Der traurige Patriot - Beck, Ralf
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Als Staatsdienst, den Sebastian Haffner mit journalistischen Mitteln geleistet hat, versteht Ralf Beck das Lebenswerk des anregendsten Publizisten der Bundesrepublik Deutschland. Im vorliegenden Band über Haffner und die Deutsche Frage beleuchtet Beck die Grundgedanken und Wertmaßstäbe des Publizisten. Thematisiert werden Haffners politische Positionen als Kalter Krieger, Wiedervereiniger, Vordenker der Brandtschen Ost- und Deutschlandpolitik sowie als Bewahrer des deutschen und europäischen Nachkriegs-Status-quo. Haffners außerordentliches schriftstellerisches Können wird anhand von über…mehr

Produktbeschreibung
Als Staatsdienst, den Sebastian Haffner mit journalistischen Mitteln geleistet hat, versteht Ralf Beck das Lebenswerk des anregendsten Publizisten der Bundesrepublik Deutschland. Im vorliegenden Band über Haffner und die Deutsche Frage beleuchtet Beck die Grundgedanken und Wertmaßstäbe des Publizisten. Thematisiert werden Haffners politische Positionen als Kalter Krieger, Wiedervereiniger, Vordenker der Brandtschen Ost- und Deutschlandpolitik sowie als Bewahrer des deutschen und europäischen Nachkriegs-Status-quo. Haffners außerordentliches schriftstellerisches Können wird anhand von über 2.000 zeitgeschichtlichen und journalistischen Artikeln, Kolumnen, Essays, Büchern und Interviews herausgearbeitet, komplexe politische Fragen verständlich erörtert. Mit umfangreicher Bibliographie zum Thema.
  • Produktdetails
  • Berliner Beiträge zur Zeit- und Mediengeschichte
  • Verlag: be.bra verlag
  • Seitenzahl: 367
  • Erscheinungstermin: Februar 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 136mm x 35mm
  • Gewicht: 560g
  • ISBN-13: 9783937233185
  • ISBN-10: 3937233180
  • Artikelnr.: 13890414
Autorenporträt
Ralf Beck, Jahrgang 1961, studierte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Geschichte und Latein. Seit 1988 Lehrtätigkeit in verschiedenen Privatschulen, seit Sommer 1991 Lehrer am Gerhart-Hauptmann-Gymnasium in Zwickau.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.07.2006

Herr der Karten
Haffner und die Deutsche Frage

Die wechselnden Positionen Sebastian Haffners in der Deutschen Frage sind das Thema dieses Buches. Damit ist nicht die Erörterung der deutschen Teilung zwischen 1945 und 1990 gemeint. Für Haffner ging es immer um mehr, um die Position des Deutschen Reiches, später der Bundesrepublik, in den jeweiligen europäischen Friedensordnungen. Er hielt Deutschland in Europa und der Welt immer für gefährdet, weil es international auf dem Kontinent keinen festen Platz fand. Die Deutsche Frage, erklärte er 1985, sei die Frage, wie Deutschland organisiert werden könne, so daß es international annehmbar sei. Ralf Beck zeichnet die Entwicklung des Haffnerschen Denkens von den späten dreißiger bis in die frühen neunziger Jahre detailliert und einfühlsam, aber nicht unkritisch nach. Wenn Haffner zum Beispiel in den sechziger Jahren auf (vermeintliche) Gefährdungen der Demokratie, auf autoritäre Anfälligkeiten hochsensibel reagiert habe, sei das "überzogen und ungerecht" gewesen. Beck spricht von "übertriebenen Befürchtungen, maßlosen Vergleichen und hemmungslosen Attacken". Immer wieder habe sich Haffner "gezielte Übertreibungen" geleistet.

Angesichts der wiederholten Positionswechsel Haffners fragt sich der Autor, ob man sogar von Opportunismus sprechen müsse. So habe der "Rheinische Merkur" im Mai 1964 von einem Podiumsgespräch berichtet, in dem Haffner auf die Frage eines Journalisten über sich selbst gesagt habe: "Sie werden lachen, ich bin ein Opportunist." Beck meint: "Staatenbund und Bundesstaat, machtstaatlicher und paneuropäischer Lösungsansatz für die Deutsche Frage, Gleichgewicht und Hegemonie, patriotische Loyalitäten zu Preußen, zu Deutschland und zu England und wie Haffners Denkkategorien seit den frühen vierziger Jahren heißen mochten: Für den politischen Journalisten Haffner - wie für den Politiker Bismarck, dem er diesen Zug zuschrieb -, waren das alles Karten in einem Spiel, die er aufnahm, ausspielte oder wegwarf, je nachdem, wie er sie gerade brauchen konnte."

Die jeweiligen Positionen über ein halbes Jahrhundert hinweg faßt Beck mustergültig zusammen, skizziert dann den politischen Denker und schließt mit der Bilanz, die sich auch im Titel des Buches wiederfindet: ein trauriger Patriot. War er das? Beck betont, er folge einer Selbstcharakterisierung Haffners. Im Herbst 1981 habe dieser bei einem Hörfunkgespräch anläßlich der erneuten Veröffentlichung seines Buches "Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches" seinen Kritikern entgegnet, er müsse sich gegen den Vorwurf verwahren, daß er den Deutschen einen Sündenspiegel vorhalte. "Wer das Buch liest, wird merken, daß da kein moralischer Zeigefinger und keine Verurteilung ist; es ist, wenn ich es sagen darf, das Buch eines traurigen Patrioten." Nach Becks Überzeugung war Haffner ein deutscher Patriot (nur zwischendurch ein englischer), der bei der Lösung der Deutschen Frage Spielräume im deutschen Interesse zu nutzen versuchte - im Sinne deutscher Staatsvernunft, einem Begriff, der in seinem Denken eine zentrale Rolle spielte. In der internationalen Politik waren für ihn Handlungsträger nur Staaten und ihre Regierungen, neben denen sich internationale Organisationen wie "flüchtige Luftgebilde" ausnahmen (was nicht ausschloß, daß er zeitweilig behaupten konnte, Nato und Europäische Gemeinschaft seien inzwischen von staatsähnlicher Verbindlichkeit). Er hielt staatliche Selbsterhaltung für das höchste Gebot der Vernunft: Jeder Staat mache unabhängig von seinem Wirtschafts- und Regierungssystem die Politik, die seinen Interessen oder vermeintlichen Interessen entspreche. Das gelte für kommunistische wie kapitalistische Staaten. Alle anderen Behauptungen seien Phrasen oder Unsinn. Ideologien seien hauptsächlich Einkleidungen für Machtpolitik.

Für ein solches Denken mußte die Außenpolitik Gorbatschows, des neuen KPdSU-Generalsekretärs, völlig unverständlich sein. Haffner betrachtete sie mit einer Mischung aus Gereiztheit und Verachtung. Er war ehrlich bestürzt, als die Wiedervereinigung Deutschlands auf die Tagesordnung kam. Denn er argwöhnte, daß die Deutschen "eine Art 1890" vor sich hätten, "die Zeit, als Bismarck ging und die politische Großmannssucht ausbrach". Er war unsicher, ob die Deutschen nicht erneut vom nationalen Größenwahn gepackt würden. Er fürchtete, daß die bekannte Maßlosigkeit der Deutschen und die angebliche "Übergröße" ihres wiedervereinigten Landes Unheil heraufbeschwören werde, hielt die polnische Westgrenze auf längere Sicht für gefährdet. Wenn man nun wieder ein Staat von achtzig Millionen sei, fange man auch wieder an, sich als Großmacht zu fühlen, und halte die verlorenen Ostgebiete vielleicht für einen unerledigten Posten. "Das waren doch alles sehr schöne Länder."

Haffner verlor nach 1989/90 die Überzeugung, daß die Deutschen aus der Geschichte gelernt hätten. Wenn sie so nett und bescheiden geworden seien, war das nach seiner Überzeugung weniger eine Folge des Traumas von 1945 - dessen heilsamen Lerneffekt er publizistisch hatte vertiefen wollen -, sondern eine Folge der Teilung, die jetzt überwunden war. In dunklen Stunden fragte er sich, ob er im Leben überhaupt etwas gemacht habe, worauf er stolz, womit er zufrieden sein dürfe. Seine Bücher hielt er zwar immer noch für eine unterhaltende und nützliche Lektüre, aber nicht für klassische Werke. "Hatte er umsonst gelebt? Das, was er politisch gewollt hatte, eine dauerhafte Lösung der Deutschen Frage, war in seinen Augen 1990 gescheitert."

ARNULF BARING

Ralf Beck: Der traurige Patriot. Sebastian Haffner und die Deutsche Frage. Be.bra Wissenschaft Verlag, Berlin 2005. 368 S., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Gelungen scheint Arnulf Baring Ralf Becks Arbeit über die wechselnden Ansichten des berühmten Publizisten Sebastian Haffner zur Deutschen Frage. Er würdigt Becks Darstellung des politischen Denkens Haffners von den späten dreißiger bis in die frühen neunziger Jahre als "detailliert und einfühlsam, aber nicht unkritisch". Angesichts der Positionswechsel Haffners frage der Autor etwa, ob dieser vielleicht ein Opportunist gewesen sei. Letztlich aber charakterisiere er Haffner als "traurigen Patrioten". Eine Einschätzung, die Baring eher zurückhaltend betrachtet. Nichtsdestoweniger findet er Becks Beschreibung der unterschiedlichen Positionen Haffners einfach "mustergültig".

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