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Eine neue Perspektive auf die Transformation der ÖffentlichkeitDie Geschichte der Moderne wird gerne als eine Bewegung erzählt, die von der sogenannten »Hochkultur« ausging, von Philosophie oder Dichtung, von Traktaten und Romanen. Ethel Matala de Mazza zeigt hingegen, dass die »populären Formen« einen ebenso großen Anteil am Durchbruch der Moderne hatten. Indem sie sich Genres wie Operette oder Feuilleton und ihren sozialen Einsätzen und ästhetischen Verfahren widmet, gelingt es ihr, das Politische im Populären zu finden und zu analysieren, wie diese Formen darauf antworten. Entstanden ist…mehr

Produktbeschreibung
Eine neue Perspektive auf die Transformation der ÖffentlichkeitDie Geschichte der Moderne wird gerne als eine Bewegung erzählt, die von der sogenannten »Hochkultur« ausging, von Philosophie oder Dichtung, von Traktaten und Romanen. Ethel Matala de Mazza zeigt hingegen, dass die »populären Formen« einen ebenso großen Anteil am Durchbruch der Moderne hatten. Indem sie sich Genres wie Operette oder Feuilleton und ihren sozialen Einsätzen und ästhetischen Verfahren widmet, gelingt es ihr, das Politische im Populären zu finden und zu analysieren, wie diese Formen darauf antworten. Entstanden ist eine neue Geschichte der Transformation der Öffentlichkeit durch populäre Formen, in denen soziale Poetik und ästhetische Soziologie verschränkt werden - und die unmittelbar mit dem Schicksal dessen verknüpft sind, was nun »Gesellschaft« heißt.
  • Produktdetails
  • Fischer Wissenschaft
  • Verlag: S. Fischer
  • Artikelnr. des Verlages: 1021308, 22986
  • Seitenzahl: 479
  • Erscheinungstermin: Dezember 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 134mm x 40mm
  • Gewicht: 579g
  • ISBN-13: 9783103972344
  • ISBN-10: 3103972342
  • Artikelnr.: 49539915
Autorenporträt
Matala de Mazza, Ethel§Ethel Matala de Mazza studierte Neuere Deutsche Literatur, Philosophie, Linguistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Bochum, Paris I (Panthéon-Sorbonne) und München. Nach der Promotion arbeitete sie am Institut für Deutsche Philologie der Universität München, nahm anschließend Gastprofessuren in Chicago und Harvard an und wurde dann Professorin für Kulturtheorie und kulturwissenschaftliche Methoden an der Universität Konstanz. Seit 2010 ist sie Professorin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin. Im S. FISCHER Verlag sind von ihr »Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas« (2007, zusammen mit Th. Frank, A. Koschorke und S. Lüdemann) und »Der populäre Pakt. Verhandlungen der Moderne zwischen Operette und Feuilleton« (2018) erschienen.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.01.2019

Was hat Cancan mit der Eisenbahn zu tun?

Von kleinen Formen angeregt: Ethel Matala de Mazza spürt der Rolle von Feuilleton und Operette in der Moderne nach.

Die Literatur der Nicht-Leser", schrieb der Journalist Hans Siemsen 1926, "ist die gelesenste Literatur der Welt." Siemsen dachte an zeitgenössische Schlager wie "Ausgerechnet Bananen". Ethel Matala de Mazza macht mit Zitaten wie diesem darauf aufmerksam, dass in unserer Massendemokratie noch lange nicht der ästhetische Massengeschmack zum Ideal erhoben wurde, die populärsten Genres keineswegs die höchst angesehenen sind. Auch wenn Adornos Verdikt gegen die Kulturindustrie an Schlagkraft verloren hat, lässt sich mit dem Konsum und der Kenntnis von Genreromanen, Operetten oder eben Schlagern noch lange kein kulturelles Kapital akquirieren.

"Der populäre Pakt", so der Titel von Matala de Mazzas Buch, besteht in der "Konjunktion von Populärem und Politischem", also zwischen den Genres der Unterhaltungskultur und dem politischen Körper der Masse. Dabei geht es der Berliner Germanistin nicht um eine bloße Umkehrung der Werte oder gar eine Umpolung des Hochkulturkanons, wohl aber um einen anderen Blick auf die Entwicklung der modernen Öffentlichkeit, jenseits der behaglichen Perspektive "der zum Publikum versammelten Privatleute", wie sie Jürgen Habermas in seiner berühmten Habilitationsschrift dargestellt hat.

Schärfer hat es schon Heine gesehen, als er über "die Dämonen, welche in den untern Schichten der Gesellschaft lauerten", schrieb, sie sähen nur durch ein Verkleinerungsglas "aus wie wahnsinnige Flöhe", in ihrer "wahren Lebensgröße" aber "glichen sie vielmehr den furchtbarsten Crokodillen, welche jemals aus dem Schlamm gestiegen" - die Bezüge zwischen Formen der Revolution und des Amüsements, die Matala de Mazza immer wieder aufzeigt, geben Heine recht.

Und wo Habermas' "Strukturwandel der Öffentlichkeit" am Ende ins adornitische Fahrwasser einschwenkt und den Verfall der Öffentlichkeit durch das "kulturkonsumierende Publikum" beklagt, sieht Matala de Mazza ganz umgekehrt eine Herausforderung eigenen Rechts - die Unterhaltungskultur ist nicht bloße Massenverdummung, im Gegenteil enthält sie ihre eigene "Analytik sozialer Verhältnisse". Von jeher war dem Unterhaltenden ein genauerer Blick auf aktuelle soziale Lagen und Fragen eigen gewesen, und umgekehrt zehrt die politische Massenkultur immer von Formen des Unterhaltenden - die Feste der Französischen Revolution waren von Rousseaus Theaterkonzept inspiriert und wirkten durch ihre Inszenierung des patriotischen Kollektivschwurs wieder auf das Operntableau zurück.

Aus den zahlreichen "minderen Genres", an denen sich dieser "populäre Pakt" mit dem Publikum exemplifizieren ließe - man denke nur an den Kriminalroman, das Kino oder den Sport -, wählt Matala de Mazza vor allem zwei: das Feuilleton und die Operette, die Erzeugnisse der petite presse und die von Jacques Offenbach beschworene petite musique also, was gelegentliche Aus- oder Einblicke in den Tanzsaal, das Panorama, das Büro, auf Beleuchtungseffekte oder revolutionäre Straßenkämpfe nicht verhindert.

In der Weimarer Republik, als sich das Feuilleton in den Zeitungen noch unterm Strich ansiedelte, schrieb Siegfried Kracauer seine Alltagsglossen zur Schreibmaschine oder zur Badehose; aber auch seine große Studie zu den "Angestellten" erschien zuerst in der Zeitung. Die geschmeidige Bewegung zwischen scheinbar lässig flanierender Beobachtung und plötzlich einsetzender scharfer Analyse hat auch Matala de Mazza übernommen: So wird der erzählende Grundton des Buchs, dem das Stöckchen genauso wichtig ist wie das Hölzchen, verständlich als mimetische Anschmiegung an seinen Gegenstand, das Feuilleton, das im scheinbar Flüchtig-Nichtigen das Wichtige entdeckt. Mit Kracauer setzt das Buch ein; aber von dessen im Pariser Exil entstandener Offenbach-Studie angeregt, wendet es sich zurück nach Paris, um von dort noch einmal den historischen Weg der Entfaltung der Öffentlichkeit über die französischen Revolutionen, von der Pariser und der Wiener Operette über "Die letzten Tage der Menschheit" bis hin zur Zwischenkriegszeit nachzuzeichnen.

Am Schluss landen wir also wieder am Ausgangspunkt, also bei Kracauer, und mit einer ziemlich irren Hitler-Anekdote, die nach einem Besuch der "Lustigen Witwe" spielt, endet das Buch. Eine zu Habermas gegenläufige Große Erzählung wird bewusst vermieden, so kann man den inneren Zusammenhang des Ganzen schon einmal aus den Augen verlieren, dagegen verlockt die offensichtliche Freude an der Assoziation, der Pointe und der immer wieder aufblitzenden Widerständigkeit des vermeintlich bloß Unterhaltenden zur Fortsetzung der Lektüre.

Im Kern ist das Buch, bei aller disziplinären Offenheit, dann doch literaturwissenschaftlich. Die Betroffenen selbst, das Heer der kleinen Bürger oder Angestellten, kommen nicht zu Wort. Die Autorin orientiert sich an ephemeren Textgenres: den Tableaus von Louis-Sébastien Mercier, den Pariser Physiologien der 1830er Jahre, Heinrich Heines Pariser Feuilletons, die mit Karl Marx oder Karl Kraus in Dialog treten.

Zwangsläufig geraten bei diesen Textsorten Fragen nach dem öffentlichen Raum in den Blick: Tummelt sich die "mindere" Öffentlichkeit in Innen- oder Außenräumen, im Ballsaal oder auf den neuen Haussmannschen Boulevards? Das spielt auch für Revolutionäre eine Rolle, denn auf Boulevards lässt sich schlecht ein Barrikadenkampf führen. Und weiter: Haben Offenbachs Herrschersatiren ihr Vorbild in der Ermordung Ludwigs XVI., und woher stammt Heines Obsession mit Enthauptungen? Ist der Cancan das Ergebnis jener urbanisierten Beschleunigung, die auch die Eisenbahn hervorgebracht hat? Die Operette hat ja die technischen Neuerungen des Zeitalters immer aufmerksam zur Kenntnis genommen, auf der Gare de l'Ouest spielt der erste Akt von Offenbachs "La Vie Parisienne".

Das Buch will weniger neue Aufschlüsse zu den kleinen Genres bieten, sondern verspricht Erkenntnis durch die Konstellationen, die es zwischen diesen Phänomenen aufzeigt oder manchmal auch herstellt. Die sind auch jenseits des historischen Befunds anregend. In Zeiten, in denen man sich angesichts der von immer mehr Bürgern stolz ausgestellten Vernunftfeindlichkeit gelegentlich bei dem Wunsch ertappt, die Regierung möge das Volk absetzen und sich ein anderes wählen, ist eine Sensibilisierung für die durch die sozialen Medien neu regulierten Öffentlichkeiten und deren populäre Pakte gebotener denn je.

WOLFGANG FUHRMANN

Ethel Matala de Mazza: "Der populäre Pakt". Verhandlungen der Moderne zwischen Operette und Feuilleton.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 480 S., geb., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.02.2019

Revue der Moderne, Tänze der Revolte
Berlin, Wien, Paris: Ethel Matala de Mazza erhellt den „populären Pakt“ zwischen Feuilleton und Operette
Die Literaturwissenschaftlerin Ethel Matala de Mazza hat eine Reise unternommen – zunächst in das Berlin der 1920er-Jahre, die Stadt des Feuilletons. Und von dort aus zeitlich rückwärts in die Stadt der Operette, Paris während des Second Empire. Und dann wieder diachron vorwärts nach Wien während des Zeitraums von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg. Bei dieser Rückwärts-vorwärts-Reise besichtigt sie den „populären Pakt der kleinen Formen“: Die literarischen Feuilletons und die musiktheatralischen Operetten bildeten als „Poetik der kleinen Form“ (Alfred Polgar) beide für sich und im Zusammenspiel neue Formen von Massenkultur auf dem Zeitkontinent der „Moderne“.
Der wichtigste Reiseführer ist Siegfried Kracauer, Meister des Feuilletons und soziologischer Beobachter der Angestelltenkultur in der Hauptstadt der rasanten Zwanziger, Berlin. Hier setzte sich eine Massenkultur durch, deren typische Erscheinungs- und Ausdrucksformen der Film, die Revue und eben das Feuilleton waren. Die kleinen Zeitungsartikel nutzte Kracauer als Form, Gesellschaftliches an den Oberflächenerscheinungen der Städte und ihrer Kultur abzulesen und Philosophisches über die Conditio humana des profanen Zeitalters zu sagen.
Kracauer, der 1933 aus Berlin geflüchtete Redakteur der Frankfurter Zeitung schrieb Mitte der 1930er-Jahre seine Sozialgeschichte der Operette in Paris. Die Operette war sozusagen der Film des 19. Jahrhunderts – auf das gemeine Publikum ausgerichtet, unterhaltsam und leicht, manchmal frivol und frech. Kracauer befand, dass die Operette so erfolgreich sein konnte, weil die Gesellschaft und das Regime Napoléons III. selbst operettenhaft waren, während Jacques Offenbach, der Meister dieses musikalischen Bühnenstücks, teilweise subversiv auf der Klaviatur dieser ersten Ansätze von Massenkultur spielte. So sieht es auch Matala de Mazza, die auch die Auswirkungen dieses öffentlichen und gegenwartsbezogenen Theaters auf andere Kulturformen des Pariser Lebens wie Lyrik (Baudelaire und Heine), Roman (Flaubert) und politisch-philosophisches Pamphlet (Marx) im Auge hat.
Nach Wien wird Matala de Mazza von der Operette selbst geführt. Hier wiederholt sich die Pariser Liaison von Gesellschaft und Operette mit dem Duett von Wiener Walzer und Habsburger Kaiserreich. Franz Joseph II. hatte Franz Lehárs lustige Witwe als Gespielin. Die Rolle von Kracauer übernimmt nun Karl Kraus, der den Sozialvertrag zwischen Wiener Operette und Kaiserreich aufs Korn nimmt, manchmal allerdings, wie Matala de Mazza zeigt, mit antijüdischen Untertönen. Kraus war als Kritiker nicht nur der Operette, sondern zugleich des Feuilletons seinen Gegenständen ambivalent verbunden. Auch bei ihm, dem Solitär und Phrasenbekämpfer, berühren sich, wie bei Kracauer, die Milieus der beiden neuen massenkulturellen Erscheinungsformen, nun eher negativ gewendet. Mit dem Weltkrieg, den Kraus als „Blutoperette“ bezeichnete, endet die Forschungsreise.
In den „Verhandlungen der Moderne zwischen Operette und Feuilleton“ – so der etwas opake Untertitel – geht es um Formen von Öffentlichkeit, um die res publica, also um jenen Bereich zwischen Staat und Gesellschaft, in dem sich Kulturschaffende, Publizisten, Künstler tummeln und der so politisch ist wie die Politik selbst und so ökonomisch wie die Ökonomie selbst. In dieser Öffentlichkeit wurden Information und Meinung verbreitet, über das richtige Leben außerhalb der privaten Räume verhandelt, aber die Öffentlichkeit ist auch ein Produktionsort von Kultur mit einer eigenen politischen Ökonomie. Adorno hat deshalb in der Dialektik der Aufklärung das Wort von der „Kulturindustrie“ geprägt, in der geistigen und künstlerischen Produkten das Schicksal zukommt, zur Ware zu werden. Und Jürgen Habermas hat in den 1960er-Jahren den Verfall der „bürgerlichen“ Öffentlichkeit festgestellt, wie wir sie aus dem 19. Jahrhundert in Westeuropa kennen.
Matala de Mazza diskutiert diese theoretischen Vorlagen nicht offensiv, aber sie will zeigen, dass Feuilleton und Operette zu komplex und elastisch sind, um mit ihnen eine Verfallsgeschichte zu schreiben. Im Gegenteil, für sie sind sie die ästhetischen Ausdrucksmomente einer Massendemokratie, die bis heute als mindere Genres unterschätzt werden.
Der Strukturwandel der Öffentlichkeit zwischen der Französischen Revolution und dem Ende der Weimarer Republik ist für sie wesentlich mitbestimmt durch jenen populären Pakt, der ein demokratisches Versprechen der allgemeinen Teilhabe ästhetisch verstärkte. Die kleinen Formen der Feuilletonpressen und die Genres des musikalischen Unterhaltungstheaters bargen eine Dialektik von Nonsens und Konsens in sich mit dem Potenzial, nicht nur Menschen, sondern auch Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.
Dass die reale Geschichte freilich in den Nationalsozialismus mündet, wird zwar angesichts von Einzelschicksalen registriert, hat aber keine Auswirkungen auf die These. Eine mögliche Verbindung zwischen Populärem und Populistischem wird nicht diskutiert. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Ideologiekritiker Kracauer nicht dasselbe Gewicht erhält wie der Feuilletonist, der die Massenkultur gegen die Hochkultur der Ernstlinge und Würdenträger verteidigte. So wie Kracauer die Oberflächenkultur in Filmen, Revuen, Architekturen als substanziell erachtete und die kleine Form der Darstellung suchte, so sehr spottete er über die verdummenden, ja menschenverachtenden Kulturtechniken der Verblödungsindustrie. Die Berliner Angestellten erwiesen sich in der Tat als leichte Beute der Nazis. Die Autorin blendet diese ambivalente Haltung Kracauers zwar nicht aus, aber sie zieht keine analytische Konsequenz für ihre Bewertung der Massenkultur daraus.
Dafür besticht sie mit einem Close Reading ihrer Gegenstände und Quellen. Das ist Literaturinterpretation vom Feinsten, ungemein gelehrt und aus den Einzelheiten und Kleinigkeiten das Letzte durch dichte Beschreibungen herausholend. Daraus entstehen schmucke Vignetten: Die Operette war der Ursprung des Schlagers; der Cancan der Tanz der Revolte; die literarische Gattung der „Physiologien“, also der Sondierung des gesellschaftlichen Lebens in der Großstadt, seiner Rhythmen und Gesetzmäßigkeiten, war Vorläuferin der modernen Feuilletons.
Die Autorin taucht regelrecht in die Welt der Operettenmonarchien ein und besucht beispielsweise Offenbachs „La vie parisienne“ (1866), das, symbolisch für die Beschleunigung des Verkehrs, auf einem Bahnhof spielte, was bereits zuvor in verschiedenen Boulevardtheatern probiert worden war. Sie lauscht den Hits und Ohrwürmern mit den endlos variierten Zweiviertel- und Dreivierteltakten, die den mechanisierten Zeitrhythmus reproduzierten. Oder sie wohnt der Wiener Vorkriegszeit von Lehárs „Lustiger Witwe“ bei, die 1905 mit der verwickelten Liebesdramaturgie und rasanten Tanzeinlagen zum Trendsetter und zur Serienvorlage wurde, aber auch als „Marseillaise des Konservatismus“ verspottet wurde.
Das alles wird in flüssiger Prosa erzählt. Manchmal jedoch sind Sätze überladen, zu viel weiß die Autorin und zu viel will sie mitteilen. Ihre Vitalität wirkt zuweilen erschöpfend. Auf Zusammenfassungen ihrer Argumente verzichtet Matala de Mazza. Sogar das Schlusswort, wo doch der Reisezyklus geschlossen wird, wenn es um die Wiederaufnahme der Operette im Feuilleton der 1920er-Jahre geht, plätschert einfach aus. Es stellt auch keine theoretischen Überlegungen zum Formwandel der Öffentlichkeit in der Moderne an, sondern versinkt erneut in Einzelheiten, die vom Material bestimmt sind.
Und doch ist es ein Buch, das anschaulich und materialreich vermittelt, wie an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten der Pariser, Wiener und Berliner Moderne Massenkultur und Massendemokratie Hand in Hand gehen: Philosophie in Revueform und Kultur für alle! Auf dem Boulevard wurde die Gesellschaft zum Theater und das Theater zur Gesellschaft. Matala de Mazza zeigt differenzierte Formen der Öffentlichkeit, die mit den Adjektiven „bürgerlich“ oder „kulturindustriell“ nur unvollständig zu beschreiben sind. Bereits in Kracauers Reiseführer steht: „Die Lichtreklame geht an einem Himmel auf, in dem es keine Engel mehr gibt, aber auch nicht nur das Geschäft.“
JÖRG SPÄTER
Die Autorin lauscht den Hits
mit den endlos variierten
Zweiviertel- und Dreivierteltakten
Ethel Matala de Mazza:
Der populäre Pakt. Verhandlungen der Moderne zwischen Operette und Feuilleton. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018.
480 Seiten, 25 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Das ist Literaturinterpretation vom Feinsten, ungemein gelehrt und aus den Einzelheiten und Kleinigkeiten das Letzte durch dichte Beschreibung herausholend. Jörg Später Süddeutsche Zeitung 20190219