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Tessa Simon steht ganz oben: schön und erfolgreich, das Leben fest im Griff. Und sie hat alles: den Traumjob als Talk-Show-Moderatorin, die Titelgeschichten in Lifestyle-Magazinen, und die Liebe ihres Lebens ist noch ganz frisch. Ein Kind passt da ausgezeichnet ins Bild. Auch wenn das Mutterglück nicht frei von Schönheitsfehlern ist Baby Victor schreit Tag und Nacht, der Vater ist weniger enthusiastisch als versprochen, und ein kleiner Quotenknick macht die Produzenten nervös steckt Tessa das, wie gewohnt, kompetent und souverän weg. Als Victor allerdings von der Dachterrasse stürzt,…mehr

Produktbeschreibung
Tessa Simon steht ganz oben: schön und erfolgreich, das Leben fest im Griff. Und sie hat alles: den Traumjob als Talk-Show-Moderatorin, die Titelgeschichten in Lifestyle-Magazinen, und die Liebe ihres Lebens ist noch ganz frisch. Ein Kind passt da ausgezeichnet ins Bild. Auch wenn das Mutterglück nicht frei von Schönheitsfehlern ist Baby Victor schreit Tag und Nacht, der Vater ist weniger enthusiastisch als versprochen, und ein kleiner Quotenknick macht die Produzenten nervös steckt Tessa das, wie gewohnt, kompetent und souverän weg. Als Victor allerdings von der Dachterrasse stürzt, vielleicht sogar durch ihre Schuld, droht ihr Leben von einer Schmutzkampagne der Boulevardpresse zerstört zu werden. Doch so leicht lässt Tessa sich von dem hart erkämpften Platz im Rampenlicht nicht verdrängen. Nach einer kurzen Zeit der Verzweiflung trifft sie eine folgenschwere Entscheidung ...
  • Produktdetails
  • Verlag: GOLDMANN
  • Seitenzahl: 412
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 659g
  • ISBN-13: 9783442545667
  • ISBN-10: 3442545668
  • Artikelnr.: 12431776
Autorenporträt
Thea Dorn, geboren 1970 bei Frankfurt am Main, Gesangsausbildung und Philosophiestudium in Frankfurt, Wien und Berlin. Journalistische und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Ihr Krimi-Debüt "Berliner Aufklärung" wurde 1995 mit dem Raymond-Chandler-Preis ausgezeichnet. U.a. erschienen außerdem von ihr der Krimi "Ringkampf" (1996) und das Theaterstück "Marleni" (1999). Ihr dritter Krimi "Die Hirnkönigin" wurde mit dem "Deutschen Krimipreis" ausgezeichnet. Thea Dorn lebt in Berlin und unterrichtet Philosophie an der Freien Universität.
Rezensionen
"Thea Dorns vierter Roman beginnt wie eine typische Frauengeschichte. Die erfolgreiche Moderatorin Tessa Simon kämpft fast 300 Seiten lang sehr unterhaltsam mit Problemen im Job, ihrem untreuen Partner und einem positiven Schwangerschaftstest. Erst im letzten Teil des Buches zeigt Dorn, dass sie eigentlich Krimiautorin ist, indem sie fast nebenbei das Grauen in Tessas Leben einbrechen lässt - so unerwartet und böse, dass dem Leser fast der Atem stockt. Ungewöhnlich, aber gekonnt."
GALA (Nr. 11 vom 04.03.04)

"Das ist ein verstörender, ein beunruhigender Roman, und Thea Dorn ist einfach eine brillante Schriftstellerin. Sie hat ein riesiges Interesse an all dem Bösen und sie hat ein Gespür für all die Unsicherheiten, die sie in jedem Menschen sieht - und das ist natürlich die beste Voraussetzung, um richtig gute Kriminal-Romane zu schreiben."
SWR 3 Buchtipp

"Thea Dorn ist eine der besten jungen Krimiautorinnen Deutschlands."
buch aktuell
Besprechung von 16.04.2004
Mutter aller Eitelkeiten
Quotenkiller: Thea Dorn lädt Goethe in die Talkshow ein

Tessa Simon nennen wir eine Kleinbürgerin im besten Medienalter. In der edel möblierten Lebenswelt der Moderatorin der Talkshow "Auf der Couch" gibt es mehrere Sofas, aus rotem Leder, grauem Filz oder grünem Cordsamt. Auf keinem kann eine Tante ermordet werden. Denn es handelt sich um sündhaft teure Designerstücke, auf denen das gemütvolle bürgerliche Verbrechen alten Stils deplaziert wirken würde. Mit bösartigem Vergnügen am blankpolierten Klischee beschreibt Thea Dorn Loft, Leben und Lieben einer Fernseh-Stella als kalte Hölle der Verlogenheit, in der es kein richtiges Leben gibt, aber auch kein falsches mehr. Hinter dem Schein ist die Wahrheit nicht mehr zu ermitteln, selbst der lebenskluge Kriminalkommissar kann von ihr nur noch in der Form des Märchens erzählen.

Tessa Simon ist eine Aufklärerin von listiger Naivität, "die Meisterin der unterirdischen Steuerung", wie ihr Produzent Attila gern lobt. Ihren auf der Couch liegenden Gästen, ob Kanzlerkandidatin oder Popstar, entlockt sie immer erfolgreicher das Verdrängte und Verschwiegene, das abgeschobene Kind oder die Krebskrankheit. Die dunklen Seiten ihrer eigenen Seele aber scheint sie weniger gut zu kennen, und auch bei ihrem Liebhaber ist sie sich ihrer im Schnellkurs erworbenen psychologischen Künste nicht immer sicher. Den attraktiven Darsteller in Goethes oder Shakespeares Verblendungsstücken, Sebastian Waldenfels, hat die ehemalige Germanistikstudentin gerade dessen Kollegin ausgespannt. Unter herzlicher Anteilnahme der Boulevardpresse wird sie ihn heiraten.

Ihr tränenseliges Debüt im Ersten Kanal bringt sie nach ganz oben, nämlich in den stellaren Quotenbereich. Da ist sie schon eine öffentliche Schwangere, eine Hochglanzikone der erfolgreichen Frau, die Karriere und Mutterschaft in Schönheit praktiziert, "großes Thema", sagt der anfänglich um sein Format besorgte Attila. Das weckt natürlich Neid, und die häßlichen E-Mails und belästigenden Anrufe lassen nicht lange auf sich warten. Aber das sind die Schatten des Ruhms, die Tessa in der sinnlichen Gewißheit des Erfolgs nicht mehr erreichen. "Ein Gefühl vollkommener Unbesiegbarkeit breitete sich in ihr aus. Von den Fingerspitzen kletterte es die Arme hinauf, stieg in den Kopf, durchströmte ihren Körper, lief die Beine hinunter, bis es in den Zehen angekommen war."

Gewöhnungsbedürftig ist allerdings, daß sich Baby Victor schon im Mutterleib ziemlich unangenehm bemerkbar macht. Tessa wird auch oft schlecht, wobei gelegentlich unklar ist, ob das vom Leibesfrüchtchen kommt oder von der Lektüre einschlägiger Ratgeber, in denen latzbehoste Schwangere zu Protokoll geben, daß sie sich nunmehr nicht mehr "wie eine Sackgasse" fühlen. Da hilft auch die "extra-entspannende Algen-Kalt-Modelage" nicht immer, eher schon ein eisgekühlter Wodka. Das esoterische Gesäusel ihrer Amme geht der Quotenprinzessin ohnehin auf den Wecker. Zwecks Planungssicherheit entscheidet sich Tessa daher gegen die Gehirnwäsche der Ideologie der natürlichen Geburt und für einen körperfreundlichen Kaiserschnitt nach neuester israelischer Methode.

So plötzlich dem kalten Licht der Welt ausgesetzt, scheint Baby ein wenig lauter zu schreien, als es die niedlichen Wesen gemeinhin zu tun pflegen. Und tatsächlich, Klein Victor entwickelt sich nach verfrühtem Abstillen zu einem Rumpelstilzchen, einem Wutbolzen "mit feuerrotem Gesicht"; er spuckt seinen Brei aus und wirft notorisch den Butzebär aus dem Bett. Und er schreit, um nicht zu sagen: er "heulte wie eine Sirene in an- und abschwellenden Tönen". Natürlich muß die übelriechende Windel vorzugsweise dann gewechselt werden, wenn Mama sich darauf vorbereiten muß, in ihrer Talkshow einen Politiker zu grillen. So geht es der Medienmutter wie anderen auch, es kommt alles schlimmer als gedacht. Sie liebt selbstverständlich ihr Kind, will "keine gute Mutter sein, sondern die beste", aber manchmal könnte sie es, wie man so schön sagt, aus dem Fenster werfen. In einer schwülen Sommernacht legt sie dann das nervenkostend in den Schlaf gebrachte Baby nebst Butzebär auf die Dachterrasse und begibt sich wieder an ihren Laptop.

Thea Dorn gestaltet den Jahrmarkt der massenmedialen Eitelkeiten wie aber auch das "große Thema" Mutterglück hinreißend verächtlich und ressentimentgeladen als ein schauderhaftes Immergleiches. Passagenweise so schmerzhaft ausführlich, daß dem Leser so langweilig ist wie bei einer Talkshow von Gabi Bauer oder Margarete Schreinemakers. Aber für sein Durchhaltevermögen wird er immer wieder reich belohnt. Die Beschreibungen von Sendungen nebst Produktionsumfeld, Theaterstücken nebst Premierenfeiern oder von einer Medienhochzeit nebst Predigtexegese, die fingierten Zeitungsberichte oder die eingearbeiteten Besprechungen von Ratgeberliteratur sind Glanzstückchen intermedialer Realsatire.

Die gnadenlosen Gesetze des Kulturbetriebs und das verlogene Gewäsch, mit dem sie umgeben werden, erscheinen dabei als Paradigma einer rücksichtslosen Gesellschaft. Daher fragt sich der Leser bei fortschreitendem Albtraum, ob das geschilderte Milieu des Einbruchs des Entsetzlichen überhaupt noch bedarf: Was ist schon ein Verbrechen gegen die Einführung eines neuen Formats? Wenn beides nach geschlagenen dreihundert Seiten, unzähligen Gläsern Champagner und reichlich ausgestreuten Indizien endlich kommt, wirkt es beinahe wie eine märchenhafte Befreiung vom alltäglichen Grauen der Medienwelt. Wie es aber kommt und sich löst, ist trotz zahlreicher Vorausdeutungen auch für versierte Krimileser inhaltlich und formal überraschend: eine von Goethes "Wahlverwandtschaften" inspirierte waghalsige und groteske, aber stimmige Konstruktion in logischer und literarischer Präzisionsarbeit.

Mit "Die Brut" hat Thea Dorn, die bereits für "Berliner Aufklärung" den Chandlerpreis und für "Die Hirnkönigin" den Deutschen Krimipreis erhielt, den Maßstab für den unterhaltsam trivialen und zugleich intelligenten, ja gelehrten Kriminalroman neuerlich höher justiert. Ihre Anspielungen auf die literarische Tradition von der barocken Lyrik über Shakespeare und Goethe bis zu Hertha Kräftner verbinden sich im eleganten Zynismus des Stils, dem nach der Art Oscar Wildes nichts heilig ist, schon gar nicht das Mysterium der Mutterschaft, wie organisch mit den zeitgeistigen Mythen des Konsums und der Popkultur. Als Prinzipalin der neuesten Frankfurter Schule fertigt Thea Dorn aus der Analyse des verblendeten Bewußtseins und der Kritik der Kulturindustrie blitzgescheite Produkte derselben. Den Verdacht, ihre elaborierten Gemeinheiten könnten eine verdeckte Form der Trauer um die verlorene Aura des Menschenwesens im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Lebens sein, würde sie vermutlich kaltblütig zurückweisen: "Wer nicht über Leichen geht, hat in diesem Betrieb keine Chance."

FRIEDMAR APEL

Thea Dorn: "Die Brut". Roman. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2004. 416 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 27.04.2004
Tramezzino-Blues
Verdammte Schlampen: Thea Dorns postfeministischer Krimi „Die Brut”
Es beginnt mit einem Jucken. Man denkt erst, man bildet sich das nur ein, aber dann ist es jene Unterleibsinfektion, die den meisten Frauen als „Candida” ein Begriff sein dürfte. Candida ist eine ansteckende und hartnäckige Sache. Man muss Salben auftragen, Sitzbäder nehmen und die Ernährung umstellen (kein Zucker!). Die Wäsche muss ausgekocht, der Partner medikamentös behandelt werden, Sex, Schwimmbäder und enge Jeans sind für Wochen tabu. Candida ist ein Thema, über das man sich mit der besten Freundin Abende lang unterhalten kann.
Dass mit einer lästigen Unterleibsinfektion, wie man sie sich etwa im Hallenbad holt, auch ein mehr als 400-seitiger Krimi zu bestreiten ist, hat nun Thea Dorn bewiesen. Candida-Befall bringt nicht nur die Krimihandlung um die erfolgreiche Fernsehmoderatorin Tessa Simon in Gang, am Ende wird auch das rätselhafte Schicksal eines Kindes mit Candida zu tun gehabt haben. Wer also der Meinung ist, dass man den klassischen Scheidenpilz, die Grippe der Frauen, nicht nur beim Gynäkologen, sondern auch in der Literatur behandeln sollte, wird „Die Brut” lieben.
Schon die Dramaturgie des Krimis gleicht einer Infektion. Sehr lange passiert nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste: wir sehen der Hauptfigur zu, wie sie ihren Alltag bewältigt. Tessa Simon hat eine Talkshow beim Fernsehen, die muss nicht nur produziert, sondern auch vorbereitet werden. Dazwischen geht Tessa joggen oder zum Friseur, wir erfahren, dass sie mit ihren „schlanken, leicht gebräunten Knien” zufrieden ist und ihre Pause auf folgende Weise verbringt: „Sie ging mittags in den besten Feinkostladen der Stadt und bestellte ein Lachs-Tramezzino, das sie auf einer Bank im Park aß.” Die Details sind alltäglich bis zur Banalität, aber nicht nebensächlich. Die Autorin braucht sie als Bausteine, um eine Fassade zu konstruieren, die nur vermeintlich intakt ist.
Denn es braut sich etwas zusammen im Leben von Tessa Simon. Da bekommt der Mann, mit dem sie glücklich liiert ist, plötzlich Mails von seiner Ex-Frau, später freundet er sich mit Tessas drogensüchtiger Schwester an, die er früher nicht ausstehen konnte.
Immer wieder tauchen Hinweise auf, dass etwas nicht stimmt. Es sind Kleinigkeiten, harmlos wie die ersten Symptome einer Krankheit, der Leser schenkt ihnen ebensowenig Beachtung wie die Hauptfigur. Los geht es erst, als Tessa schwanger wird. Mit der Karriere beim Fernsehen ist es nicht zum Besten bestellt, nach der Geburt ihres Kindes kommt Tessa kaum zum Arbeiten. Die Quoten sinken, der Lebensgefährte will abends nicht heim zum schreienden Balg. Eines Tages verschwindet der kleine Victor, und die Mutter ist daran ganz und gar nicht unschuldig.
Warum Victor gezeugt wurde
Wie schon Thea Dorns frühere Werke – drei Romane und das Theaterstück „Marleni” – handelt die „Die Brut” von Frauen, die sich trauen. Die sich nehmen, was sie brauchen, so wie sich die Autorin selbst eines Tages Theodor W. Adorno hergenommen hat, um das Pseudonym abzuleiten, unter dem ihre Bücher erscheinen. In Thea Dorns Romanen haben wir es mit jener postfeministischen Generation zu tun, für die Geschlechterdifferenzen keine Rolle spielen, weil sie damit aufgewachsen ist, den eigenen, weiblichen Willen zur Maxime ihres Handelns zu machen.
Dorns Frauen sind pragmatisch bis zur Selbstaufgabe, es geht ihnen nicht um bloße Gleichberechtigung, sondern um Superfrauenwerdung. Kinderkriegen ist da nur eines von vielen Mitteln, Oberwasser zu bekommen. So klärt Tessa am Ende des Buches ihren Lebensgefährten auf: „Wir haben Victor gezeugt, weil ich herausfinden wollte, ob ich mich mit der verdammten Candida anstecke, die du dir bei deiner verdammten Ex-Schlampe geholt hast.”
„Verdammt” ist ein Wort, das Frauen in diesem Roman sehr oft im Mund führen, genauso wie „Fuck” oder „Schlampe”. In Dorns Welt gibt es keine Männerdomänen, nicht einmal beim Fluchen. Diese Frauen beanspruchen es mit derselben Selbstverständlichkeit für sich, Geschlechtsgenossinnen als „Schlampen” bezeichnen zu dürfen, mit der ihre Mütter einst für die Endung „-innen” gekämpft haben. Vielleicht liegt das am Alter. Die Protagonistinnen in „Die Brut” sind in den Dreißigern, einem Alter also, in dem man sich für vieles nicht mehr genieren muss und im Idealfall sogar ein Monatsgehalt beim Shoppen auf den Kopf hauen kann.
Die Heldinnen in Dorns letztem Krimi, „Die Hirnkönigin”, hatten es da noch schwerer. Um sich zu beweisen, mussten sie Männer auf der Motorhaube flachlegen, „bis der Lack Blasen schlug”, und sie mussten es „einfach geil” finden, „hoffnungslos verstaute Straßen mit achtzig Sachen zu nehmen”, ja „geiler als Sex” sogar. Dazwischen ließen sie Gedärme dampfen und Knochen splittern, das hatte schon etwas Angestrengtes, und erinnerte vom Gestus her an den Reißer „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin”.
In diesem neuen Roman haben böse Frauen keine Gewaltexzesse nötig. Hunderte Seiten lang fließt kein einziger Tropfen Blut, die Krimihandlung verläuft so unspektakulär wie das Leben der Hauptfigur. In „Die Brut” hat der postfeministische Krimi seine Form gefunden: gewöhnlich in Stil und Struktur, und in seiner Aussage doch unverschämt.
Das Verbrechen ist hier nicht der Endpunkt eines psychologischen Prozesses. Verbrechen passieren weder, weil eine Figur in einer bestimmten Situation nicht anders handeln kann, noch sind sie motiviert durch Wahnsinn oder Sadismus. Dorns Heldinnen töten, weil es gerade zu ihrem Leben passt – Frauen, die Prosecco trinken und über Scheidenpilz reden. Mord aus niedrigen Beweggründen ist bei Thea Dorn nur eine von vielen Optionen, die eine moderne Frauenexistenz mit sich bringt. Im Curriculum Vitae hat ein Verbrechen offenbar denselben Stellenwert wie ein Auslandssemester: Es bringt einen weiter oder es war einem gerade danach.
VERENA MAYER
THEA DORN: Die Brut. Roman. Goldmann Verlag, München 2004. 413 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Der neue Roman von Thea Dorn ist der Inbegriff eines postfeministischen Krimis, schwärmt Verena Mayer; anders als in den vorgehenden, in denen die Bemühungen der Frauen, es mit den Männer an Bösartigkeit aufzunehmen, etwas Angestrengtes gehabt hätten. Diesmal, so Mayer, sind gar keine Gewaltexzesse nötig, ja, lange Zeit passiere gar nichts, die Dramaturgie gleiche einer Infektion, die sich schleichend in den Körper einniste und deren erste Symptome ignoriert würden. Der Alltag einer Fernsehmoderatorin steht im Mittelpunkt; diese wird schwanger und lässt ihr Karriere und Beziehungen störendes Kind - so deutet es Verena Mayer zumindest an - eines Tages verschwinden. Bei Dorn, die ihr Pseudonym völlig unbekümmert von Adorno abgeleitet habe, gehe es nicht einfach nur um Diskriminierung und Gleichberechtigung von Frauen, diese Phase haben die Dreißigjährigen längst überwunden beziehungsweise gar nicht mehr erlebt, vermutet Mayer; bei Dorn geht es um die "Superfrauwerdung", lautet ihre These. Die Superfrauen nehmen sich einfach, was sie wollten, frohlockt die Rezensentin; da habe das Verbrechen keine psychologische Motivation mehr nötig, sondern denselben Stellenwert wie ein Auslandssemester im Lebenslauf: "es bringt einen weiter oder es war einem gerade danach".

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