Die Erben: Roman - Goltz, Hans Graf von der
    Buch

Frankfurt in den neunziger Jahren. Eine neue Generation drängt an die Spitze einer Wirtschaft, die zu den stärksten der Welt gehört. Ist es auch für Martin Lehr Zeit, abzutreten? Ist es nicht verständlich, wenn seine Tochter die Führung des Familienunternehmens an sich ziehen will? Oder ist es ein zynisches Kalkül, bei dem nichts zählt als das eigene Interesse an Geld und Macht? Lehr sieht sich mit einem Mal als Angeklagter. Verdacht der Steuerhinterziehung, ungeklärte Einkünfte, ungeklärte Spenden - alles spricht gegen ihn, und der Kampf scheint aussichtslos ... Nichts ist geheimnisvoller,…mehr

Produktbeschreibung
Frankfurt in den neunziger Jahren. Eine neue Generation drängt an die Spitze einer Wirtschaft, die zu den stärksten der Welt gehört. Ist es auch für Martin Lehr Zeit, abzutreten? Ist es nicht verständlich, wenn seine Tochter die Führung des Familienunternehmens an sich ziehen will? Oder ist es ein zynisches Kalkül, bei dem nichts zählt als das eigene Interesse an Geld und Macht? Lehr sieht sich mit einem Mal als Angeklagter. Verdacht der Steuerhinterziehung, ungeklärte Einkünfte, ungeklärte Spenden - alles spricht gegen ihn, und der Kampf scheint aussichtslos ...
Nichts ist geheimnisvoller, undurchdringlicher als die Entscheidungszentren der großen Wirtschaft. Es geht um Geld, viel Geld, es geht um Macht und um Politik. Geht es auch noch um Verantwortung und Moral? Oder haben Zynismus und Korruption längst gesiegt?
  • Produktdetails
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • ISBN-13: 9783552049772
  • ISBN-10: 3552049770
  • Artikelnr.: 22375450
Autorenporträt
Hans Graf von der Goltz, geboren 1926 in Stettin, studierte Jura in München und lebte 1956 bis 1959 in den USA. Seitdem bekleidete er Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft und veröffentlichte zahlreiche Romane. Zuletzt erschienen bei Zsolnay seine Erinnerungen Unwegsames Gelände (1997), Schwelfeuer (1998) und Die Erben (2000).
Rezensionen
Besprechung von 20.10.2000
Geld, du Vielfraß aller Dinge
Hans Graf von der Goltz bedenkt den Erbfall

Lehr heißt in Hans Graf von der Goltz' neuem Roman "Die Erben" der Held und "Lehr AG" das Industrie-Imperium, das er regiert. Die Namensgleichheit mit "King Lear" stellt den Roman in eine literarische Reihe, deren Grundmuster Shakespeares Tragödie liefert: Der niederträchtige Undank der Kinder, zumal der Töchter, stößt die Väter in die Machtlosigkeit und ins Verderben. Im zwanzigsten Jahrhundert verlagerte sich das exemplarische Geschehen von den Königshöfen in die Industrie- und Wirtschaftszentren. In Carl Sternheims Schauspiel "1913" wartet die Tochter Sofie "mit gezücktem Messer" auf die Gelegenheit, dem Vater Christian von Maske die Macht zu entreißen und ein neues Wirtschaftssystem, die billige Serienproduktion, durchzusetzen. Zwar kann der Vater ihren Coup noch einmal durchkreuzen, aber die übermäßige Erregung kostet den Sieger im Familienkrieg das Leben. In Gerhart Hauptmanns Schauspiel "Vor Sonnenuntergang" verbünden sich die Nachkommen gegen den Besitzer der Clausenschen Betriebe, die drohende Entmündigung treibt ihn in den Selbstmord. Immer endet die Auseinandersetzung mit den Erben tragisch. Auch Martin Lehr überlebt im Familienstreit die Dolchstöße der Intrigen nicht.

Daß sich Graf von der Goltz' Roman auf der Ebene, auf der er ansetzt, behauptet, verdankt er zwei Voraussetzungen. Dem Autor waren jahrzehntelang führende Positionen in der Wirtschaft anvertraut, er verfügt also über Detailkenntnisse selbst in den kompliziertesten Wirtschaftsprozessen. Zum anderen hat er sich mit einer Reihe von Romanen und mit seiner Autobiographie "Unwegsames Gelände" (1997) ein beachtliches episches Rüstzeug erworben, so daß er auch erzählerisch seinen Gegenstand beherrscht.

Von der literarischen Ahnenreihe her bleibt eine dramatische Struktur erhalten. Meisterhaft im ersten Kapitel die Exposition. Die älteste Tochter Lehrs, Irmgard, hat ihn und ihre beiden Geschwister, den Schauspieler Klaus und die vorwiegend in der Toskana lebende Erika, zum Abendessen und zum Gespräch geladen. Irmgard schmiedet das Komplott. Die Börsenkurse der "Lehr AG" sind gesunken, die bevorstehende Konjunktur und eine neue, die Meßtechnik revolutionierende Fabrikaktionsserie werden sie hochschnellen lassen. Um der Familie die Aktienmehrheit zu erhalten und den Kindern dereinst eine vervielfachte Erbschaftsteuer zu ersparen, soll der Vater seine Aktienanteile von 60 Prozent an die Kinder übertragen. Lehr vermutet als Drahtzieher hinter dem Plan Irmgards Mann Dr. Graber und besteht auf einer Bedenkzeit.

Damit liegt der Zündstoff für einen dramatischen Konflikt bereit, und der Erzähler nimmt sich Zeit für die Vorstellung der Hauptfigur und die Rückschau in die Anfänge des Unternehmens. In einer Scheune am Rande Karlsruhes hat der Student Martin Lehr um 1950 mit einem Studienfreund einen kleinen Betrieb für die Herstellung von Druckmeßgeräten aus dem Nichts geschaffen. Von dem Mitbegründer trennt er sich bald, nicht aber von dem Bankier Dr. Wagemann, seinem Kredit- und Ratgeber. Seine Mitarbeiterin in schwieriger Zeit, die Diplomvolkswirtin Luise Hofer, wird auch seine Frau (sie ist inzwischen verstorben). Die Aufbau- und Blütezeit der Bundesrepublik begünstigen eine ständige Erweiterung des Betriebs zum Großunternehmen und schließlich zur Weltfirma. Das macht Martin Lehr und sein Unternehmen zu Repräsentanten einer wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklung der zweiten Jahrhunderthälfte.

Elternhaus - das protestantische Pfarrhaus -, Geschichtserfahrungen und die Härte der Anfangsbedingungen haben Lehr für sein weiteres Leben geprägt. Und er ist nicht bereit, ethische Grundsätze dem hemmungslosen Gewinnstreben zu opfern. Er fühlt Verantwortung für die Arbeiter und Angestellten in seinem Betrieb. Dieses fast patriarchalische Verhältnis wird exemplarisch sichtbar an Lehrs Umgang mit seinem Chauffeur Hermann. Es bringt ihn aber in Gegensatz zu den Zielen einer neuen Unternehmergeneration und zum Rigorismus einer neuen, nur den Aktionären verpflichteten Wirtschaftspraxis, für die Begriffe wie Globalisierung, (feindliche) Übernahme und Rationalisierung, "benchmarking" und "shareholder-value" stehen. Irmgard und ihr Mann Dr. Graber, Direktor in der "Lehr AG", suchen Anschluß an die neue Entwicklung. So verschränken sich ein System- und ein Familienkonflikt.

Nun setzt die Intrige Irmgards und ihres Mannes den Hebel gegen den Widerstand Martin Lehrs an. Graber lanciert eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung, die den Staatsanwalt auf den Plan ruft. Die Bereitschaft, mit der Justiz und Presse auf die Verdächtigung reagieren, läßt das Kalkül der Verschwörer aufgehen, sie bestätigt die Vorurteile einer Öffentlichkeit, die nicht mehr die Mechanismen der internationalen wirtschaftlichen Verflechtung durchschaut und überall verborgene Geldströme wittert. Lehr hält, obwohl der Betriebsrat ihn stützt, dem Terror des "Medienrummels" nicht stand und gibt das Amt des Vorstandsvorsitzenden ab. Er erliegt einem Herzinfarkt.

Ziemlich unvermittelt wird die Figur eines neuen Mitspielers eingeführt, des Professors für Betriebswirtschaftslehre Erich Lackmann, des Ideologen der "shareholder-value"-Theorie. Er avanciert rasch zu Irmgards Liebhaber und gewissermaßen zum Überintriganten. Er wirft den Verschwörer Dr. Graber aus dem Rennen, dem nun ein in Irmgards Tresor verwahrtes Dokument zum Verhängnis wird. Wie Lackmann, ein Hasardeur, als Vorstandsvorsitzender die "Lehr AG" mit seiner risikoreichen Unternehmenspolitik in den Ruin treibt und wie Irmgard, die Spinne im Netz, am Ende noch eine Beute ins trockene bringt, sei hier verschwiegen. Denn als Wirtschaftsroman liest sich von der Goltz' "Die Erben" zugleich wie ein Kriminalroman.

Etwas Reißerisches in der Geschehensführung und das Dämonisch-Satanische in den Handlungen Irmgards und Lackmanns erinnern an Intrigestücke. Doch sorgen Reflexionen, Gesprächssituationen und Partien gelassenen Erzählens für ein Gegengewicht. Agieren die Figuren des Romans manchmal wie auf einem Schachbrett, so gibt ihnen der Erzähler doch individuelle und zeittypische Züge, die ihre Antriebe und Verhaltensweisen plausibel machen. Mit voller Sympathie allerdings wendet er sich nur der Person des Patriarchen Martin Lehr zu.

Hans von der Goltz glaubt nicht an die Anonymität und Undurchsichtigkeit der Wirtschaftsprozesse, sondern an die Möglichkeit individueller Lenkung, trotz aller ökonomischen Zwänge. Hier mögen Theoretiker von Gesellschafts- und Wirtschaftslehren mit ihm rechten. Nicht zu überhören ist sein ethischer Appell an verantwortliches wirtschaftliches Handeln in einer "Welt, in der das Geld zum Maß aller Dinge geworden ist". Immer wieder einmal wird nach dem Roman der Bundesrepublik Deutschland gerufen. Hier ist, aus erster Hand, der Roman zu ihrer Wirtschaftsgeschichte.

WALTER HINCK

Hans Graf von der Goltz: "Die Erben". Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000. 264 S., geb., 39,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Walter Hinck merkt in seiner Rezension zunächst an, dass sich der Autor hier auf dünnem Eis bewegt. Denn an der Tragödie über undankbare Erben, die den Patriarchen vom Sockel stoßen, haben sich bereits viele vor ihm erfolgreich versucht - von Shakespeare bis Gerhart Hauptmann. Dennoch hält Hinck das Buch für geglückt, nicht zuletzt, weil der Autor nicht nur Wirtschaftsfachmann ist, sondern auch über das nötige literarische Rüstzeug verfügt. Und so lobt der Rezensent nicht nur den dramatischen Aufbau des Romans und die geschickte Gegenüberstellung des verantwortungsbewussten Firmengründers, dem ethische Grundsätze immer noch mehr bedeuten als skrupelloses Gewinnstreben, mit den Erben, denen es vor allem um `shareholder-value`-Denken und Rationalisierung geht. Überaus intrigant geht es hier zu, wie der Leser erfährt, auch wenn Hinck über den Ausgang der Geschichte nichts verraten will. Schließlich habe der Autor hier nicht nur einen Wirtschaftsroman verfasst, sondern gleichzeitig einen überaus spannenden Krimi geschrieben. Zwar findet Hinck das Buch an manchen Stelle etwas "reißerisch", doch sieht er dafür in den eingefügten "Reflexionen, Gesprächssituationen und Partien gelassenen Erzählens" einen geschickten Ausgleich. Auch die "zeittypischen Züge" der Figuren lobt Hinck, da sie ihr Verhalten stets "plausibel" erscheinen lassen.

© Perlentaucher Medien GmbH
…mehr