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Rezensionen
Besprechung von 28.03.2001
In Gedanken bei der Mutter
Blinder Spiegel: Ibrahim Abdalmagids Roman "Die andere Stadt"

Zahlreich sind in der modernen arabischen Literatur die Geschichten von Studenten, die nach Europa geschickt werden, sich mehr oder weniger ihrer Heimat entfremden, ohne eine neue zu finden, und nach ihrer Rückkehr vor die Wahl gestellt sind, sich entweder einzufügen oder zu rebellieren. Beispiele sind "Die Öllampe der Umm Haschim" von Yahya Hakki und "Zeit der Nordwanderung" von Tajjib Salich, ein Kultbuch unter arabischen Intellektuellen. Aber in den letzten zwanzig Jahren sind solche Erzählungen selten geworden. Heute ist es weniger der Durst nach Wissen, der in die Emigration treibt, als die wirtschaftliche - oder politische - Not. Und anders als es uns scheinen mag, steht Europa auf der Liste der Emigrationsziele nicht mehr an oberster Stelle. Die meisten Araber - Ägypter und Palästinenser zumal - finden Arbeit in den Golfstaaten. Einer der ersten arabischen Romane, die ausführlich die Erfahrung dieser ,Südwanderung' behandeln, ist "Die andere Stadt" des 1946 geborenen Ägypters Ibrahim Abdalmagid, den ein Berliner Kleinverlag nun auf deutsch herausgebracht hat.

Der Roman spielt 1978/79, während der Zeit der Friedensverhandlungen zwischen Ägypten und Israel in Camp David. Wenn Abdalmagid durch seine Figuren immer wieder den in Ägypten wenig beliebten Sadat kritisiert, weiß er die Sympathien der arabischen Leser auf seiner Seite. Wenn man den ägyptisch-israelischen Frieden aber differenzierter sieht, wirkt die zeitgeschichtliche Verortung aufgesetzt - sie steht mit dem Thema des Buchs in keinem Zusammenhang.

Auch der Plot ist schwach: Ismail, ein ägyptischer Lehrer, der seine Geschichte selbst erzählt, geht in die saudiarabische Kleinstadt Tabuk, wo er als Personalverwalter in einer internationalen Firma einen Job gefunden hat. Er hat wenig zu tun und viel Zeit zu sinnieren. Außerdem gibt er Privatstunden in Englisch. Sonst geschieht kaum etwas. Ismail läßt sich von einem Freund den Stadtkern zeigen und wird Zeuge, wie ein Mädchen, das der Unzucht bezichtigt wird, auf der Ladefläche eines Wagens in der Stadt herumgezeigt und angeprangert wird. Zufällig erkennt er sie später als eine seiner Schülerinnen wieder und steigert sich mit ihr in eine platonische Liebe hinein.

Außerdem verliebt er sich - ebenso keusch - in eine Krankenschwester und in eine Amerikanerin, deren Mann in derselben Firma arbeitet wie er. Die Amerikaner - auch dies in Ägypten ein Gemeinplatz - sind böse und benutzen den gutgläubigen Ismail, um einen Betrug mit gefälschten Frachtpapieren zu decken. Er kommt dahinter, ist aber machtlos, und die Amerikaner reisen unbehelligt aus. Auch Ismail geschieht nichts. Wie ungerecht die Welt aber ist, zeigt sich am Schluß, wenn das Flugzeug, mit dem Ismail nach Ägypten heimfliegen will, kurz nach dem Start noch einmal zum Flughafen zurückkehrt, um den saudischen Behörden einen armen Ägypter auszuliefern, der einen Bruchteil des von den Amerikanern unterschlagenen Betrags aus dem Safe der Firma gestohlen hat.

Ibrahim Abdalmagid hat für das Buch in Ägypten den Nagib-Machfus-Preis bekommen, doch es ist eine Enttäuschung. Wer wissen will, was es heute heißt, nach arabischem Geschmack zu schreiben, findet hier freilich reichlich Stoff zum Vergleich der Mentalitäten. Würde der Held eines abendländischen Romans so oft an seine Mutter denken wie dieser Ismail, man müßte als Leser auf eine arge psychische Störung schließen. Im vorliegenden Fall jedoch bedeutet es nur, daß der Held als guter Mensch geschildert werden soll. Entsprechend rührselig verläuft der Abschied von der Familie in Alexandria (ob die vielen Tränen auch für die originelle Mischung aus neuer und alter Rechtschreibung verantwortlich sind?): "Ich sagte meiner Mutter, daß ich nach Kairo fahren würde. Sie weinte, aber ich musste fahren. Sanaa vergoß eine Träne, Baha drückte meine Hand, und ich ging mit feuchten Augen hinaus. Kein Abschied auf dieser Welt geht gut!"

Auch über das Gastarbeiterleben in Saudi-Arabien erfährt man wenig mehr, als daß es furchtbar langweilig ist und die Saudis unsympathisch sind. Wo der Erzähler als "glänzender Spiegel" konzipiert ist, bleibt kein Spielraum mehr für überraschende Perspektivierungen oder auch nur eine konsequente Subjektivität des Helden.

Abdalmagid ist im Zusammenhang mit den jüngsten Zensurmaßnahmen in Ägypten von seinem Posten als leitender Beamter im Kulturministerium zurückgetreten. Aber er gesteht den Mut zur eigenen Meinung, den er als Bürger hat, seiner Romanfigur nicht zu. Als Fazit bleibt die Erkenntnis, daß ein Verlag sich schwer vertun kann, wenn er sich bei der Auswahl arabischer Literatur für die Übersetzung allzu sehr davon leiten läßt, was dem arabischen Geschmack besonders schmeichelt.

STEFAN WEIDNER

Ibrahim Abdalmagid: Die andere Stadt. Roman. Aus dem Arabischen übersetzt von Mona Naggar. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000. 391 S., br., 44,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Stefan Weidner zeigt sich enttäuscht von diesem Band und merkt ernüchtert an, dass nicht jeder Roman, der die Geschmacksnerven eines arabischen Lesepublikums trifft, auch hierzulande als große Literatur gelten muss. Nicht nur, dass die Handlung nach Weidners Ansicht große Schwächen aufweist. Am meisten scheint ihn das Freund-Feind-Denken, gemischt mit einigen in Ägypten recht populären Klischees, zu stören. So sind Amerikaner "böse" und hinterlistig, während die Ägypter gutgläubig sind und unverschuldet in Schwierigkeiten geraten. Auch die äußerst ausgeprägt Mutterliebe des Protagonisten muss nach Weidner einem abendländischen Leser wie eine "arge psychische Störung" erscheinen. Etwas verwundert stellt der Rezensent fest, dass der Autor, der in seinem Land wegen seines "Muts zur eigenen Meinung" in erhebliche Schwierigkeiten geriet, gerade diesen Mut seinem Protagonisten nicht zugesteht.

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