Deutscher Geist und Judenhass - Brumlik, Micha
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Der Deutsche Idealismus fällt in eine Zeit der weltanschaulichen Neuorientierung. Der Zeitraum nach der Französischen Revolution war in Deutschland die Epoche der Judenemanzipation. Auf der anderen Seite ist es auch die Zeit eines aufkommenden neuen Antisemitismus, der in seiner späteren Hochphase ideologisch Bezug auf die großen deutschen Philosophen genommen hat. Vor diesem Hintergrund fragt Micha Brumlik nach dem Verhältnis der deutschen Idealisten zum Judentum. Die Spanne reicht von Kant, der die Erhabenheit des Gesetzes im Judentum bewunderte, aber Vorurteile gegenüber seinen jüdischen…mehr

Produktbeschreibung
Der Deutsche Idealismus fällt in eine Zeit der weltanschaulichen Neuorientierung. Der Zeitraum nach der Französischen Revolution war in Deutschland die Epoche der Judenemanzipation. Auf der anderen Seite ist es auch die Zeit eines aufkommenden neuen Antisemitismus, der in seiner späteren Hochphase ideologisch Bezug auf die großen deutschen Philosophen genommen hat. Vor diesem Hintergrund fragt Micha Brumlik nach dem Verhältnis der deutschen Idealisten zum Judentum. Die Spanne reicht von Kant, der die Erhabenheit des Gesetzes im Judentum bewunderte, aber Vorurteile gegenüber seinen jüdischen Bekannten hegte, über Fichte, dem ohne persönliche Leidenschaft argumentierenden Judenfeind, bis zu Marx, dem Juden unsympathisch blieben, obwohl er selber einer war. Auch Schleiermacher, dem viel an der Bekehrung seiner jüdischen Freundin Henriette Herz lag, Hegel, der sich für die politischen Rechte der Juden einsetzte und sich gegen die antisemitische Deutschtümelei wandte, und Schellin g, der ein hervorragender Kenner der Kabbala war, werden einbezogen. Brumlik zeichnet dieses von Hass bis Achtung reichende, hochkomplexe Verhältnis nach, das den Deutschen Idealismus stärker prägte, als bisher angenommen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
  • Seitenzahl: 351
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 550g
  • ISBN-13: 9783630880037
  • ISBN-10: 3630880037
  • Artikelnr.: 24295330
Rezensionen
Besprechung von 17.10.2000
Sechs Philosophen suchen einen Anwalt
Was hielt der deutsche Idealismus vom Judentum? Micha Brumlik beantwortet eine Gretchenfrage / Von Franziska Augstein

Von Luther zu Hitler? Vom Westfälischen Frieden zum staatlichen Antijudaismus? Von den deutschen Freiheitskriegen gegen Napoleon zu den Weltkriegen? Wo die deutsche Geschichte Eigenheiten zeitigte, dort wurden die Wurzeln für eine geistige Tradition vermutet, die zur deutschen Barbarei des zwanzigsten Jahrhunderts geführt habe.

Heutzutage wird die Judenvernichtung dem deutschen Idealismus nur noch von Leuten in die Schuhe geschoben, die sich aus einer - historisch verständlichen - Voreingenommenheit mit dem ersten Anschein zufriedengeben. Dazu zählen Autoren wie der verstorbene Antisemitismusforscher Léon Poliakov, der Sinologe und Eurozentrismuskritiker Martin Bernal sowie der amerikanische Historiker Paul Lawrence Rose, den Micha Brumlik gar nicht schätzt und ebendeshalb viel zu oft zitiert.

Bedauerlicherweise haben die idealistischen Philosophen es ihren nachgeborenen Anklägern ziemlich leicht gemacht: Vieles haben sie gegen das Judentum gesagt, was sich mit unserem Verständnis von Menschlichkeit oder aufgeklärter Toleranz nicht verträgt und jeden befremden muß, der davon hört. Wie sind diese Texte aber wirklich zu verstehen? Antwort gibt Brumlik, der die Äußerungen, die sechs berühmte Zeitgenossen à propos der Juden taten, im Kontext ihres Werkes, ihrer persönlichen und ihrer historischen Erfahrungen geprüft hat.

Was meinte Kant, wenn er "die Euthanasie des Judentums" für wünschenswert hielt? Was wollte Fichte, als er erklärte, die Juden könnten keine guten Bürger werden, es sei denn, man verfiele darauf, "in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen"? Worauf zielte Hegel ab, wenn er den "pedantisch-sklavischen Geist" der Israeliten wortreich beschrieb?

Um seinem Buch wahre Aktualität zu verleihen, tut Brumlik so, als könnte an der sogenannten Goldhagen-These etwas dran sein: Er gibt vor, für möglich zu halten, daß in Deutschland traditionell ein auf Vernichtung abzielender Antisemitismus geherrscht habe, dessen Ziele in der Nazizeit schließlich eingelöst worden seien. Diese künstliche Zuspitzung ist allerdings überflüssig. Denn erstens merkt der Leser alsbald, daß Brumlik selbst gar nichts davon hält, und zweitens würde seine Studie sowieso nicht dazu hinreichen, die These zu widerlegen. Zur Untersuchung einer Volksmentalität genügt die Betrachtung von sechs Denkern - Kant, Fichte, Hegel, Schleiermacher, Schelling und Marx - naturgemäß nicht.

Bleiben sechs Kapitel über sechs Denker, die in einer Zeit lebten, die noch nicht begriffen hatte, daß die Kluft zwischen dem allgemeinen Begriff und dem Individuellen groß ist und man sich im Hinblick auf die Menschen, die am Ende dafür geradestehen müssen, tunlichst zweimal überlegt, was man an Verallgemeinerungen so vorträgt. Soll heißen: Die stets geschichtsphilosophische - weil heilsgeschichtlich engagierte - Theologie und die idealistische Geschichtsphilosophie waren so fasziniert von der jahrtausendealten Gestalt des Judentums, daß sie - ohne Rücksicht gegen die lebenden Juden - drauflosphilosophierten und es damit allen Juden versagten, wie "normale" Menschen zu sein. Von heute aus gesehen, war nahezu jedermann, der sich damals über das Judentum als solches verbreitete, ein Antisemit.

Einer derjenigen, für die das nicht gilt, war der Theologe Johann Ludwig Ewald (1742 bis 1822), Geistlicher in Offenbach, der nicht nur die bürgerlichen Rechte für die Juden forderte, sondern auch dafür plädierte, daß sämtliche staatlichen Ämter ihnen offenstehen müßten. Ewalds wortmächtige, menschennahe und psychologisch einfühlsame Schriften über die Juden, die der Heidelberger Manutius-Verlag in seiner Reihe "Exempla Philosemitica" herausgibt, gehören zu den wichtigen Dokumenten der Zeit. An ihnen läßt sich ablesen, besser als an den Werken der spekulierenden Philosophen, wie aufgeklärt und vorurteilsfrei, wie modern Aufklärungsdenker tatsächlich sein konnten.

Hinter dem Beispiel, das Ewald setzte, bleiben fünf von Brumliks Hauptdarstellern allein schon deshalb zurück, weil es ihnen weniger um die Juden ging als darum, sich vom Judentum einen Begriff zu machen. Brumlik teilt seine sechs Philosophen in zwei Sorten: Kant, Hegel und Schelling sind in seinen Augen gerechtfertigt. Für die antijüdischen oder antisemitischen Äußerungen von Fichte, Schleiermacher und Marx hingegen findet er keine gute Entschuldigung.

Das Judentum konnte es den meisten Aufklärungsdenkern schlechterdings nicht recht machen. Denn insofern es ein Volk war, wurde es des Partikularismus, der Asozialität, des übersteigerten Individualismus gescholten. Und insofern das Judentum Religion war, wurde es für abergläubisch erklärt und von antireligiösen Zeitgenossen auf den Müllhaufen beziehungsweise in die Urgründe der Geschichte verwiesen. Das Judentum war ein "unverweslicher Leichnam" (Schleiermacher), geprägt durch "geistige Nichtexistenz", "Todtseyn" und "Begrabenseyn" (Fichte). Während die meisten Aufklärungsdenker sich klüglich mit Kritik am Christentum zurückhielten, bezichtigten sie statt seiner das Judentum um so gnadenloser. "Deutscher Geist und Judenhass" handelt unter anderem davon, wie die Juden jener Zeit dafür büßten, daß die christliche Weltsicht in Frage gestellt wurde.

In Brumliks Darstellung nimmt sich die Epoche von Aufklärung und Emanzipation wie eine Zeit der Zwänge aus, die eigentlich mehr behauptete, sich frei zu äußern, als daß sie es getan hätte. Sei es, weil die Obrigkeiten dergleichen nicht duldeten, so daß ein Voltaire auf die Juden schimpfte, wenn er zuallererst die katholische Kirche meinte. Sei es, weil die aufgeklärten Autoren das Christentum, das sie so ideenreich analysierten, immer noch im Herzen trugen, wie es Brumlik zufolge zum Beispiel Kant erging. Sei es, weil ihr Verhältnis zum Christentum durch und durch verquast war, so daß sie ihr mangelndes Bekenntnis zur überkommenen christlichen Doktrin damit kompensierten, daß sie das Judentum verteufelten, wie Johann Gottlieb Fichte es tat.

Weil die Aufklärungsdenker darauf drangen, Staat und Religion zu trennen, war ihnen das Judentum suspekt, das seine weltlichen Gesetze von Gott am Berge Sinai empfangen hatte. "Staat im Staate" wurden die Juden genannt (so etwa von Fichte). Der Vorwurf war zugleich Sanktion: Erst wurden die Juden diskriminiert und dann auch noch für ihre Absonderung bestraft, indem der Staat ihnen die bürgerlichen Rechte vorenthielt. Und damit nicht genug, wurde ihnen vorgehalten, daß sie es nicht anders wollten. Sie galten als "Vampyre der Gesellschaft" (Kant), freundlicher ausgedrückt waren sie "mit der Kraft großer Individualität versehen" (so der Diplomat Christian Carl Josias Bunsen).

In eine ähnlich paradoxe Zwangslage geriet das Judentum auch in der Argumentation von Friedrich Schleiermacher, der den jüdischen Messianismus für eine böse Sache hielt, weil er Zukunftssehnsucht über das irdische Gemeindeleben setze: Die Juden hätten es sich denn auch gern gefallen lassen, daß sie nur Handel und Geldhandel treiben durften, fand Schleiermacher, "da diese Beschäftigungen am wenigsten an den Boden feßeln, und die schnelle Verpflanzung des Eigentums in entfernte Gegenden ganz vorzüglich erleichtern".

Ganz schlimm wurde es, wenn diese halb theologischen, halb quasisoziologischen Argumente mit der deutsch-idealistischen Variante von der Geschichte der Weltalter vermengt wurden. Den national bewegten Autoren stellte sich das Judentum als eine niedere historische Stufe dar, die überwunden werden mußte, damit die reine Moral im christlichen Germanentum zu sich kommen konnte.

Man mußte schon fest im konventionellen Christentum verankert sein, um den Juden nachzusehen, daß sie keinen eigenen Staat hervorbrachten. "Denn so schlaff zeigte sich dies Volk", schrieb Friedrich Wilhelm Schelling, "daß es nicht einmal sein Land erobern konnte, obwohl mit göttlichem Befehl." Diese jüdische Schlaffheit hatte freilich auch ihr Gutes: Brumlik schildert Schelling als einen Mann, der mit dem Christentum so sehr im reinen war, daß er die Schöpfung in Anlehnung an die Kabbala als das beschreiben konnte, was nach dem zimzum, der "Kontraktion" Gottes, übrigblieb. Aus dem gleichen Grund habe er die Rolle der Juden als auserwähltes Volk mit ihrer Unfähigkeit zur Staatlichkeit erklären können: Eben weil sie keinen eigenen Staat hatten, waren sie in Schellings Augen das auserwählte Volk, mit der historischen Aufgabe versehen, zum "Träger der göttlichen Geschichte" zu werden und als Vermittler "verschiedenen Nationalitäten" zu helfen, "sich zur Menschheit gehoben, einig und glücklich" zu fühlen. Brumlik mag Schelling dafür. Er schreibt: "Positiveres über die Juden, nicht nur philantropisch zu ihren Gunsten und Rechten, hatte die Philosophie des Deutschen Idealismus vorher und später nicht zu sagen."

Micha Brumliks Argumente sind klarer als sein Satzbau, der den Leser mitunter verwirrt. Klare Sätze waren allerdings auch nicht immer die Stärke der idealistischen Philosophen. Und im spekulativen Denken tut Brumlik es seinen sechs Figuren nach. Insbesondere seine Hegel-Exegese ist aufsehenerregend und plausibel vorgetragen. Sie läuft darauf hinaus, daß Hegel die Dialektik von Herr und Knecht anhand der Beziehung der biblischen Israeliten zu ihrem Gott entworfen habe.

Es sei unzweifelhaft, schreibt Brumlik am Ende, daß "die idealistische Tradition das moderne Judentum und seine Kultur wie kaum eine andere geistige Strömung geprägt hat". Umgekehrt bedauert er, daß die nichtjüdischen Deutschen sich nicht für das Judentum interessiert hätten, und erwägt, "wie Gerschom Scholem" zu dem Schluß zu kommen, "daß die sogenannte deutsch-jüdische Symbiose eine höchst einseitige Angelegenheit war, in der die Juden der deutschen Kultur all ihre Liebe gaben, ohne je auf Erwiderung hoffen zu dürfen". Ist das wirklich so? Sollten all die deutsch-jüdischen Wissenschaftler, die Denker, die Künstler von ihrer nichtjüdischen Umwelt unverwandt ignoriert worden sein? Wenn Brumlik das vorschlägt, nachdem es ihm sechs Kapitel lang gelungen ist, weder nach der einen noch nach der anderen Richtung hin aus Vorbehalten zu reden, dann fischt er nach Widerspruch. Nach der Lektüre dieses anregenden Buches leistet man diesen Dienst um so lieber: Man kommt also wie Sesemi Weichbrodt, die alte Lehrerin der Toni Buddenbrook, am Tisch in die Höhe, so hoch man nur kann, stellt sich auf die Zehenspitzen, reckt den Hals, pocht auf die Platte und ruft, mit zitternder Haube: Es ist nicht so!

Micha Brumlik: "Deutscher Geist und Judenhass". Das Verhältnis des philosophischen Idealismus zum Judentum. Luchterhand Verlag, München 2000. 351 S., geb., 48,- DM.

Johann Ludwig Ewald: "Projüdische Schriften aus den Jahren 1817 bis 1821". Hrsg. von Johann Anselm Steiger. Manutius-Verlag, Heidelberg 2000. 152 S., geb., 58,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Franziska Augstein stellt seine Bücher vor, die vom Verhältnis des deutschen Idealismus zum Judentum handeln:
1) Micha Brumlik: "Deutscher Geist und Judenhass"
Dieses Buch - Micha Brumliks Antwort auf die Frage: "Was hielt der deutsche Idealismus vom Judentum?" - hält die Rezensentin für anregend und in der Argumentation klar strukturiert, nur der Satzbau hat sie gelegentlich verwirrt. Inhaltlich erkennt sie eine unnötige "künstliche Zuspitzung" in Brumliks heuristischer Aneignung der Goldhagen-These, "denn erstens merkt der Leser alsbald, dass Brumlik selbst gar nichts davon hält, und zweitens würde seine Studie sowieso nicht dazu hinreichen, die These zu widerlegen." Kant, Fichte, Hegel, Schleiermacher, Schelling und Marx zu betrachten, ergibt noch kein Bild der Volksmentalität, so Augstein.
2) Johann Ludwig Ewald: "Projüdische Schriften aus den Jahren 1817 bis 1821"
Den "sechs Kapiteln über sechs Denker" bei Brumlik stellt die Rezension - gewissermaßen als Antithese - die Schriften des Theologen J. L. Ewald gegenüber. Der Name der Reihe, in der diese von Augstein als "wortmächtig, menschennah und psychologisch einfühlsam" beschriebenen Schriften erschienen sind, ist naturgemäß Programm: "Exempla Philosemitica". Besser noch als die spekulierenden Philosophen, findet die Rezensentin, lässt Ewald erkennen, wie vorurteilsfrei und modern Aufklärungsdenker tatsächlich sein konnten.

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