Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen - Darwin, Charles
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  • ISBN-13: 9783821841885
  • ISBN-10: 3821841885
  • Best.Nr.: 25274642
Rezensionen
Besprechung von 12.03.2001
Ein Gemütsmensch
Darwin ist anders – eine sanfte
Ausdrucksstudie des Biologen
Charles Darwin, so hat jüngst unser schillernder Außenminister fröhlich freimütig bekannt, kenne er nicht besonders gut, das „Kapital” von Marx aber will er in allen drei Bänden gelesen haben. Ein bezeichnendes Kontrastprogramm: Darwin zu lesen gilt in der Tat als politisch nicht besonders korrekt, seit der Spiritus rector der modernen Evolutionsforschung pauschal des Sozialdarwinismus verdächtig ist.
Ganz unbegründet ist dieser Verdacht nie gewesen. In „Der Ursprung der Arten” behauptete der Biologe immerhin expressis verbis die Überlegenheit der „weißen Rasse” – was nicht unbedingt untypisch ist für die Ambivalenz des gläubig naturforschenden 19. Jahrhunderts. Es ist aber nicht mal die halbe Wahrheit über Darwin. Die andere, wichtigere Hälfte wird angezeigt durch jene zahllosen Karikaturen, auf denen man den Entdecker der Menschwerdung als Affen porträtierte – der Preis für pietätlose wissenschaftliche Neugierde im viktorianischen Zeitalter. Da widerfuhr ihm, was auch andere Entzauberer und Nestbeschmutzer im Spiegelkabinett des anthropozentrischen Weltbildes erlebten, Freud beispielsweise oder auch – in gewisser Weise – Marx: Weil sie sich an der Krone der Schöpfung vergriffen und an der medizinmännischen Dignität des Menschen kratzten, machte man ihnen kurzerhand selbst die Menschenwürde streitig.
Die „Abstammung des Menschen” – so der Titel des großen Skandalbuchs von Darwin – war ein Reizwort ohnegleichen in der Epoche. Eine andere wichtige Untersuchung von ihm, „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und bei den Tieren”, die schon 1872, ein Jahr nach der „Abstammung” erschien, enthielt nicht denselben Zündstoff, hatte aber die gleiche Stoßrichtung – gegen den christlichen Schöpfungsmythos und die Sonderrolle des Menschen in der Kette der Wesen.
Ein Schlag gegen Lavater
Um seine Evolutionsthese zu untermauern, wollte Darwin hier nicht nur den Beweis führen, dass die menschlichen Gefühlsäußerungen universal sind (das hatten auch die Apologeten der Kirche nachzuweisen versucht), sondern dass sie oft auch ähnlich oder gar identisch bei den Tieren vorkommen. Dem Engländer gereicht es dabei zu höchster Ehre, dass er in der Hochzeit des Imperialismus keine Zugeständnisse an den so genannten Polygenismus gemacht hat, eine damals modische Theorie, die besagte, dass die Menschen verschiedener Hautfarbe von unterschiedlichen tierischen Vorfahren abstammen.
Endgültig, wenn auch von der großen Öffentlichkeit unbemerkt, entthronte Darwins Buch außerdem Lavaters anmaßende „Erfahrungsseelenkunde” – die Kunst des physiognomischen Silhouettenlesens. Damit versetzte er dem letzten Residuum der überkommenen Physikotheologie, die in der Natur die Rätselschrift des Allmächtigen suchte, den Todesstoß. Und wie stets wurde aus der Negation das Neue geboren: Indem er das Augenmerk von den statischen Zügen weg auf den lebendigen mimischen Ausdruck richtete, deklarierte Darwin die Grauzone zwischen physischer und Kulturanthropologie zum Feld der eigentlichen Wissenschaft vom Menschen. Seine filigranen und erkennbar an der alten Histoire naturelle geschulten Beschreibungen der vielfältigen Ausdrucksweisen und Gebärden von Menschen und Tieren stehen wie sein sanfter, alles Großgebärdige ablehnender empirischer Duktus Pate für einen – impliziten – anthropologischen Materialismus. Darwin reserviert den Ausdruck nicht für etwas so Ominöses wie die Seele.
Das Erleben von Schmerz und Lust ist die Basis aller Gefühle und ihrer Mitteilung. Kommunikation steht dabei nicht im Vordergrund, wird aber auch nicht klein geschrieben.
Margaret Mead war’s suspekt
Der Terminus Soziobiologie, den Darwin nicht gebraucht hat und der heute in aller Munde ist, erhält hier einen ungewohnt humanen Klang, wenn der Mensch im Lachen des Affen und oder im Heulen des Hundes sich wiedererkennen kann. Dem antibiologischen Kulturalismus einer Margaret Mead musste all das so suspekt und fremd bleiben wie dem Behaviorismus der Jahrhundertwende. Beide trugen entsprechend dazu bei, dass dieser Klassiker in der Versenkung verschwand.
Erst der Verhaltenspsychologe Paul Ekman hat die Thesen Darwins wieder vollständig ins Recht gesetzt, indem er sie in systematischen, den heutigen Standards mehr als gerecht werdenden Untersuchungen verifizierte. Erstaunlich selten mussten diese einer besseren oder neuen Einsicht weichen. Seine – übrigens formidabel übersetzte – kritische Ausgabe von Darwins Buch ist bisher die vollständigste von allen und enthält ein reichhaltiges Bildmaterial, an dem auch mancher Schauspieler sich mimisch schulen könnte – so wie der Text sich dem Schriftsteller anböte als Folie, um die Präzision und Akkuratesse eigener Beschreibungen zu kontrollieren.
HANNO ZICKGRAF
CHARLES DARWIN: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Kritische Edition. Einleitung, Nachwort und Kommentar von Paul Ekman. Aus dem Englischen von Julius V. Carus und Ulrich Enderwitz. Mit historischen Photographien. Die Andere Bibliothek, Eichborn Verlag, Frankfurt 2000. 462 Seiten, 58 Mark.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

"Darwinismus und kein Ende: Helmut Mayer sind ein neuedierter Originaltext vom Meister selbst und drei Neuerscheinungen Anlass zu einem gut verständlichen Streifzug durch der Thesenurwald der “Selektion” und ihrer Auswüchse.
1) Thomas P. Weber: `Darwin und die Anstifter`
Mayer bescheinigt dem Biologen und Wissenschaftshistoriker Weber eine “durchaus erhellende” Traditionslinie ausgemacht zu haben, wenn er die gegenwärtige Auseinandersetzung zwischen “Strukturalisten” und “Adaptionisten” auf Debatten vor Darwin bezieht, die diesen prägten. Strukturalisten, das sind heute die, die auf stabile (genetische) Grundstrukturen setzen, Adaptionisten dagegen betonen die Anpassungsleistung des (menschlichen) Organismus. Mayer freut sich, dass Weber die “evolutionäre Psychologie” als Erbe der Soziobiologie “kritischen Abwägungen” unterzieht. Das Gehirn als Computer aus Verhaltensmodulen - und damit die Übertragung des Selektionsmechanismus auf (kulturelle) Verhaltensweisen - hält er für Mumpitz.
2) Blackmore: `Die Macht der Meme`
Dementsprechend hält er auch nichts von Blackmores “nüchtern-naiver Theorie” der “Meme” als Basiseinheit der kulturellen Evolution qua Selektion und Pendant der “Gene”. Richard Dawkins (“Das egoistische Gen”) hatte eher assoziativ den Begriff geprägt. Die Pointe ist für Mayer, dass damit das Prinzip der Selektion zwar universalisiert wird, der “genetische Determinismus” aber aufgehoben. Und direkt lustig findet er, dass Blackmore über die Hintertür die Erlösung reinlässt: Der Mensch könne sich nämlich von der Memen-Abhängigkeit befreien. Ob Blackmore sagt, wie, verrät Mayer nicht.
3) H. und St. Rose: `Alas, Poor Darwin` und `Darwin: Ausdruck der Gemütsbewegungen`
Klar, dass Mayer das Erscheinen des Bandes “Arguments against Evolutionary Psychology” begrüßt (nur auf Englisch, 17.99 engl. Pfund). Dort werden die “Schwächen des Ansatzes unbarmherzig … durchdekliniert” und Mayer schickt bissig hinterher, dass jüngst aus der EvoPsycho-Ecke die “Vergewaltigung … zur Sicherung der Reproduktion von benachteiligten Männern” bezeichnet wurde. Eine Möglichkeit der Kritik bietet für ihn (wie für Thomas P. Weber) aber auch Darwin selbst. Für den war das Prinzip der Selektion “nicht der einzige Weg der Veränderung”. Und über die “Gemütsbewegungen” hat er nur spekuliert - wissentlich.

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