Produktdetails
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  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • 2004
  • ISBN-13: 9783351030230
  • ISBN-10: 3351030231
  • Best.Nr.: 12796974
Rezensionen
Besprechung von 08.09.2004
Studieren geht über probieren
Angewandte Orientalistik: Barbara Frischmuths Ehebruchroman

In Barbara Frischmuths neuem Roman steckt eine Geschichte, die man gerne lesen würde: von einer Frau, die nach fünfzehnjähriger Ehe nicht an deren Langeweile oder der Ärmlichkeit der Verhältnisse erstickt, sondern an ihrer bedingungslosen Liebe. Sie verordnet sich eine Radikalkur. Sie bricht den "Pakt", den sie mit ihrem Mann geschlossen hat - Inhalt: ihn niemals zu verlassen -, taucht unter, wirft sich dem erstbesten Mann an den Hals, und das alles, "um wieder fühlen zu können".

Anna, von der es heißt, sie sei wunderschön, klug, herzbetörend, besitze ein glückliches Temperament, eine echte Superfrau also, hat eines Türken wegen, der aus politischen Gründen seine Heimat verließ, ihr Studium aufgegeben und ist mit Ali aus Berlin in ein Provinznest ihrer österreichischen Heimat zurückgekehrt. Um sich und ihre zwei Kinder durchzubringen, arbeitet das Paar in Wirtshäusern als Bedienung. Zum Personal des Romans gehören eine pensionierte, Anna in Liebe zugetane Lehrerin, laut Selbstcharakterisierung verfressen und faul und daher lebensgefährlich fett; Annas noch immer mannstolle Mutter, eine feministisch angehauchte Betriebsnudel, die es in Berlin zur Betriebsrätin gebracht hat; sowie Inimini, die heranwachsende Tochter, die pubertär zwischen Enthusiasmus für Kopftuch und Koran und dem Wunsch, Zoodirektorin zu werden, schwankt, die indessen trotz aller Teenager-Verstiegenheit die vernünftigste und sympathischste Person ist, welche die Autorin dem Leser vorführt.

Lebensstoff also, multikultihaft gefärbt. Und wie häufig bei Barbara Frischmuth sind es Frauen, durch deren Brille die Welt betrachtet wird. In abwechselnden Kapiteln, die ihnen als Ich-Erzählerinnen in den Mund gelegt sind, berichten sie mehr als die Hälfte des Buchs von ihren wenig interessanten Lebensumständen. Anna, die Verschwundene, kommt darin vor, aber richtig sichtbar wird sie sowenig wie ihr Mann Ali, der nachts, wenn er nicht kellnert, Gedichte schreibt und musiziert.

Nur einem Mann ist eine Stimme gegeben, Annas Liebhaber. Ein Name indessen ist ihm nicht vergönnt. "Ein Gott, ein Engel, ein Dämon", so setzt sein Auftritt ein. Vielleicht sähe sich der Fotograf M., ein verdruckster Durchschnittsmann, gern in diesem Licht. Der wunderbaren Anna ist er nicht gewachsen. Als sie ihm die Wahrheit erzählt von ihrer seelischen Erstarrung, der Suche nach sich selbst, schlägt er sie zusammen. Lebensgefährlich verletzt, entrinnt sie dem Souterrain eines einsam gelegenen Abbruchhauses, in dem sie zwei Monate lang freiwillig sich selbst bestraft hat. Frischmuth hüllt die seltsame Frau in eine Aura des Geheimnisses. Aber hat sie überhaupt eines? Ihr ist keine Sprechrolle zugedacht, nur wenige direkte Sätze sind ihr in den Mund gelegt. M., der sich am meisten mit ihr befaßt, zitiert sie fast stets indirekt.

Die Sprache freilich ist das Fragwürdigste an diesem Roman. Die Rollenprosa macht die Protagonisten flach, sie sind das, was sie reden. Das ist nicht nur belanglos, trivial, vulgär, sondern wird durch Jargonhaftigkeit und einen von Klischees und abgenutzten Redensarten durchsetzten Munterkeitston auf weite Strecken schier unerträglich. Dagegen kommen selbst die guten Eigenschaften der alten Schwatzbasen, die hilfsbereite Zuwendung zum Nächsten, kaum an.

Vielleicht hatte Frischmuth die Absicht, Annas Besonderheit durch den Kontrast mit den Banalitäten des Alltags hervorzuheben. Diese Rechnung aber geht nicht auf. Der Schnodderton legt sich wie ein Mehltau über alle Ernsthaftigkeit. Niemals erlangt die Sprache Glanz, im Gegenteil. Verunglückte Vergleiche, überflüssige Füllwörter, falsche Konjunktive bei der Wiedergabe indirekter Reden durchziehen den Text.

Anna kehrt, obwohl ihr eine "engelhafte Dimension" nachgesagt wird, nicht zu Ali zurück, an dem sie sich "überfreut" hat, wie sich jemand an einem guten Essen überißt, sondern plant statt dessen, ihr abgebrochenes Studium der Orientalistik wiederaufzunehmen. Also kein Liebes- und Ehedrama, sondern eine "Emanzipationstragödie", wie der larmoyante Schläger M. vermutet? Schade, daß Frischmuth dieses Rätsel nicht aufklärt.

RENATE SCHOSTACK.

Barbara Frischmuth: "Der Sommer, in dem Anna verschwunden war". Roman. Aufbau-Verlag Berlin 2004. 367 S., geb., 18,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Renate Schostack war guten Willens, kann aber mit diesem Roman nichts Rechtes anfangen. Er ist ihr zu geheimniskrämerisch, einerseits, und andererseits zu banal. Da ist eine Frau, als engelsgleich beschrieben, die aus der Enge ihrer glücklichen (!) Ehe entflieht und sich eine "Radikalkur" der Selbstverletzung auferlegt hat, bei der ein brutaler Liebhaber eine Rolle spielt. Anna, so heißt die unglücklich Glückliche, kommt kaum selbst zu Wort, andere Figuren - lauter Frauen und der "larmoyante Schläger", dem sie sich hingibt - erzählen über sie. Und so, schreibt Schostack, berichten sie dann Seite um Seite von "ihren wenig interessanten Lebensumständen". Doch am wenigsten hat der Rezensentin die Sprache zugesagt: "Die Rollenprosa macht die Protagonisten flach, sie sind das, was sie reden. Das ist für Schostack nicht nur "belanglos, trivial, vulgär", sondern wird durch Jargonhaftigkeit und einen von Klischees und abgenutzten Redensarten durchsetzten Munterkeitston auf weite Strecken schier unerträglich." Kein Glanz, und deshalb bleibt eine gute Geschichte im Verborgenen.

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