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Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Man muss sie wohl lesen, die neue Biographie von Gerold Ducke, um die ganze Bandbreite des langen und aufregenden Künstlerlebens des Curt Bois nachempfinden zu können. Victor Rotthaler gibt ein paar Kostproben aus dieser seiner Meinung nach "hellsichtigen Lebensbeschreibung". Sie wecken Neugier auf einen Mann, der, wie er findet "auf seltsame Weise ... immer jung geblieben" ist und den er als "das ewige greise Wunderkind" charakterisiert. Eine ist zum Beispiel Bois' Begegnung mit Buster Keaton, und Rotthaler weist bereits in seiner Rezension auf die Parallelen zwischen den beiden Künstlern hin, die Ducke in seiner Biographie beschreibt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 06.11.2001
Souverän in der Untugend
Die Biographie des Schauspielers Curt Bois / Von Günther Rühle

Als Curt Bois im April 1901 in Berlin geboren wurde, war das Jahrhundert fast noch unschuldig. Neunzig Jahre lang hat er es belebt und durchlebt - bis auf den Grund. Ein Liebling war er früh, ein Ausgetriebener dann und ein Liebling wiederum, wenngleich mit Schwierigkeiten. Er verließ die Welt vor nun zehn Jahren. Hat man jüngst seinen hundertsten Geburtstag gefeiert nach Landesart? Keine Briefmarke gedachte seiner. Jetzt nur dieses Buch, das uns seinen Theater-, Film- und Fernseh-Lebensweg erzählt und dabei an sein Lebensgeheimnis nicht rührt.

Die ersten Seiten gehen gleich mitten hinein in die hohe kaiserliche Zeit, die mit ihren Possen, Schwänken und Operetten auf den Bühnen das intakteste Lachtheater aller Zeiten hatte. Alfred Kerr hat sie in den "Berliner Briefen" so lustkritisch beschrieben, daß auch Gerold Ducke, der Autor dieser Biographie, mit Kerr einsteigt. Er sagt uns nicht, wo die Bois herkamen, die sich immer französisch aussprachen, obwohl die Berliner meist einfach Beus lasen. Er war der bekannteste unbekannte Mime der letzten Jahrzehnte, ein Genie an Einfallskraft, wie es keines mehr gibt.

Curt Bois, ein kleiner Mann mit großen Augen, mit dem Treueblick eines Pferdes und dem Witz eines durchtriebenen Clowns, war ein Wunderkind. Sein Stern ging schon auf, als er sieben Jahre war, Oktober 1908 im Theater des Westens in Berlin: ein hübscher Bub, weißes Hemd, dunkle Weste, Hosen bis übers Knie, Hut auf dem Kopf, Hände in den Hosentaschen, keck, mit frischen Augen, ganz ungehemmt in seinen Bewegungen (so bezeugen die Fotos): Das war das Heinerle. Der Junge debütierte so in Leo Falls Operette "Der fidele Bauer" und sein Couplet "Mutterl, du mußt mir was Schön's jetzt kaufen! - Heinerle, Heinerle, hab ka Göld" war bald der Schlager in Berlin. Der Bursche ward auf dem Theater mit Musik geboren und wurde ein Hauptspieler in den späteren Berliner Revuen, wie gesagt: ein Liebling.

Der gewitzte Kerl Bois hatte eine kindhafte Lust an der Naivität, die die andere Seite seiner lustvoll gespielten Durchtriebenheit war. Ihn trieb eine elementare, oft kaum zu bremsende Spiellust. So hat er die feinen und gerissenen Herren, die seriösen Elegants und die hemdsärmeligen Kneipenwirte, die Hochstapler und Dompteure, die Kellner und die Maharadschas gespielt, er hat getanzt, gesungen und elegisch mit Zigarette im Mund in die Klaviertasten gegriffen. Gerold Ducke geht die lange Reihe der Boisschen Verwandlungen durch vom Berlin der Kaiserzeit über die zwanziger Jahre, als er bei Reinhardt, bei Piscator, aber auch bei Eric Charell spielte; er folgt ihm in die dürftigen Film-Exiljahre in Hollywood, die Schwierigkeiten der Rückkehr 1950, als er mit Gogols "Revisor" wieder begann und dann für Brecht der virtuose, besoffen-nüchterne Großbauer Puntila wurde. Wohl dem, der Bois damals, 1952, im Deutschen Theater - oder 1965 in West-Berlin - sah. Es hielt diesen ungestümen Spieler nicht in der DDR, sein Spiel war zu virtuos für die strenge Vorstellung von einem künftigen sozialistischen Theater. Aber wäre im Westen Kortner nicht gewesen, der den auf Rollen wartenden Schauspieler griff, hätte er ihn nicht zu seinen Triumphen als Malvolio, Androclus, Spiegelberg oder Sganarelle getrieben, Bois wäre in eine harrende, zehrende Nutzlosigkeit versunken, der auch der Humor kaum hätte aufhelfen können.

Nun ja, Curt Bois war ein Ausbrecher - aus der Literatur wie aus dem Konzept der Regisseure. Er war ein Anarchist des Humors, ein Irritator, er konnte ganze Vorstellungen schmeißen, Autoren zerspielen und war doch inmitten der Inszenierungstrümmer selbst die Sensation der Szene. Wir erinnern uns gern eines Abends, als das Schiller-Theater in Berlin noch nicht kaputtgemacht war und Bois dort, 1968, den Molièreschen "Bürger als Edelmann" spielte. Die Kritiker hatten die Aufführung gründlich verrissen. Doch das Theater war voll, und der schmale Bois strampelte und fuchtelte, um endlich sein Publikum zu packen. Da saß neben uns ein junges Mädchen im Parkett und begann zu lachen und noch einmal und noch einmal, und Bois auf der Bühne nahm sie an und spielte bald nur für sie und gewann sich an ihrem Lachen, und ihr sich steigerndes Lachen griff über auf andere und entzündete alle.

Er war souverän in der Untugend, die Worte der Dichter durch seine Gebärden, durch seine Blicke, seine Gänge, seine Einfälle, seine Eskapaden auflösend zu bereichern. Ein dichtender Schauspieler, der das Theater selber sein wollte. Dabei war er bescheiden, ohne Anmaßung, ein Mann, klein, gebückt, den man im gewöhnlichen Leben leicht übersah - wenn man seine saugenden Augen nicht spürte und das Lächeln hinter dem schmalen, aber geprägten Gesicht. Er hat viele Schmarren gespielt, aber wer spielen will, spielt, wenn er nur spielen und daran Spaß haben kann. Er war ein Spaßmacher. Auch in den Spaßrollen hat er immer wieder die Gipfel erreicht, die sich einprägen und den Glanz des Theaters ausmachen. Charleys Tante gehört dazu und auch der Frosch in der "Fledermaus" (Regie Berghaus), der Eingebildete Kranke (Regie: Kortner), der Tartuffe (Regie: Paryla) und zu den ernsthaften noch die letzte große Brecht-Rolle. Ab und zu ließ er Charakterspieler aus sich heraus, bei Tschechow, bei Ostrowski, oft war Dunkel um seine verhalten leuchtende Komik.

Gerold Ducke trägt das alles zusammen (mit Rollenverzeichnis), auch Bois' Filmarbeit bis zu den Filmen, die uns Bois mit seinen Rührungen und Wahrheiten bewahren: "Gedächtnis" von Bruno Ganz und Otto Sander und Wim Wenders' "Himmel über Berlin". Ducke gibt dem springenden, hüpfenden, stürzenden und steigenden Leben des Curt Bois die Façon des Biographen, der sammelnd etwas überschaubar macht und Erinnerung komplettiert. Es ist das zweite Bois-Buch aus seiner Hand. Jenes erste, "Zu wahr, um schön zu sein", ist noch ganz von Bois selbst bestimmt, seinen Notizen, seinen Einfällen, seiner Lust, dazusein und der zu sein, der er ist. Jenes Buch mit seinen filmhaften Bildarrangements gibt den Lebenswitz dieses Schauspielers selbst. Es ist seine Autobiographie darüber, wie man das Beste aus der irren Welt macht: ein Buch, das nicht altert.

Die hier anzuzeigende Biographie, die das Leben des Curt Bois aus der Folge seiner Rollen (und dem Warten auf Rollen) erzählt und historisiert, zehrt und belebt sich noch aus jenem Springbrunnen wie aus dem persönlichen Umgang. Der Biograph arbeitet aus der nachforschenden Sympathie wie aus dem Impuls, Curt Bois, der so viele Nebenrollen zu spielen hatte, endlich seine Hauptrolle zuzuweisen. Das war: achtzig Jahre lang das Theater als ein lustvolles Haus zu behaupten. Das Buch ist ein Bericht über diese Anstrengung.

Gerold Ducke: "Der Humor kommt aus der Trauer". Curt Bois. Eine Biographie. Verlag Bostelmann & Siebenhaar, Berlin 2001. 288 S., geb., 38,- DM.

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