”, auf die Wirklichkeit, so wie es Caspar David Friedrich getan hat, von dem er sich die Formulierung mit den „weggeschnittenen Augenlidern” borgt.
Der Symptomschriftsteller
Yvan Goll hat nie eine ganz glückliche Figur gemacht, weder im Leben noch mit seinen Arbeiten, und wenn posthum versucht wurde, ihn zu einer wichtigen Figur der ersten Jahrhunderthälfte zu stilisieren, brauchte man dazu stets die Namen größerer Figuren. Goll war in Pinthus’ „Menschheitsdämmerung” vertreten, heißt es dann, später in Paris verkehrte er mit Eluard, Breton, Joyce oder Majakowski, in Deutschland arbeitete er mit Georg Kaiser, mit Kurt Weill – und seine Witwe Claire ist auch sattsam bekannt. Doch abgesehen davon, dass es keine große Kunst ist, Berühmtheiten als solche zu erkennen, zeigt die Reihe der Genannten, was Golls Dilemma war: Er kam immer ein bißchen zu spät dort an, wo andere schon vor ihm gewesen waren. Ein später Expressionist, ein später Surrealist, und mit der »Eurokokke« eben Schöpfer eines späten Endzeitdandy. Die Diagnose ist längst erstellt, die Analyse wird gerade geliefert – da bleibt für Yvan Goll, den Symptomschriftsteller, keine Arbeit mehr als das Illustrieren der Befunde.
Wir begleiten den müden Helden auf seiner Besichtigungstour durch die Straßen und Gassen von Paris, wir bekommen die kränkelnde Zivilisation zu Gesicht, doch ist es schwierig, sich auf die Eindrücke zu konzentrieren, denn wir haben das Lamentieren über Gottlosigkeit und Konsumrausch im Ohr, und es gelingt uns nicht, diesen Mann abzuschütteln, der schon alles gesehen und begriffen hat, bevor er es uns zeigt.
Aber er kann nichts dafür, wie sich herausstellt, als ein Chemieprofessor aus den USA durchs Taschenmikroskop erkennt: Der Ich-Erzähler leidet eindeutig unter dem Befall von Eurokokken. Das ist der Untergang. Dieser Bazillus hat sich in Bauwerken, in Büchern, Tieren und nun auch im ersten Menschen eingenistet, Rettung gibt nicht. „No future”, heißt es, da geht der Blick zurück, und bald spekuliert der Held, ob nicht vielleicht doch die alten Mittel helfen könnten, das Landleben etwa, oder die Liebe.
Er gibt sich „wartend auf das Wunderbare”, während die Nadjas in seinem Umfeld erkannt haben, dass man das Wunderbare nicht abwarten kann, sondern suchen muss, er wünscht sich, zu „tanzen wie die Neger, mit Beinen, Brüsten und Bauch”, während die Surrealisten jede Nacht in die Jazzbars hinuntersteigen, er geht zur Beerdigung von Sarah Bernhardt, und wäre doch besser zu Josephine Baker gegangen.
Im Hinblick auf „Die Eurokokke” meint Goll in einem Brief an Paula Ludwig: „Philosophisch und soziologisch wurde ja schon massenhaft über den , Untergang des Abendlandes‘ geschrieben – aber poetisch, so das Altern und das Sterben einer Kultur, mein Altern und Sterben dazu ... Ich fühle, das ist eigentlich das einzige Buch.” Wie sein Ich-Erzähler „fühlt” er vielleicht ein bisschen zu heftig und sieht entschieden zu wenig, wenn er eine solche Überzeugung noch 1931 allen Ernstes formuliert, denn schon 1926 / 1927, als „Die Eurokokke” entstand, hätte Goll ein Stück Poesie zur Kenntnis nehmen können, das dieses Projekt in bis heute beispielhafter Form umsetzt: „The Waste Land” nämlich, das lange, aus Fragmenten zusammengesetzte Gedicht von T. S. Eliot, mit dem die Ich-Perspektive zugunsten der unkommentierten Mehrstimmigkeit verabschiedet worden war. Auch hier finden sich, wie bei Goll, Upinashaden, Buddha und russische Gräfinnen, die im Exil das Ende des Sozialismus abwarten, auch hier gibt es den Tod durch Ertrinken, Endzeitlangeweile, die große Europamüdigkeit und die kleinen Nervenleiden. Nicht, dass Goll bei Eliot abgeschrieben hätte, alles das ist zeittypisch sicherlich, symptomatisch – aber Eliot veröffentlichte „The Waste Land” eben bereits 1922, und Goll kam wieder einmal fünf Jahre zu spät.
MARCEL BEYER
YVANN GOLL: Die Eurokokke. Mit einem Nachwort von Barbara Glauert-Hesse. Wallstein Verlag, Göttingen 2002. 176 Seiten, 22 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ziemlich kühl bespricht Stefan Berkholz die Neuedition von Ivan Golls "Die Eurokokke". In der 1927 erschienenen Erzählung lässt Goll seinen Helden unter der europäischen "Krankheit der Leere" leiden, welche die europäische Kultur zu zerfressen droht und den Menschen zu allem fähig macht, zum Mord wie zum Selbstmord. Heute wirke das Buch vor seinem geschichtlichen Hintergrund natürlich gespenstisch, meint Berkholz, aber nur als Zeitdokument. "Es ist ein Beleg für die Rufer, die nicht gehört wurden", schreibt er, aber mehr auch nicht, zumal der schmale Band trotz seiner Kürze Längen habe. Gar kein Verständnis zeigt er daher für die Versuche der Herausgeberin Barbara Glauert-Hesse, den schmalen Band zu einem Gegenwartsmenetekel machen zu wollen: "Als Vision auf gegenwärtig bleierne Zustände wirkt das Buch verloren und überholt", lautet sein Verdikt.

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