Die Erziehung der Gefühle - Flaubert, Gustave
    Gebundenes Buch

Produktdetails
  • Verlag: Haffmans
  • Seitenzahl: 607
  • Abmessung: 185mm
  • Gewicht: 520g
  • ISBN-13: 9783251203055
  • ISBN-10: 3251203053
  • Artikelnr.: 25929511
Rezensionen
Besprechung von 24.08.2001
Was behindert den Verkehr?
Flauberts "L'Education sentimentale" neu übersetzt

 Gustave Flauberts "Wörterbuch der Gemeinplätze" zufolge hat man Übersetzer zu belächeln. Es fällt schwer, das angesichts der verschiedenen deutschen Übertragungen der "Education sentimentale" nicht zu tun. Jules Barbey d'Aurevilly nannte den Titel in seiner Besprechung 1869 unglücklich gewählt, nämlich abstrakt, pädagogisch und pedantisch. Die Ironie Flauberts war dem Rezensenten in seinem Ekel vor der "aus der Gosse stammenden Gewöhnlichkeit" des Romans entgangen. Die verschiedenen deutschen Übersetzungen haben das scheinbar Pädagogische und Pedantische noch weiter exponiert. Bisher gab es: Die Erziehung des Herzens, Lehrjahre des Gefühls, Lehrjahre des Herzens und Die Schule der Empfindsamkeit.

Eine Variation fehlte da noch, die von Cornelia Hasting prompt geliefert wurde: Die Erziehung der Gefühle. Dabei geht es in der Geschichte wenig um Erziehung, vielmehr um einen Bildungsprozeß, wenngleich um einen gescheiterten, und der Held ist alles andere als gefühlssicher, vielmehr am Ende allenfalls sentimental, wenn er nämlich beklagt, wie glücklich er hätte sein können, wenn ihm die Herzensbildung nicht gefehlt hätte. Die Art, wie Cornelia Hastings Titel in der Variation an den Vorgängern klebt, bezeichnet ihr etwas diffuses Verhältnis zu den vorhandenen Übersetzungen, insbesondere zu Emil Alfons Rheinhardts "Die Erziehung des Herzens" (1926), die in revidierter Form in der Werkausgabe bei Diogenes vorliegt.

Wenn bei Rheinhardt zum Beispiel steht: "Atemlos kamen Leute gelaufen", findet man bei Cornelia Hastings "Atemlos kamen Leute gerannt". Das verbessert nichts, denn im Original steht "Des gens arrivaient hors d'haleine" - der Kontext ist, daß die Menschen hastig einem abfahrbereiten Dampfer zustreben. Bei Rheinhardt heißt es dann: "Stückfässer, Taue und Wäschekörbe behinderten den Verkehr", bei Hasting "Fässer, Taue, Wäschekörbe versperrten den Weg". Hier konkretisiert die Abänderung unnötig: "des barriques, des câbles, des corbeilles de linges gênaient la circulation"; es handelt sich in der Tat allgemeiner um Verkehrsbehinderung.

Allerdings gibt es auch viele Fälle, in denen die Übersetzerin zu besseren, weil knapperen Lösungen kommt, die Flauberts kühlem Beobachtungsstil angemessen sind. Das klingt dann im Deutschen manchmal ein wenig eckig, aber diese Distanz schadet nichts, die beschriebene Lebenswelt des 19. Jahrhunderts läßt sich nicht umstandslos in glattes Durchschnittsdeutsch bringen. Die geschichtlichen Hintergründe werden nur wenigen Lesern vollständig präsent sein, und so hat die Übersetzerin den Stellenkommentar noch einmal erweitert. Dazu hat sie auch noch die entstehungsgeschichtlich bedeutsamen Stellen aus Flauberts Notizbüchern übersetzt. Mancher Leser wird allerdings ein Nachwort, eine Einführung vermissen oder auch die zeitgenössischen Rezensionen, die in der Diogenes-Ausgabe abgedruckt sind. Aber das ging wohl schlecht, denn als kleine Kuriosität am Rande ist zu vermerken, daß beide Ausgaben von Ute Haffmanns betreut worden sind.

Obwohl ein beträchtlicher Fortschritt dennoch nicht festzustellen ist, hat der Leser mit der Haffmanns-Edition eine ansprechend aufgemachte und nun auch weitgehend zuverlässige deutsche Fassung zur Hand. Die jetzt erschienene zweite Auflage ist nämlich erheblich verbessert, die erste enthielt einige Mißgeschicke, darunter eine wesentliche Auslassung.  Da Flauberts Werk nach Hugo von Hofmannsthal zu den wenigen gehört, "die uns durchs Leben begleiten", sollten Leser, welche die erste Auflage gekauft haben, den Verlag um Umtausch bitten.

FRIEDMAR APEL

Gustave Flaubert: "Die Erziehung der Gefühle". Roman. Aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Cornelia Hasting. Haffmanns Verlag, Zürich 2001. 608 S., geb., 59,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

"Matthias Altenburg findet große Worte für diesen Roman: es ist seiner Meinung nach eines der Bücher "die bei Lektüre ihren Zauber aufs Neue" entfalten. Jetzt ist er in einer neuen Übersetzung von Cornelia Hastings erschienen, die zwar "nicht immer elegant klingt, aber näher am Original bleibt als ihre Vorgänger". Es geht um einen "ganz und gar mittelmäßigen" Mann, der unentschlossen durchs Leben geht, seine Wünsche nicht zu realisieren versucht und auf diese Weise auch seine große Liebe verliert. Für Altenburg ist das Buch der "Höhe- und Endpunkt des bürgerlichen Romans. Danach, nein, mit diesem Buch beginnt die Moderne". Altenburg beschreibt in seiner Kritik ausführlich die gesellschaftlichen Hintergründe des Romans: die Konsolidierung des Bürgertums, der wachsende Materialismus, "die Banalität des bürgerlichen Alltags". In der Aufarbeitung dieser Themen erweist sich Flaubert nach Altenburgs Meinung als "kalter Romantiker" - und das versteht der Rezensent durchaus als Lob.

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