Der letzte Gerechte. Andrzej Szczypiorski - Kijowska, Marta
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Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • ISBN-13: 9783351025601
  • ISBN-10: 3351025602
  • Artikelnr.: 11881054
Rezensionen
Besprechung von 07.10.2003
Er sah Polens Glanz und Polens Elend
Marta Kijowskas Szczypiorski-Porträt / Von Stephan Wackwitz

Es ist das Schönste an Marta Kijowskas Buch über Andrzej Szczypiorski, daß es von dekonstruktivistischen Moden unbeirrt dem altmodischen Konzept folgt, Werk, Leben und Lebenszeit seines Helden schriftstellerisch als Einheit zu behandeln - "Leben und Zeit", wie der klassische Untertitel solcher Bücher früher oft lautete. Das Verfahren ist gerade Szczypiorski sehr angemessen. Denn erstens hat dieser Autor als Publizist, Bestsellerautor und Politiker zeitlebens ganz unmittelbar auf die Situation seines Landes und auf die Lage der ihn umgebenden Gesellschaft reagiert, ein "Stratege im Literaturkampf" im Verstand der zwanziger Jahre (die in Mitteleuropa in mancher Hinsicht bis 1989 gedauert haben). Zweitens aber sind die polnischen Konstellationen, die eigentlich an jedem Punkt und jeder Wendung hinter diesem Werk stehen und es bestimmen, hierzulande, wie unser östliches Nachbarland überhaupt, nur ganz schattenhaft und grobschlächtig bekannt. Marta Kijowskas Buch weist über seine Zentralfigur hinaus. Sie hat nicht nur eine Biographie Szczypiorskis vorgelegt, sondern zugleich eine materialreiche und lebendige polnische Kulturgeschichte seit der Zwischenkriegszeit.

Ihre Darstellung ist getragen von einer poetischen Lebendigkeit, wie sie vielleicht nur im Lauf einer langen Bekanntschaft und aus einer tiefen Sympathie zwischen Autor und Biographin entsteht. Sie ist Szczypiorski gegenüber durchaus nicht unkritisch; aber sie macht schon in ihrem Vorwort unmißverständlich klar, wie sehr sie ihn gemocht hat und wie sehr sein Lebensprogramm im Spannungsfeld der literarischen und politischen Bearbeitung polnisch-deutsch-jüdischer Traumatisierung auch ihre eigene Sache ist. "Besonders deutlich konnte er sich später an den Frühherbst 1941 erinnern, in dem er Tag für Tag auf dieser Bank unweit der Warschauer Zitadelle saß und Thomas Manns ,Buddenbrooks' las: das erste Buch, das ihm die alte Dame empfohlen hatte. In der Zitadelle befand sich eine deutsche Militärgarnison, deren Panzer und Kanonen stets auf das okkupierte Warschau gerichtet waren. Und unterhalb des Hügels, inmitten einer Grünfläche, auf der sich die Bäume langsam herbstlich verfärbten, saß er, ein dreizehnjähriger Junge, der in eine Welt eintauchte, in der es keine Massaker, Razzien und Deportationen, keine Vernichtung und Verzweiflung gab, sondern den Hufschlag der Pferde auf dem Lübecker Pflaster, das alte, weitläufige Haus der Buddenbrooks in der Mengstraße, den Sonnenuntergang, der nachmittags auf den Bildern in ihrem ,Landschaftszimmer' herrschte."

An den schönsten Stellen von Marta Kijowskas Buch ergibt sich ein Zusammenklang aus Autobiographie und Biographie, der solche gemeinsamen Erfahrungen belegt, so bei der Schilderung von Szczypiorskis Verhaftung in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981: "Als er irgendwann später von jenem Moment im Kreis seiner Schweizer Freunde erzählte, spürte er, daß sie seinem Gedankengang von damals nicht im geringsten folgen konnten. ,Sie hatten blasse Gesichter, sie saßen reglos in ihren Sesseln. Eine der Damen hob ihr Wermutglas an die Lippen, und ich hörte, wie das Glas an den Zähnen klirrte.' Es schneite in jener Nacht. Einer der drei Polizisten ging voran, und Szczypiorski bemühte sich, mit jedem Schritt exakt in seine Fußstapfen zu treten . . ." In solchen Momenten - Szczypiorski und Kijowska fallen einander da gleichsam ins Wort - wird einem westlichen Leser klar, aus welchen traumatischen Erfahrungen heraus polnische Intellektuelle heute noch reagieren.

Doch scheint die Trauer, die Szczypiorskis Lebenswerk und Kijowskas Buch gleichermaßen grundiert, aus weiter zurückliegenden Vergangenheiten zu stammen. Es ist die Traurigkeit, die einen bei der Überlegung darüber anwandelt, was aus der polnischen Republik der Zwischenkriegszeit ohne Hitler und Stalin geworden wäre. In sie wurde Andrzej Szczypiorski, der Sohn eines Geschichtsprofessors, sozialdemokratischen Politikers und klassischen europäischen Vorkriegsgentleman, hineingeboren, und er hat die Eleganz, die nonchalante Würde, den heroischen Patriotismus und den Humor ihrer großbürgerlichen Oberschicht in seinem Habitus durch die Katastrophe dieser alten Welt, durch die Herrschaft der westlichen und östlichen Totalitarismen bis in unsere Zeit getragen - bei genauerem Nachdenken vielleicht seine größte Lebensleistung.

Es war eine Welt, in der sich ein noch ganz intaktes achtzehntes Jahrhundert gleichsam ohne den Umweg über die politischen Kämpfe des neunzehnten in die Moderne hineinentwickelte. Reichtum und Zivilisation einer der großen Adelskulturen des Kontinents trafen auf die lebensreformerische Innerlichkeit des Jahrhundertanfangs, eine blühende Arbeiterbewegung verband sich mit den Distinktionskämpfen, Grübeleien und Sektenbildungen des ästhetischen Modernismus, die Versprechungen, die die "Roaring Twenties" den Frauen machten, schienen sich nicht nur in der Mode, sondern ganz real zu erfüllen. Aus den Peripherien des viel größeren und viel nordöstlicher als heute gelegenen Polens der Zwischenkriegszeit strömten die kulturellen Anregungen Asiens und Nordeuropas herbei, die Mode war pariserisch, die Universitäten orientierten sich an Berlin, und die jüdisch-polnische Symbiose, so alt und so eng wie in keinem anderen europäischen Land, prägte Kunst, Politik und Wissenschaft.

Das Polen der Zwischenkriegszeit war, mit einem Wort, der Inbegriff dessen, was die Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts zu zerstören angetreten waren. Das Vordringen der Roten Armee auf Warschau, schrieb Lenin 1921, habe unwiderleglich bewiesen, daß sich irgendwo in der Nähe dieser Stadt der Angelpunkt des gesamten auf dem Versailler Vertrag fußenden Weltsystems befinde. "Über den Leichnam Weißpolens führt der Weg zum allgemeinen Weltenbrand", postulierte Tuchatschewski damals. Aber erst die deutsche Wehrmacht und die nachrückenden Sondereinsatzkommandos der SS sind diesen Weg dann wirklich gegangen, bis zum bekannten Ende.

Andrzej Szczypiorski aber, der sich schon fünfzehnjährig der Untergrundarmee anschloß, hat die Welt, aus der er kam, weder in den Kämpfen des Warschauer Aufstands vergessen noch im Lager Buchenwald, weder als erfolgreicher Radiojournalist in Kattowitz und Warschau noch als der gefeierte Autor des größten Welterfolgs eines polnischen Schriftstellers seit Sienkiewicz' "Quo Vadis?". Es scheint einem bei der Lektüre des Buchs von Marta Kijowska, als sei diese Karriere in ihren glänzenden wie in ihren zweifelhaften Momenten zurückzuführen auf eine Erinnerung an die Boulevards, Schriftstellerzirkel, Gentlemen, Gesellschaftsdamen, Demonstrationen, Bücher und Gespräche im Warschau der Vorkriegszeit. Sie bilden den Hintergrund des Romans "Die schöne Frau Seidenmann", neben "Eine Messe für die Stadt Arras" sein größter schriftstellerischer Erfolg, der dann gleich ein Welterfolg gewesen ist.

Die nervöse Energie dieser Lebenswelt schwang in den politischen und gesellschaftspolitischen Interventionen des loyalen fellow travellers der fünfziger Jahre, des Dissidenten der Siebziger und Achtziger, des Senators und elder statesman der Neunziger nach. Die Werte und Gesellschaftstechniken dieses untergegangenen Warschau der Zwischenkriegszeit waren als lebendiger Habitus noch im Humor und im Konversationsstil des Mannes präsent, dessen umwerfender Charme, Sarkasmus, Menschenkenntnis und Präsenz noch auf Fotografien (etwa der auf dem Umschlag dieser Biographie) anschaulich und greifbar zu sein scheint.

In der Beschreibung des gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrunds, vor dem sich die Prägung der Vorkriegszeit in Szczypiorskis Leben entwickelt hat, bewährt sich die Konzeption des Buchs von Marta Kijowska. Kaum irgendwo wurde mir einleuchtender und plastischer erklärt, was der polnische Stalinismus vor 1956 in einer Provinzstadt wie Kattowitz bedeutet hat, mit welchen Wirkungen der Existentialismus und der Jazz in den Kellern des wiederaufgebauten Warschau auftraten, wie die Verfolgungswelle, die der kommunistische Staat und seine Partei 1968 auf ihre jüdischen Bürger losließen, aus innerparteilichen Machtkämpfen hervorging und welches gesellschaftliche Klima er erzeugte. Das einfühlsame, kenntnisreiche und schön geschriebene Doppelporträt eines Schriftstellers und unseres unbekannten Nachbarlandes ist deshalb all den Freunden zu empfehlen, die Szczypiorskis Welterfolg "Die schöne Frau Seidenmann" hierzulande schon gehabt hat. Sie werden in diesem Buch so farbig, zuverlässig, benutzerfreundlich und literarisch gediegen wie in keinem anderen auf dem deutschen Markt den Kosmos von Ideen, Bewegungen, Menschen, Erinnerungen, Städten und Landschaften kennenlernen, aus denen ihr Lieblingsbuch kommt und in den es seine Leser seit seinem Erscheinen allzuoft vergeblich einlädt.

Marta Kijowska: "Der letzte Gerechte. Andrzej Szczypiorski". Eine Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 2003. 320 S., 35 Abb., geb., 20,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Als "Doppelporträt eines Schriftstellers und unseres unbekannten Nachbarlandes" empfiehlt Rezensent Stefan Wackwitz diese Szczypiorski-Biografie von Marta Kijowska. Das Schönste an diesem Buch sei, dass es von dekonstruktivistischen Methoden unbeirrt dem "altmodischen Konzept folgt, Werk, Leben und Lebenszeit seines Helden schriftstellerisch als Einheit" zu betrachten. Auch findet Wackwitz das Porträt getragen von einer poetischen Lebendigkeit, wie sie nur im Lauf einer langen Bekanntschaft und bei tiefer Sympathie zwischen Porträtiertem und Biografin entstehen könne. An den schönsten Stellen dieses Buchs ergibt sich für den Rezensenten ein Zusammenklang aus der Autobiografie der Autorin mit der Biografie Szczypiorskis, das er auch von einer Traurigkeit über die verpassten historischen Chancen der Zwischenkriegszeit grundiert sieht. Für Wackwitz bewährt sich die Konzeption des Buchs, den gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund zu beschreiben, vor dem sich die Prägung Szczypiorksis vollzogen hat. Kaum irgendwo sei ihm einleuchtender und plastischer erklärt worden, was der polnische Stalinismus vor 1956 in einer Provinzstadt wie Kattowitz bedeutet hat, welche Wirkung der Existentialismus und der Jazz in den Kellern des wiederaufgebauten Warschau hatten oder welches gesellschaftliche Klima der Antisemitismus der polnischen KP schuf.

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