Der Stoff des Schreibens - Goldschmidt, Georges-Arthur

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Rezensionen
Besprechung von 13.10.2006
Warum sprach Freud deutsch?
Rettung und Résistance: Essays von Georges-Arthur Goldschmidt

Über die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede der beiden Sprachen Deutsch und Französisch gibt es wunderbare Bücher - die besseren haben meistens deutschsprachige Verfasser. Ihrer faszinierten Affinität zur französischen Literatur, Kultur und Zivilisation erschließen sich die Besonderheiten des Französischen augenfälliger als den Franzosen selber. Das Lob auf sie ist eine Spezialität der deutschen Romanistik; englische Frankreich-Experten - die wie Theodor Zeldin eher dem Historischen und Gesellschaftlichen zugeneigt sind - entdecken und schätzen ganz andere Aspekte.

Nochmals anders verhält es sich mit Georges-Arthur Goldschmidt, jüdischer Herkunft, deutsch geboren, französisch erzogen. Goldschmidt ist Germanist, aber in der französischen Germanistik ein Außenseiter geblieben und der irrationalen Deutschtümelei vieler seiner etwas verwirrten Kollegen in Paris absolut feindlich gesinnt. Georges-Arthur Goldschmidt ist aber auch Schriftsteller. Dazu ist er erst relativ spät durch die Beschäftigung mit seinen beiden Sprachen und seinem Schicksal geworden. Er hat Handke übersetzt, und Handke hat Goldschmidt übersetzt. Er schrieb französisch und schreibt inzwischen auch deutsch - wenn er in der ersten Person schreibt.

Seit seinem genialen Buch "Als Freud das Meer sah" hielt man das Thema der deutsch-französischen Sprachbetrachtung auf längere Zeit hinaus für erschöpft. Das ist nicht lange so geblieben. Der Superschnellzug TGV hat die fünfhundert Kilometer zwischen Paris, wo Goldschmidt lebt, und Lyon auf zwei Stunden schrumpfen lassen. 1996 und 1997 hielt Georges-Arthur Goldschmidt - den man in Paris aus unerfindlichen Gründen noch immer nicht ans Collège de France berufen will - in der Villa Gillet auf dem Hügel über der Stadt freie Vorlesungen zum Thema Muttersprache und Lebenssprache. Der Blick auf Rhône und Saône, die ihre Schleifen durch Lyon ziehen, hat ihm die "Zweiflüssigkeit" der Sprachen erschlossen.

Unter dem Titel "Der Stoff des Schreibens" bringt der Verlag Matthes & Seitz in Berlin die Niederschriften dieser Vorträge, die auf französisch bislang nicht gedruckt wurden, heraus - in der Übersetzung von Klaus Bonn, dem der Verfasser bei dieser schier unlösbaren Aufgabe geholfen hat.

Wie die Flüsse mäandern in diesem herrlichen Buch die Gedanken und Überlegungen. Es ist ein ästhetischer und intellektueller Genuß, ihrem Fließen und ihren Nebenflüssen zu folgen. Eine Theorie, ein System ergibt sich aus dieser ebenso lockeren wie tiefschürfenden Sprachbetrachtung nicht. Wer über die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede beider Sprachen alles schon einmal aufgesogen zu haben glaubt, wird von Goldschmidt mit neuen Einsichten überrascht, wie sie nur der zweisprachige Schriftsteller und Sprachwissenschaftler im ewigen Dilemma formulieren kann. Unterschiede gibt es schon beim Anfang, beim Ansatz: "Das Schreiben setzt im Deutschen, zum Beispiel, nicht so an wie im Französischen. Es macht sich auf verschiedene Weise an die Arbeit. Man fängt nicht auf dieselbe Art in den beiden Sprachen an, aber eine derartige Beschreibung in der einen in Gang gebracht zu haben verhindert für immer das Wissen darum, wie man es in der anderen angestellt hätte." Und das wird dann auch noch mit der "Lautlinie" der Sprache, ihrer historischen Entwicklung und dem politischen Kontext begründet.

Auf Freud bezogen, bedeutet dieser Befund: Mit Französisch als Muttersprache hätte er die Psychoanalyse nicht erfinden können. Oder sie wäre ganz anders geworden. Sie ist durch und durch in der deutschen Sprache angelegt und verwurzelt. Man kann das nicht nur am Vokabular nachweisen, dem im Französischen zentrale Begriffe fehlen - Begriffe wie "Verdrängung", die mit "Ver-" beginnen.

In seiner Studie "Als Freud das Meer sah" hatte Goldschmidt dazu alles Wesentliche bereits gesagt. Die Fortsetzung (Untertitel: "Freud und die deutsche Sprache II") nimmt die verschiedenen Stränge noch einmal auf. Das geht nicht ohne Wiederholungen ab. Goldschmidt fällt zusehends seinem politischen Eifer zum Opfer, den man bewundert, den man versteht: "Das ganze Werk Freuds scheint sich mit dem Unnennbaren auseinanderzusetzen, dessen Verwirklichung Auschwitz werden sollte, was aber damals noch nicht zu ermessen war, sondern erst heute, im nachhinein." Nochmals wird auch der Prozeß gegen Heidegger aufgerollt.

Heideggers Einfluß in Frankreich bleibt für Goldschmidt das große Ärgernis seines Lebens, eine eigentliche Obsession. Man macht darin historische und existentielle Gründe aus. Vielleicht müßte man die Konstellation auch einmal aus einer sprachphilosophischen Perspektive angehen. Ohne dem Resultat vorgreifen zu wollen und ohne dem Autor und seiner existentiellen Erfahrung zwischen deutscher Barbarei und französischem Heil Unrecht tun zu wollen, darf man den großen Themen in seinem zweiten Buch überFreud die freieren Gedanken, die unkontrollierteren Formulierungen im "Stoff des Schreibens", der auch jener seines Lebens und Lesens ist, vorziehen.

Franzosen verdankte das Kind einer jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Hamburger Familie sein Überleben in einem "verrückten Internat" in Hochsavoyen. Deshalb begreift man, wenn für Goldschmidt, der sich dieses Überleben nie verziehen hat und auch nach großartigen autobiographischen Werken noch immer nicht verzeihen kann, "das Französische nun einmal an die Idee der Rettung und der Résistance geknüpft ist". Aber sein letztes Wort ist damit wohl doch noch nicht gesagt.

JÜRG ALTWEGG

Georges-Arthur Goldschmidt: "Der Stoff des Schreibens". Aus dem Französischen übersetzt von Klaus Bonn unter Mitwirkung des Verfassers. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2005.169 S., geb., 19,80 [Euro].

Georges-Arthur Goldschmidt: "Freud wartet auf das Wort". Freud und die deutsche Sprache II. Aus dem Französischen übersetzt von Brigitte Grosse. Ammann Verlag, Zürich 2006. 248 S., geb., 22,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Mit gemischten Gefühlen bespricht der mit "Id" zeichnende Rezensent die vorliegenden Essays, die auf einer Reihe von poetologischen Vorträgen basieren, die Georges-Arthur Goldschmidt - seines Zeichens kultureller Grenzgänger zwischen Deutschland und Frankreich - 1996 und 1997 in Lyon hielt. Sehr anregend findet der Rezensent, wie die zu "weiträumigen" Essays ausgearbeiteten Vorträge "eine Vielzahl von Fragestellungen" aufwerfen, "zum Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit, Sprache und Wahrheit, Sprache und Sprechen, Sprechen und Schreiben, Schreiben und Übersetzen". Doch beklagt der Rezensent auch eine "riskante stilistische Gemengelage", die wohl auch auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass Goldschmidt auf eine Vielzahl von persönlichen Erlebnissen, die direkt mit dem bearbeiteten Thema zusammenhängen, zurückblicken könne und diese auch in seine Erörterungen miteinbeziehen wolle. Und so verquicke sich Erzählerisches und Essayistisches, Aphoristisches und allzu Allgemeines zu einem "eigentümlichen Diskurs", der durch das stark französisch schmeckende Deutsch der Übersetzung noch ein bisschen an Eigentümlichkeit dazugewinne.

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