Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert - Mazower, Mark (Autor)
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Produktdetails
  • Verlag: Fest
  • ISBN-13: 9783828600805
  • ISBN-10: 3828600808
  • Artikelnr.: 08493507
Rezensionen
Besprechung von 26.06.2000
Annäherung in großer Nüchternheit
Der britische Historiker Mark Mazower hat ein fundamentales Werk über die dunklen und die hellen Seiten Europas vorgelegt
MARK MAZOWER: Der dunkle Kontinent. Europa im 20.  Jahrhundert, Alexander Fest Verlag, Berlin 2000. 640 Seiten, 68 Mark.
Offenbar produziert jede britische Historiker-Generation ein großes Buch über Europa. 1973, vor mehr als einem Vierteljahrhundert, war es James Joll, der „Europe since 1870” vorlegte – eine großartige Synopse der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung des Kontinents. Jetzt hat Mark Mazower ein Buch geschrieben, das Jolls Werk nicht nachsteht, auch wenn es mit einem etwas esoterisch wirkenden Titel daherkommt: „Der dunkle Kontinent”.
Was den 42-jährigen Londoner auszeichnet, der am Birkbeck College unterrichtet wie einst auch Eric Hobsbawm, sind die Tugenden, die sich bei britischen Historikern oft beobachten lassen:
hervorragende Lesbarkeit; das ungebrochene Vertrauen in die eigene Fähigkeit, die Entwicklung des Kontinents während des vergangenen Jahrhunderts auf 570 Seiten zusammenzufassen; schließlich die analytische Gabe, Wesentliches von Vernachlässigbarem zu trennen. In anderen Büchern von der Insel kommen dann aber oft die Details zu kurz. Diesen Eindruck hat man bei Mazower ganz und gar nicht. Und er unterliegt auch nicht der Gefahr, im Strom süffigen Erzählens das Nachdenken zu vergessen. Im Gegenteil: Dies ist erkennbar ein lang bedachtes, ein gründlich durchdachtes Buch.
Jenseits der Nabelschau
Mazower hat lang auf dem Balkan geforscht. Sein Buch „Inside Hitler's Greece” beschreibt die Erfahrung Griechenlands mit der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944. Nun profitiert das Europa-Buch davon, dass da jemand jahrelang von der Peripherie her auf Europa geschaut hat. So entgeht Mazower der westeuropäischen Nabelschau; energisch räumt er der Region jenseits des früheren Eisernen Vorhangs großen Raum ein in seiner Darstellung, die dadurch an Tiefenschärfe gewinnt. „Osteuropa”, bemerkt Mazower programmatisch im Vorwort, „ist ebenso sehr ein Teil des Kontinents wie der Westen, der Balkan nicht weniger als Skandinavien. ”
Der Schwerpunkt des Buches aber liegt auf Deutschland – könnte es anders sein? Schließlich war das 20.  Jahrhundert von Deutschland geprägt, im Negativen wie später auch im Positiven. „Der Schlüssel zur Zukunft der Demokratie in Europa war – wie über das gesamte Jahrhundert hinweg – Deutschland”, findet Mazower gleich zu Beginn. Dieses Motiv zieht sich durch sein Buch – in der Beschreibung des Zerfalls der Weimarer Republik; in der überraschten Feststellung, wie schnell und widerstandslos der Nationalsozialismus im höchst technisierten Land des Kontinents Fuß fassen konnte; schließlich auch in der Beobachtung des heutigen, noch immer hoch sensiblen Verhältnisses zwischen Deutschland und seinen Nachbarn: „Manchmal hat es den Anschein, als ob die anderen Europäer ebenso schwer mit der deutschen Demokratie zurechtkommen wie die Deutschen mit ihrer früheren Diktatur. ”
Mazower nähert sich dem Land in Europas Mitte also ostentativ mit Nüchternheit; freilich gelingt es ihm nicht immer, jene Mischung aus Faszination und Grauen zu unterdrücken, mit der die britische Elite auch heute noch auf Berlin starrt. Die gleichen widersprüchlichen Gefühle scheinen Mazower immer wieder überfallen zu haben, nicht nur in Bezug auf Deutschland. Sehr plastisch arbeitet er heraus, wie wenig zwangsläufig die Entwicklung zur Demokratie über die Jahrzehnte erscheinen musste. Der Faschismus eben nicht als Verirrung, sondern als mindestens ebenso folgerichtige Entwicklung europäischer Geistes- und Politikgeschichte wie der liberale Parlamentarismus – in diesen analytischen Passagen ist Mazower ungemein überzeugend.
An erschreckenden Beispielen demonstriert er, dass die Deutschen keineswegs das Monopol auf Rassismus besaßen, wenn er auch in seinen mörderischen Konsequenzen nirgendwo so effizient umgesetzt wurde. Aber hatte beispielsweise der Völkerbund nicht schon zu jenem frühen Zeitpunkt intellektuell und moralisch kapituliert, als er den Antrag Japans vom Tisch fegte, die Gleichheit aller Rassen festzuschreiben?
James Joll ließ sein Vorgängerbuch 1870 beginnen. Das macht als Wasserscheide ja auch viel größeren Sinn als die künstliche Aufteilung in Jahrhunderte. Außerdem gelang es Joll auf treffliche Weise, geistige und kulturelle Einflüsse auf die Epoche deutlich zu machen. Er stellte neue Entwicklungen in Malerei und Musik in den Zusammenhang ihrer Zeit, analysierte aber vor allem den Einfluss von Sachbüchern und Romanen auf die bürgerlichen Schichten der europäischen Gesellschaften. Mazower vernachlässigt diese kulturelle Dimension. Dafür geht er, viel intensiver und detailreicher als Joll, auf Veränderungen in Wirtschaft und Arbeitswelt ein. Insofern hat er ein repräsentatives Buch geschrieben für unsere Zeit, in der Wirtschaftsnachrichten einen ungleich höheren Stellenwert haben als für Joll und seine Generation.
Ob Mazower gut damit beraten war, die Entwicklung Europas bis in die jüngste Zeit hinein fortzuschreiben, scheint zweifelhaft. Womit jeder Zeitgeschichtler ohnehin zu kämpfen hat, nämlich mangelnde zeitliche und damit auch emotionale Distanz zu seinem Gegenstand, ist hier zugespitzt: Da verwandelt sich der Autor vom nachdenklichen, brillanten Historiker in einen resigniert bis zynisch klingenden Politologen in der Tradition der etwas angewiderten Skepsis, mit der das britische Establishment seit langem die travails auf dem Kontinent betrachtet. Das Demokratiedefizit der EU zu beklagen und die fortlebende Bedeutung der Nationalstaaten zu beschwören, ist das eine; aber allen Ernstes so zu tun, als sei die Zugehörigkeit zum Nationalstaat noch immer die wichtigste Loyalität der meisten Europäer, ist sogar auf der Insel schon überholt. Wales und Schottland entwickeln sich zu mindestens ebenso selbstbewussten Regionen wie Bayern oder Katalonien, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie empfinden viele junge Londoner allemal wichtiger als ihre britische Identität.
Auch der Schlusssatz des sorgfältig redigierten, mit vielen Schwarzweiß-Fotos und faszinierenden Karten illustrierten Buches regt noch einmal zum Nachdenken und zum Widerspruch an: „Wenn die Europäer ihr verzweifeltes Verlangen nach der tragfähigen Definition ihrer Identität abschütteln und wenn es ihnen gelingt, eine bescheidenere Stellung in der Welt zu akzeptieren, dann werden sie mit der Vielgestaltigkeit und dem Widerstreit, die es in der Zukunft ebenso geben wird, wie es sie in der Vergangenheit gab, vermutlich sehr viel besser zurechtkommen. ”
Da schlägt Mazowers erfreuliche Nüchternheit ganz zuletzt noch in etwas geschmäcklerischen Pessimismus um, der zudem inhaltlich fragwürdig scheint: Hängt das zukünftige Wohl Europas wirklich davon ab, dass die Europäer bescheidener auftreten? Oder könnte die Schlussfolgerung nicht auch umgekehrt lauten: Europa muss lernen, aus seiner Nabelschau auszubrechen, und im Dialog mit anderen Erdteilen Verantwortung übernehmen. Wenn in Afrika ganze Staaten kollabieren, können die früheren Kolonialmächte abseits stehen? Muss die EU ihren Lippenbekenntnissen zum Freihandel nicht Taten folgen lassen, damit auch Entwicklungsländer von der Globalisierung profitieren können?
Vielleicht muss ja als Pessimist enden, wer Europas Entwicklung im 20.  Jahrhundert nachzeichnet, wer so kunstvoll die Entwicklung beschreibt und gleichzeitig über so erstaunliches Detailwissen verfügt wie Mark Mazower. Mit „Der dunkle Kontinent” ist ihm ein großer Wurf gelungen.
SEBASTIAN BORGER
Der Rezensent ist Journalist in London.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Hans Woller ist spürbar enttäuscht von diesem Band. Zwar räumt er ein, dass der Autor "vieles genau beobachtet, vieles treffend und prägnant formuliert" habe. Dies ist nach Ansicht des Rezensenten aber keineswegs ausreichend. Viele Themen habe er nur gestreift oder sogar völlig ausgespart. Als Beispiele nennt Woller unter anderem die Ursachen der deutschen Teilung, Churchill und Stalin, die europäische Vereinigung oder Brüssel und Straßburg. Auch zum Thema Holocaust hätte der Autor ruhig ein wenig mehr sagen können, findet Woller. Darüber hinaus wirft er Mazower mangelnde Souveränität bei den einzelnen Themen vor. Dies führe zu eine "Überforderung" von Laien und zu "Enttäuschung" bei Fachleuten. Darüber hinaus biete der Band keine wirklich neuen Erkenntnisse.

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